14.07.2012

Gedanken zu Rotary als Wertegemeinschaft

Nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes

Michael Göring

Über Werte ist in letzter Zeit viel gesprochen worden. Vielleicht, weil immer mehr Menschen fürchten, dass uns etwas Wichtiges verloren geht; vielleicht, weil immer mehr Menschen entdecken, dass Materialismus, Wohlstand, Besitz allein letztlich nicht glücklich machen; vielleicht, weil uns Fragen nach dem Sinn des Lebens in einer immer stärker säkularisierten Welt dringlicher werden. Was ist ein gelingendes Leben, was macht wirklich glücklich? Das ist eine sehr grundsätzliche Fragen, auf die ich in meiner Tätigkeit als Stiftungsmanager erstaunlich oft stoße, wenn mich Menschen aufsuchen, die nach einem sehr erfüllten, beruflich oft äußerst erfolgreichen Leben überlegen, selbst eine Stiftung zu gründen, oder bei uns in der ZEIT-Stiftung eine unselbständige Stiftung zu errichten, um für andere gemeinnützig Gutes zu tun.

Rotary fußt wie die Stiftungsidee auf diesem Wunsch, etwas geben zu wollen. Da steht ein Gedanke im Mittelpunkt, den unsere Eltern noch ohne zu zögern als Brüderlichkeit bezeichnet hätten, ein Ziel der Aufklärung, eine der drei Kernbotschaften der Französischen Revolution. Was ist aber „Brüderlichkeit“, welche Werte stehen dahinter? Welche Werte bestimmen unseren Kanon als rotarische Gemeinschaft? Es sind die sieben „I’s“:

1. „I“ = Interesse am anderen: Keine Gemeinschaft kann wirklich gelingen, wenn nicht grundsätzlich Interesse am anderen, Neugier auf den anderen da ist. Der ja ganz witzige Satz: „Wenn jeder an sich selber denkt, ist auch an alle gedacht“ geht ins Leere. Der andere im Club – die Freundin, der Freund – ist eine Bereicherung für mich, und die anderen nehmen mich als Bereicherung wahr. Das Erstaunliche ist, dass dieser Gedanke bei Rotary in der Regel funktioniert. Warum das – in der Regel – so gut bei Rotary gelingt, liegt meines Erachtens an der Homogenität der Clubs. Die wird uns Rotariern oft vorgehalten; es ist aber das Recht eines jeden Clubs, sich seine Mitglieder selbst auszusuchen. Nur durch das nicht mit Eigeninteressen verbundene, vorbehaltlose Interesse am anderen können überhaupt neue Freundschaften entstehen. Interesse am anderen setzt allerdings voraus, dass ich höre, sorgfältig zuhöre, eine Gabe, die nicht jedem gegeben, aber für eine Gemeinschaft, für einen Club von Freunden notwendig ist. Aus Interesse erwächst Freundschaft, aus Freundschaft erwächst Verantwortungsbereitschaft; ein ganz zentraler Wert nicht nur für den Club, nicht nur für Rotary, sondern für jeden Einzelnen als Mitglied einer Gemeinschaft.

2. „I“ = Initiative: Rotary hat im Kern das Interesse am anderen. Das ist zunächst – wie eben beschrieben – clubzentriert, es prägt das innere Clubleben. Doch geht dieses Interesse ebenso über die Clubgemeinschaft hinaus. Interesse, Freundschaft, Freude an Verantwortung bauen aufeinander auf, und das zeigen wir durch Initiativen, die wir in unseren Städten unterstützen oder sogar selbst errichten. Deshalb sind die Gemeindienstprojekte wichtig. Vor einigen Jahren haben wir in Hamburg clubübergreifend das Projekt „Schüler helfen Schülern“ begonnen, wo ältere Schüler jüngeren Schülern bei den Hausaufgaben helfen; wo Kinder, die morgens kein Frühstück bekommen und kein Schulbrot in der Tasche haben, durch Rotary nicht mehr mit hungrigem Magen in der Schule sitzen. Schon der Prozess, eine Initiative zu starten hat seinen ganz eigenen Stellenwert für das Clubleben.

