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Eigene Opfer und fremde Täter

Forum - Eigene Opfer und fremde Täter
7. Mai 2019: Russische Soldaten proben für die Militärparade, mit der alljährlich am 9. Mai der Sieg über das NS-Regime gefeiert wird. © Sefa Karacan/Anadolu Agency/Getty Images

Die sowjetischen Kriegsverbrechen wurden mit denen Nazideutschlands auf eine Stufe gestellt. Das raubt Russland einen Großteil seiner Identität.

Ekaterina Makhotina01.05.2020

Aber die Kriegsenden nahmen kein Ende“: Die Beobachtung des Philosophen und Historikers Reinhard Kosellecks, es gebe nichtt ein Kriegsende, sondern viele unterschiedlich wahrgenommene Kriegsenden, ist heute aktueller denn je. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spürt man besonders deutlich, dass es in Europa keine Einigkeit darüber gibt, wie dieses zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts zu erinnern sei.

Ob Niederlage oder Sieg, Befreiung oder Besatzung: Die Deutung des Kriegsendes in Europa hängt von der jeweiligen nationalen Perspektive ab. Die Gesellschaften Ostmitteleuropas, die nach dem Krieg zur sowjetischen Einflusssphäre gehörten, datieren ihre Befreiung erst mit 1989/1991, als sie sich vom Kommunismus lösten und die „nationale Wiedergeburt“ feierten. In Russland und in Belarus besitzt die Erinnerung an den Sieg und die Befreiung des Landes vom Faschismus einen beinahe sakralen Wert, wobei die offiziellen Gedenkfeierlichkeiten noch in sowjetischen Traditionen verankert sind. Die Ukraine weist eine gespaltene Erinnerungslandschaft auf, hier streiten sich alte sowjetisch kanonisierte Geschichtsbilder mit den neuen nationalen Perspektiven. Im westlichen Europa hat es lange gedauert, bis das „Vichy-Syndrom“ (Henry Rousso) bewältigt und die eigene Verantwortung für den Genozid an den Juden zum Thema öffentlicher Auseinandersetzung wurde. Auch Deutschland brauchte lange, um die „Unfähigkeit zu trauern“ zu überwinden. Erst die wegweisende Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985 brachte die offizielle Erkenntnis, dass der Sieg über das NS-Deutschland eine Befreiung war.

Das Neue an der Situation der divergierenden Erinnerungen ist, dass auf der europäischen Ebene nicht nur um das Ende gestritten wird, sondern auch um den Anfang des Krieges. Die These, die Sowjetunion trage für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 die gleiche Verantwortung wie NS-Deutschland, ist vielen osteuropäischen Staaten bereits seit den 1990er Jahren ein geschichtspolitischer Allgemeinplatz, in Deutschland weckt diese Perspektive Erinnerungen an revisionistische Positionen im Historikerstreit.

Im medialen Diskurs rund um den 80. Jahrestag der Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Pakts traten Hitler und Stalin als Verbündete auf, die sich zum Krieg verabredet hatten. Russland verwies auf die Folgen des Münchner Abkommens und polnischen Antisemitismus.

Die folgenden gegenseitigen Provokationen hochrangiger Politiker aller Seiten bewegten sich mit ihren „historischen Wahrheiten“ weitab aller wissenschaftlicher Erkenntnis: Längst widerlegte Mythen vom Hitler-Stalin-Pakt als „brillantem Schachzug der Stalin-Diplomatie“, von der Befreiung des KZ Auschwitz durch ukrainische Soldaten bis zum persönlichen Treffen Hitlers und Stalins in Lemberg 1939 kehrten so in die Öffentlichkeit zurück.

Das EU-Parlament positionierte sich in dieser Situation im September 2019 mit einer Resolution zur „Bedeutung der Erinnerung an die europäische Vergangenheit für die Zukunft Europas“. Der Zweite Weltkrieg ist hier lediglich eine Episode im Wettstreit zweier Totalitarismen. Die Sowjetunion geriet gemeinsam mit dem „Dritten Reich“ als Täter in den Fokus, wobei der Kommunismus dem Faschismus gleichgesetzt wurde. Bis zum Frühjahr 2020 reihten sich die Schuldzuweisungen aneinander und vertieften die erinnerungspolitischen Gräben zwischen Russland und Europa.

