28.10.2016

Titelthema: Syriens Dilemma 

„Die Menschen funktionieren einfach nur“

René Nehring

Katharina Ebel betreut die SOS-Kinderdörfer in Syrien. Ein Gespräch über das Leben der Zivilbevölkerung und Möglichkeiten für humanitäre Hilfen.

Frau Ebel, welche Arbeit leisten die SOS-Kinderdörfer in Syrien?
Unsere Organisation ist schon seit den 70er Jahren vor Ort. Dadurch haben wir bewährte Netzwerke in dem Land, die es uns ermöglichen, auch unter den aktuellen Bedingungen dort zu arbeiten. Wir unterhalten ein Kinderdorf als Langzeitprojekt, und gleichzeitig leisten wir Nothilfe im Gebiet Aleppo. So unterhalten wir rund 40 Autominuten östlich der Metropole eine Suppenküche, in der wir rund 2 400 Mahlzeiten am Tag für Familien bereitstellen. Dort verteilen wir auch Nahrungsmittelpakete, die ­jeweils für ­einen Monat reichen, oder auch Hygieneartikel, Babymilch, Windeln und demnächst auch Material für den Winter, zum Beispiel Dämmstoffe für Unterkünfte, Öfen, Brennmaterial für diese Öfen und Winterkleidung. Außerdem arbeiten wir gerade daran, eine provisorische Schule für 600 Kinder aufzubauen. Wir versuchen das gleichzeitig auch in Aleppo, aber die Stadt ist von der Sicherheitslage gerade so katastrophal, dass es sehr schwierig ist, dort einen festen Standort zu haben.

Wie sieht der Alltag Ihrer Mitarbeiter vor Ort aus?
Bereits im April mussten wir ein Übergangsheim, das wir in Aleppo hatten – wir nennen es Interim Care Center –, evakuieren, weil uns die Kämpfe schlichtweg zu nahe kamen. Außerhalb der Stadt ist die Lage vergleichsweise stabil. Allerdings gehen unsere Mitarbeiter überall ein ­hohes Risiko ein. Ständig lauern Heckenschützen, die leider nicht nur Militärfahrzeuge ins Ziel nehmen, sondern auch Zivilisten. Unsere Teams versuchen zwar, die Gefahren möglichst zu minimieren, doch nachdem sie einmal selbst zur Zielscheibe wurden und nur knapp überlebten, haben sie sich schon gefragt, warum sie ständig ihr Leben riskieren sollen. Letztendlich sagen sie sich: „Wir können hier eh jeden Tag umkommen, dann riskieren wir wenigstens unser ­Leben für einen guten Zweck.“
Unser Teamleiter in Aleppo hat ein nur wenige Wochen altes Baby und eine sechs Jahre alte Tochter und lebt mit ­seiner Familie im Westen der Stadt. Er erzählte mir: „Da sind neulich wieder Raketen in der Nähe meines Hauses he­runtergekommen. Dann habe ich meine Familie geschnappt und sie in Sicherheit gebracht. Danach bin ich wieder los­gefahren und habe versucht, die Leute, die unter den Trümmern begraben lagen, ins Krankenhaus zu bringen. Wenn es um Menschenleben geht, dann habe ich keine Zeit zu verlieren. Dann habe ich keine Zeit für Angst.“

Die Leute funktionieren einfach nur?
So kann man es sagen. Die funktionieren eigentlich die ganze Zeit. Aber natürlich zehrt das Leben an den Menschen. Auch unser Teamleiter klang zuletzt ­verändert. Da erzählte er von einem Einsatz nach einer Bombendetonation mit furchtbar vielen Toten, darunter unzählige Kinder. Und er sagte: „Ich konnte nicht mehr helfen. Ich war so geschockt, ich bin einfach weitergefahren.“ Ich wollte ihn eigentlich fragen, wo seine Grenzen sind, aber da war klar, das ist seine Grenze. Außerdem wollte ich von ihm wissen, wie seine Tochter mit der ­Situation in der Stadt klarkommt. Die Antwort war: „Eigentlich ganz gut, aber seitdem neben dem Kindergarten eine Rakete eingeschlagen ist, nicht mehr.“

Wer sind diese Helfer vor Ort?
Das ist einheimisches Fachpersonal zur Betreuung unserer sozialen Einrichtungen. Allerdings müssen die Helfer spezielle Ortskenntnis haben. Wer aus Damaskus kommt, kann nicht in Aleppo arbeiten, weil Sie dort Leute brauchen, die ein Netzwerk haben; die wissen, wie sie mit dieser Gefahr umgehen müssen; die Ecken kennen, wo man noch hin­ge­hen kann; die wissen, wo der Frontverlauf ist, wo man Schutz findet, wo die Krankenhäuser sind und auch die Heckenschützen. Jedes Kind in Aleppo weiß, wie es sich zu verhalten hat, wenn es Explosionen gibt oder wenn ein Pfeifton den Einschlag einer Rakete ankündigt.

