15.01.2011

Am Zustand der historischen Mitte Berlins zeigt sich, dass die ursprüngliche idee der Stadt verloren gegangen ist

Die Mitte der Stadt

Hans Stimmann

Wer sich in Hamburg oder München auf dem Rathausplatz, in Köln auf dem Alten Markt oder in Dresden auf dem Neumarkt verabredet, braucht keinen versierten Stadtführer. In Berlin ist bekanntlich fast alles anders. Mit der Teilung wurden der Geburtsort der Stadt sowie seine Stadterweiterungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert zum Staatszentrum der DDR. Dafür wurde das Stadtzentrum mit der Altstadt, dem Schloss und den Vorstädten für die Idee eines Staatsraumes eingeebnet und ohne die ehemaligen Hauseigentümer neu bebaut bzw. gestaltet. Die Vernichtung der physischen Struktur der Stadt, die Beseitigung der privaten Eigentumsverhältnisse, die radikalen Brüche der gesellschaftlichen Strukturen und der wirtschaftlichen Grundlagen, d. h. der Versuch des Aufbaus eines Sozialismus, dazu die Teilung der Stadt durch Mauer und Todesstreifen und damit die Abtrennung der Straßen und Plätze des Zentrums für die in Westberlin lebenden Berliner haben zu einer unvergleichlichen „Heimatlosigkeit“, zu einem für Berlin typischen städtebaulichen und inhaltlichen Verlust der Mitte geführt. Sprachlich kommt dieser Zustand dadurch zum Ausdruck, dass die meisten Berliner die ältesten Teile der Stadt bis heute „Ost-Berlin“ nennen, was es ja vom Bild her auch tatsächlich noch zutreffend ist. Man lebt in den Altstadtquartieren Berlins überwiegend in Wohnmaschinen, Zeilenbauten oder solitären Hochhäusern im „Fischerkiez“ entlang der Leipziger oder Karl-Liebknecht-Straße. Die Bewohner haben in der Regel keine persönlichen Erinnerungen an die 1945 abrupt unterbrochene Geschichte ihres Wohnortes mit Rathaus, Kirchen, Klöstern, Schulen, Bürgerhäusern, Straßen, Plätzen etc. Natürlich gibt es noch den Berliner Dom, die doppeltürmige Nikolaikirche (als Museum), das Fragment des Grauen Klosters (als Ruine) und die Parochialkirche (bis heute ohne Turm) und St. Marien im Schatten des Fernsehturmes. Kirchliche Gemeinden existieren nur noch an zwei Stellen. Das Zentrum ist, wenn man so will, nicht nur erinnerungs-, sondern auch ziemlich „gottlos“. Nach dem Fall der Mauer waren und sind die so entstandenen Fragmente und Brüche mit freistehenden Kirchen, dem Rathaus und Stadthaus, breiten Autoschneisen, Brückenfragmenten etc. vor allem für Fotografen, Maler und Filmemacher interessant. Sie interpretieren diese Brüche und den offenen Himmel über Berlins Innenstadt als Ausdruck einer zersplitterten Gesellschaft auf der Suche nach sinnstiftenden Zielen künstlerisch.

Neuanfang und Identitätssuche

Der Berliner Senat hat in seiner Städtebau- und Architekturpolitik nach 1989 gegen die weitere Auflösung der Innenstadt zur Stadtlandschaft der Moderne Stellung bezogen. Die These war, dass man für die anstehende gesellschaftliche Transformation, besonders für die Areale in Mitte, kein grundsätzlich neues städtebauliches Leitbild und erst recht keine virtuelle Stadt mit freigestellten Objekten einer neuen Zeit brauche. Eher sei das Gegenteil notwendig. Der gebauten Stadt komme gerade in einer Zeit radikaler Umbrüche die Rolle einer kritischen Instanz gegenüber gesellschaftlichen Phänomenen wie Entmaterialisierung, Virtualisierung, Globalisierung, Beschleunigung etc. zu.

Gerade deswegen gelte es generell, das vorhandene kulturelle Potential gebauter Architektur zu pflegen und zu stärken. Permanenz sei die Voraussetzung für die Kultur der europäischen Stadt. Der überplante Stadtgrundriss, die Kirchen, Rathäuser und Wohn- und Geschäftshäuser bildeten das Gedächtnis der Stadt. Angesichts der in Ost und West gescheiterten Experimente ginge es deswegen um eine Rückbesinnung auf die städtebaulichen Strukturen des Typus „europäische Stadt“.

Abgeräumte Altstadt

Auf dieser Grundlage wurden in den letzten zwei Jahrzehnten die Teile der ehemaligen Berliner Mitte vom Pariser Platz bis zum Friedrichswerder neu bebaut. Offen blieb bis heute der Umgang mit der verstaatlichten und abgeräumten Altstadt zwischen Spittelmarkt und Alexanderplatz. An die über 750jährige Geschichte dieses Areals erinnern nur noch vier Kirchen, eine Klosterruine sowie das Rathaus als weltliches Pendant aus dem 19. Jahrhundert. Was hier in der Mitte Berlins ansteht, ist so etwas wie eine Stadtneugründung der wiedervereinigten Stadt, bei der mit den Kirchen bzw. den Kirchengrundstücken, dem Rathaus und Stadthaus begonnen werden kann. Was fehlt, ist das verbindende Netz der Straßen, Plätze und die Wohn- und Geschäftshäuser. Berlin steht also auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer vor einer ungewöhnlichen Aufgabe. Lediglich die Tatsache, dass in einem von Neubauten aus den 60er Jahren gekennzeichneten Areal im Schatten des Fernsehturms St. Marien erhalten blieb, verweist darauf, dass dieser Ort nicht erst 1965 geplant, sondern bereits um 1230 am damaligen Neumarkt mit der zweiten Pfarrkirche entstand. St. Marien hat über viele Jahrhunderte Kriege und Revolutionen und sogar den Sozialismus überstanden. Sie ist also ein Zeugnis für die Permanenz als Bauwerk, aber auch für die Bedeutung des christlich-lutherischen Glaubens im aufgeklärten Berlin. Aber ihr fehlt die städtische Bebauung, fehlt der Neue Markt mit Martin Luther und fehlt die Mitte der Stadt als bauliche und inhaltliche Antwort auf das als Humboldtforum wieder aufgebaute Schloss.

