Schwerpunkt Bildung - Humboldts Erbe

Der Begriff von Bildung ist weder mit „Ausbildung“ noch mit „Kompetenz“ gleichzusetzen © Thomas Imo/photothek.net

01.05.2018

Schwerpunkt Bildung 

Humboldts Erbe

Christoph Von Wolzogen

Wohin geht die Bildung im 21. Jahrhundert? Ein aktueller Rückblick auf die Humboldtkultur

Mit dem Namen Humboldt wird seit über 100 Jahren Bildungspolitik gemacht. Immer dann, wenn Bildung fragwürdig wird – und das geschieht immer öfter –, leuchtet der Name Humboldt auf, und sein alter Neuhumanismus soll einmal mehr in die Zukunft weisen. Wie steht es damit heute, in einer Zeit, „eingeklemmt zwischen Humboldt und McKinsey“, aber auch der Künstlichen Intelligenz? Welche Bedeutung hat das Humboldtsche Erbe noch für unsere Zeit?

Dazu hat sich Jürgen Hofmann, Dozent am Fachbereich Geowissenschaften der FU Berlin, Gedanken gemacht – mit bekannten, aber auch überraschenden Ergebnissen, die zu drei Kernaussagen des Humboldtschen Bildungsideals führen sollen, deren Aktualität unbezweifelbar ist:
• Bildung ist nicht Ausbildung!
• Wettbewerb bedeutet Auslese! (ruinöse Schonhaltung im Bildungsbetrieb)
• Standardisierung auf niedrigem Niveau ist die große Gefahr!

Dass der Prophet im eigenen Lande wenig gilt, dafür aber um so mehr in den USA, die die Deutschen um ihn beneiden, ist nicht neu. Aber die Gründe dafür wären neu zu bedenken. Humboldts Bildungsideal habe dazu geführt, dass eine Elite entstanden sei, deren verzerrtes Griechenbild zu einer allgemeinen Weltfremdheit geführt habe, so dass aus einem Neuhumanismus keine Humanität werden konnte. Insbesondere, was Hofmann nicht erwähnt, war es die fatale Unterscheidung Diltheys zwischen zwei Kulturen, den Geistes- und Naturwissenschaften, die jene Elitebildung noch verstärkte, was zu einer intensiven Suche nach einer „Third culture“ führte.

Es verwundere also nicht, dass der ehemalige Bundesminister für Bildung Jürgen Rüttgers Humboldt für tot erklärte, womit er allerdings nur im Rahmen der 4. Novelle des Hochschulrahmengesetzes einen Kurswechsel für die Hochschulen (und damit auch für die Schulbildung überhaupt) vorgenommen habe. Das Ergebnis ist bekannt: Seitdem lautet das Zauberwort „Kompetenz“. Schließlich weist Hofmann darauf hin, dass in der gesamten Diskussion um Uni-Reformen im 19. Jahrhundert der Name Humboldt gar nicht auftauche, seine Schriften seien erst zu Begin des 20. Jahrhunderts veröffentlicht worden.

Und da liest man die bemerkenswerten Worte: „Die zweckfreie Wissenschaft ist die nützlichste, da sie für unvorhergesehene Bedarfsfälle Lösungen bereit halte, die eine auf Praxis und Verwertbarket ausgerichtete Wissenschaft nie geahnt hätte.“ Es lohnt sich also in der Tat, das Original zu prüfen. Eine solche Prüfung muss indes etwas differenzierter ausfallen als bei Hofmann, der seine Sichtung zudem auf den Hochschulbereich beschränkt. Zunächst die Fakten, die sich aus Humboldts Tätigkeit als Reformminister ergaben nach dem Schema Elementarschule und Volksschule – Gymnasium – Universität: 1809 Gründung der Universität Berlin. 1810 Einführung des Lehramtsexamens für die zukünftigen Gymnasiallehrer mit Kenntnissen in den alten Sprachen, Geschichte, Deutsch und Mathematik. 1812 Dekretierung einer einheitlichen Abiturprüfung, die erst 1834 allgemein durchgesetzt wurde. 1816 Plan der Unterrichtsverfassung für ein 10-jähriges Gymnasium.

