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Titelthema: Urbane Oasen

Mehr Lebensqualität für Zootiere

Zur Entwicklung der modernen Großstadt gehört auch der Zoologische Garten – eine architekturhistorische ­Betrachtung mit Zukunftsausblick.

Natascha Meuser01.04.2017

Wer sich heute mit dem Begriff Urban Gardening befasst, muss den Eindruck gewinnen, bei diesem The­ma handelt es sich um ein modisches Schlagwort zeitgenössischer Stadtplanung. In der Tat hat die Diskussion zur Zukunft Europäischer Städte zwischen der Renaissance des Freizeitparks und dem Guerilla Gardening so mancherlei Spielarten hervorgebracht.

Zu den Belustigungen des Stadtbewohners gehört auch eine Typologie, die seit dem Beginn der Moderne untrennbar zur Großstadtentwicklung gehört: der Zoologische Garten – ein Mix aus exotischer Attraktion und Ort der Wissenschaft. Er stellt eine Sonderform der kultivierten Ko­existenz von Mensch und Tier dar und dient heute vornehmlich der Erforschung und dem Erhalt von Tierarten, bis hin zu Zuchtprogrammen, um gefährdete Arten wieder in der freien Wildbahn auszusetzen.

Insofern hat sich der Zoologische Garten von seinem ursprünglichen Charakter einer „publikumsorientierten Garten­an­lage mit Gehegen und Tierhäusern zur Prä­sen­tation und Haltung lebendiger, meist exo­tischer Wildtiere“ entfernt. Eine Besonder­heit heutiger Zoologischer Gärten und Tier­parks ist, dass sich Mensch und Tier den Lebensraum teilen. Denn die Zoos liegen meist in stark besiedelten Gebieten, im weitesten Sinne innerhalb der Wohnbebauung. Von einem natürlichen Territo­rium des Tieres kann also nicht gesprochen werden. Sein Lebensraum kann – sofern es sich nicht um einheimische Tiere handelt – allenfalls simuliert werden.

Der Zoo wie wir ihn heute kennen hat eine 150-jährige Geschichte. Bis heute kön­nen fünf Generationen von Zoobauten iden­tifiziert werden, die auf einer zeitlichen Chronologie aufbauen und die sich ändernde Vorstellung des Menschen vom Wildtier abbilden: vom reinen Schauobjekt bis hin zu einem Wesen mit Rechten.  Wie die Vorstellungen von gelungener Architektur generell, so änderte sich auch das Verhältnis des Menschen sowohl zur Architektur als auch zum Tier. Die jeweilige Vorstellung davon, was eine gesellschaftlich akzeptierte und damit angemessene Architektur für einen Zoologischen Garten darstellt, war somit ebenfalls permanent Veränderungen unterworfen. Der Zoo ent­wickelte sich von einer lebenden Trophäen­sammlung über ein Museum mit lebendi­gen Exponaten hin zu einem Erlebnispark mit moralischem Auftrag.

Die einzelnen zeitlichen Aspekte spiegeln politische, zoologische und gestalterische Aspekte wider. Während die ersten drei Generationen von Zooarchitekturen eindeutig den Bereichen Politik, Zoologie und Gestaltung zuzuordnen sind, vermischen sich in der vierten Generation Politik und Zoologie. Die fünfte und damit jüngste Generation verbindet dagegen die  Aspekte Gestaltung und Zoologie. Eine der­artige Systematisierung in Bezug auf die gebaute Architektur in Zoologischen Gärten ist bislang noch nicht vorgelegt worden, auch wenn die Geschichte des Zoos inzwischen vielfach beschrieben wurde. Infolgedessen ist es gewagt, von einer historischen Entwicklung eines Bautypus und dessen Erscheinung zu sprechen. Den­noch ermöglicht ein historischer Rückblick eine Deutung der Entwicklung der Gebäude­for­men und Raumkonzepte, wie wir sie heute vorfinden. Dabei liegt der Fokus im Wesent­lichen auf der Kontextualisierung von Zoo­architektur in den jeweiligen Epo­chen ihrer Entstehung. Es wird ersichtlich, wie modern Bauten in den Zoologischen Gärten in ihrer jeweiligen Zeit waren und dass der Zoo­logische Garten ein Experimentierfeld für einen neuen Gebäude-Typus war.

Natascha Meuser
Prof. Dr. Natascha Meuser ist Architektin und forscht derzeit an der Hochschule Anhalt in Dessau nach neuen Nutzungskonzepten für denkmalgeschützte Zoobauten in der vierten Natur. nataschameuser.com