11.01.2013

Die liebsten Ausländer der Russen

Seelenergänzung

Matthias Schepp

Obwohl Deutschland Russland mit einem Vernichtungskrieg überzog, sind die Deutschen den Russen die liebsten Ausländer. Warum?

Bei einer Fahrt durch Moskau fallen die vielen Leuchtreklamen und Plakatwände auf, die mit Deutschland auf Kundenfang gehen: Für „deutsche Küchen“ und „deutsche“ Fenster wird da geworben sowie mit der „deutschen Qualität“ eines Zahnarztes, der allerdings Russe ist. Wie in vielen Ländern ist deutsche Wertarbeit auch im östlichen Großreich hoch angesehen. Der Unterschied zwischen Volkswagen und Lada war den Menschen zwischen Kaliningrad/Königsberg, dem westlichsten Punkt Russlands, und Wladiwostok an der Pazifikküste schon immer bewusst.

Erstaunlicher ist, wie positiv die Russen auf die Deutschen schauen, obwohl Hitler die Sowjetunion mit einem Vernichtungsfeldkrieg überzog, der 27 Millionen Menschen das Leben kostete und in dessen Verlauf Deutsche 427 Museen, mehr als 4000 Bibliotheken und 110 Millionen Bücher zerstörten. Für Hitler waren slawische Völker nichts weiter als Untermenschen.

Dennoch habe ich in den zwei Jahrzehnten, in denen ich in Russland lebe oder das Land bereise, nur ein einziges Mal eine böse Reminiszenz an die dunkle, deutsche Vergangenheit zu hören bekommen. Das war vor zwei Jahren, als ich die Eltern eines russischen Schulfreundes meines ältesten Sohnes Moritz anrufen wollte. Statt der Eltern war die überall als bösartig verschriene Großmutter am anderen Ende der Leitung. „Was fällt Ihnen ein, so spät anzurufen“, bellte sie. „Sie, Faschist, Sie.“

Solch ein Verhalten ist eine große Ausnahme. Nach einer Umfrage, die das angesehene Moskauer Meinungsforschungsinstitut Lewada zusammen mit deutschen und polnischen Partnern im September veröffentlichte, mögen gerade acht Prozent der Russen die Deutschen nicht. 55 Prozent hingegen finden die Deutschen sympathisch. Bei der Frage, wer der beste Freund Russlands sei, landete Deutschland in einer anderen Erhebung auf Platz drei hinter Weißrussland und Kasachstan, zwei Plätze vor dem russischen Nachbar- und Bruderland Ukraine. Wenn Russland nach dem Vorbild eines anderen Landes gestaltet werden müsste, belegt Deutschland gar Platz 1 – weit vor Amerika, der Schweiz und Frankreich. 

Positives Deutschlandbild

Woher rührt dieses positive Haltung? Vor allem Psychologie, aber auch tausend Jahre gemeinsamer Geschichte spielen eine Rolle. Schon im 13. Jahrhundert schloss die russische Stadt Nowgorod einen Vertrag mit der deutschen Hanse. Heute beträgt der Handel zwischen den beiden größten Ländern des Kontinents 75 Milliarden Euro. Katharina die Große, eine der von den Russen bis heute am meisten bewunderten Persönlichkeiten auf dem Zarenthron, war eine Deutsche aus dem Hause Anhalt-Zerbst-Dornburg. Tausende deutscher Adeliger, Professoren, Forscher und Militärs arbeiteten für die Zaren. 

Der berühmte Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (1780–1831) kämpfte auf russischer Seite gegen Napoleon. Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte der Darmstädter Mediziner Carl Heinrich Merck (1761–1709), ein Vorfahr des weltbekannten Chemieunternehmens, zu den Anführern einer Expedition, die im Auftrag des Zaren ganz Sibirien durchquerte und bis nach Alaska vordrang. Er schrieb wissenschaftliche Abhandlungen über „die vor kurzem erfolgte Auswanderung der Kalmücken aus den russischen Staaten“ und über die Völker am Polarkreis und auf der Halbinsel Kamtschatka. 

