Anzeige
https://rotary.de/gesellschaft/mystische-wurzeln-a-10317.html
Luther-Kolumne

Mystische Wurzeln

Bei der Betrachtung Martin Luthers war lange verdrängt worden, unter welchen intellektuellen Einflüssen der Reformator stand.

01.03.2017

Das Reformationsjubiläum rückt näher – und damit auch die Frage nach der Gestalt Martin Luthers. Bei der Bewertung der Person des Reformators gerät zunehmend der Einfluss der Mystik auf sein Wirken  in den Blick – Mystik verstanden als Suche nach Glaubenserfahrung. Über Jahrhunderte hinweg ist verdrängt oder als un­beachtlich abgetan worden, dass Martin Luther in erheblichem Maße von der mit­telalterlichen Mystik beeinflusst worden ist, besonders in seinen jungen Jahren als Augustinermönch und dann auch als Leh­rer an der Universität Wittenberg.  

Erst seit einigen Jahrzehnten wird die­ser Tatsache wieder zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. So haben unlängst der Kirchenhistoriker Volker Leppin in seinem Buch „Die fremde Reformation. Luthers mys­­tische Wurzeln“ und vor einiger Zeit der Autor Gerhard Wehr aufschlussreiche Zusammenhänge herausgearbeitet.

Die fol­genden Ausführungen zeigen an­­hand einiger augenfälliger Beispiele, unter welchen intellektuellen Einflüssen Luther stand.

Begeisterung für eine Schrift
Schon 1516, dann erneut 1518, setzte sich Luther, seinerzeit bereits Professor der Theologie in Wittenberg, engagiert dafür ein, dass eine anonyme Schrift, die ihm in die Hand geraten war, als „Theologia deutsch“ gedruckt und verbreitet wurde. Er hielt die Schrift für ein Werk im Geiste des hoch geschätzten Straßburger Domini­kaners Johannes Tauler (1300–1361). In der Ausgabe von 1518 gab er dem Buch überraschende Sätze mit auf den Weg: „Ist mir näher der Bibel und Sankt Augustinus nicht vorkommen ein Buch, daraus ich mehr er­lernet habe (…), was Gott, Christus, Mensch und alle Dinge seien (…) Ich danke Gott, dass ich in deutscher Zunge meinen Gott so höre und finde, wie ich (ihn) (…) bisher nicht gefunden habe weder in lateinischer, griechischer noch hebräischer Zunge.“
Was bietet dieses Buch? Einige besonders prägnante und wesentliche Sätze mö­­gen es kurz verdeutlichen. Es sind Sätze, die unverkennbar einen mystischen Einfluss aufweisen, die von der Suche nach Gottes­erfahrung sprechen.

Besonders aufschlussreich ist die Gegenüberstellung von Abschnitten der „Theologia deutsch“ mit Arbeiten Martin Luthers. So heißt es in der Schrift des anonymen Verfassers: „Sofern es (Gottes Wirken – Anm. d. Verf.) außerhalb von mir ist und geschieht, so macht es mich nimmer selig, sondern nur soviel es in mir ist und in mir geschieht – geliebt, erkannt, geschmeckt, empfunden wird.“ (9. Kapitel, am Ende). Und bei Martin Luther: „Niemand aber kann es (Gottes Wort) von dem Heiligen Geist haben, er erfahr’s, versuch’s und empfind’s denn (WA = Weimarer Ausgabe der Werke, Bd. 7, S. 546)“.

Von großer Ähnlichkeit und Nähe auch diese beiden Texte. Während es in der „Theologia deutsch“ heißt, „Gott ist aller Wesenden Wesen und aller Lebendigen Leben und aller Weisen Weisheit. Denn alle Dinge haben ihr Wesen wahrhaftiger in Gott als in sich selber und auch all ihr Vermögen, Wissen und Leben und was (sonst) ist“ (36. Kapitel), heißt es bei Luther: „Darum muss er (Gott) ja in einer jeglichen Kreatur in ihrem Allerinwendigsten und Auswärtigsten um und um, durch und durch , vorn und hinten selbst da sein, (so) dass nichts Gegenwärtigeres und Innerli­cheres sein kann in allen Kreaturen, denn Gott selbst mit seiner Gewalt. … Er muss ja alles machen, beide, Stück und Ganzes.“ (WA, Bd. 25, S. 135; ähnlich S. 137)

