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Titelthema

Ein Hund im Schafspelz

Titelthema - Ein Hund im Schafspelz
Wo das Gelände keine Zäune zulässt, kommen Herdenschutzhunde zum Einsatz – wie hier am Rande des Nationalparks Berchtesgaden © Axel Gomille

Wo Zäune den Wolf nicht abhalten, müssen Herdenschutzhunde her: Über die Rückkehr eines bedeutenden Teils des uralten Schäferhandwerks

Robin Rigg01.01.2024

Es gibt ein slowakisches Märchen, in dem ein weißer Hund namens Bodrík seine Herde Tag und Nacht so gut bewacht, dass sich kein Wolf ihr nähern kann. Als er alt wird, tauscht der Hirte ihn gegen einen neuen Hund aus, aber der junge Hund hat noch nicht gelernt, seine Aufgabe zu erfüllen. Ein Wolf schleicht sich in den Schafstall und tötet Schafe, bis der Hirte den alten, erfahrenen Hund zurückbringt. Bodrík und seine Freunde verjagen den Wolf, und es gehen keine Schafe mehr verloren.

Die Geschichte von Bodrík und dem Wolf veranschaulicht die aktuelle Situation der Wölfe in weiten Teilen Europas. Durch Jagd und Verfolgung wurden Wölfe und andere große Raubtiere wie Bären und Luchse in den meisten Teilen Westeuropas ausgerottet. Mit dem Verschwinden der Raubtiere verschwand auch die Notwendigkeit, Herden zu bewachen. Es entstanden neue Haltungspraktiken, bei denen das Vieh oft unbeaufsichtigt und wenig oder gar nicht geschützt war. In den letzten Jahren ist der Wolf in weite Teile seines früheren Verbreitungsgebiets zurückgekehrt, und damit ist auch der Bedarf an wirksamen Methoden zum Schutz des Viehs wieder gestiegen. Der Einsatz von Hunden wie Bodrík ist eine der ältesten und erfolgreichsten Methoden.

Herdenschutzhunde, kurz LGDs (Livestock Guardian Dogs), schützen in Eurasien seit Tausenden von Jahren das Vieh. Im Laufe der Zeit haben sich in den Herden von Portugal bis Tibet verschiedene Hunde herausgebildet. Sie sind in der Regel groß – oft mit 70 Zentimetern Schulterhöhe und einem Gewicht von 45 Kilogramm oder mehr – und von Natur aus unabhängig. Wie Bodrík sind viele von ihnen weiß, obwohl einige regionale Formen eine dunklere Färbung haben. Im Gegensatz zu Deutschen Schäferhunden oder Border Collies hüten sie kein Vieh. Stattdessen integrieren sie sich in die Herde und schützen sie vor Bedrohungen von außen, zu denen Wölfe und andere wilde Raubtiere ebenso gehören können wie streunende Hunde.

Meine Beschäftigung mit dem Schutz von Nutztieren begann vor 30 Jahren als Student in der Slowakei, wo die Geschichte von Bodrík sehr treffend ist. Der hier heimische LGD ist der Slovenský čuvač, der wahrscheinlich während der walachischen Kolonisation vom 14. bis 17. Jahrhundert zusammen mit Schaf- und Ziegenherden aus Rumänien und dem Balkan in die slowakischen Karpaten kam. In den landwirtschaftlichen Handbüchern der sozialistischen Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei wurde jedoch vorgeschrieben, dass LGDs nachts in der Nähe der Herden angekettet gehalten und nicht mit ihnen auf die Weide geführt werden sollten. Dieser Ansatz mag ausgereicht haben, als Raubtiere noch relativ selten waren, aber in den 1990er Jahren reichte er eindeutig nicht mehr aus, um die wachsende Zahl von Wölfen und Bären abzuschrecken.

Ausbildung der Herdenschutzhunde

Um dieser Situation entgegenzuwirken, habe ich ein Projekt zur Wiederbelebung der LGD-Tradition in der Slowakei mit ins Leben gerufen und begleitet. Wir haben insgesamt fast 70 Welpen an Landwirte gespendet, die ab einem Alter von etwa sechs bis acht Wochen inmitten von Schafen aufgezogen wurden. So konnten sich starke soziale Bindungen entwickeln, die die Hunde später dazu motivierten, bei ihren Herden zu bleiben. Als ich die Ergebnisse unserer Bemühungen für meine Masterarbeit analysierte, stellte ich fest, dass selbst ein oder zwei weniger als zwei Jahre alte LGDs, die die Herde Tag und Nacht begleiten durften, die Verluste durch Raubtiere um 70 Prozent reduzierten. Eine größere Gruppe älterer, erfahrener Hunde könnte zweifellos noch mehr erreichen. Meine Untersuchungen haben auch gezeigt, dass nicht alle Betriebe gleichermaßen von Raubtieren betroffen sind. In der Slowakei wurden fast 80 Prozent der Verluste in nur zwölf Prozent der Schafherden gemeldet. Ein Großteil der Unterschiede wurde durch die örtlichen Bedingungen und Haltungspraktiken erklärt, insbesondere durch das Vorhandensein oder Fehlen von Maßnahmen zur Schadensverhütung. Dieses Muster hat sich auch in vielen anderen Gebieten gezeigt.

