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Titelthema: Syriens Dilemma

Kann das „digitale Kalifat“ besiegt werden?

Die Organisation „Islamischer Staat“ scheint in weiten Teilen Syriens und Iraks geschlagen zu sein. Doch mit Anschlägen in Europa bleiben die IS-Anhänger weiter gefährlich. Begleitet wird der Terror von einer breiten multimedialen Präsenz.

01.11.2016

Es vergeht kaum eine Woche ohne größere Nachrichtenmeldungen über die Aktivitäten der Terror­organisation des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) in Europa. Mal geht es um einen weiteren grausamen Anschlag durch eine IS-Zelle oder einen „Einzelsympathisanten“, mal kann ein geplantes Attentat vermieden werden, oder es geht um die Inhaftierung von Verdächtigen oder die Einschleusung von IS-Terroristen über den Flüchtlingsstrom. Den Medien fehlt es zu keiner Zeit an Nachrichten, die uns an die Bedrohung durch den IS erinnern. Trotz weltweiter Bemühungen seitens Polizei und Geheimdiensten scheint der Einfluss des IS zur Terrorisierung Europas – und somit zur Beeinflussung heikelster politischer Debatten – nach wie vor stark zu sein.

Machtverlust am Boden
Gleichzeitig schrumpft jedoch die Macht des IS am Boden im West-Irak und in Nord-Syrien, wo er erst im Jahr 2014 sein universales islamisches Kalifat ausgerufen hatt. Unter dem heftigen militärischen Druck durch die USA, den Irak und ihre Alliierten auf der einen Flanke und durch Russland und Syrien auf der anderen hat der IS mehr als 40 Prozent des Territoriums verloren, das er noch im Sommer 2015, zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung, kontrolliert hatte. Im Irak mussten die Terroristen im Verlauf des letzten Jahres eine Reihe von Rückschlägen hinnehmen; und während dieser Beitrag geschrieben wird, laufen die Vorbereitungen für den großen militärischen Entscheidungskampf um die sogenannte IS-Hauptstadt Mossul. Auch in Syrien hat der IS einige Niederlagen erlitten, durch die seine hiesige Hochburg Rakka unter Druck geraten ist. Die Belieferung des IS mit Öl und anderen lokalen Ressourcen für die Aufrechterhaltung seiner Herrschaft wurde beschränkt, sein grenzüberschreitender Zugang zu Versorgungsgütern, Nachschub und Rekruten wurde reduziert, und er hat Tausende von Kämpfern und viele seiner Führungsfiguren durch Luftschläge verloren.

Der Kampf gegen den IS ist jedoch durch regionale und internationale Rivalitäten behindert worden, die sich sowohl im Irak als auch in Syrien abspielen und sich in Form von Stellvertreterkriegen sowie durch die Unterstützung verschiedener gegnerischer Parteien und bewaffneter Gruppen zeigen. Die Türkei, Saudi-­Arabien und Katar haben allesamt durch ihre unbeirrbaren Bestrebungen für einen Regimewechsel in Syrien direkt oder indirekt den Aufstieg des IS gefördert. Dem Regime Assads wurde von seinen Gegnern das Gleiche vorgeworfen. Auch das jüngste Auseinanderbrechen der Kooperation zwischen den USA und Russland in Syrien könnte den Terroristen eine Atempause verschaffen. Eigentlich sollten beide Parteien den IS und andere extremistische Dschihadisten-Gruppen entsprechend der zwischen ihnen getroffenen Vereinbarungen gemeinsam bekämpfen. Immerhin kam es dank dieser Vereinbarung zu einem – wenn auch kurzeitigen – Waffenstillstand. Heute spricht man jedoch nicht mehr von einer Zusammenarbeit zwischen den Supermächten in Syrien, sondern von Konfrontation. Was aber würde passieren, wenn der IS letztendlich doch am Boden geschlagen werden müsste?

Für den „Islamischen Staat“ ist die Kontrolle über sein eigenes Territorium von wesentlicher Bedeutung für die Identität und das Selbstbild. Dies ist jedoch nicht der einzige Unterschied zwischen dieser und anderen, ideologisch vergleichbaren Gruppen, insbesondere der „Vorgängerorganisation“ Al-Kaida. Der IS war eine Folge der US-geführten Invasion und Besetzung des Iraks. Durch die daraus folgenden konfessionellen Spannungen und religiösen Konflikte innerhalb der irakischen Politik entstand eine große Unzufriedenheit in der sunnitischen Bevölkerung des Landes, die Auflösung der irakischen Streit- und Sicherheitskräfte machte etliche ihrer Angehörigen arbeitslos und verbittert. Die Idee des IS wurde von ehemaligen Offizieren des Militärs und des Sicherheitsdienstes entwickelt, die von den US-­Streitkräften in Bagdad und Basra verhaftet worden waren. Aus ihren Reihen ging auch die heutige Führungsschicht der Terror­organisation hervor. Die hohen und mittleren Ränge des IS wurden mit ausgebildetem und fachkompetentem Personal besetzt, das zuvor dem Respekt einflößenden Geheimdienst des Iraks angehört hatte. Dadurch verfügte der IS in ­organisatorischer und operativer Hinsicht über bis dahin bei einer Terrororganisation ungekannte Fähigkeiten. Die übliche Darstellung des IS als eine Amateur-Armee aus blindwütigen, gewaltbesessenen Fana­tikern ist irreführend.

Präsenz in sozialen Medien
An keiner Stelle wurde dies deutlicher als bei der Kommunikationsstrategie des IS und Nutzung der sozialen Medien zur weltweiten Verbreitung seiner Ideologie, zur Rekrutierung neuer Mitglieder, zur Förderung und Etablierung von Verbünde­ten oder Unterstützergruppen sowie zur Terrorisierung seiner Feinde.

Von Anfang an arbeitete der IS wie ein raffiniertes Multi-Media-Unternehmen. Dieses wurde von Ahmad Abu-Samra ge­leitet, einem in Paris geborenen Syrer mit einem US-Abschluss in Informationstechnologie, und war darauf ausgelegt, ein weltweites Publikum anzusprechen. Das Medienangebot des IS beinhaltete professionell gemachte Propaganda- und Dokumentarfilme in verschiedener Länge und mit verschiedenen Techniken – von spannungsgeladenen Nahaufnahmen bis hin zu weichgezeichneten Landschaftsbildern, die an Horror- oder Actionfilme aus Holly­wood erinnerten. Hinzu kommen die drei großen Websites Al-Furqan, Al-Hayat und Al-Aamaq, ein Satelliten-TV-Sender, ein Radiosender und das Hochglanzmagazin Dabiq, das in verschiedenen Sprachen auf muttersprachlichem Niveau herausge­geben wurde und ausführliche Artikel mit qualitativ hochwertigen Fotografien kombinierte, ja sogar „geistreich-witzige“ Rekrutierungs- und Propagandaslogans enthielt, die durchaus mit den Ideen westlicher Werbeagenturen vergleichbar waren.