27.04.2011

Über den Adel des Geistes und die Nobilitierung in einer bürgerlichen Welt

»?Ein Schatz bis zum Ende des Lebens?«

Rob Riemen

Herr Riemen, moderne Demokratien sind stolz darauf, das Zeitalter der Monarchien, in denen nicht die Leistung, sondern die Geburt den Lebensweg bestimmte, überwunden zu haben. Warum wollen Sie den Begriff des Adels wieder beleben?

Wichtig ist, was nach „Adel“ kommt, nämlich „des Geistes“. Und Adel des Geistes ist ein sehr demokratisches Konzept. Eine Schlüsselfigur in meinem Buch ist Thomas Mann, für den der Adel des Geistes ein Eckpfeiler einer freien, demokratischen Gesellschaft ist. Die Freiheit des Menschen ist gleich seiner Würde. Mein Landsmann Spinoza würde sagen: „In Wahrhaftigkeit zu leben, Schönheit zu erzeugen und gerecht zu sein“. Das sind alles Dinge, die mit dem Gedanken des Adels des Geistes zu tun haben. Es ist der Leitfaden, nach dem wir alle streben sollten. Das hat nichts mit dem Geblüt oder ähnlichem zu tun.

 

Sie schreiben, dass wir seit Thomas Mann den Begriff Geistesadel kaum noch gehört haben und dass er in unserer Gesellschaft deplatziert sei. Was führte zu dieser Verschüttung?

Thomas Mann nutzte den Titel „Adel des Geistes“ für einen Essay-Band im Jahre 1945, als die Welt in Trümmern lag. Alles, was wir zuvor mit diesem Wort verbanden – z.B. der Gedanke, dass es ein menschliches Ideal gibt, nach dem wir streben sollten – war diskreditiert. Es gab 1945 zu viele Intellektuelle, die zuvor ihre moralische Integrität nicht bewahrt hatten und Teil der Nazibewegung geworden waren. Der zweite Grund war die Aufgabe des alten Gedankens der Bildung durch die Aufgabe des Glaubens an die Kultur und durch die Aufgabe des Gedankens transzendentaler Werte. Wir glauben an die Technologie und daran, dass wir alles nach unseren Vorstellungen erschaffen können. Der Gedanke der klassischen Bildung und Hochkultur war außerdem verbunden mit Konservatismus und Reaktion. Heute realisieren die Menschen, dass wir in einer seelenlosen Gesellschaft leben.

 

Ist es nicht auch ein ganz banales Problem der Massengesellschaft, dass Intellektuelle heute weniger durchdringen als zu früheren Zeiten? 2007 holten etwa Peter Grünberg und Gerhard Ertl gleich zwei Nobelpreise in einem Jahr nach Deutschland. Doch die Öffentlichkeit interessierte sich für die Kandidaten der Fernsehsendung „Deutschland sucht den Superstar“.

Damit berühren Sie den Kern des Problems. Wovon sprechen wir, wenn wir über die Massengesellschaft reden? „Masse“ hat nichts mit Zahlen zu tun, sondern mit einer Gesellschaft, die nicht mehr an geistigen Werten interessiert ist, sondern nur an Materialismus. Eine Gesellschaft, angetrieben durch Konsum, Ängste, Hypes – und eine, in der man sich die Identität kaufen kann, z.B. mittels der Kleidung, des Autos oder einer Uhr.

 

Die Finanzkrise der letzten Jahre hat gezeigt, dass der Materialismus und die Gier meist stärkere Kräfte entfalten als der Idealismus oder der Altruismus. Wie lässt sich dies durchbrechen?

Wir müssen wieder zurück zum europäischen Humanismus. Der Humanismus versucht, den Menschen zu erklären, dass die wahre Identität nicht darauf basiert, ob man männlich oder weiblich ist, schwarz oder weiß, reich oder arm, Macht hat oder nicht, sondern auf etwas Universellem, das wir alle teilen. Wir haben ein Bewusstsein, eine menschliche Seele, die man kultivieren muss. Das Instrument dazu ist die Bildung, und Bildung ist keine Wissensökonomie. Leider spricht heute keine Universität mehr über Weisheit. Wir leben in einer Kitschgesellschaft, wir sind der Ansicht, dass wenn Menschen bekannt und berühmt sind, sie auch wichtig sind. Wir sind der Ansicht, dass wenn Menschen viel Geld haben, sie auch erfolgreich sind.

 

Welche Bedeutung hat der Adel des Geistes für die Gesellschaft?

Adel des Geistes ist kein Elitekonzept. Er ist jedoch ein Ausdruck des europäischen Geistes. Das wichtigste im Leben darf nicht sein, wer am besten meine Interessen bedient, sondern die Lebensqualitäten. Liebe ist eine Lebensqualität, Freundschaft ist eine Lebensqualität, Bildung ist eine Lebensqualität, Schönheit ist eine Lebensqualität, Wahrheit ist eine Lebensqualität. Nur diese Dinge sind in der Lage, unsere Gesellschaft zu zivilisieren. Zu einer Renaissance unseres Kontinents kann es nur kommen, wenn wir wieder einen europäischen Geist finden. Warum finden es so viele Menschen mit einem islamischen Hintergrund schwer, sich in die europäische Gesellschaft einzufügen? Warum war es für die Juden 1800 so viel leichter? Weil es zu dieser Zeit noch einen europäischen Geist gab. Es gab etwas, in das man sich integrieren konnte. Und man konnte dennoch jüdisch bleiben und zugleich Deutscher werden.

 

Was unterscheidet den Geistesadel von anderen Formen vermeintlichen Idealismus‘, z.B. der „Political Correctness“?

