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Rotary Aktuell

Macht es glücklich, Rotarier zu sein?

Über die Parallelität zwischen rotarischen Prinzipien und der Ethiklehre des Aristoteles

01.08.2019

Besonders in der heutigen Zeit, in der Rotary von außen bedauerlicherweise allzu oft als Zweckgemeinschaft alter Herrschaften betrachtet wird, die sich zur Imagesteigerung und im Dienste geschäftlicher Vernetzung zusammentun, ist die wahre Zielsetzung der Rotarier nachhaltig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen. Ihre Bedeutung muss angesichts der sozialen Herausforderungen unserer Gesellschaft bewusst gemacht und damit zugleich die Motivation potenzieller Rotaracter sowie neuer Mitglieder gefördert werden. 

Denn tatsächlich zeichnet es viele Rotarier aus, dass sie nicht nur Glücksmomente anstreben, wie es jeder vernünftige Mensch tut. Vielmehr suchen sie eine Form von Glück, die sich durch Materielles ebenso wenig erschließt wie durch Ego-Pflege. Sie suchen das „anhaltende tiefe Glück“ im Aristotelischen Sinn, also jenes höchste menschliche Gut, das in der „Nikomachischen Ethik“ auch Glückseligkeit genannt wird oder griechisch „eudaimonia“.

Dieses Glück resultiert weder aus Zufällen noch aus rein privaten Gegebenheiten beziehungsweise den üblichen weltlichen Bestrebungen. Stattdessen setzt es, so der altgriechische Philosoph, „tugendhaftes Handeln in Freundschaft“ voraus, also gemeinschaftsbezogenes Agieren vernunftbegabter Menschen mit entsprechend geprägter Haltung. Und genau das streben die meisten Rotarier an.

Der Denker der Antike wiederum sprach eine solche Fähigkeit einzig Persönlichkeiten mit umfassender Bildung des Geistes und stetigem Aktualisieren von (charakterlicher) Gutheit bzw. Tugendhaftigkeit zu. Die „breite Masse“ sei mangels vollständiger Ausbildung ihrer seelischen Vermögen dazu ebenso wenig fähig wie Untätige.

Glück nicht durch Karriere, Prestige oder Geld
Allen Aristotelischen Bedingungen zum Erlangen der Glückseligkeit immer perfekt zu entsprechen, gelingt weder Rotariern noch anderen ideell motivierten Menschen wie Politikern oder gar den Philosophen selbst, welche doch nach Aristoteles einen ganz besonderen Status innerhalb eines Gemeinschaftsgefüges innehaben. So ist bei nicht wenigen Vertretern aus der Politik eine rein sittlich hochstehende Motivation – zumindest in unserer Zeit – oftmals mit einigen Fragezeichen zu versehen. Bei Rotariern würde Aristoteles wohl eine tolerable Abweichung verzeihen, denn die Rotarier teilen als selektionierendes Prinzip für ihre Ziele seine Auffassung, dass „uneigennütziges Dienen“ nur mit Menschen möglich ist, die durch Bildung und Lebenserfahrung geistig und charakterlich gefestigt sind. Rotarier sollen ihr Glück nicht einzig in der Selbstverwirklichung durch Karriere, Prestige oder ökonomische Vorteile suchen, sondern ebenso im Miteinander für andere.

Diese Voraussetzungen bringen laut Rotary vor allem young and old professionals/leaders aller Berufszweige aufgrund ihrer beruflichen und privaten Erfahrungen mit sich. Von ihnen werden die Tugend des Denkens und die des Charakters zumindest erwartet. Eine weitere Voraussetzung dafür, Gutes um seiner selbst willen zu tun, also ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ist Aristoteles zufolge nicht zuletzt die Realisierung der sogenannten vollkommenen beziehungsweise wahrhaften Freundschaft (im Zeichen gegenseitiger Tugendhaftigkeit). Und exakt so sind auch die Rotary-Bedingungen zu verstehen, laut denen eine Aufnahme in den Kreis des Clubs und damit in die internationale Gemeinschaft nur aufgrund von Vorschlägen der Mitglieder erfolgt und nach der persönlichen Verpflichtung auf die rotarische Ethik gemäß den vier Fragen: Ist es wahr?  Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?

Diesbezüglich ist – wiederum mit Bezug auf den Gelehrten der klassischen Antike Griechenlands – auch zu konstatieren, dass unterschiedliche Charaktereigenschaften oder Interessen prinzipiell keine Hinderungsgründe für die Freundschaft sind, solange man sich dem gemeinsamen Dienst verpflichtet, dem Service Above Self.

Freude der anderen als Triebfeder
Nicht nur der rotarische Begriff der Freundschaft entspricht dem der „philía“ des Philosophen. Auch die Triebfeder des Rotariers scheint genau das zu bedeuten, was Aristoteles als „naturgemäße Freude“ bezeichnet: Wie beglückend ist beim Realisieren der sozialen Projekte die Reaktion der Empfänger! Die strahlenden Kindergesichter, die etwa beim Hauptprojekt des Distriktes 1820 „gesundekids“ zu sehen sind, belohnen die Hands-on-Aktionen der Rotarier/innen aller beteiligten Clubs, mit denen bereits mehr als 70.000 Kinder erreicht wurden.
Der Erfolg solcher Aktionen und sozialer Projekte resultiert nicht zuletzt aus einer Vorbereitung, die den Aristotelischen Vorgaben in mehrfacher Hinsicht entspricht: Am Anfang stehen das Ziel und daran orientierte Überlegungen, die auf fundiertem Wissen basieren und zu denen gegebenenfalls auch Berater hinzugezogen werden müssen. Ist eine eingehende Findungsphase abgeschlossen, während der man sich nicht in unendlichen Details verlieren darf, wird in Gemeinschaft der möglichst einfache und beste Weg zur Realisierung eingeschlagen. Jedes Mitglied und jeder damit verbundene Handlungsträger entspricht dabei den ihm eigenen Verhaltensweisen und findet darin zugleich sein Glück als Einzelner. Dabei kommen – auch nach Aristoteles – sowohl ideelle Leistungen wie Beratung oder Beistand in schicksalhaften Situationen zum Tragen wie materielle Unterstützung, im Rahmen der Gegebenheiten. Und zwar diesseits und jenseits der eigenen Landesgrenze.

Über dieses „uneigennützige Dienen“ hinaus hat die Rotary-Gemeinschaft schließlich einen profanen Zweck zur Pflege der Freundschaft. Auch dabei kann man sich mit Fug und Recht auf Aristoteles berufen: Freunde widmen sich auch Freizeitbeschäftigungen, die alle im Miteinander bereichern können. Es kann, muss aber nun nicht genau das sein, was der Philosoph der Antike anregte: „Gemeinsam trinken, würfeln, Körperertüchtigungen vollbringen, jagen oder philosophieren“.

Bleibt die Frage: Macht es glücklich, Rotarier zu sein? – Ja. Aristoteles, Denker des Abendlandes, wäre in seinem Bemühen um Glückseligkeit sicher Rotary beigetreten.


Die Autoren

Karl-Heinrich Link, RC Wiesbaden, war 2018/19 Governor des Distrikts 1820 und ist derzeit Student der Philosophie und Ethnologie im 3. Semester an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.



Dr. Björn-Lars Lipprandt ist Dozent am Philosophischen Seminar der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und lehrt und forscht zu den Bereichen der Antiken- und Praktischen Philosophie.