Es stellt sich daher die Frage, ob wir die freigestellte und gewaltsam „tiefer gelegte“ Kirche als einsames Dokument in der Staatsmitte der DDR im Sinne eines Denkmals akzeptieren oder hier nicht doch den Versuch unternehmen, mit diesem Monument Berliner Kirchenbaukunst in einen neuen Dialog von Stadt und Raum zu treten? Eine ähnliche Fragestellung ergibt sich für das Rathaus. Es wurde erst im 19. Jahrhundert (1861–1869) erbaut, ist also ein relativ neues Rathaus für eine mittelalterliche Stadt. Ist gleichwohl Teil von Alt-Berlin und in seiner Architektur auch Teil des bürgerlichen Berlins, gerade weil es sich eher an der Idee mittelalterlicher Stadtpaläste orientiert und ausdrücklich nicht Bezug nimmt auf die staatlich-preußische Bautradition. In der Spät-Schinkelschule stehend hat es erfolgreich versucht, der Staatstradition Preußens etwas Architektonisches der Stadt entgegenzusetzen. Auch das Berliner Rathaus ist seit ca. 1965 wie das benachbarte Stadthaus ein Solitär. Beiden gelingt es nicht, eine inhaltliche und räumliche Beziehung zur Umgebung aufzunehmen. Man fährt zum Rathaus hin und fährt auch wieder weg, aber man hält sich im Kontext dieses Rathauses nicht auf. Selbst Demonstrationen als Ritual des politischen Protestes verlaufen sich im weiten Feld „sozialistischer“ Freiraum- und Verkehrsplanung. Der Berliner Stadtgesellschaft fehlt hier jeglicher Raum für Rituale zivilgesellschaftlicher Verhaltensweisen zwischen Rathaus und Kirche. Wie kann man als Bürgermeister mit einem solchen Zustand leben? Es ist lebensgefährlich zu versuchen über die autobahnähnliche Asphaltschneise, Grunerstraße genannt, die Klosterstraße und mit ihr das „Graue Kloster“ zu erreichen, seit 1574 das wichtigste Berliner Gymnasium, in dem u. a. Schinkel und Bismarck ihre Schulbildung genossen haben. Auch hier wäre es geboten, der Klosterstraße zusammen mit der immer noch turmlosen Parochialkirche etwas von der Bedeutung dieses mittelalterlichen Straßenzuges zurückzugeben, indem man dort wieder einen Ort der gymnasialen Bildung errichtet und die Kirche in vereinfachter Form wieder rekonstruiert.

Wiederbelebung des Zentrums

Besonders deprimierend ist schließlich die Situation am Ort der in der DDR gesprengten Petrikirche. Hier im surreal erinnerungslosen Zentrum von Alt-Cölln sind Stadt und Kirche aufgerufen, den Ort mit einem Kirchenneubau wieder zu markieren, ihm seine Funktion als Ort der Besinnung und Erinnerung zurückzugeben. Dazu müsste vor allem das Ritual der Nachkriegsmoderne – die alles unter sich begrabende Automobilität – entscheidend ausgebremst werden und so Platz für eine maßstabgebende Bebauung geschaffen werden. Auch über zwei Jahrzehnte nach dem Ende der planvollen Auslöschung ist die Stadt ohne Antwort und ohne Vorstellung von der zukünftigen Rolle und der Gestalt ihrer Geburtsorte rund um St. Petri und St. Marien. Man mag eine solche Haltung für die ersten Jahrzehnte noch damit entschuldigen, dass andere Entscheidungen wichtiger waren. Heute ist die Abwesenheit jeglicher Vorstellung zur angemessenen Nutzung und Gestaltung der Mitte ein Zeichen für politische Schwäche bei der Bewältigung der herausragendsten Aufgabenstellung der Stadt am Beginn des 21. Jahrhunderts. Mit dem jetzt begonnenen Bau des U-Bahnhofes „Rathaus“ wird das urbanistische Desaster in einigen Jahren lediglich besser erreichbar. Wer hier aussteigt, sieht auf eine im Sozialismus abgerissene Stadt mit der am Rand aufgestellten Kirche St. Marien. Das wäre als Kunstinstallation vielleicht gut, gleichzeitig aber eine Kapitulation der Stadtbaukunst vor der bildenden Kunst.

Berlins Mitte ist aber kein Mahnmal sozialistischer Stadtplanung, sondern das Herz einer traditionsreichen europäischen Großstadt und Hauptstadt Deutschlands.

Es ist überfällig, sich diesem Anspruch zu stellen.

 

Erschienen in Rotary Magazin 1/2011

Hans Stimmann
Dr. Hans Stimmann war u. a. 1990 bis 2006 Senatsbaudirektor des Landes Berlin. Zuletzt erschien "Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zu Stadtmitte" (Dom Publishers, 2009). www.dom-publishers.com

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