Titelthema: Populismus - Eine Gesellschaft zerfällt

Trügerisches Idyll. Zahlreiche Dörfer in Frankreich erscheinen auf den ersten Blick noch immer malerisch. Auf den zweiten Blick erkennt man ihren langsamen Verfall. © Christian Kerber/laif

01.05.2017

Titelthema: Populismus 

Eine Gesellschaft zerfällt

Christophe Guilluy

Der Erfolg des Populismus ist mehr als eine konjunkturelle Erscheinung. Er ist das Ergebnis dramatischer Veränderungen in den westlichen Ländern.

Angefangen mit der Wahl von Donald Trump in den USA über die Erfolge des Front National in Frankreich bis hin zum „Brexit“ beruhen die Erfolge der Populisten auf einer breiten gesellschaftlichen Entwicklung: dem zunehmenden Verschwinden der Mittelschicht. Die populistischen Be­wegungen entstehen auch fast überall in den gleichen Regionen, nämlich in den städ­tischen Randgebieten und in den länd­lichen Räumen. Deren Verfall ist eine Folge der Anpassung der westlichen Gesellschaften an die Normen der globalisierten Wirt­schaft. Verstärkt wird der Populismus auch durch eine weitere Begleiterscheinung der Globalisierung: die multikulturelle Gesell­schaft.

Sozialer Niedergang
Bildeten die Arbeiter, Angestellten und Bau­ern gestern noch den Sockel der westlichen Mittelschicht, so sind sie heute die großen Verlierer des Anpassungsprozesses der westlichen Ökonomien an die Bedingungen der Weltwirtschaft. Die Globali­sie­rung führte zu einer internationalen Arbeits­teilung, die langfristig die traditio­nelle westliche Mittelklasse bestraft. So erfolgte die Entstehung der chinesischen oder indischen Mittelschicht zum Nachteil der amerikanischen, französischen oder britischen Arbeiter oder Angestellten. Die­se schreckliche Feststellung erklärt, warum wir seit rund dreißig Jahren einen Prozess des „Abgangs der Mittelschicht“ erleben. Das Wirtschaftsmodell bezieht nur einen Teil der Bevölkerung ein und schließt die unteren Schichten aus.

Seit mehreren Jahrzehnten konzentrie­ren sich die Arbeitslosigkeit, aber auch die prekären Beschäftigungsverhältnisse vorrangig auf die westlichen Arbeitnehmer und Angestellten, aber nicht auf die oberen Schichten. So fallen nach und nach die Industriearbeiter, anschließend die Ange­stellten, die Bauern und künftig auch die intermediären Berufe aus der Mittelklasse heraus, um sich der Gruppe der Verlierer der Globalisierung anzuschließen. Die Deindustrialisierung, aber auch die Veränderung der Produktionsbedingungen, haben diejenigen Schichten geschwächt, die einst die Basis der westlichen Mittelklasse bildeten.

Der Erfolg des Populismus ist nicht konjunkturbedingt, da er sich langfristig entwickelt. Die Wahl von Trump ist die Folge des Finanzmarkt-Kapitalismus der amerikanischen Wirtschaft unter Bill Clinton. In gleicher Weise ist der Brexit die Folge eines Prozesses der Deindustrialisierung der britischen Wirtschaft während der Ära Thatcher. Auch in Frankreich sind die Stimmen der Arbeiter für den Front National die Folge einer Deindustrialisierung, die ab Ende der 1970er Jahre in die Wege geleitet worden ist.

Bedeutet dies, dass das Modell der Globalisierung nicht funktioniert? Nein. Es ist falsch, die Frage so zu stellen: für oder gegen eine globalisierte Ökonomie? für oder gegen den Liberalismus? Denn das globalisierte Wirtschaftsmodell erzeugt zweifel­los Wohlstand und Reichtümer. Das Pro­blem ist, dass es nicht gesellschaftsfördernd ist. In allen europäischen Ländern haben die Ungleichheiten zugenommen; und die­se Gesellschaften teilen sich auf in diejenigen, die von der Globalisierung profitieren (den oberen Schichten) und den Verlie­rern. In Frankreich zeigen uns die sozialen Indikatoren, dass der Lebensstandard der oberen Schichten gestiegen ist, während derjenige der einfachen Schich­ten (Arbeiter und Angestellte) gesunken ist.

Entgegen der allgemeinen Ansicht waren die einfachen Schichten nicht grundsätzlich gegen das globalisierte Wirtschafts­system, sie haben sogar das Spiel der Globa­lisierung mitgespielt und das europäische Projekt unterstützt. Doch heute stel­len sie objektiv fest, dass ihnen dieses Modell nichts gebracht hat.

Räumliche Ausgrenzung
Diese gesellschaftliche Ausgrenzung fällt umso stärker aus, wenn sie mit einer räumlichen Ausgrenzung einhergeht. Die Stimmen für den Populismus haben nicht nur soziologische Ursachen, sondern auch geographische.  

