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Stiften? Jetzt erst recht

Sind Stiftungen überhaupt nach zeitgemäß? In einer komplexen und schnelllebigen Gesellschaft? In Zeiten niedriger Zinsen?

Michael Göring31.10.2015

Ist die Stiftung ein Auslaufmodell?Ist der Gedanke, dass da jemand über sein irdisches Dasein hinaus wirkt, überholt? Die Widmung eines Vermögens für einen bestimmten Zweck gar töricht? Weil Sparen in Zeiten von Niedrigzins unsinnig ist? Langfristiges Engagement unmodern, weil unsere moderne, globale und so überaus komplexe Gesellschaft und die ihr immanenten Probleme nach flexiblen und schnellen Lösungen verlangen?

 

Obgleich Medienbeiträge insbesondere über die Vermögenssituation von Stiftungen seit geraumer Zeit suggerieren, dass die Stiftung ein Auslaufmodell ist, sage ich entschieden: Nein.


Und ich sage nicht nur Nein, weil es mein Haupt- wie mein Nebenberuf als Stiftungsfürsprecher verlangen. Ich sage Nein, weil die Fakten dagegen sprechen. Ich sage Nein, weil Stiftungen

 

  • wie aktuell in der Flüchtlingssituation – einmal mehr unter Beweis stellen, was ihr Alleinstellungsmerkmal ist. Ich sage Nein, weil ich mir eine Gesellschaft ohne Stiftungen nicht vorstellen will und – zurück zu den Fakten
  • gottlob auch nicht vorstellen muss. In drei Punkten möchte ich meine Argumente bündeln und meine These belegen.


Zahlen schaffen Fakten: Fast 700 neue Stiftungen im Jahr 2014
Alle 24 Stunden entstehen in Deutschland durchschnittlich zwei neue Stiftungen. 691 rechtsfähige Stiftungen sind im vergangenen Jahr gegründet
worden. Hinzu kommen – vermutlich in gleicher Höhe – Treuhandstiftungen sowie Stiftungs-GmbHs, deren Gesamtanzahl aber nicht bekannt ist.
Seit sieben Jahren ist damit erstmals die Zahl der jährlichen Neugründungen gegenüber dem Vorjahr wieder gestiegen. Das Gesamtvermögen der rund 21.000 deutschen Stiftungen wird auf mehr als 100 Milliarden Euro geschätzt. 17 Milliarden Euro geben sie jährlich für ihre satzungsgemäßen Zwecke aus. Auch der rotarische Stiftungswille ist ungebrochen. Über 40 Stiftungen mit
rotarischem Wertebezug gibt es in der Datenbank Deutscher Stiftungen. Die Liebe der Rotarier zur Stiftung kommt nicht von ungefähr, denn beiden geht es um das Geben und um die Erkenntnis: Geben gibt. Stiften gehen ist folglich – nicht nur bei den rotarischen Freundinnen und Freunden – populärer denn je.
Der Gedanke, über das Jetzt und über sein
irdisches Dasein hinaus mit einer Stiftung für die Gesellschaft zu wirken, trifft einen Zeitgeist. Der Wunsch zu partizipieren, Dinge voranzubringen und den Bürgersinn zu stärken, ist nicht erst seit Stuttgart21 in der Öffentlichkeit präsent. Hinter 65 Prozent der Stiftungen stehen natürliche Personen, für sie ist es häufig der Wunsch, etwas von ihrem Erfolg zurückzugeben, der sie zum Stiften bringt. Zudem haben sich Stiftungen – Robert Bosch hat es vorgemacht – als veritable Vehikel zur Unternehmenssicherung erwiesen. Für jene Grundpfeiler unserer Wirtschaftskraft, die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, kann eine Stiftung als Nachfolgerin probates Mittel sein. Fehlen geeignete Erben oder ist das Unternehmen von feindlicher Übernahme oder Zerschlagung bedroht, kann die Überführung in eine Stiftung, die dem Unternehmen damit dauerhaft ver­bunden ist, Rettungsanker sein.
Die Gesellschaft profitiert auf drei Wegen: Erstens bleibt das Unternehmen erhalten und damit seine Steuerkraft. Stiftungsverbundene Unternehmen tendieren zweitens dazu – dies haben Untersuchungen zutage gebracht –, die besseren Unternehmen zu sein. Dies manifestiert sich in Mitarbeiterzufriedenheit und Eigenkapitalquote. Drittens verwandelt die gemeinwohlorientierte unternehmenstragende Stiftung Unternehmenserlöse in Ausgaben für den guten Zweck.