3. „I“ = Internationalität: Wir haben eben den Bericht von GSE gehört und einen beeindruckenden Auftritt unserer Inbounds erlebt: Welch bessere Botschafter können wir uns als Rotarier denken? Diese jungen Menschen aus allen Kontinenten werden immer wieder an ihre Zeit bei uns im Distrikt zurückdenken, darüber berichten und ihr Deutschlandbild entsprechend ausrichten.

4. „I“ = Interdisziplinarität: Alle im Berufsleben heute erleben, wie komplex die Zusammenhänge in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Administration geworden sind. Lösungen für Fragen und Probleme können nur noch gefunden und entsprechende Entscheidungen getroffen werden, wenn Erfahrungen und Erkenntnisse aus verschiedenen Wissensbereichen zusammen gebracht werden. Und wo kann man die Kommunikation zwischen ganz unter schiedlichen Bereichen besser üben und lernen als bei Rotary? Ich lerne die „Denke“ einer Ärztin, eines Juristen, einer Bankdirektorin, eines Chemikers, einer Unternehmerin, eines Museumsdirektors, einer Pastorin, eines Universitätspräsidenten, einer Journalistin, eines Reeders von Meeting zu Meeting besser kennen, und ich vermittle meinen Freunden, wie ein Stiftungsmanager denkt und was ihn umtreibt. Solch ein Eintauchen in ganz unterschiedliche Berufsfelder – und das jedes Mal auf hohem, reflektiertem Niveau – ist ein großer Wert.

5. „I“ = Intergenerationalität: Ein Club lebt von dem Miteinander der Generationen. Das klingt trivial und tausendmal gehört. Aber verweilen Sie einen Moment bei dem Gedanken. Als ich vor fünfzehn Jahren in meinen Club kam, war ich vierzig und einer der jüngsten, jetzt bin ich 55 und wir haben eine ganze Reihe junger Freunde von 35 bis 40, wir haben ebenso aktive 35-jährige und wir haben ebenso aktive 85-jährige. Da trifft viel Tatendrang, viel junge Ambition auf viel Erfahrung, Altersweisheit, Gelassenheit; da treffen sich auch blühendes Leben mit welkendem Leben, da verfolgt man einen älter werdenden Freund, einen Mentor über Jahre, erlebt, wie dieser Freund tatsächlich älter und schwächer wird; und dieses Erleben lässt einen so manches Mal innehalten, lässt einen fragen, was denn wirklich wichtig ist. Generationenmix als aktiver Austausch der verschiedenen Altersgruppen ist ein Ideal in unserer Gesellschaft, das viele Gruppen anstreben; hier bei uns, bei Rotary, findet es bei jedem Meeting statt.

Wenn ich hier die Bedeutung des Zusammenhalts unter den Generationen als hohen rotarischen Wert beschreibe, so sollten wir einen Moment selbstkritisch innehalten. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, immer mehr Men schen erreichen das 90., das 95., manche das 100. Lebensjahr. Doch nicht alle erreichen ein so hohes Lebensalter wie z.B. Helmut Schmidt in völliger geistiger Gesundheit oder wie der ehemaliger Krupp-Manager Berthold Beitz in geistiger Klarheit und körperlicher Vitalität. Einige unserer rotarischen Freunde sind mit 80 oder 85 dement geworden, in zehn Jahren werden wir sehr viel mehr demente Freunde haben. Viele unserer Senioren, ob nun dement oder nicht, sind recht allein, das rotarische Meeting kann nicht mehr wahrge nommen werden. Wir sollten uns in jedem Club darüber verständigen, was wir unseren alten Clubmitgliedern, den wirklich alten, noch bieten können, und sei es nur die Absprache zu Besuchen im Seniorenpark mit alten Fotos, alten Geschichten, alten Liedern auf den Lippen. Die rotarische Gemeinschaft sollte auch dann noch funktionieren, wenn einzelne Clubmitglieder im hohen Alter schwächeln.