Seit zwanzig Jahren erleben wir einen starken sozialen Umbau der Regionen, mit einer Konzentration der oberen Schichten, aber auch der Immigranten und Minderheiten, in den großen globalisierten Städten – und einer Verteilung der einfachen Klassen auf Kleinstädte, mittelgroße ­Städte und ländliche Gebiete. Diese soziale Umstrukturierung ist eine der geographischen Folgen der Anpassung an die Globalisierung. In Europa ebenso wie in den USA konzentrieren sich die Schaffung von Arbeitsplätzen, die dynamischsten Wirtschaftszweige und die Reichtümer künftig auf wenige Metropolen. Diese Situa­tion erklärt, warum in Europa und in den USA künftig nur wenige Großstädte den Großteil der Reichtümer produzieren. Und der Immobilienmarkt der Metropolen schafft die Bedingungen für die Präsenz derjenigen Gruppen, die benötigt werden.

Heute benötigen die westlichen Ökonomien vor allem hochqualifizierte Oberschichten und an deren Rand einfache und häufig gering qualifizierte Schichten, um Tätigkeiten auf dem Gebiet der Dienstleistungen, Baubranche oder Gastronomie  aus­­zuüben. Der wirtschaftliche Erfolg der großen Metropolen beruht somit auf einem sehr ungleichen soziologischen Binom: Oberklassen auf der einen Seite und einfache Klassen von Einwanderern auf der anderen. In dieser wirtschaftlichen Struktur hat die Mittelklasse keinen Platz mehr.

Diese wirtschaftliche Spezialisierung der Metropolen, die in Frankreich, den USA und Großbritannien besonders stark ist, hat nach und nach die Mittelklasse in die Kleinstädte, mittelgroßen Städte und länd­lichen Gebiete vertrieben.

Deshalb lebt die Mehrzahl der Arbeiter, Angestellten, jungen Menschen und Rentner, die aus einfachen Klassen hervorgegan­gen sind, heute weit von den aktivsten Wirtschaftsregionen entfernt. Zum ers­ten Mal in der Geschichte leben die Arbeiter und Angestellten nicht mehr dort, wo die Reichtümer erzeugt werden. Diese räumliche Verteilung veranschaulicht per­fekt das Ende der westlichen Mittelschicht. Daher ist es kein Zufall, dass sich der Erfolg der Populisten an ihren Peripherien entwickelt (die Wahl von Trump wurde in den USA vom „randständigen Amerika“, der Brexit vom „randständigen England“ getragen) und dass der Front National in Frankreich die meisten seiner Stimmen im „randständigen Frankreich“ bekommt. Diese Strömungen werden verstärkt durch einen Prozess der Sesshaftwerdung der einfachen Klassen weit von den aktivsten Beschäftigungszonen entfernt. Der Bruch zwischen den globalisierten Metropolen und den Randgebieten ist auch derjenige zwischen den Nichtsesshaften und den Sesshaften.

Demographische Instabilität
Die sozialen und geographischen Aspekte sind jedoch nicht allein für den Erfolg der Populisten maßgeblich. Auch die Entstehung der multikulturellen Gesellschaften ist ein wesentlicher Motor dieses Erfolgs.

Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der der „Andere“ (Einwanderer, Minderheiten) nicht „heimisch“, bzw. integriert wird. Doch wenn der Andere nicht heimisch wird, müssen die Alteingesessenen wissen, wie viele Andere es geben wird. Die Angst der Bevölkerung vor der Einwanderung ist mit der Angst verbunden, zur Minderheit im eigenen Land zu werden.

Die demographische Instabilität erzeugt auf diese Weise eine kulturelle Unsicherheit, die vor allem von jenen wahrgenommen wird, die nicht die Mittel für eine un­­sichtbare Grenze gegenüber dem Anderen haben. Im Gegensatz zu den einfachen Klassen haben die höheren Klassen die Möglichkeit, unsichtbare Grenzen zu errich­ten (sie können ihren Wohnort wählen, oder die Schule, zu der sie ihre Kinder schicken). Sie können sich somit für eine offene Gesellschaft aussprechen, indem sie sich vor ihr schützen.

Im Gegensatz dazu werden die einfachen Klassen, die nicht die Mittel für eine unsichtbare Grenze gegenüber dem Ande­ren haben, von einem starken Staat verlan­gen, sie zu schützen und die Grenzen auf­rechtzuerhalten. Sie werden daher sehr viel empfänglicher für populistische Parolen sein als die anderen. Darum werden die populistischen Strömungen – auch in Län­dern mit geringer Arbeitslosigkeit – von denselben Bevölkerungsklassen getragen und entstehen in den gleichen Regionen. Das randständige Österreich, die randständige Schweiz oder das randständige Deutschland tragen auf diese Weise die Welle des Populismus.

Der populistische Protest nimmt in allen Industrieländern zu, und den großen Parteien fällt es schwer, ihm zu begegnen. Dies hängt vor allem mit der Tatsache zusammen, dass die traditionellen großen Parteien für und von einer Mittelklasse konzipiert worden sind, die es heute nicht mehr gibt. Um eine Rechts-links-Spaltung herum strukturiert, an die die Wähler nicht mehr glauben, ist es diesen Parteien nicht gelungen, die tatsächliche Spaltung zu be­seitigen, die heute zwischen den Gewinnern und den Verlierern der Globalisierung besteht. Damit geben sie dem Populismus freie Bahn.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2017

Rotary Magazin 5/2017

Rotary Magazin Heft 5/2017

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Populismus

Wird die Politik der postmodernen Gesellschaften künftig von ihren Rändern her bestimmt? Oder wird die politischen Mitte stärker? Zu den Ursachen eines politischen Phänomens und möglichen Antworten.

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