Titelthema - Die Erfindung der Hilfe zur Selbsthilfe

Genossenschaftliche Spar- und Konsumvereine gehörten den Teilhabern und verwalteten sich selbst © Kaufmann Stiftung Genossenschafts-Museum, Raiffeisen

01.03.2018

Titelthema

Die Erfindung der Hilfe zur Selbsthilfe

Uwe Birnstein

Neben Friedrich Wilhelm Raiffeisen gab es einige weitere Gründerväter der Genossenschaftsbewegung: Mindestens genauso bedeutend war Hermann Schulze-Delitzsch, der als wichtigster Protagonist der gewerblichen Genossenschaftsorganisation gilt

Wer war der Vater der Genossenschaften? Klar, Raiffeisen, antworten die meisten. Sie übersehen: Es gibt einen zweiten, nicht minder wichtigen Pionier der Genossenschaftsbewegung. Auch Hermann Schulze­Delitzsch war ein Visionär; auch er war beseelt davon, einfachen Menschen mit Hilfe von Genossenschaften auf faire Weise wirtschaftliches Handeln zu ermöglichen. Trotz dieser Gemeinsamkeit unterschieden sich Raiffeisen und Schulze­Delitzsch in vielem.

Politisches Erweckungserlebnis
4. Februar 1850, Berlin: Dass er als Jurist und aufstrebender Politiker einmal selbst vor Gericht sitzen würde, hätte Hermann Schulze­Delitzsch nie gedacht. Neben ihm auf der Anklagebank sitzen 41 weitere ge achtete Männer: Beamte, Pfarrer, Lehrer. Allesamt – wie er – ehrenwerte bürgerliche Abgeordnete der demokratisch gewählten preußischen Nationalversammlung. Sie alle liebten den König zwar irgendwie, aber nicht so sehr, dass sie ihm alle Macht gönnten. Immerhin hatte das Volk ein Parlament gewählt, das konnte doch nicht nur der Staffage dienen! Als Friedrich Wilhelm IV. die Nationalversammlung in ihren R echten beschneiden wollte, war Schulze­-Delitzsch der Kragen geplatzt. Nein, auf die Barrikaden gegangen waren er und seine Mitstreiter nicht. Ihrer Wut hatten sie relativ sittsam Luft gemacht.

Diese Regierung sei „nicht berechtigt, über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben, solange die Nationalversammlung nicht ungestört ihre Beratung in Berlin fortzusetzen vermag“, mahnte Hermann Schulze­Delitzsch. Das war ein Aufruf, Steuerzahlungen zu verweigern. Kurz darauf stürmte Militär den Saal und löste das Parlament gewaltsam auf. Der König erließ strenge Notstandsgesetze und führte das Gottesgnadentum in Light­Version wieder ein. Die Regierung begehe „Raub am Selbstwertgefühl des Volkes“, ereiferte sich
Schulze­-Delitzsch. Es gelte, keine „Sünde wider den Heiligen Geist der Geschichte“ zu tun. Kein Wunder, dass der König diesen eloquenten Nörgler nun schachmatt setzen will.

Sah, wie die Industrielle Revolution die Handwerker in die Not trieb: der liberale Jurist und Politiker Hermann Schulze-Delitzsch. Doch anstelle von Almosen setzte er auf Hilfe zur Selbsthilfe – und empfahl den Arbeitern die Gründung genossenschaftlicher Sparvereine © AKG

Doch des Monarchen Plan geht nicht auf. Am vierten Prozesstag hebt Schulze­ Delitzsch vor Gericht zu einer langen Verteidigungsrede an. Rhetorisch wie juristisch brillant zerpflückt er die Anklage. Das überzeugt die Richter. Am 21. Februar werden Schulze-­Delitzsch und fast alle Mitangeklagten freigesprochen. Dennoch ändert sich Schulze­Delitzschs Leben einschneidend: Er wird aus der Hauptstadt auf eine Hilfsrichterstelle in die schlesische Provinz verbannt. In der Ferne schmiedet er weiter an sein er Vision. Aus seiner Heimatstadt Delitzsch weiß er, wie die industrielle Revolution die Handwerker in die Not treibt. 

Ihnen möchte er helfen – aber nicht durch Almosen, sondern durch Hilfe zur Selbsthilfe. In Delitzsch hatte er 1849 bereits eine Schuhmachergenossenschaft mitgegründet. Nun geht es darum, die Handwerker vor Kreditwucherern zu schützen. Genossenschaftliche Sparvereine sieht Schulze­-Delitzsch als Lösung: Sie gehören den Teilhabern, verwalten sich selbst und könnten als eigenständige Unternehmensform ein verlässliches Institut zur Finanzierung mittelständischer Betriebe sein. Kraft für sein Engagement zieht Schulze-­Delitzsch auch aus seinem Glauben – wenngleich er der Kirche gegenüber sehr kritisch eingestellt ist. Ablehnend steht er den Strenggläubigen seiner Zeit gegenüber. Sie sollen nicht nur aufschauen „zu dem Messias, der da kommen soll, die Ges chicke der Menschheit zu vollenden. Die Mensch heit selbst muss dieser Messias werden; in uns, in unserem eigenen Leben und nirgends sonst vollzieht sich die Erlösung“.

