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Schwerpunkt Bildung

„Passgenaue Bildung für junge Menschen“

Schwerpunkt Bildung - „Passgenaue Bildung für junge Menschen“
Bundesministerin Anja Karliczek © Deutscher Bundestag/Achim Melde

Bundesministerin Anja Karliczek setzt auf Digitalisierung, Forschung und mehr Technikunterricht an Schulen zugunsten der Innovationsfähigkeit Deutschlands

René Nehring27.04.2018

Anja Karliczek ist bildungspolitische Quereinsteigerin. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, Hochschulprofessorin Johanna Wanka, versteht Karliczek sich als Managerin eines Ministeramtes – mit unverstelltem Blick auf Strukturen und Probleme.

Welche Agenda haben Sie sich als Bundesministerin für die kommenden Jahre gesetzt?
Meine Agenda für Bildung und Forschung ergibt sich daraus, dass Globalisierung und Digitalisierung Wirtschaft und Gesellschaft gerade stark verändern. Im internationalen Wettbewerb ist deshalb die Innovationsfähigkeit eines Landes entscheidend. Deutschland benötigt intensive Forschung und viele Innovationen, ob in der Medizin, der Energie, der Verbindung von Internet und Maschine oder der Zukunft der Arbeit. Ob wir hier in Deutschland weiterhin unseren Wohlstand erhalten und damit auch gerade den Schwächeren helfen können, hängt stark davon ab, wie wir die Herausforderungen annehmen und wie gut wir sie bewältigen. Das wird unseren Alltag und unser Arbeitsleben verändern. Darin stecken aber viele Chancen, die unser Miteinander verbessern können.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in Ihren Plänen?
Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Sie ist in weiten Teilen bereits Realität. Wir müssen damit umgehen und die Chancen nutzen, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren. Gerade in der Bildung ist es wichtig, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen. Denn damit können wir individueller auf unsere jungen Menschen eingehen und ihnen passgenaue Bildung bieten. Der Umgang und das Verständnis für die neue Technik muss in der Schule gelehrt werden. Alle Wirtschaftsbereiche, die digitalisiert werden können, werden auch digitalisiert. Wenn wir das als gegeben annehmen, stellt sich die Frage, welche Rahmenbedingungen wir schaffen müssen. Denken Sie nur an die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz, ob beim Autonomen Fahren oder bei Erkenntnissen in der Medizin, die die Behandlung individualisieren können. Hier werden wir uns auch um die Akzeptanz in unserer Gesellschaft kümmern. Nicht alles was möglich ist, ist auch gesellschaftlich gewünscht.

Welche digitalen Fähigkeiten sollen Schulen vermitteln?
Das wird nicht zuletzt vom Schultyp abhängen. Sicher wird eine Berufsschule andere Fähigkeiten vermitteln als eine Grundschule oder eine weiterführende Schule. Damit gute digitale Bildung gelingt, kommt es vor allem auf die pädagogischen Konzepte an. Die müssen die Länder erarbeiten.

Welchen Auftrag hat Schule für Sie?
Schule sollte Kinder und Jugendlich befähigen, selbstbestimmt und erfolgreich ins Leben zu starten. Bildung ist ein wichtiger Begleiter für das gesamte Leben. Dazu gehört auch – heute mehr denn je – Weiterbildung. Ein Leben lang.

Welche Rolle spielt klassische Bildung?
Klassische Bildung ist ein weiter Begriff, der natürlich vor allem mit der Aufklä- rung und unserem christlich-jüdischen Erbe zu tun hat. Aber genauso wichtig ist heute die Vermittlung von demokratischen Werten. Das ist für eine tolerante und weltoffene Gesellschaft wichtig. Die Vermittlung dieser Werte kann aber nicht nur in der Schule stattfinden, sondern ist und bleibt auch Aufgabe der Eltern und der ganzen Gesellschaft. Das Wissen um unsere Wurzeln und Grundlagen erlebt gerade einen neuen Stellenwert. Deshalb sind hier auch alle gefordert.