Luthers Gottesbild
Hier klingt an, dass Luthers Gottesbild eine besondere Prägung besitzt, dass er Gott nicht in einem fernen Himmel wirken und residieren sieht, jenseits der Welt. An anderer Stelle spottet er darüber, „wie man Kindern pflegt vorzubilden einen Gaukelhimmel, darinnen ein güldener Stuhl stehe und Christus neben dem Vater sitze mit einer Chorkappe oder güldenen Krone, gleich wie es die Maler malen (…) und dass auch wir und alle Kreatur in demselbigen Stuhl Gottes sitzen, vielleicht wie die Läuse und Flöhe in der Chorkappe …“ (a. a. O., S. 131). Derlei Vorstellungen sind für Luther abwe­gig. Er verdeutlicht sein Gottesverständnis in ganz anderer Weise, mit anderen Bildern. Nach seiner Auffassung ist Gott, ist Gottes Wirklichkeit allgegenwärtig-nahe: „Stürze durch die Welt – wohin du auch stürzest: immer nur in die Hand und an die Brust Gottes“ (WA, Bd. 5, S. 168).

Von großem Einfluss auf Luther waren insbesondere auch die Predigten des Johannes Tauler (um 1300–1361), Dominikaner in Straßburg und seinerzeit ein weit wirkender Prediger, auch er von der Mystik geprägt, Schüler des großen Meisters Eckhart. Tau­lers Predigten waren hoch geschätzt und wurden in den Klöstern und Ordensgemeinschaften intensiv studiert und als Weg­­weisungen und Anleitungen für spirituelles Leben verwendet. Während es in einem seiner Predigt-Texte heißt: „Das (we­­sentliche) Suchen aber (…) besteht da­rin, dass der Mensch hineingeht in seinen eigenen Grund, in das Innerste, und dass er da den Herrn sucht, wie der es uns selbst gewiesen hat, als er sprach ,Das Reich Gottes, das ist in euch'“, übersetzt Luther den Text in Lukas 17, 20–21 analog bekanntlich mit diesen Worten: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden (…) Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“
 
Bleibender Einfluss
Zwar schwächte sich Luthers Nähe zu mystischen Lehren im Laufe der Zeit ab. Aber an einigen wesentlichen Punkten trat der Einfluss der Mystik auch späterhin sehr deutlich zutage. Volker Leppin hat dies in seinem schon erwähnten Buch eingehend dargestellt. Er nennt insbesondere Luthers Verständnis von Taufe und Abendmahl und verweist auf Sätze Luthers wie diese: „Das hilft dir das hochwürdige Sakrament der Taufe, dass sich Gott daselbst mit dir verbindet und mit dir eins wird eines gnädigen tröstlichen Bundes.“ (Weimarer Ausgabe, Bd. 1, 145 ff) Oder: „Zum ersten, wie geht das zu, wenn wir das neh­men (das Abendmahl), dass wir ein Kuche werden mit ihm? (…) Durch das Werk, das du da tust, wenn du das Sakrament nimmst? Mitnichten, sondern durch den Glauben, wenn du glaubst, dass Christus sein Leib und Leben für dich dargesetzt habe (…), so wirst du ein Kuche mit ­Christo, dass wir treten mit ihm in eine Gemeinschaft seiner Güter und er in eine Gemeinschaft unserer Güter. So flicht sich denn ineinander, dass seine Gerechtigkeit mein wird, meine Ungerechtigkeit sein“ (WA, Bd. 12, S. 485 f).


Luther-Kolumne
Im Vorfeld des 500. Jahrestages der Reformation 2017 geben kluge Köpfe im Rotary Magazin Denkanstöße zu Glaubensfragen für die Gegenwart.
Alle Beiträge finden Sie unter rotary.de/luther