„Das Evangelium unserer Tage“
Der Einsatz für Arme und die Verlierer der Industrialisierung, für die „gedrückten Brüder“, ist für Schulze­Delitzsch deshalb das „Evangelium unserer Tage“. Das müsse aber nicht zwangsläufig etwas mit den verfassten Kirchen zu tun haben, mit „der Erstarrung zum Kirchentum, mit dem jeden geistigen Aufschwung ertötenden Buchstabenglauben“. Wenn Schulze­Delitzsch dem christlichen Glauben etwas abgewinnen kann, dann „dem Christentum in seinem ewigen Kern, seinem allbelebenden Grundgedanken, der Verklärung des echt Menschlichen, zu welcher alle Nationen wie alle Konfessionen gleichmäßig berufen sind“. Trotzdem erscheinen Schulze­-Delitzsch manche Menschen, die aus christlichem Antrieb ähnliche Ideen verwirklichten wie er, obskur.

Etwa der fromme Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der 500 Kilometer westlich, am Rhein, ebenfalls Genossenschaften gegründet hatte. Dieser Mann hatte ihm freundlich geschrieben, ihn sogar zu sich eingeladen, um Erfahrungen auszutauschen und über Details zu sprechen. Schulze­Delitzsch lehnte ab. Das ist einerseits schade: Denn hätten beide Männer ihre Leidenschaft und ihr Engagement zu sammengelegt, hätte das womöglich der Durchschlagkraft ihrer Ideen noch größere Kraft verliehen. Andererseits ist zu vermuten, dass die beiden sich nicht gut verstanden hätten. Hier der im Dorfleben und in der Landwirtschaft verwurzelte, fromme und konservative Bürgermeister Raiffeisen; dort Schulze-­Delitzsch, der freigeistige Jurist und liberale Abgebordnete, der sich im Politikbetrieb der preußischen Hauptstadt auskannte und vornehmlich die Situation von Handwerkern im Blick hatte. Inzwischen war er aus der Provinz wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt und genoss dort einiges Ansehen.

Schwierige Partnerschaft
Aus der Ferne schätzten sich die beiden zwar als Verbündete, in Detailfragen blieben sie jedoch uneins. Zum Beispiel bei der Frage, ob Selbsthilfevereine staatliche Subventionen in Anspruch nehmen dürften. Schulze­Delitzsch war strikt dagegen und witterte hier eine neue Gefahr der Abhängigkeit. Für seine Darlehnskassen­ Vereine war Raiffeisen hier anderer Meinung: Würde der Staat mit Geld helfen, sei das durchaus im Sinne der Landwirte und würde deren Mitgliedsbeiträge mindern. Raiffeisen fand längerfristige Kredite sinn voll – Schulze­Delitzsch wollte sie auf wenige Monate befristen.

Während sein Hauptaugenmerk auf der Gründung von Banken lag, wollte Raiffeisen auch Waren­ und andere Genossenschaften gründen. Raiffeisens Modell fand zunächst mehr Anhänger; mit seinem Einfluss als Reichstagsabgeordneter setzte Schulze­ Delitzsch jedoch 1867 die eigenen Vorstellungen im preußischen Genossenschaftsgesetz durch. Raiffeisen fühlte sich und sein Werk nicht gewürdigt und suchte fortan keinen weiteren Kontakt mehr zu Schulze­Delitzsch. Die einstigen Diskrepanzen zwischen den beiden Modellen lassen sich noch heute erkennen – unter anderem in der Zweiteilung des Genosschaftsbankenwesens. Die Volksbanken gehen historisch auf Schulze-­Delitzsch zurück, die Raiffeisenbanken auf ihren Namensgeber. Erst seit einigen Jahren werden die Systeme zusammengeführt. Das macht Sinn. Denn beide hätten eine „eingebaute Gierbremse“, meinte die nordrhein­westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft einmal. Die Vorteile davon: Aus den Finanzkrisen der letzten Jahre gingen die Genossenschaftsbanken gestärkt hervor. 


Geschichte zum Anfassen
Neben dem Deutschen Raiffeisenmuseum in Hamm (Sieg) und dem Deutschen Genossenschaftsmuseum in Delitzsch, die jeweils das Wirken der beiden Gründerfiguren in den Vordergrund rücken, gibt es in Hamburg seit 2014 das Genossenschafts- Museum im Gewerkschaftshaus.

Weitere Informationen unter:
raiffeisen-gesellschaft.de
genossenschaftsmuseum.de
genossenschafts-museum.hamburg

© Kaufmann Stiftung Genossenschafts-Museum, Raiffeisen

Uwe Birnstein
Uwe Birnstein ist Theologe und freier Publizist. 2014 erschien „Friedrich Wilhelm Raiffeisen – Hermann Schulze- Delitzsch. Zwei Banker gegen die Not“ (Wichern Verlag). birnstein.de

Rotary Magazin 6/2018

Rotary Magazin Heft 6/2018

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