Ein Krieg wie kein anderer

Der von Koselleck angesprochene Dissens der Erinnerungen an das Kriegsende bringt die unterschiedlichen Erfahrungen des Krieges zum Ausdruck. Der Krieg im Osten unterschied sich nicht nur vom Krieg im Westen, es war ein Krieg „wie kein anderer“. Der rassenideologisch bedingte Krieg der Deutschen konfrontierte die Menschen in Osteuropa mit einer beispiellosen Dimension von Grausamkeit. Der Überfall auf Polen war der Auftakt zum Vernichtungskrieg, dem sechs Millionen Polen zum Opfer fielen, und mit der „Operation Babbarossa“ am 22. Juni 1941 begann der Raub- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, der 27 Millionen Menschen das Leben kostete. Doch auch die Erfahrungen der besetzten Völker Osteuropas waren unterschiedlich. Die Politik gegenüber „Slawen“ – Polen, Ukrainern, Belarussen, Russen – nahm genozidale Züge an; für die jüdische Bevölkerung der Sowjetunion bedeutete der deutsche Überfall den Anfang des systematischen Massenmords – des „Holocaust durch Kugeln“. Nicht erst in den deutschen Vernichtungslagern, sondern direkt nach dem Angriff begannen auf den Straßen und Plätzen der deutsch besetzten Städte und Dörfer die Aussonderung und der Mord an den jüdischen Bürgern der Sowjetunion, das gleiche Schicksal erwartete politische Offiziere der Roten Armee und kommunistische Funktionsträger.

Die Kriegsgeneration in Russland erinnert sich noch sehr genau an den Tag der deutschen Kapitulation am 9. Mai 1945 – an die unermessliche Freude über das Ende des Grauens und an die Trauer über jene, die nicht zurückgekehrt sind. Der Siegesstolz und die Trauer machen die russische Erinnerung an den Krieg aus. Unabhängig davon, wie man als Russe zu Stalin, dem Sowjetsystem oder auch der aktuellen Putinschen Geschichtspolitik steht – es gibt ein starkes menschliches Bedürfnis, sich an den Tag des Sieges zu erinnern. Diese herausragende gesellschaftliche Bedeutung macht es für den Kreml einfacher, die Erinnerung zu instrumentalisieren. Gegenwärtig stellt die Geschichtspolitik den gemeinsamen Kampf mit den westlichen Alliierten in den Vordergrund, um die Versuche, die Sowjetunion auf eine Stufe mit NS-Deutschland zu stellen, abzuwehren. Es ist schwer, das offizielle Erinnern und das inoffizielle, gesellschaftliche Erinnern voneinander zu trennen. Diese Dialektik bedingt die Entstehung neuer zivilgesellschaftlicher Formen der Erinnerung. So das „Unsterbliche Regiment“ – eine Aktion, bei der Teilnehmer Porträts ihrer Angehörigen, die am Krieg teilnahmen, durch die Straßen tragen. Mittlerweile wird auch diese Form der Kriegserinnerung als „Karnevalskitsch“ kritisiert und als eine dem Staat viel zu nah stehende Praxis abgelehnt. Man möchte die Erinnerung „entmilitarisieren“ und an die eigentliche Botschaft der Kriegsgeneration erinnern, dass es nie wieder zu einem Krieg kommen darf. Die neue, populäre Form der Kriegserinnerung besteht darin, in den sozialen Netzwerken Lebenswege der Großeltern jenseits der heroischen Narrative zu teilen und an den „schrecklichen Krieg“ zu erinnern.

Der Krieg nach dem Krieg

Vor allem in den baltischen Republiken, die 1939 durch die Sowjetunion annektiert wurden und aus denen nur eine Woche vor dem deutschen Überfall Tausende nach Sibirien deportiert worden waren, begrüßten Menschen die Deutschen als Befreier. Für den sowjetischen Terror wurden nicht selten jüdische Mitbürger verantwortlich gemacht. Es ist eine besondere Dimension des Mitwissens, der Zeugenschaft, aber auch der Täterschaft, die die Erfahrung der besetzten Völker im Osten auszeichnet: Der Massenmord an den Juden fand sichtbar und in unmittelbarer Nähe statt, oft waren örtliche Verwaltungsstrukturen oder die lokale Polizei beteiligt. Als die Sowjetunion 1944/1945 die Wehrmacht zum Rückzug zwang, begann in den baltischen Republiken und in der Westukraine der antisowjetische Widerstand, der teilweise bis in die 1950er Jahre andauerte und deren Anführer heute als nationale Helden verehrt werden. Im Baltikum ist dieser „Krieg nach dem Krieg“ ein viel bedeutenderer Erinnerungsort als der Zweite Weltkrieg. Für die jüdischen Überlebenden gelten viele dieser nationalen Helden wegen ihrer NS-Kollaboration wiederum als Täter.

