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Ein Abenteuer im Zeichen der Aufklärung

Forum - Ein Abenteuer im Zeichen der Aufklärung
Darstellung einer Hochzeitsprozession. Die Szene entstand in Kairo © die andere bibliothek

Der norddeutsche Weltenbummler Carsten Niebuhr und seine Arabische Reise

01.11.2018

Wenn die allabendliche Tagesschau die Aufmerksamkeit auf die Brennpunkte des Weltgeschehens lenkt, dann geht der Blick seit Jahren in die arabische Welt, in den Jemen, den Irak und den Iran, nach Basra und Bagdad, Mossul und Aleppo. Es war der 1733 geborene Carsten Niebuhr, ein Bauernsohn aus dem Land Hadeln im heutigen Niedersachsen, der als erster Europäer diese Weltgegend mit offenen Augen bereiste und Land und Leute beschrieb. Seine „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern“ ist ein faktenreiches Monument der Aufklärung, dass auch die Denker der Weimarer Klassik, Herder, Schiller und Goethe, mit Begeisterung lasen. Die Andere Bibliothek hat diesen einzigartigen Blick in eine – geographisch und zeitlich – ferne Welt soeben in einem opulenten, mit allen Kupferstichen aus den Originalbänden ausgestatteten Prachtband für die Leser von heute wieder zugänglich gemacht. Wenn wir heute aus aktuellen Gründen in diese Weltgegend schauen, können Niebuhrs Reiseerfahrungen und -beschreibungen unserem Blick zeitliche Tiefe geben.

Abenteuerlust
Der Impuls für eine Expedition nach „Arabia Felix“, in das „glückliche Arabien“ ging 1756 von Göttingen aus. Dort lehrte Johann David Michaelis, Professor für Orientalis - tik. Er war auf der Suche nach einem Finanzier für ein solches wissenschaftliches Unterfangen, von dem er sich Erkenntnisse zum besseren Verständnis des Alten Testaments erhoffte. Dabei fiel sein Blick auf Kopenhagen. Die dänische Regierung, König Friedrich V. allen voran, war bekannt für ihre Weltoffenheit und eine fortschrittliche Kulturpolitik. Im Jahre 1758 stimmte der dänische König einer Reise in den Jemen zu und entsandte den Philologen Frederik von Haven, den Zeichner Georg Baurenfeind, den Arzt Christian Carl Cramer, den Botaniker Peter Forsskål und den ehemaligen Dragoner Lars Berggren als Diener.

Was noch fehlte, war ein Landmesser. So kam es, dass der Göttinger Mathematikprofessor Abraham Gotthelf Kästner seinen 25-jährigen Studenten Carsten Niebuhr unvermittelt ansprach: „Hätten Sie wohl Lust, nach Arabien zu reisen?“ Niebuhr gab mit gleicher Knappheit zurück: „Warum nicht, wenn jemand die Kosten bezahlt!“ So wurde er der sechste Mann in der Gesellschaft der gelehrten Männer, die nun intensiv auf ihre Mission vorbereitet wurden, Niebuhr etwa durch gezielte Studien der Astronomie, der Geschichte des Vorderen Orients und durch Sprachunterricht. Die Königliche Instruktion wies Niebuhr außerdem die Verantwortung für die Reisekasse zu. 

Was für ein Unternehmen in jenen Jahren! Auf drei Kontinenten, in Europa, Nordamerika und Indien tobte noch der Siebenjährige Krieg. Zwischen den sechs Expeditionsteilnehmern kam es zu Spannungen über die Verteilung der Aufgaben und zu Eifersüchteleien. Und in Göttingen wurde an der Universität der Fragenkatalog nicht fertig, der der Expedition zugrunde liegen sollte.

