16.12.2013

Zuflucht in der DDR 

Erinnerungen an eine Kindheit im Pfarrhaus

Hildigund Neubert

Unter den Institutionen, die für die deutsche Kulturgeschichte prägend sind, hat das evangelische Pfarrhaus einen besonderen Rang. Was als revolutionäre Tat begann – der Auszug der Geistlichkeit aus dem Kloster und die Gründung einer eigenen Familie inmitten der Gemeinde – wurde zu einer Heimstatt der schönen Künste, der Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Wissenschaft und zu einem prägenden Elternhaus. Der allgemeine Wandel der Institutionen geht freilich auch nicht am Pfarrhaus vorbei. Unterdessen rückt das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 allmählich näher.

Gab es die typische Kindheit im evangelischen Pfarrhaus in der DDR? Wohl nicht. Die Erfahrungen der Pfarrerskinder in einem volkskirchlichen Dorf unterschieden sich erheblich von denen in einer entchristianisierten Stadt. Die einzelnen Lehrer und Schulen waren durchaus unterschiedlich in ihrer ideologischen Schärfe: Lehrer konnten christliche Schüler demütigen oder sie wenigstens in Ruhe lassen oder ihnen sogar Wege der Beteiligung am Unterricht und am Schulleben öffnen. So können meine persönlichen Erinnerungen nur ein kleiner Mosaikstein sein.

Meine Kindheit konnte ich in einer Oase verleben. Gnadau – eine Gründung der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeine, die sich im 17. Jahrhundert in den protestantischen deutschen Ländern ausbreitete. Die barocke Grundanlage und die weiß-goldene Kirche sind unverfälscht erhalten – ein grünes Dorf mitten in der Rübensteppe der Magdeburger Börde.

Aber auch in einer anderen Hinsicht war Gnadau eine Oase: Das kirchliche Leben dominierte selbst zu DDR-Zeiten den Alltag, jedenfalls soweit ich ihn als Kind wahrnehmen konnte. Es gab eine auch musikalisch sehr aktive Kirchengemeinde, eine kirchliche Ausbildungseinrichtung, ein kirchliches Altenheim und ein Rüstzeitenheim, unter deren Mitarbeitern viele Kinder in unserem Alter hatten. Die wichtigen Bauernfamilien standen, obwohl längst in die LPG gezwungen, fest in der Tradition der Brüderunität. So musste ich die schlimmen Diskriminierungserfahrungen, die viele christliche Kinder schon in der Grundschule erlebten, nicht durchmachen. Die Christen in der Zwergschul-Klasse waren in der Mehrheit und bildeten die Leistungsspitze. Wer nicht dazugehörte, tat mir eher leid.

Das Elternhaus war ausgesprochen kulturbürgerlich geprägt. Beide Eltern waren Lehrerskinder. Meine Mutter gab 1957 bei der Geburt des ersten Kindes ihre Arbeit als Krankenschwester auf. So erlebten wir fünf Kinder eine für DDR-Verhältnisse doch ungewöhnlich traditionelle Rollenverteilung. Wir genossen eine vielfältige musikalische Ausbildung und wurden viel zum Lesen angeregt, was bei dem schmalen Angebot an guter Kinderliteratur in der DDR vor jedem Weihnachtsfest zu einem Versorgungsproblem führte. Dass wir schon damals Erich Kästner, James Krüss und Astrid Lindgren kennen lernten, verdankten wir den Schmuggel-Erfolgen der treuen Westverwandtschaft.

Erste Erschütterung

1968, ich war acht Jahre alt, mussten meine Geschwister und ich in den Sommerferien für einige Zeit in einer befreundeten Familie leben. Meine Eltern waren nach Prag gefahren, um den Prager Frühling zu erleben. Am 21. August waren sie schon wieder zuhause, und für mich wurde ihre tiefe Erschütterung über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen zum ersten politischen Erlebnis. Die politischen Auseinandersetzungen begannen für uns Gnadauer Kinder erst in der fünften Klasse, wenn wir in die Kreisstadt zur Schule mussten. Erst hier spielten Pioniere, FDJ und Staatsbürgerkunde (der Marxismus-Unterricht) eine Rolle, und wir Christen spürten die grundsätzliche Distanz zu dieser Ideologie. Aber man kannte hier die Gnadauer schon. So traf mich der politische Druck noch nicht scharf, aber meine ältere Schwester wurde „natürlich“ nicht zum Abitur zugelassen.

Erst mit dem Umzug, der mich 13jährig in die Stadt Erfurt versetzte, lernte ich die Diaspora der Christen in der DDR kennen. Auch die wenigen christlichen Mitschüler in der neuen Klasse waren „selbstverständlich“ bei den Pionieren und gingen nun in die FDJ-Organisation. Sie hatten noch nie davon gehört, dass es möglich sei, da nicht dabei zu sein. Auf Diskussionen ließ sich der hiesige Staatsbürgerkundelehrer nicht ein, sie wurden sofort mit dem Totschlagsargument „Du bist wohl nicht für den Frieden?!“ niedergemacht.

