16.12.2013

Wissenschaft und Volksaufklärung 

Das evangelische Pfarrhaus als Bildungskosmos

Shirley Brückner

Unter den Institutionen, die für die deutsche Kulturgeschichte prägend sind, hat das evangelische Pfarrhaus einen besonderen Rang. Was als revolutionäre Tat begann – der Auszug der Geistlichkeit aus dem Kloster und die Gründung einer eigenen Familie inmitten der Gemeinde – wurde zu einer Heimstatt der schönen Künste, der Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Wissenschaft und zu einem prägenden Elternhaus. Der allgemeine Wandel der Institutionen geht freilich auch nicht am Pfarrhaus vorbei. Unterdessen rückt das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 allmählich näher.

Die eigentliche Hohe Schule, die mir die Pforten der Wissenschaft aufgetan und ihr weites Reich – wenn auch nur von fern und verschleiert, und doch im glänzenden Lichte verlockender Reize zeigte, war neben des Vaters Studierstube seine Bibliothek. Hier, wo mich schon die Büchertitel und Namen der Einbände in eine unbekannte Welt hoben, hab´ ich in stiller Einsamkeit meine seligsten Stunden verlebt.“ So erinnerte sich der Maler, Kunsthistoriker und Schriftsteller Ernst Förster (1800–1885), an seine Kindheit in einem thüringischen Pfarrhaus im Saaletal. Der Bildungskosmos des evangelischen Pfarrhauses, in dem der Pfarrer zum ersten Lehrer seiner Kinder wurde, bot denen, die darin lebten, ein reiches Tableau an Anregungen. Einen besonderen Platz nahmen dabei die Bibliotheken der Pfarrer ein, die einen Eindruck von der immensen Breite der Interessen wie von der Intensität und Ernsthaftigkeit vermitteln, mit der man sich im Pfarrhaus Bildung und Wissenschaften widmete. Die Bücherschätze des Pfarrhauses öffneten nicht nur den Pfarrerskindern (lange nur den Söhnen) oft die ersten Bildungserlebnisse, sondern wurden mitunter auch den Gemeindegliedern leihweise zugänglich gemacht.

Pioniere auf dem Gebiet der Sprachen

Im Zentrum pfarrhäuslicher Bildungsinteressen steht das Lesen, Verstehen und Auslegen von Texten. Für den Pfarrer und Prediger der protestantischen Schriftreligion steht die Auslegung der biblischen Texte an erster Stelle. Bedingt durch die reformatorische Rückbesinnung auf die biblischen Textquellen, das heißt auf die hebräischen und griechischen Urtexte der Heiligen Schrift, und Luthers Übersetzungsleistung der biblischen Urtexte in die deutsche Sprache, war die evangelische Theologie von Beginn an stark von den Philologien geprägt. Ihre breit angelegte (alt-)sprachliche akademische Bildung weckte in den Pfarrern ein fundiertes wie umfassendes Interesse an philologischen Fragestellungen und Arbeitsfeldern. Sowohl in den klassischen Sprachen wie Latein und Griechisch als auch in den orientalischen, etwa Hebräisch oder Arabisch, leisteten sie Pionierarbeit. So geht die erste publizierte vollständige arabische Koran-Edition auf den Hamburger Prediger und Orientalisten Abraham Hinckelmann (1652–1685) zurück. Auf gänzlich unerschlossenes Terrain wagten sich Theologen, die im Zuge missionarischer Unternehmungen weit entfernte Kontinente bereisten. Sie erforschten die regionalen Sprachen und Dialekte, fixierten sie mitunter erstmals schriftlich und verfassten Grammatiken, um das eigentliche Ziel, die Übersetzung der Bibel, realisieren zu können. So entstanden zahlreiche Editionen, Übersetzungen und Wörterbücher, die den Sprachenschatz nicht nur der pastoralen Welt erweiterten.

Doch nicht nur biblische Texte wurden im Pfarrhaus rezipiert. So gehörten etwa die Nacherzählungen der „Sagen des klassischen Altertums“ des schwäbischen Pfarrers und Schriftstellers Gutav Schwab (1792–1850), die er zwischen 1838 und 1840 in drei Bänden veröffentlichte, zu den Klassikern der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur, die Generationen von Schülern mit den Mythen der griechischen wie römischen Antike vertraut machten. Das Pfarrhaus wurde so zum Hort der Künste des Ohres: vor allem der Dichtung, aber auch der Musik, aus dem der deutschen Literatur eine Vielzahl von Sprachkünstlern erwuchs.

Sammler und Wissenschaftler

Doch die Bibliothek und der Bildungskosmos des Pfarrhauses beschränkten sich keineswegs auf theologisch-philologische Interessen. Vor allem das Jahrhundert der Aufklärung prägte das Bild des gelehrten Pfarrers, der als Sammler und Wissenschaftler seine Passionen oftmals klug mit den Aufgaben des (Land-)Pfarramtes, die weit über das eigentlich Theologische hinausgingen, zu verbinden wusste: Pfarrer widmeten sich dabei vor allem auch Fragen der Haus- wie Landwirtschaft, der Aufsicht der Schulen, aber auch Problemen der Gesunderhaltung von Mensch und Tier, was arzneiwissenschaftliche, medizinische wie veterinärmedizinische Kenntnisse erforderte. Immer ging es dabei um die praktische Verbesserung der Lebensverhältnisse der Pfarrkinder. Als gebildete Reformer wirkten sie vor allem auf dem Land als „Pioniere des Fortschritts“. Sie verstanden sich als Hauptträger der Volksaufklärung, und viele wissenschaftliche Beschäftigungen gingen nicht allein auf Forscherdrang, sondern auf (lebens-)praktische Notwendigkeiten zurück.