Ansicht der türkischen Stadt Kararhissar, heute Afyonkarahisa. © die andere bibliothek 

Mit Respekt und Höflichkeit
Die königliche Instruktion, aus der der Geist spricht, mit dem die Teilnehmer sich in diesem fremden Teil der Welt bewegen sollen, legte ausdrücklich fest, wie sich die Abgesandten des dänischen Königs den fremden Menschen gegenüber, denen sie unterwegs begegnen werden, zu benehmen haben – nämlich mit Respekt vor ihren jeweiligen religiösen, kulturellen und sittlichen Positionen: „Die sämtlichen Reisenden haben sich gegen die Einwohner Arabiens der grössesten Höflichkeit zu befleissigen. Sie sollen ihrer Religion nicht widersprechen, noch weniger sie auch nur implicite verächtlich machen, sollen sich dessen enthalten, was jenen verdrießlich ist, auch solche Theile ihrer Beschäftigung, die bey unwissenden Muhammedanern der Verdacht erwecken, als wollte man Schätze ausgraben, Zauberei treiben, oder etwas zum Schaden des Landes auskundschaften, auf die unmercklichste Art vornehmen, und so gefällig einkleiden, als möglich ist.“

Die Vorbereitungen waren getroffen, die Anweisungen klar, Zeit war nicht zu verlieren: Am 7. Januar des Jahres 1761 warf die „Grönland“ in Kopenhagen die Leinen los, Ziel war Konstantinopel. Doch die Winde waren widrig, schon in der Nordsee ging ein Mann der Besatzung über Bord und musste sein Leben lassen. Mit Verspätung startete die Expedition, am 30. Juni 1761 war Konstantinopel erreicht. Von dort aus ging es nach Ägypten, wo sich die Gesellschaft der gelehrten Männer über Gebühr lang aufhielten: Sie waren untereinander zerstritten und fürchteten sogar, dass ein Expeditionsmitglied einen Mordanschlag mit Arsen vorbereitete. Die Mission drohte zu scheitern. Carsten Niebuhr nutzte die Zeit, um Vermessungen anzustellen und Karten zu fertigen. In Gizeh bestimmte er die genaue Höhe der großen Pyramiden, auch Hieroglyphen dokumentierte er mit großer Präzision.

Schließlich begab sich die Expeditionsgesellschaft mit einem Pilgerschiff über das Rote Meer, von Dezember 1762 bis August 1763 erkundeten sie den Jemen, vor allem die Hauptstadt Sanaa, den Hafen von Mokka und die geheimnisumwobenen Kaffeeberge. Aber im Jemen kam es auch zu Unpässlichkeiten und Fieberattacken. Niebuhr glaubte, dass sie sich Erkältungen zugezogen hatten. Doch in Wahrheit erlagen von Haven und Forsskål der Malaria. Die übrigen Expeditionsteilnehmer flohen regelrecht aus dem Jemen mit dem Schiff nach Indien, noch auf hoher See starben Berggreen und Baurenfeind, ihre sterblichen Überreste wurden den Fluten übergeben. In Indien schließlich verstarb auch Christian Carl Cramer.

„Nunmehr war von unserer zahlreichen Gesellschaft Niemand mehr übrig als ich allein“, notierte Carsten Niebuhr in seiner Reisebeschreibung nach Arabien. So war er es auch, in dessen Händen der Erfolg der wissenschaftlich ambitionierten Reise lag. In Bombay erst erreichte ihn der vollständige Katalog der 100 Fragen, auf die sich die gelehrte Welt in Europa Antworten erhoffte. Wo haben die Israeliten das Rote Meer überquert? Haben die Araber seltener Zahnschmerzen und hohle Zähne als Europäer? Hat der Caffee etwas damit zu tun? Wozu braucht die zweibeinige Bergmaus einen so langen Schwanz? Es war jetzt an Carsten Niebuhr, dem Landmesser und Mann der Zahlen und Winkel, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der gesamten Expedition zu sichern. Er sorgte dafür, dass aus Indien die Aufzeichnungen und Skizzen, Handschriften und Dokumente, Herbarien und Artefakte über London nach Kopenhagen gelangten. Und er machte sein Testament.

Doch Carsten Niebuhr erholte sich und trat im Dezember 1764 die Rückreise nach Europa an. Über den Persischen Golf wählte er den Weg nach Persepolis, wo er im März 1765 eintraf und in der Folge die Schriftzeichen der Keilschriftsysteme dokumentierte. Vom August 1765 bis zum Juni 1766 durchquerte er den Mittleren und Nahen Osten und sah Basra, Bagdad, Mossul und Aleppo. Nach Abstechern auf die Insel Zypern und nach Jerusalem gelangte er schließlich über Konstantinopel, Warschau und Hamburg am 20. November 1767 wieder in Kopenhagen an. Heil, gesund und als einziger Überlebender.