Im Zuge der Flüchtlingskrise sind auch viele Kinder nach Deutschland gekommen. Sie stellen unsere Schulen vor große Herausforderungen. Immer mehr Lehrer, Eltern und Schüler klagen über sich verschärfende Probleme. Werden Schulen bei der Lösung gesellschaftlicher Konflikte allein gelassen?
Selbstverständlich nicht. Die Länder, deren Hauptaufgabe das ja ist, haben hier in den vergangenen Jahren viel geleistet. Denken Sie nur an die Einrichtung von Willkommensklassen. Besondere Herausforderungen gab es auch schon vor dem Zustrom vieler Schutzsuchender aus dem Ausland. Im Übrigen fallen die Ergebnisse von Land zu Land und von Kommune zu Kommune oft unterschiedlich aus. Vielfach haben wir auch noch keine gesicherte Datenbasis. Es darf an dieser Stelle auch nicht nur um gefühlte Wahrheiten gehen. Wo es Probleme gibt, wird es darauf ankommen, diese im Zusammenspiel von Lehrern, Eltern, Schulen und Unterstützung durch die Länder zu lösen.

Wie kann die Bildungspolitik unterstützen? In welcher Form wird der Bund Schulen fördern?
Mein Ministerium wird mit den Ländern den Digitalpakt Schule umsetzen und dazu beitragen, dass vor allem die Infrastruktur für neue digitale Lernkonzepte vorhanden ist. Darüber hinaus stellt die Bundesregierung bereits 3,5 Milliarden Euro bereit, damit Baumängel an Schulen beseitigt werden können. Und wir haben uns vorgenommen, den Rechtsanspruch zur Ganztagsbetreuung an Grundschulen zu schaffen. Nicht zuletzt sollen die Angebote zur Ganztagsschule ausgebaut werden. Durch Bildungsforschung, die wir als Bund in Auftrag geben, haben die Länder immer einen neuen Erkenntnisstand in Bezug auf die Erarbeitung von Konzepten.

Braucht Deutschland einen islamischen Religionsunterricht?
In einer Gesellschaft, die international stark vernetzt ist, ist das Wissen um kulturelle und religiöse Gemeinsamkeiten und Unterschiede wichtig. Das gilt natürlich besonders für unsere eigene vielfältige Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, unseren jungen Menschen gerade auch diese Bildung zur Verfügung zu stellen. Aber bitte von Lehrern, die in unserem Wertekontext ausgebildet werden.

Unternehmen beklagen sich häufig über die mangelhafte Qualifikation von Bewerbern. Wie kann die Bildungspolitik gegensteuern?
Vielfach geht es um falsche Erwartungen, sowohl bei den Betrieben als auch bei den Auszubildenden. Hier ist es besonders wichtig, dass die Jugendlichen möglichst früh einen spannenden und realistischen Einblick in mögliche Ausbildungen bekommen. Und natürlich hat allein schon der demographische Wandel dazu geführt, dass es keinen Bewerberüberhang mehr gibt. Die Unternehmen sind deshalb entsprechend stärker als früher gefordert.

Welche Rolle spielt für Sie die Berufsschulbildung?
Lassen Sie mich lieber von der dualen Ausbildung sprechen. Sie ist ein Plus für die jungen Menschen und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Daran sollte man keinesfalls rütteln – im Gegenteil, wir werden alles daran setzen, sie zu stärken. Gerade die duale Ausbildung – heute ja auch schon intensiv genutzt als „duales Studium“ – ist ein Pfund für Deutschland in dieser sich schnell verändernden Zeit, mit dem wir wuchern können und müssen.

Was verbinden Sie persönlich mit Schule, gab es prägende schulische Erlebnisse?
Für mich war die Schule der Ort, wo ich täglich meine Freunde treffen konnte und der mich mit immer neuem Wissen und Herausforderungen gelockt hat.

Die Fragen stellte René Nehring.