Friktionen der Bildung
Die bekannte Kritik, dass diese Reform im Sinne des Neuhumanismus mit seiner Betonung der alten Sprachen den ganzen Bereich der Realien ausgeblendet habe, verdeckt ihrerseits eine Reform vor der Reform, die mit dem Namen Friedrich Gedikes (1754–1803), dem Scholarchen aller Preußen, allgewaltigen Rektors des Berliner Gymnasiums zum Grauen Kloster verbunden ist. Er war es, der im Sinne der Aufklärung die formale Bildung durch die alten Sprachen mit einem praktisch-materiellen Nutzen der Realien und einem entsprechenden Ausbau der Realschule verband.

An der Einführung des Abiturientenexamens (1788) war er maßgeblich beteiligt. Aktuell ist sein früher Einwand gegen die grassierende „Reformitis“, bei dem er den durch Clausewitz berühmt gewordenen Begriff der „Friktion“ schon verwendet: „Freilich ist’s leichter, Ideale von Erziehung und Schulanstalten zu zeichnen; leichter, neue Projekte, Plane, Methoden zu ersinnen. Nur schade, daß man meistentheils die Hindernisse übersieht, die der Ausführung von tausend Seiten her im Wege stehn. Man berechnet nur gar zu leicht die Kraft und die Geschwindigkeit einer durch eine neue Maschine zu bewirkenden Bewegung, und vergißt die Friktion mit in Anschlag zu bringen. Aber eben darum ist es für jeden, für den Erziehung überall eine Sache von Wichtigkeit ist, nützlicher zu lesen, was geschehen, und wie es geschehen ist, als was geschehen könnte, geschehen sollte.“

Gedike war ein Pragmatiker am pädagogischen Amboss, und sein System der Erziehung mit Kontrolle und öffentlicher Zensur, das aus dem Pauken eine höhere Kunst des rechten Mittelwegs zwischen „Hoffnung und Furcht, Lob und Tadel“ (wohlgemerkt ohne körperliche Gewalt!) machte, mag auf moderne Gemüter ein wenig gruselig wirken. Aber Gedike war mit Humboldt ganz einig darin, dass „durch die Extreme die Menschen zu der Weisheit und Tugend mittleren Pfad gelangen“ müssen, und dass die Seele „nur durch mächtigen inneren Drang und mannichfaltigen äußeren Streit“ Stärke gewinnt. Das ist im Grunde die Übersetzung des alten Wortes des Menander (das Goethe bekanntlich als Motto „Dichtung und Wahrheit“ vorangestellt hat): „Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen.“

Was ist Elementarbildung?
Es berührt schon seltsam, dass eine Pädagogik, die sich nicht mehr als Erzieherin sondern als Dienstleisterin versteht, und die ihren „Kunden“ jegliche Anstrengung abnehmen möchte, genau dieses Motto für den Sport für selbstverständlich hält. Wenn man also Humboldts berühmte Aussage, dass der wahre Zweck des Menschen „die höchste proportionierliche Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“ sei, dann muss man auch dahinter Pestalozzi hören, den damals alle lasen. Pestalozzis berühmte Trias von Kopf, Herz und Hand zielt nämlich genau auf eine Vereinigung aller Kräfte des Menschen, die alles andere als weltfremd ist: „Was ist vereinzelte intellectuelle, was ist vereinzelte physische, was ist vereinzelte sittliche Elementarbildung und wohin führt sie?

So sehen wir: sie hört eben dadurch auf, elementar zu seyn, weil sie vereinzelt ist und führt ebendahin, wo alle einseitige und alle Routineerziehung immer hinführt.“ Über die Diskussion über Humboldts universitäres Bildungsideal ist dieser von Pestalozzi stammende Grundsatz einer Elementarbildung, „daß die Entwicklung der Kräfte der Kinder ihrem Unterricht vorhergehen müsse“, ganz verdeckt worden. Genau hier liegt die Voraussetzung für Humboldts These, dass zur Bildung „Freiheit die erste und unerläßlichste Bedingung“ sei. Der vermeintliche Dissens zwischen Freiheit und Anpassung reißt nur auseinander, was im Bildungsgedanken von Humboldt und Pestalozzi eine Einheit bildet.

„Absoluter Durchgangspunkt“
Man kann also Robert B. Brandom nur zustimmen, wenn man Humboldt für die Gegenwart neu entdecken will, dass wir auch zu Hegel zurückkehren müssen, denn Hegel hat, was Bildung eigentlich und zukünftig bedeutet, gültig zusammengefasst auf eine Weise, die bis heute nicht ausgeschöpft ist. In seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ schreibt er: „Die Bildung ist in ihrer absoluten Bestimmung die Befreiung und die Arbeit der höheren Befreiung, nämlich der absolute Durchgangspunkt zu der nicht mehr unmittelbaren, natürlichen, sondern geistigen, ebenso zur Gestalt der Allgemeinheit erhobenen unendlich subjektiven Substantialität der Sittlichkeit.

