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Editorial

Eine Jahrhundertidee

Editorial - Eine Jahrhundertidee

René Nehring über den Gesellschaftstheoretiker Karl Marx

René Nehring01.03.2018

In diesem Jahr erinnert sich die politisch interessierte Öffentlichkeit an den 200. Geburtstag des Gesellschaftstheoretikers Karl Marx. Schon in den vergangenen Monaten sind zahlreiche Biographien und Artikel dazu erschienen, die unter anderem – im Angesicht der Währungs- und Finanzkrise der letzten Jahre – vielfach dafür plädieren, die Marxsche Kritik am Kapitalismus wiederzuentdecken und den gebürtigen Trierer als philosophischen Klassiker der Moderne zu rehabilitieren. Gegen dieses Bemühen ist im Grunde nichts einzuwenden, denn Marx gehört zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels zweifellos zu den großen Analytikern der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, die sowohl ungeahnten Wohlstand als auch große Armut brachte.

Doch können diese Rehabilitierungsversuche nicht verdecken, dass am Ende der von Marx und Engels begründeten Ideologie die – freilich von ihren Jüngern zu verantwortende – Katastrophe von 70 Jahren real existierendem Sozialismus stand. Leider überlagert die öffentliche Fokussierung auf Marx auch, dass vor 200 Jahren ein weiterer bedeutender Reformer geboren wurde – Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Während Marx und Engels das entstehende Industrieproletariat als künftige gesellschaftliche Kraft sahen, setzten Raiffeisen und weitere Mitstreiter jener Zeit wie Hermann Schulze-Delitzsch darauf, durch die Gründung genossenschaftlicher Vereine Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und zugleich die Risiken und Erträge wirtschaftlichen Handelns zu teilen.

Aus dieser Idee - die dem heutigen Wirken Rotarys durchaus ähnlich ist - entstand eine Bewegung, die anders als der Kommunismus tatsächlich funktionierte und die noch immer zu den großen ökonomischen und gesellschaftlichen Kräften zählt: Genossenschaften dominieren den Agrarhandel, die Volks- und Raiffeisenbanken gehören zu den großen Akteuren des einheimischen Finanzsektors, genossenschaftliche Unternehmen wie Edeka und REWE sind Großmächte im Einzelhandel, und auf dem Immobilienmarkt sind Wohnungsgenossenschaften beliebte Vermieter.

Wie aktuell die Ideen von Raiffeisen & Co. noch immer sind, zeigte sich gerade erst dieser Tage wieder. Nachdem in Hamburg die katholische Kirche verkündete, aus finanziellen Gründen mehrere ihrer Schulen schließen zu wollen, überlegen nun einige Eltern, die bedrohten Häuser mit einem Genossenschaftsmodell zu retten. Angesichts dessen ist es schade, dass von den Genossenschaften selbst bislang relativ wenig zu ihrem Jubiläum zu hören war. Um so wichtiger sind die thematisch breit gestreuten Beiträge im Rotary Magazin. Diese zeigen nicht zuletzt, dass die Genossenschaftsidee gerade in unserer Zeit, in der die Welt wie im 19. Jahrhundert einen großen gesellschaftlichen Wandel zu bewältigen hat, noch immer ein interessantes Modell ist.


Es grüßt Sie herzlichst Ihr

René Nehring
Chefredakteur