Zuhause erlebte ich dagegen weiterhin die gewohnte Diskussionsfreiheit. Der 17. Juni 1953 und der 13. August 1961 gehörten zu den in der Familie immer wieder thematisierten schmerzlichen Geschichtsereignissen. Eine Patentante der Familie war nach 1945 durch Denunziation nach Buchenwald gekommen und hatte nur knapp überlebt. Die Diskussionen im Elternhaus und in der Schule waren völlig konträr. Zum Beispiel Martin Luther King. Zuhause wurde er als Christ und Vorbild der Nächstenliebe und Gewaltfreiheit wahrgenommen. Der friedliche Protest der Menschen, die die Benutzung der rassengetrennten Busse verweigerten, hat mich fasziniert – ich war aber die einzige in der Klasse, die davon wusste. Das passte wohl nicht zum Klassenkampf. In der Schule kam King nur als Klassenkämpfer vor, der wegen seiner „religiösen Bindung“ letztlich gescheitert sei. Denn das System des amerikanischen Imperialismus wurde ja damit nicht abgeschafft.

West-Kontakte

Seit der Zeit des Konfirmandenunterrichts und der ideologischen Auseinandersetzungen in der Schule habe ich meine Situation als eine privilegierte erlebt: Ich hatte im Elternhaus Kontakt zu vielen Besuchern aus dem Westen. Nicht nur die zahlreiche Verwandtschaft, die uns trotz aller Widrigkeiten an der Grenze die Treue hielt, sondern auch Gäste aus der weltweiten Ökumene, in der mein Vater engagiert war, wohnten bei uns. Einmal – bevor er Bundespräsident wurde – besuchte uns sogar Richard von Weizsäcker auf einer Reise, bei der er sich noch einen letzten unmittelbaren Eindruck von der DDR verschaffen wollte, bevor sein Staatsamt ihn in diplomatische Zwänge setzen würde. Die Gespräche mit weniger gewichtigen Gästen waren aber für uns Jugendliche ertragreicher, wir konnten unseren Horizont erweitern.

Allerdings musste ich immer wieder erleben, dass es zwischen der sozialistischen Welt der Schule und der Welt von Familie und Kirche unüberbrückbare Gräben gab. Mit den zuhause als schlüssig erscheinenden Argumenten konnte ich oft in der Schule das geschlossene Ideologie-System der Lehrer nicht „knacken“ und die Mitschüler, die mir in der Pause auf die Schulter klopften, schwiegen im Unterricht. Es waren immer wieder Situationen der Peinlichkeit und Gefühle der Niederlage, die nach solchen Versuchen zurück blieben. Auch zuhause konnte das nicht aufgelöst werden und blieb als persönliches Versagen stehen.

Doch auch zuhause gab es Tabus. Meine Eltern hatten sich, nachdem beide zuvor schon im Westen gelebt hatten, in den 50er Jahren bewusst für ein Leben in der DDR entschieden. Hierher habe Gott sie gestellt, hier das Evangelium zu verkünden, die Brüder und Schwestern nicht allein zu lassen. So wagte keines von uns Geschwistern trotz aller beruflichen Einschränkungen ernsthaft den Gedanken, in den Westen zu gehen.

Autonome Denkwelten

Dennoch dominierte das Gefühl, dass der christliche Glaube, die Bibel und die weltweite Kirchengeschichte mir Denk- und Sprachwelten öffneten, die den meisten Klassenkameraden verschlossen blieben. Mein Konfirmator hat das gespürt und mir den Spruch Gal. 5,1 gegeben: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder unter das knechtische Joch fangen.“ Eine Zusage – aber auch eine Aufgabe: Lasst euch nicht wieder fangen! Da mein Vater in der kirchlichen Hierarchie aufgestiegen war, gab es seitens des Staates eine Phase der Zugeständnisse: Mein Antrag auf Zulassung zur Erweiterten Oberschule (zum Abitur) wurde genehmigt, wie auch der meines ein Jahr jüngeren Bruders. Man hoffte auf politisches Wohlverhalten meines Vaters als Gegenleistung. Da dies ausblieb, hatte mein jüngster Bruder diese Chance nicht.

Die Auswahl der für mich in Frage kommenden Studienfächer war allerdings begrenzt: Ich hätte gern Sprachen oder ein anderes auf das Ausland orientierte Fach studiert. Aber als späterer „Reisekader“ kam ich natürlich nicht in Betracht. So machte ich mein intensiv betriebenes Hobby zum Beruf: die Musik. Schulmusikerin kam natürlich auch nicht in Frage. Aber im Gesang bestand ich die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule „Franz Liszt“ in Weimar. In der aktuellen Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin kommt das evangelische Pfarrhaus zu DDR-Zeiten kaum vor. Ein Versehen? Das kann eigentlich nicht sein, sind doch etliche nicht ganz unbedeutende Politikerinnen und Politiker der heutigen Bundesrepublik aus diesem Milieu hervorgegangen. Offensichtlich irritierte, dass gerade die letzten Refugien des Bürgerlichen in der gleichgeschalteten, ihrer Milieus beraubten Gesellschaft des Arbeiter-und-Bauern-Staates – die Pfarrhäuser – Orte der Freiheit des Geistes und oft genug der Zuflucht in Zeiten der Bedrängnis waren.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2013

Hildigund Neubert
Hildigund Neubert ist Staatsekretärin in der Thu?ringischen Staatskanzlei. Von 2003 bis 2013 war sie Landesbeauftragte des Freistaats Thu?ringen fu?r die Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Ihr Vater ist Propst Dr. Heino Falcke, der zu den bedeutendsten staatskritischen evangelischen Theologen in der DDR gehörte.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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