01.02.2017

Titelthema: Revolution 

Die Kinder der Revolution

Thomas Franke

Der Umgang Russlands mit der Geschichte des Kommunismus ist ambivalent. Die Erfahrung des Unterdrückungsregimes prägt die russische Gesellschaft bis heute.

Ein Gespenst huscht über den Roten Platz. Es ist ein Sonntag im März 2012. Putin ist zwar zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt, aber noch nicht wieder im Amt. Das Gespenst trägt ein Schild auf dem Rücken: „Geist der Verfassung“. Polizisten schauen nervös. Ein kühler Windstoß hebt das Bettlaken. Für Sekunden ist eine zierliche junge Frau zu sehen, lange Haare, Jeans, Turnschuhe. Immer mehr Spaziergänger strömen auf den Platz, flanieren vorbei am Leninmausoleum. Fast alle tragen weiße Schleifen. Sie sind das Symbol der Demokratiebewegung in diesem Winter in Russland. Das viele Weiß provoziert nach dem turbu­lenten Winter voller putinkritischer Demonstrationen. Eine Polizistin kontrolliert Taschen. Bei einer jungen Frau findet sie mehr der weißen Bänder. Was sie damit vorhabe, will die Polizistin wissen. „Nichts. Oder glauben Sie, dass es gefährlich ist, weiße Schleifen zu besitzen?“ Die junge Frau winkt dem Gespenst. Viele Spaziergänger kennen sich. Rund hundert Jahre nach der Oktoberrevolution liegt ein Hauch von Revolution in der Moskauer Luft.

Die Revolution fiel aus
In der Mitte des Roten Platzes bildet sich ein Menschenknäuel. Polizisten bücken sich, schauen den Spaziergängern durch die Beine: „Genosse General“, sagt einer in sein Funkgerät, „sie bauen ein Zelt auf!“ Die Uniformierten werden hektisch. Zelte symbolisieren demokratischen Umbruch, Revolution. Wer Zelte aufstellt, bleibt, wird zur sichtbaren Mahnung, zur Bedrohung der Macht. Mit einem Zeltlager hatte auch 2004 die sogenannte Orange Revolution in der Ukraine begonnen. Die Polizisten drängeln sich durch das Knäuel, beginnen zu schlagen, erreichen das Zelt, greifen zu. Uniformierte fassen die Frau, die zum Zelt gehört, und schleppen sie zu einem Gefängniswagen. Die Menge eilt hinterher. Der Spaziergang ist beendet, der Rote Platz unter Kontrolle, die Revolution abgesagt.

Hundert Jahre liegt nun die Revolution von 1917 zurück. Die Sowjetpropaganda hat sie über Jahrzehnte verherrlicht. Im Moskauer Stadtbild sind die Ereignisse und ihre Helden auch heute noch nahezu omni­präsent, nicht nur an der Kremlmauer und im Leninmausoleum. Statuen mit Gewehren auf Barrikaden in Bronze. Matrosen und Bauern auf dem Weg in den Kampf für den Kommunismus und gegen die Monarchie des Zaren.

Doch der Umgang der heutigen Regierung mit der Oktoberrevolution ist ambivalent. Die Regierung unter Putin machte das Jahr 2013 zum Jahr der Romanows, der Zarenfamilie, gegen die sich Lenins Revolution damals richtete. Die Kirche, einst von den Bolschewisten entmachtet, ist in Russland heute Teil des Machtsystems. Lenin soll trotzdem erhalten bleiben. Kulturminister Wladimir Medinski spricht sich regelmäßig dagegen aus, den balsamierten Leichnam zu beerdigen. An fünf Tagen der Woche ist von zehn bis dreizehn Uhr Besuchszeit bei Lenin.

Besuch bei Lenin
Zunächst steht man Schlange – wie in der Sowjetunion. Taschen, Fotoapparate, Mobil­telefone müssen abgegeben werden. Dann geht es durch einen Metalldetektor und die Kremlmauer entlang. Grabplatten in der Wand. Dahinter die Asche der Revolutionäre und Helden: William Dudley Haywood, der US-Gewerkschafter, der vor Strafverfolgung in die UdSSR floh, Clara Zetkin, die deutsche Politikerin und Frauenrechtlerin, Marschall Georgij Schukow, auch der erste Mensch im Weltall, Jurij Gagarin. 114 Urnengräber insgesamt. Und ein paar Massengräber, angefüllt mit Bolschewiken.

Sperrgitter führen zum Eingang des Mausoleums. Dort steht ein Soldat, große platte Mütze, ernster Blick. Mütze ab, Kau­gummi raus, Hände aus den Taschen, nicht reden, nicht nebeneinander gehen, nicht stehen bleiben. Verunsicherte Blicke. Ein paar Stufen runter. Die Leiche liegt im Kel­ler. Es ist schummrig und kühl. Lenin im Schneewittchensarg: Spitzbart, Anzug, Krawatte, wächserner Teint. Wissenschaft­ler haben Lenins Gehirn in den Jahren nach seinem Tod mehrfach akribisch nach dem Schlüssel zum Kommunismus oder wenigstens nach einem Nachweis für das Genie des Revolutionsführers abgesucht.

Im Halbkreis gehen die Besucher um Lenins Leiche. Dann der nächste Soldat, ein paar Stufen hoch, und schon ist man wieder draußen. Dort Einzelgräber mit Büs­ten: Breschnjew, Andropow, Tschernjenko. Dserschinskij, der Gründer der ersten Geheimpolizei der Sowjetunion. Ganz am Schluss Stalin, sein Grab wie immer mit Nelken geschmückt.

Lenins imperialistischer Plan, dass sich ein Land nach dem anderen der russischen Revolution anschließen werde, ging gehörig schief. Die Nachbarländer wurden der Sowjetunion schlichtweg gewaltsam einverleibt. Der revolutionäre Aufbruch versackte bald in einer langen Phase des Hungers, des Terrors und eben der Unterdrückung kritischer und kreativer Geister als „konterrevolutionär“.

Es war Stalin, der die Gewaltspirale immer weiter vorantrieb. Und die Tscheka, die Geheimpolizei. Gegründet bereits im Dezember 1917 als Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution. Der Höhepunkt ihrer Gewalt­herr­schaft war das Jahr 1937. Insgesamt sind dem stalinistischen Terror wahr­schein­lich 11,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2017

Thomas Franke
Thomas Franke ist freier Journalist und lebt seit 2012 in Russland. Er ist u.a. Autor für das DeutschlandRadio, die BBC und diverse ARD-Anstalten. Im März erscheint „Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele“ (Edition Körber-Stiftung). thomasfranke.org

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