Interview mit Ban Ki-Moon - Der stille Diplomat

Der Koreaner wurde als Teenager von John F. Kennedy zur Diplomatenkarriere inspiriert. © Foto: UN Photo/Mark Garten

01.02.2017

Interview mit Ban Ki-Moon

Der stille Diplomat

Diana Schoberg

Ban Ki-moon über seine Zeit als UN-Generalsekretär, Menschenrechte, Klimaschutz und den Kampf gegen Kinderlähmung.

Als Kind musste er während des Korea-Krieges in die Berge fliehen, seine Eltern waren gezwungen, in den Wäldern nach Nahrung zu suchen. „Ich weiß, was Hunger ist“, sagt er, „und ich weiß, was es bedeutet, wegen gewaltsamer ­Konflikte fliehen zu müssen“. Die Sol­da­ten, die zu ihrer Rettung kamen, ­trugen die blaue Flagge der Vereinten ­Nationen – eine ­Erfahrung, die in Ban den Glauben an die Kraft globaler Solidarität weckte, ­seine Laufbahn prägte und den Grundstein für eines seiner wichtigsten Themen legte: die Menschenrechte. Eine weitere Prio­rität hatte für Ban – vor allem während seiner zweiten fünfjährigen Amtszeit – die Ausrottung der Kinder­lähmung. Seit 2012 spielte der Kampf ­gegen Polio eine zunehmend ­große Rolle bei ihm, ob in Briefings, bei Besuchen oder in Reden auf multi­la­teralen Ver­anstaltungen. „Aber der Wind in ­unseren Segeln ist Rotary International“, sagte Ban anlässlich dieses Interviews, „ich danke den Verantwortlichen und den vielen Freiwilligen, die diese Aktion tragen. Sie sind wahrhaftig echte Philanthropen.“

Ein wichtiges Ergebnis Ihrer zehn­jährigen Amtszeit ist das Pariser ­Abkommen zum Klimawandel. Wie gelang  Ihnen das?
Es war ein langer, harter Weg, aber es hat sich gelohnt. Ich stellte mich gegen all meine Berater, als ich den Klimawandel anlässlich meines ersten Treffens mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Weißen Haus thematisierte. Das war gleich während meiner dritten Woche im Amt, im Jahr 2007. Er war ein wenig überrascht – aber er kam an Bord. Auf dem Treffen in Bali, wo wir den ersten Fahrplan, der zur Pariser Vereinbarung führte, verabschiedeten, gaben uns die Vereinigten Staaten in letzter Minute ihre Unterstützung. Präsident Bush vertraute mir bei einem privaten Abschiedsessen im Jahr 2009 an, dass die amerikanische Delegationsleiterin ihn von Bali angerufen hatte und um Rat bat. Und er riet ihr, das zu tun, was ich wollte.

Auch wenn das Ergebnis der Klimakonferenz von Kopenhagen im Jahr 2009 nicht unseren Erwartungen entsprach, war es doch der Beginn eines langen ­Weges, der schließlich zum Pariser Abkommen führte. Mein Rezept, eine Einigung zu erzielen, beruhte auf dem Wort „Einbeziehung“. Die Frage des Klimas ist zu wichtig und zu umfassend, um allein von Regierungen adressiert zu werden. Wir öffneten deshalb die Türen der Vereinten Nationen für die Zivilgesellschaft und für die Wirtschaft. Auch sie sollten einen Platz am Tisch haben. Die Zivilgesellschaft hat Druck auf die Regierungen ausgeübt. Ob Energiesektor, Versicherungsbranche oder Transportunternehmen – alle spielen eine Rolle.

Welche Ihrer Erfolge bei der UNO ­werden am meisten unterschätzt?
Ich habe die Menschenrechte zur obersten Priorität gemacht, was sich in allen Bereichen der Vereinten Nationen widerspiegelt. Die Menschenrechte sind inte­graler Bestandteil der Nachhaltigen Entwicklungsziele (eine Reihe von 17 Zielen, die 2015 verabschiedet wurden, um die Armut zu beenden, den Planeten zu schützen und um innerhalb von 15 Jahren Wohlstand für alle zu generieren). Und nachdem ich unablässig das „Nie wieder“ als Reaktion auf Gräueltaten hörte, rief ich schließlich die Human-Rights-up-­Front-Initiative ins Leben, ­damit wir auf Warnzeichen drohender Gräueltaten reagieren und diese verhindern können.

Ich bin auch stolz darauf, der erste Gene­ralsekre­tär zu sein, der sich gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung aussprach. Manchmal sind in der Welt der Diplomatie die heimlichen Erfolge dazu verurteilt, unerkannt zu bleiben. Oft habe ich eine stille Diplomatie ein­gesetzt, um die Freilassung eines inhaftierten Journalisten zu veranlassen oder einen Staatsmann zu überzeugen, auf die Wünsche seines Volkes besser zu hören. Bei der stillen Diplomatie lässt man die andere Partei die Lorbeeren für Erfolge ernten. Es geht nicht um mich.

Mit Blick auf den jüngsten Rückschlag bei der Polio-Bekämpfung in Nigeria: Was ist der Schlüssel, um die Kinderlähmung aus der Welt zu schaffen?
Vertrauen ist wichtig. Um Vertrauen zu gewinnen und zu festigen, ist es absolut notwendig, dass es keine Politisierung von Polio-Bekämpfungsmaßnahmen gibt. Die Gemeinschaften und die religiösen Führer sind unsere besten Fürsprecher bei diesem Unterfangen.

Der Nachweis von wilden Polio-Viren in Nigeria ist ein ernster Rückschlag, aber eben nur ein Rückschlag. Die Welt war nie näher dran an der Ausmerzung von Polio, wir haben die Werkzeuge und Strategien, um die Krankheit zu stoppen, und gemeinsam haben wir es geschafft, die Polio-Übertragung auf das niedrigste Niveau in der Geschichte zu bringen – auf nur noch drei Länder weltweit. Wenn wir mit Mut und Entschlossenheit auf unserem gegenwärtigen Kurs fortfahren, werden wir Polio ein für allemal den Garaus machen. Scheitern ist keine Option, und schon in der nahen Zukunft, glaube ich, werden wir das Versprechen einer poliofreien Welt von Rotary für die kommenden Generationen einlösen.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2017

Diana Schoberg
Diana Schoberg arbeitet seit 2008 als Redakteurin bei The Rotarian. Außerdem managt sie die Digitalversion des Magazins. www.therotarianmagazin.com

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