Adel des Geistes hat nichts mit Political Correctness zu tun. Denn diese gründet sich auf eine bestimmte Art der Furcht, z.B. dass ich niemanden beleidigen möchte. Adel des Geistes will hingegen unsere Identität vergrößern, auf dass wir größer werden als wir sind.

 

Ein interessanter Gedanke Ihres Buches ist, dass das 20. Jahrhundert „die Ewigkeit vom Thron gestoßen hat“ und die Gegenwart kein Gestern und kein Morgen mehr kennt. Welche Bedeutung hat die Tradition und das Eingebettet-Sein darin?

Das sind zwei unterschiedliche Punkte. Zunächst einmal der Gedanke der Ewigkeit. Wenn nichts ewig ist, reduziert sich das Leben auf das Jetzt. Und ich glaube, es gibt eine enge Verbindung zwischen dem Umstand, dass es keine Ewigkeit mehr gibt und dass wir keine Zeit mehr haben. Alles was wir tun, muss jetzt getan werden, alles muss sofort geschehen. Durch Handy und E-Mail hat keiner von uns mehr Zeit.

Der Gedanke der Tradition sollte nicht bedeuten, dass sich nichts ändern muss. Tradition bezieht sich vielmehr auf Dinge von ewigem Wert, die für uns immer von Bedeutung sein werden. Plato schrieb seine Werke vor 2500 Jahren, und sie haben immer noch Bedeutung für uns. Bach schrieb seine Musik vor 400 Jahren, und sie hat immer noch Bedeutung. Wir sind verpflichtet, Dinge von Bedeutung zu übermitteln und in die Gegenwart zu übersetzen. Eine Gesellschaft ohne Tradition und ohne Vergangenheit wäre völlig verloren. Wenn es keine Tradition gibt, gibt es auch keine Zukunft. Und wo es keine Zukunft mehr gibt, gibt es keine Hoffnung.

 

Tun die Geisteswissenschaften und die Wissenschaften überhaupt genug für den Adel des Geistes?

Es gibt natürlich Ausnahmen, aber im Allgemeinen muss ich sagen, dass es schon lange einen Bruch zwischen der akademischen Welt und der Welt des Adels des Geistes gibt. Grundsätzlich sollten die Geisteswissenschaften die Verantwortung dafür haben, dass sich der Gedanke der Bildung von jedermann zu eigen gemacht werden kann. Doch die Welt der Wissenschaft ist zu einer geschlossenen Gesellschaft geworden, in der alle nur noch daran interessiert sind, die richtigen Fußnoten etc. zu setzen. Zu viele Intellektuelle sind Akademiker geworden. Sie schreiben in einer Sprache, die niemand versteht. Die normalen Menschen sind von der Elite im Stich gelassen worden. Die Elite hat die Verantwortung nicht angenommen, klare Anweisungen zu schreiben, gute Bücher zu veröffentlichen, den Medien und der Bildung Qualität zu verleihen.

 

Die Nobilitäten der Antike saßen in prächtigen Villen. Der europäische Adel saß seit dem Mittelalter in Burgen, Schlössern und Herrenhäusern. Das alte Bildungsbürgertum saß im Kontor und in der Bibliothek. Was ist der Raum des Adels des Geistes im 21. Jahrhundert?

Für mich ist das immer noch die Bibliothek. Weil es ein fortlaufendes Gespräch mit Menschen ist, die einem voraus sind. Die Klassiker, die mich niemals im Stich lassen werden. Egal in welcher Phase Sie sich befinden, Sie können auf etwas zurückgreifen. Um jemand zu sein, benötigt man Inhalte. Bibliotheken bieten diese Inhalte.

 

Eine alltägliche Beobachtung ist, dass das Böse die Menschen mehr fasziniert als das Gute. Schreckensnachrichten finden eher Gehör als Erfolgsmeldungen, Krimis haben höhere Auflage als schöngeistige Sachbücher. Ist der Adel des Geistes nicht eine Utopie?

Exzellente Frage. Für Thomas Mann war der Unterschied zwischen Mensch und Tier die Doppelnatur. Auf der einen Seite haben wir unseren Körper und Instinkte etc., mit denen wir wie Tiere sein können. Aber wir haben auch einen Geist, wir wissen, was Freiheit ist, wir kennen Freundschaft und all die anderen Dinge.

Wir leben jedoch in einer kommerziellen Gesellschaft. Diese will erstens: Geld; und zweitens: so viel Geld wie möglich. Und wie erreicht man das? Indem man Dinge mit dem größten gemeinsamen Nenner findet. Doch der größte gemeinsame Nenner sind immer die niedrigsten Dinge.

Doch wenn Ihr Kind krank wird, wenn Sie selbst krank werden, wenn Sie Ihre Arbeit verlieren, wenn es zu den tragischen Seiten des Lebens kommt, hat Ihnen die kommerzielle Welt nichts zu bieten. Amüsement bedeutet Flucht aus dem Alltag sowie eine schöne Zeit zu haben. Aber die Welt der Musen lässt uns etwas verstehen. Das kann manchmal schwer sein. Aber wenn man es verstanden hat, ist es ein Schatz bis zum Ende des Lebens.

Erschienen in Rotary Magazin 4/2011

Rob Riemen
Rob Riemen ist Gründer und Präsident des Nexus Instituts in den Niederlanden, eines internationalen Zentrums für die Debatte sozialer, philosophischer und künstlerischer Themen. Im Herbst 2010 erschien bei Siedler „Adel des Geistes. Ein vergessenes Ideal“. www.nexus-instituut.nl

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