In Damaskus findet tatsächlich ein halbwegs normales öffentliches Leben statt. Die Leute gehen am Abend ins Thea­ter und am Wochenende ins Schwimmbad. Auch dort sind im Hintergrund gelegentlich Explosionen zu hören. Aber ­daran haben sich die Menschen gewöhnt; die Einschläge sind nicht so nah, dass sie ständig den Alltag beeinflussen. Wenn Sie sich in Damaskus in ein Restaurant setzen und Sie hören es wie bei einem Gewitter krachen, dann werden die Leute weder aufhören zu essen, noch werden sie die Gabel neben den Teller legen, noch werden sie aufhören, sich zu unterhalten. Sie tun einfach so, als hätten sie nichts gehört.

Aber gänzlich ignorieren können die­se Situation doch auch die Menschen in den ruhigeren Regionen nicht.
Nein, die ignorieren die Situation ganz und gar nicht. Jede Familie hat inzwischen eine Geschichte, die mit diesem Krieg verknüpft ist. Entweder haben sie Opfer zu beklagen oder sie leben in Angst davor, dass der Krieg sie doch noch holen kann.

Der Mann einer Mitarbeiterin ist ­Alawit und gehört damit der Volksgruppe Assads an, die als loyal gilt und dem Regime deshalb verpflichtet ist. Er lebt in Latakia und ist seit drei Jahren in seinem Haus gefangen; sobald er auf die Straße geht und an einem Checkpoint angehalten wird, riskiert er, an die Front geschickt zu werden. Eine andere Familie hat einen Jungen, der im Osten gegen den IS gekämpft hat und dabei verwundet wurde. Sobald er gesund ist, muss er wieder in den gleichen Frontverlauf. Viele Menschen versuchen am besten gleich, ihre Söhne ab 16 Jahren ins Ausland zu schicken, weil sie dann das wehrfähige Alter erreicht haben und jederzeit eingezogen werden könnten.


Hilfe für Syrien
Zu den Organisationen, die vor Ort humanitäre Hilfe leisten, gehört auch der Verein ­SyrienHilfe e.V. Über ein innersyrisches Netzwerk werden ­Monat für Monat Lebensmittelpakete mit Grundnahrungs­mitteln verteilt, lokale Helfer kümmern sich um die medizinische Versorgung ­innersyrischer Flüchtlinge bei (teils chronischen) Krankheiten und Geburten, auch in Notfällen.

Ein Zentrum für Spezial­bedürfnisse mit einem angegliederten Wohn- und Pflegeheim steht Menschen mit schwersten Behinderungen auf vielfältigste Weise zur Seite. Außerdem werden aktuell etwa 160 Familien in Wohnungen untergebracht und mit dem Nötigsten versorgt. Darüber ­hinaus werden verschiedene Bildungs- und Ausbildungsprojekte in Syrien, dem Libanon und in der Türkei betrieben.

Vorstand des Vereins ist der rotarische Freund Karsten Malige vom RC Rastatt-Baden-Baden. Rotarier und Rotary Clubs aus dem gesamten Bundesgebiet zählen zu den Unterstützern des SyrienHilfe e.V.

Mehr Informationen unter: syrienhilfe.org


Wie erleben Sie die Behörden in dem Konflikt?
An der Westküste und in Damaskus funktioniert der ganze Staatsapparat nach wie vor. Es gibt zum Beispiel das Sozialministerium, die Schulbehörden, die ­Sozialbehörden und ein Gesundheitsamt. Diese Institutionen sind natürlich unsere Partner. Die Kinder, die zu uns kommen, werden von den Sozialbehörden oder der Polizei geschickt. Wir selbst sind neutral, wir kümmern uns um jeden, der zu uns kommt, egal welcher Volksgruppe oder Religionsgemeinschaft er angehört.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2016

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