Diese Befreiung ist im Subjekt die harte Arbeit gegen die bloße Subjektivität des Benehmens, gegen die Unmittelbarkeit der Begierde sowie gegen die subjektive Eitelkeit der Empfindung und die Willkür des Beliebens. Daß sie diese harte Arbeit ist, macht einen Teil der Ungunst aus, die auf sie fällt. Durch diese Arbeit der Bildung ist es aber, daß der subjektive Wille selbst in sich die Objektivität gewinnt, in der er seinerseits allein würdig und fähig ist, die Wirklichkeit der Idee zu sein.“ Bildung ist also immer zweierlei: absolute Bestimmung und absoluter Durchgangspunkt.

Das vielgepriesene Expertenwissen oder die Kompetenz, also die „absolute Bestimmung“, ist vergänglich und bald veraltet, eben „absoluter Durchgangspunkt“. Wir wissen heute immer mehr über Elementarteilchen; aber über das Ganze, das sie eint und trennt, wissen wir immer noch sehr wenig. Noch weniger wissen wir immer noch über das, was jedes Kind schon immer an Wissen mitbringt, „dessen Gewicht weit größer ist als alles, was die Wissenschaft es jemals lehren kann“ (Charles S. Peirce). Und das ist ein Fond, der noch vor dem heute so heftig ausgetragenen Streit zwischen den Begabten und weniger Begabten liegt.

Lernen im 21. Jahrhundert
Hier kann die Pädagogik von dem jungen Stanforder Programmierer Sam Ginn lernen, der bei Heidegger in die Schule geht, um zu verstehen, wie man Künstliche Intelligenz programmiert. Mag dies auch ein privilegierter Standpunkt sein, den mit dem durchschnittlichen Schulalltag auf den ersten Blick wenig verbindet, und mag man auch das Vorhaben, eine „Superintelligenz“ zu schaffen, „die selbst lernt“, für hochfahrend halten – die Methode der Übertragung eines philosophischen Theorems auf die Gestaltung der Welt (und genau das ist für Humboldt Bildung), ist dem Geiste Humboldts keineswegs fremd.

Dazu braucht man einen neuen Zugang, und zwar auf dem Gebiet der Sprache, ureigensten Forschungsgebiet Humboldts. schwerpunkt bildung Mit der klassischen Methode des topdown, die allerdings auch die Methode Humboldts war, komme man nicht weiter, das heißt mit universellen Regeln, aus denen man die Sprache und die Welt erklärt. Man müsse mit dem beginnen, was Ginn treffend den „Nullpunkt der Theorie“ nennt. Der Computer ist sozusagen in bezug auf Sprache, Grammatik, Semantik ein Idiot. Doch er lerne – und am Ende verstehe er. Um dieses Potenzial des interaktiven Lernens zu begreifen und auszuschöpfen müsse man es ausprobieren. Und bei dieser Entdeckungsreise sei Martin Heidegger und seine Welt der „Zuhandenheit“ ständiger Begleiter.

Sam Ginn demonstriert dies am Beispiel des Öffnens oder Schließen einer Tür: Der Mensch brauche nicht tausend Türen zu analysieren, um eine Tür als solche zu erkennen. Und er brauche auch nicht tausend Geräusche zu memorieren, um zu begreifen, dass sich in seinem Rücken gerade eine Tür schließt. Die Bedeutung sei sozusagen immer schon da – schon ein Baby erkenne eine Tür unmittelbar. So arbeite er an einem Code, der das beherrsche, was Heidegger das In-der-Welt-Sein nennt. Dafür brauche er die Mechanismen des menschlichen Gehirns nicht im Detail zu kennen. „Ich fange bei null an – und programmiere.“ So kommt mit einem neuen Begriff des Lernens Humboldt im 21. Jahrhundert an. Ob daraus eine „absolute Bestimmung“ der Bildung wird oder ein „absoluter Durchgangspunkt“, wird sich zeigen. Nennen wir es: Humboldt 4.0. 

Erschienen in Rotary Magazin 5/2018

Prof. Dr. Christoph von Wolzogen ist apl. Professor für Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien von ihm „Achtzehnhundert. Vom Vergehen und Werden einer Welt“ (Edition Fichter 2017). denkberatung.de

Rotary Magazin 5/2018

Rotary Magazin Heft 5/2018

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