Ich habe LGDs schon an vielen Orten arbeiten sehen, von der Iberischen Halbinsel bis zum Kaukasus. Das erste Mal war ich in den rumänischen Bergen, wo ich die Gelegenheit hatte, die Arbeit von Hunden bei zwei verschiedenen Herden zu vergleichen, wobei ich selbst als unfreiwilliger „Crashtest-Dummy“ fungierte. Die erste Herde befand sich in der Nähe eines Wanderwegs, und die Hunde warnten uns, Abstand zu halten, indem sie bellten und sich zwischen uns und die Schafe stellten. Ich verließ meine Kollegen, um eine benachbarte Herde abseits der Wanderroute zu besuchen, wo die LGDs weniger an Fremde gewöhnt waren, die vorbeikamen. Als ich vom Waldrand auf ihre Weide kam, stürzten sich die Hunde von allen Seiten auf mich und bellten wild. Ich war sehr froh, dass ein Schäfer da war, um sie zurückzurufen. In Gebieten, die von Touristen und anderen Landnutzern frequentiert werden, ist es wichtig, die Hunde zu testen und auszuwählen, um übermäßig aggressive Tiere zu vermeiden und den LGDs beizubringen, menschliche Besucher zu tolerieren.

Auf fast allen Kontinenten im Einsatz

LGD-Varianten sind in der Regel mit bestimmten geografischen Gebieten verbunden, wie zum Beispiel der kaukasische Hirtenhund, der Pyrenäenberghund und der Maremmen-Abruzzen-Schäferhund in Italien sowie viele andere lokale oder regionale Typen, einschließlich einiger, die noch nicht als Rassen im modernen Sinne anerkannt sind. Sie alle erfüllen im Wesentlichen dieselbe Aufgabe, und etwaige Unterschiede zwischen ihnen sind nicht so wichtig wie die Auswahl guter Hunde, ihre gute Aufzucht und die Bereitstellung geeigneter Bedingungen, unter denen sie ihr Potenzial entfalten können. Dies erfordert in der Regel die Anwesenheit von Schäfern. Obwohl LGDs bekannt dafür sind, Herden ohne ständige menschliche Anwesenheit zu bewachen, vielleicht mithilfe von automatischen Fütterungsanlagen, kann man von ihnen nicht erwarten, dass sie über weit verstreute Viehbestände wachen, erst recht nicht auf zugewachsenen Weiden oder in unebenem Gelände, wo sich Raubtiere unentdeckt nähern können. Von ihrer ursprünglichen Heimat in Asien und Europa aus haben sich die LGDs über die ganze Welt ausgebreitet und sind derzeit auf allen Kontinenten mit Ausnahme (bisher!) der Antarktis anzutreffen, wo sie fast alles von Geflügel bis zu Rindern schützen.

In den Alpen wurden die Strategien zum Schutz der Herden vor Raubtieren weitgehend aufgegeben, nachdem Wölfe, Bären und Luchse ausgerottet worden waren, aber viele Landwirte sind als Reaktion auf die anhaltende Erholung der Großraubtiere zum Einsatz von LGDs zurückgekehrt. EU-finanzierte Projekte, die sich auf Großraubtiere konzentrieren, bieten Landwirten oft finanzielle Unterstützung und Hilfe bei der Umsetzung von Methoden zur Verringerung ihrer Verluste durch Raubtiere. Nicht tödliche Präventionsmaßnahmen sind besonders geeignet, wenn geschützte Arten Schäden verursachen. Wie das slowakische Sprichwort sagt, hilft dies, „den Wolf satt und das Schaf gesund zu halten“.

Robin Rigg

Robin Rigg ist Spezialist für Großraubtiere in der Slowakei, derzeitiger Chefredakteur von „Carnivore Damage Prevention News“, Mitglied der IUCN Large Carnivore Ini tiative for Europe und arbeitet an der Universität Ljubljana an einer Doktor arbeit über Wölfe. 

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