6. „I“ = Innehalten: Sie werden sich möglicherweise wundern, dass ich „Innehalten“ als rotarischen Wert vorstelle. Es ist sogar einer, der mir besonders wichtig ist. Innehalten heißt Entschleunigen, und das ist etwas, das wir gar nicht dringend genug lernen und annehmen können. Wie oft rase ich dienstags kurz vor Eins los zum Meeting im Hotel Atlantic, wie oft habe ich um 12.00 Uhr noch überlegt, ob ich das wirklich kann? Müsste man nicht unbedingt noch dieses Schreiben beantworten, jene Sitzung vorbereiten oder endlich das Gutachten zu diesem langen Antrag schreiben? Ich habe es nie bereut, wenn ich mich dann doch für Rotary entschieden habe, für ein neunzigminütiges Entschleunigen, ein kluges Innehalten, bevor kurz vor Drei der Alltag wieder weitergeht. Eine kleine Auszeit nur, ein Abschalten von Alltäglichkeiten, der Vortrag über ein Thema, das mit der eigenen Arbeit nichts zu tun hat. Oft sind ja diese Auszeiten die fruchtbarsten Zeiten. Man erntet erst später, wenn man längst wieder am Schreibtisch sitzt und man einen Gedanken verfolgt, der beim rotarischen Meeting gesät wurde. Wir werden die Beschleunigung unserer Arbeitswelt durch iPhone, iPad und Blackberry nicht mehr rückgängig machen, aber wir können durch Ruhephasen dem ständigen Dateneingangsstress etwas entgegensetzen. Vielleicht denken Sie jetzt, das ist ja alles ganz nett, Interesse, Initiative, Interdisziplinarität, Intergenerationalität, Innehalten, aber treffen wir uns wirklich darin, und ist das schon etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches gar? Es liegt an jedem von uns, wie sehr wir unsere eigenen Werte leben und welche Verbindlichkeit wir ihnen zusprechen. Mein letzter Punkt beschäftigt sich daher mit dem zentralen Wert der Individualität, mit dem Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft, auch zur rotarischen Gemeinschaft.

7. „I“ = Individualität: Rotary ist eine Gemeinschaft von Individuen – und findet genau darüber seine Homogenität. Rotary wird ja oft vorgeworfen, es sei eine geschlossene Gemeinschaft von Besserverdienenden und gar nicht offen genug für die wahren Herausforderungen einer sehr ausdifferenzierten Gesellschaft. Ein Teil unserer Individualität ist die berufliche Verantwortung, die wir innehaben oder innehatten. Und sie prägt unseren Wertekanon, der dadurch möglicherweise homogener ist, als bei anderen offeneren Gemeinschaften. Aber diese Homogenität macht Rotary nicht schlechter als andere Gruppen, denn sie wird eingebracht von lauter Individuen mit Ecken und Kanten, mit jeweils eigenem Profil, mit Selbstbewusstsein und Überzeugungskraft.

Lassen Sie mich ein Wort von Richard Schröder, das er auf Deutschland bezog, auf uns abändern: Rotarier zu sein ist nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes; und wir haben keinen Grund, uns zu scheuen, dieses Bestimmte, diesen rotarischen Wertekanon auch zu zeigen – und vor allem ihn Tag für Tag zu leben! n

Erschienen in Rotary Magazin 7/2012

Michael Göring

Prof. Dr. Michael Göring (RC Hamburg-Steintor) ist Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Honorarprofessor für Stiftungswesen am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Zu seinen Büchern gehören „Unternehmen Stiftung. Stiften mit Herz und Verstand“ (Hanser 2010) und der Roman "Der Seiltänzer" (Hoffmann und Campe 2011) .

www.michael-goering.com

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