Titelthema - Ein Geschenk an die Welt

Nach dem Krieg waren Genossenschaftsbanken vielfach Partner beim Aufbau einer neuen Existenz © Deutsches Historisches Museum, Berlin

01.03.2018

Titelthema

Ein Geschenk an die Welt

Christine M. Merkel

Die Genossenschaftsidee als Immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO

Die „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ wurde Ende 2016 erfolgreich in die Repräsentative UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Neben dem Tango aus Argentinien und Uruguay, der tradition ell en chinesischen Medizin oder dem Geigenbau im italienischen Cremona bereichert sie nun dieses weltweite Verzeichnis menschlichen Wissens und Könnens, das von Generation zu Generation weitergegeben und verändert wird. Viele Delegationen aus allen Weltregionen würdigten diese deutsche Initiative als einen wichtigen Impuls zu einer modernen Umsetzung des UNESCO- Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes von 2003.

Die Experten der Deutschen UNESCO-Kommission hatten sich diesen Vorschlag nicht leicht gemacht. Er wurde intensiv abgewogen gegen ebenfalls wichtige Kulturformen wie „Orgelbau – Orgelmusik“ (2017 erfolgreich eingeschrieben) oder das 2018 neu einzureichende Dossier „Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland“. Das Votum war jedoch eind eut ig, als ersten Beitrag zur UNESCO-Liste ein Beispiel der spezifischen Ausprägung deutscher Gesellschaftskultur vorzuschlagen.

Rückhalt in der Bevölkerung
Mit der Genossenschaftsidee und -praxis verbinden sich eine Reihe von Eigenschaften, mit denen sich ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland identifiziert: Schaffung einer Gemeinschaft für Anliegen, die ein Einzelner allein nicht erreichen kann; Gleichberechtigung durch die Qualität als Mensch, unabhängig vom materiellen Beitrag jedes Einzelnen; demokratische, geordn ete und transparente Strukturen und Verf ahren; Solidarität mit anderen Mitgliedern und Gemeinschaften; gesellschaftliche Teilhabe auch für weniger privilegierte Bevölkerungsschichten. Mit diesen grundlegenden Prinzipien tragen Genossenschaften dazu bei, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken und dadurch sozialen Frieden zu fördern. Weltweit gibt es 800 Millionen Genossenschaftsmitglieder in über 100 Ländern.

Genossenschaften sind also kein rein deutsches Phänomen. Schon vor über hundert Jahren hat Japan die Genossenschaftsidee und -praxis und das Genossenschaftsgesetz aus Deutschland übernommen. Viele andere Länder der Welt sind diesem Beispiel gefolgt und haben Genossenschaftsgesetze geschaffen, um ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen. In Indien, mit seinen geschätzt über 200 Millionen Genossenschaftsmitgliedern, gelten Genossenschaften als effektives Instrument gegen monopolistische Tendenzen der Wirtschaft und zur Eindämmung der Ausbeutung von Arbeitskräften.

In Bulgarien präferieren Landwirte das Genossenschaftsmodell, obwohl sie seit einigen Jahren auch ausländische Investitionen einwerben können. In siebzehn afrikanisch-frankophonen Ländern ist seit 2011 ein einheitliches Genossenschaftsgesetz in Kraft, das die gemeinsame regionale wirtschaftliche Entwicklung fördern soll. Seit der positiven Entscheidung der Mitglieder des Zwischenstaatlichen Ausschusses Immaterielles Kulturerbe der UNESCO 2016 zeigen sich weitere Länder aus verschiedenen Weltregionen interessiert, sich in Zukunft diesem Eintrag aus Deutschland anzuschließen.

In Deutschland selbst verlieh vor allem die Novellierung des Genossenschaftsgesetzes im Jahre 2006 dieser Organisationsform neuen Schwung. Das Gesetz wurde vereinfacht; entscheidender war jedoch die Ausweitung des genossenschaftlichen Förderzwecks auf neue Anwendungsbereiche. Dadurch erleben Genossenschaften in den letzten Jahren gerade in der Kultur- und Kreativszene einen wahren Gründungsboom, von Kinos, Theatern und Orchestern über Ateliers, soziokulturelle Zentren und Kultur- und Kreativnetz werke bis hin zu Bildung, Fairer Handel, Ernährung und Digitalisierung. So vernetzt z. B. die 2007 gegründete Berlin Music Com
mission eG Akteure aus allen Bereichen der Musikwirtschaft, fördert den Wissens- und Informationsaustausch und unterstützt ihre Mitglieder bei Kreativvorhaben.

Das Zentralwerk Kultur- und Wohngenossenschaft Dresden eG bietet frei gestaltbar e Räume im urbanen Kontext für selbstbestimmtes Leben und kreatives Arbeiten. Im Zuge der Energiewende und des EEG entstanden zahlreiche kommunale Genossenschaften für erneuerbare Energien. Die Stadt Hagen hat seit 2016 mit Gründung der Breitband-Genossenschaft Hagen eG eine kommunale Strategie zum schnellen und zukunftssicheren Ausbau des Breitbandnetzes entwickelt. Anwohner wie Unternehmer der Region Lennetal profitieren von der Leistung wie auch vom Kostendeckungsprinzip der Genossenschaft. Der Fokus auf langfristige Nutzenmaximierung – und nicht ausschließlich auf rasche Gewinnoptimierung! – ist hierbei der strategische Vorteil. Genossenschaften zeigen sich heute als moderne, nachhaltige und zukunftsorientierte Organisationsform, die sich mit jeder Generation neu aufstellen und weiterentwickeln. Davon profitieren nicht nur die Mitglieder, sondern die gesamte Gesellschaft.

Christine M. Merkel
Christine M. Merkel ist Leiterin des Fachbereichs Kultur, Kommunikation, Memory of the World bei der Deutschen UNESCO-Kommission. unesco.de

Rotary Magazin 6/2018

Rotary Magazin Heft 6/2018

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