Pioniertat der Weltaneignung
In Kopenhagen hatten sich die Verhältnisse im Laufe der sechsjährigen Reisedauer allerdings geändert, maßgebliche Entscheidungsträger, die die Expedition entsandt hatten, waren schon nicht mehr im Amt. Im Selbstverlag veröffentlichte Carsten Niebuhr in den Jahren 1774 bis 1778 zwei Bände seiner „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern“; der dritte Band sollte erst posthum 1837 erscheinen.

Der dänische Staat versah den Forschungsreisenden nun mit dem Auftrag, in Meldorf in der Landschaft Süderdithmarschen, damals noch zum dänischen Gesamtstaat gehörend, als Landschreiber zu arbeiten und die Steuern einzunehmen. Dort an der Nordsee schrieb er neben seinen amtlichen Aufgaben zahlreiche Aufsätze über seine Arabische Reise und kultivierte sich im Moor eine Landstelle. In Meldorf stehen ihm noch im Alter die Ruinen von Persepolis vor seinem inneren Auge, als hätte die Sonne sie ihm auf die Netzhaut gebrannt. Und doch legte sich eine gewisse Betrübtheit über seine Seele. Dies änderte sich erst, als er wieder zu einem gefragten Korrespondenzpartner für Gelehrte wurde und mit Heinrich Christian Boie eine Schlüsselfigur des literarischen Lebens der Goethezeit nach Meldorf zog.

Carsten Niebuhr ist am 26. April 1815 in Meldorf gestorben, noch heute erinnern sein Haus am Marktplatz und einige Ausstattungsstücke - sein Spiegel-Oktant und sein Astrolabium, sein Teekästchen und sein Spazierstock - im Dithmarscher Landesmuseum an eine Pioniertat der Weltaneignung im 18. Jahrhundert.

Ertrag einer Jahrhundert-Reise
Eine große Sandsteinplatte im Boden des Meldorfer Doms markiert die Stelle, an der seine sterblichen Überreste beigesetzt wurden. Sie ist ein Erinnerungsmal an einen bedeutenden Mann, der als Einziger eine der großen Entdeckungsreisen überlebte. Dabei waren die Umstände widrig – Gegenwind schon auf der Nordsee, Unstimmigkeiten in der Gelehrten-Gesellschaft, der verspätete Eingang des wissenschaftlichen Fragenkatalogs und dann die Malaria! „Ueberhaupt muß man eine Reise nach Arabien“, so resümierte Niebuhr später, „nicht als eine Lustreise ansehen.“

Und auf der anderen Seite konnten die Ergebnisse sich sehen lassen: Genaue Längenbeobachtungen auf See, neue Karten vom Nildelta, dem Roten Meer und des Jemen. Pläne von Kairo, Suez, Maskat, des Oman. Die Beschreibungen Bombays, Basras, Bagdads, Mossuls. Die präzisen Aufnahmen der Hieroglyphen und der Keilschrift. Carsten Niebuhr bewies mit seinem sachlich respektvollen Blick auf fremde Menschen, Religionen und Kulturen, dass er nicht als Entdecker nach Arabien reiste, sondern als wissbegieriger Ethnologe. Folglich bieten seine Reisebeschreibungen kein exotisches Panorama aus Tausendundeiner Nacht, sondern ein faktenreiches Monument im Geiste der Aufklärung.

Es ist Carsten Niebuhr, der die Arabische Reise der ausgesandten Gelehrten Gesellschaft – unternommen noch vor James Cooks erster Südseereise und vor Alexander von Humboldts Expedition nach Südamerika – zu einer Jahrhundert-Reise gemacht hat. Sie war die Reise seines Lebens. 

Frank Trende


Buchtipp

Carsten Niebuhr
Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern
Mit Anmerkungen und einem Vorwort von Frank Trende, 696 Seiten, 79 Euro 
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