Stiftungen sind zäh, der Niedrigzins ist nicht ihr Ende

Ja, vor allem kleinere Stiftungen ächzen unter den Niedrigzinsen. Große Stiftungen profitieren häufig über Unternehmensanleihen von der wirtschaftlichen Prosperität und können kraft ihrer Ressourcen ihre Portfolios aktiv managen. Beim Gros der Vertreterinnen und Vertreter vieler kleiner und mittlerer Stiftungen beschränkte sich die Vermögensanlage lange darauf, alle paar Jahre den Vertrag über festverzinsliche Wertpapiere zu erneuern. Noch vor sechs Jahren lag der Leitzins im Euroland bei 4,25 Prozent. Dieser Wert ist nun ein Schatten seiner selbst und liegt aktuell bei 0,05 Prozent. Doch die permanente und notgedrungene Beschäftigung mit Finanzthemen hat bei Stiftungen ein Mehr an Kreativität, Professionalität und Wirkungsorientierung entfacht.
Da werden Benefizgalas, Onlinespenden und Charityläufe veranstaltet mit dem Ziel, die zeitnah zu verwendenden Mittel zu erhöhen und
gesunkene Erträge aus der Vermögensanlage auszugleichen. Da werden Anlagerichtlinien erstellt, auf breite Streuung des Aktien- und Immobilienbesitzes gesetzt und aktives Vermögensmanagement betrieben. Da wird die Vermögensanlage mit dem Zweck in Einklang gebracht – Stichwort Impact Investment. Und da werden Projekte auf ihre Wirkung hin geprüft und Kooperationen eingegangen, um effizienter wirken zu können. Fakt ist: Je länger die Niedrigzinsphase andauert, desto dünner wird die Luft für einige Stiftungen. Fakt ist aber auch: Stiftungen sind zäh, und ihre Lebenserwartung reicht über ein Menschenleben und damit über Phasen der Zinsflaute hinaus.

Reformen wirken: Gesetzesnovellen machen Stiftungen zukunftsfest
Wie kaum ein anderer Rechtsbereich ist das Stiftungsrecht in den vergangenen Jahren mit der Zeit gegangen. Mehrere Reformen haben Deutschland an die Spitze der stiftungsfreundlichsten Länder Europas katapultiert. So wurde die Anerkennungskultur gestärkt; semantisch durch die Umbenennung des Gründungsaktes von Genehmigung in Anerkennung; finanziell durch die Erhöhung der Abzugsgrenzen für Zuwendungen in das Stiftungskapital. So wurden die Weichen für einen vermehrten Kapitalfluss in bestehende Stiftungen gestellt, indem das Endowment-Verbot aufgehoben und damit Zuwendungen von Stiftungen in den Vermögensstock anderer Stiftungen ermöglicht wurden. So wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass manch ein Stiftungszweck nach 20 oder 30 Jahren obsolet wird, und die Verbrauchsstiftung rechtssicher gemacht. Nun stehen wir kurz vor einer neuen Gesetzesreform, die Zustimmung von Bund und Ländern scheint sicher zu sein. Auf der Agenda stehen diverse Flexibilisierungen, die es Stiftungen zum Beispiel ermöglichen – bei fortgesetzten Schwierigkeiten bei der Erfüllung ihres Stiftungszweckes –, mit anderen zusammengelegt zu werden. Auch andere Novellierungen sind in der Pipeline, so zur Tatsache, dass bislang der historische Stifterwille den aktuellen schlägt. Das bedeutet: Was der Stifter oder die Stifterin einmal in der Satzung als Zweck verfügt hat, lässt sich auch vom Stiftenden selbst schwerlich wieder ändern.


Viele Praxisfälle zeigen auf, wie absurd das zuweilen ist. So errichtete ein Stifter seine Stiftung mit dem Fokus ökologische Bildung. Im Laufe der Stiftungstätigkeit stellt sich für ihn heraus, dass – anders als in der Satzung formuliert – Bildung und Wissenschaft Schwerpunkt seiner Stiftungstätigkeit sind, nicht aber der Umweltschutz. Der Stifter strebt eine Satzungsänderung an,
auch um Organisationen, die nur Bildung oder Wissenschaft verfolgen, fördern zu können. Der Änderungswunsch wird abgelehnt. Dies ist kein Einzelfall. Ein flexibleres Vorgehen der Behörden gibt es zwar teilweise auch, stößt jedoch an die Grenzen des Stiftungsrechts.


Gerade damit Stiftungen in der modernen, globalen und komplexen Gesellschaft Schritt halten können, braucht es hier eine zügige Flexibilisierung. Stifterinnen und Stifter spielen in ihren Stiftungen im 21. Jahrhundert eine gewichtige und oft sehr aktive Rolle. Dabei machen sie Erfahrungen, die Kurskorrekturen nahelegen.


Zudem sehen wir uns zunehmend mit Heraus­forderungen konfrontiert, die nur wenige Jahre zuvor undenkbar schienen. Wer hätte noch vor zwei Jahren gedacht, dass eine Million Menschen innerhalb eines Jahres zu uns flüchten werden?


Gerade in der aktuellen Situation stellen Stiftungen ihre Kernkompetenzen – die Stichworte lauten hier Integrationskompetenz, Netzwerkarbeit, Problemlöser – einmal mehr unter Beweis. All das lässt mich überzeugt sagen: Ja, Stiftungen sind und bleiben ein Zukunftsmodell.

Michael Göring

Prof. Dr. Michael Göring (RC Hamburg-Steintor) ist Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und Honorarprofessor für Stiftungswesen am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Zu seinen Büchern gehören u.a. der Roman „Vor der Wand“ (Osburg Verlag 2013) und „Spiegelberg – Roman einer Generation“  (Osburg Verlag 2016).

www.michael-goering.com

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