Nicht erst im Herbst 2019 warb das „Europa des Gulags“ um die Anerkennung durch das „Europa des Auschwitz“, wie Aleida Assmann pointiert die erinnerungskulturellen Fixpunkte Osteuropas und Westeuropas gegeneinanderstellte. Seit der EU-Osterweiterung 2004 geht es um die Bestätigung der Gleichheit der sowjetischen und der NS-Verbrechen, wobei die gesamte Epoche des Kommunismus (bis 1989/1991) als „totalitär“ bezeichnet und verurteilt wird. Die Botschaft der Erinnerung lautet hier nicht „Nie wieder Krieg“ und nicht „Nie wieder Auschwitz“, sondern „Nie wieder Totalitarismus“. Der Kommunismus wird als ethnisch fremde Herrschaft dargestellt, deren Ziel es war, die nichtrussischen Völker der Sowjetrepubliken zu terrorisieren. Diese „Ethnisierung“ hat zum Ziel, den sowjetischen Terror auf eine Stufe mit dem Holocaust zu stellen, um dadurch um die uneingeschränkte Anerkennung der eigenen Opferrolle zu werben. Die Form und die Sprache der Präsentation des Leids am kommunistischen Terror orientieren sich an Ästhetik und Rhetorik der Holocausterinnerung. Die Selbstzuschreibung als Opfer dient oft als Deckerinnerung gegen unangenehme Fragen – denn „wenn alle Opfer sind, gibt es keine Täter“, um wieder Koselleck zu zitieren. Dazu gehört die Frage der eigenen Kollaboration und Mittäterschaft am Holocaust. Mit dem „Label“ Opfer insistieren politische Eliten osteuropäischer Staaten auf einer moralischen Vollkommenheit ihrer Länder. Sie klammern die erinnerungskulturelle Heterogenität ihrer Gesellschaften aus, wie auch die Tatsache, dass es in ihren Ländern Gruppen gibt, die den rechtskonservativen, nationalistischen Kurs ihrer Regierungen ablehnen oder die Leistung der Sowjetunion im Kampf gegen Nazismus in ehrwürdiger Erinnerung behalten wollen.

Was bedeutet der Erinnerungskrieg für Europa? Zweifellos ist es der politischen Führung der EU wichtig, das Selbstbild als eine historische „Wir-Gemeinschaft“ zu verfestigen: daher der Wunsch nach einer gemeinsamen europäischen Erinnerung. Doch gerade die Vielfalt der Erinnerungen macht Europa aus: Der vor Kurzem erschienene Sammelband zu den europäischen Erinnerungsorten von Étienne François und Thomas Serrier „Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte“ macht deutlich, dass sich die europäische Erinnerungslandschaft durch eine dynamische Dialektik zwischen Diversität und Einheit auszeichnet. Gerade deutsche und osteuropäische Erinnerungspflichten könnten daher nicht gegensätzlicher sein: Geht es hier um eigene Täter und fremde Opfer, besinnt sich Osteuropa auf eigene Opfer und fremde Täter. Die Versuche, eine gemeinsame europäische Erinnerung aus dem Setzkasten des Nationalstaates zu stiften – durch gemeinsame Narrative und gemeinsame Feindbilder –, ist kein tragfähiges Modell für eine liberale pluralistische Zukunft. Zwischen den Wünschen an die Erinnerung und dem, was Europa ausmacht, besteht eine Aporie.

Gerade in einer Zeit, in der die letzten Zeugen des Krieges noch am Leben sind, ist die Diskussion um den Krieg durch zwischenstaatliche Reibereien und populistische Provokationen geprägt. Mit Empathie für die Opfer des Krieges hat das wenig zu tun, eher mit einer Identitätspolitik auf Kosten der Toten. Die alten Modelle – Vergessen überwinden, Versöhnung stiften, Vernetzung und gegenseitiges Anerkennen des Leids – waren zukunftsfähiger.


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