Ausgehend von zahlreichen Projekten der Welt- wie Menschenvermessung entstanden Reformen der „Verbesserung“ von Welt und Mensch. Die Vermessung ihrer kleinen Welt vor Ort war den Pfarrern aufgrund ihrer vielfältigen Amtsaufgaben vertraut, wie die chronikalischen, genealogischen und ökonomischen Aufzeichnungen in den Pfarrarchiven bezeugen. So finden sich die Anfänge der Bevölkerungsstatistik durch den Breslauer Pfarrer und Kircheninspektor Kaspar Neumann (1648–1715) und den Berliner Pfarrer und Demografen Johann Peter Süßmilch (1707–1767) ebenso im Pfarrhaus, wie die als zweite sächsische Landnahme in die Geschichte eingegangene Vermessung des Kurfürstentum Sachsens in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts durch den Pfarrer und „Land- und Grenzkommisar“ Adam Friedrich Zürner (1679–1742), von der bis heute die Postmeilensäulen in sächsischen Ortschaften zeugen.

Die „Verbesserung“ der Welt schlug sich insbesondere in Neuerungen in Landwirtschaft und Gartenbau nieder, wo Pfarrer als wichtige Erfinder und Multiplikatoren vor Ort beispielsweise entscheidend an der Einführung und Durchsetzung des Kartoffel- und Kleeanbaus beteiligt waren. Sie widmeten sich ebenso der Armutsbekämpfung und Ernährungsfragen und warben mit Impf- und „Knollen“-Predigten von der Kanzel aus für Reformen bei der Bevölkerung und suchten ihr Wissen in volksaufklärerischen Schriften zu verbreiten.

Das Vermessungs- und Verbesserungsstreben der rührigen Geistlichen machte – im Zeichen von Aufklärung und Pietismus – vor dem Menschen nicht halt. Der Züricher Pfarrer Johann Caspar Lavater legte zwischen 1775 und 1778 in vier Bänden seine „Physiognomischen Fragemente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe“ vor, die ihn in ganz Europa bekannt machten. Seine Theorie über den Zusammenhang von Gesichtszügen, Körperformen und Charakter wurde von den Zeitgenossen lebhaft diskutiert. In ähnlichem Geiste versuchten Graphologen, die die Handschrift als eine Form der Körpersprache, als Ausdruck des Naturells deuteten, von handschriftlichen Proben auf Persönlichkeitsmerkmale zu schließen. Die Aufsicht über das örtliche Schulwesen, das den Pfarrern seit Jahrhunderten unterstand, ihre reichhaltigen Erfahrungen als Hauslehrer in adeligen Familien, die viele Pfarrer vor der Übernahme einer Pfarrei gesammelt, die Menschenkenntnis, die sie sich als Hüter ihrer Pfarrkinder erworben hatten – all dies prädestinierte sie dazu, im „pädagogischen Jahrhundert“ als wichtige Protagonisten erzieherische Reformen voranzutreiben.

Schulreformer

So geht der Beginn der Vorschulerziehung in Frankreich auf den elsässischen Pfarrer und Sozialreformer Johann Friedrich Oberlin (1740–1826) zurück, der im verarmten Steinthal 1769 die Kinder seiner Pfarrei in der ersten Strickschule versammelte, wo ihnen neben handwerklichen Fertigkeiten auch Lesen und Schreiben beigebracht wurde. Der hallische Pfarrer Christoph Semler bot mit seiner „Mathematischen, mechanischen und ökonomischen Realschule“ den ersten Realien-Unterricht für Handwerkerkinder an, für den er zahlreiche Modelle zu Anschauungszwecken fertigte. Aus diesen Anfängen entstand die Realschule, die der Pietist Johann Julius Hecker 1747 in Berlin gründete und in der schulischer Unterricht und berufspraktische Ausbildung erstmals zum heute bekannten dualen System verbunden wurden.

Die Reformation, erwachsen aus einem akademischen Milieu, für das der umfassend gebildete Dr. Luther beispielhaft stand, forderte von ihren Pfarrern eine breit gefächerte (Gottes-)Gelehrsamkeit und Bildung. Theologen gehörten in Deutschland lange Zeit zu den modernsten Köpfen. Immer neu wurde ihnen geistige Bewährung abverlangt, was die Theologie ebenso wie die Theologen in Bewegung und Spannung hielt. Ein Mensch mit Neugierde und weitläufigen Interessen war jedenfalls gut im Bildungskosmos des Pfarrhauses aufgehoben, das auch ein Raum gelehrter Freiheit, der Experimentierfreude und pastoraler Liebhabereien war.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2013

Shirley Brückner
Dr. Shirley Brückner ist Kunsthistorikerin beim Deutschen Historischen Museum in Berlin. Sie ist Mitherausgeberin des Katalogs zur Ausstellung „Leben nach Luther“. www.dhm.de

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