So verwoben ist die russische Geschichte mit dem Nachbarn im Westen, dass der Kunsthistoriker Dmitrij Rowinski im 19. Jahrhundert schrieb: „Wo du auch gräbst, wo du auch schaust – überall ist ein Deutscher“. Daher rühren auch die zahlreichen Begriffe, die Russen aus dem Deutschen entlehnt haben: „graf“, „kamerdiner“, „kurort“, „landshaft“, „zejtnot“ und „gastarbejtr“ brauchen keine Übersetzung. Ein „burgomistr“ ist ein Bürgermeister, ein „galstuk“ eine Krawatte und ein „parikmacher“ ein Frisör, abgeleitet vom Wort Perückenmacher.

Wichtiger aber als die Geschichte ist die Psychologie. Sicher lästern auch die Russen gelegentlich gerne über die geschätzten „nemzy“, über die „Stummen“ wie sie die Deutschen wegen der schwerfälligen und schneidenden Sprache nennen: über Genauigkeit, die in Pedanterie umschlägt; über die sprichwörtliche Sparsamkeit, hinter der in den Augen der Russen nichts anderes als blanker Geiz steckt. Wenn Moskauer es mit einem solchen Vorgesetzten zu tun haben, dann seufzen sie: „Was gut für den Deutschen ist, ist für den Russen der Tod.“ 

Das hat Tradition. Schon Dostojewski (1821–1881) schildert in seinem 1872 erschienen Roman „Die Dämonen“ den deutschen Gouverneur von Lembke als einen Ordnungsfetischisten. In Lew Tolstois (1828–1910) Meisterwerk „Krieg und Frieden“ hat Natascha Rostowa einen deutschen Schwager. Auf der Flucht vor der Armee Napoleons lädt sie Pelze aus ihrem Leiterwagen, um Verwundete zu transportieren. Als ihr Vater dagegen protestiert, raunzt sie: „Wir sind doch keine Deutschen.“ Und Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb der Schriftsteller Leonid Andrejew (1871–1919) einen Satz, der den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit auf- und angreift: „Für den Deutschen ist der Polizist die erste und letzte Liebe.“

Vor allem aber sind unsere Nachbarn im Osten überzeugt davon, dass Deutsche und Russen einander gut ergänzen, eben weil Russen bei den Eigenschaften, die sie an den Deutschen loben, auch nach eigener Einschätzung zu kurz gekommen sind. Der 1884 in Moskau geborene Philosoph Fjodor Stepun, der nach der Revolution von 1917 nach Deutschland auswanderte, schrieb: „Ohne eine Minute zu zögern, behaupte ich, dass von allen Völkern Europas nur Russland und Deutschland einander so nahe sind, wie Goethe die Nähe in dem Begriff der Wahlverwandtschaften beschrieben hat. Russland ist durch und durch chaotisch, durch das dunkle Chaos hindurch leuchtet jedoch eine Offenbarung. Der negative Geist der Kritik und eine aus Verboten bestehende Gewissenhaftigkeit sind Russland immer noch völlig fremd. Der deutschen Gewissenhaftigkeit droht die Gefahr, dass sie erstarrt. Die Rettung für Deutschland kommt aus Russland, so wie sie für Russland aus Deutschland kommt.“ Der Volkswirtschaftler Max Weber (1864–1920) stellte fest, „dass Deutschland und Russland aufeinander angewiesen sind auf Leben und Tod“.

Wahlverwandtschaften

Immer wieder ist deshalb von einer deutsch-russischen Seelenverwandtschaft die Rede. „In der Mitte und im Osten Europas wurde der Gemeinschaft der Vorrang gegenüber dem Individuum eingeräumt. Der Individualismus kam aus dem Westen Europas und mit ihm persönliche und wirtschaftliche Freiheiten“, schreibt der Berliner Historiker Arnulf Baring.

Wenn Russen und Deutsche heute aufeinander treffen, können sie viel voneinander lernen: die Russen von den Deutschen Disziplin und Genauigkeit, die Deutschen von den Russen Spontaneität und  „awos“. „Awos“ bezeichnet eine so urrussische Lebens- und Geisteshaltung, dass es dafür in keiner europäischen Sprache eine knappe und eindeutige Übersetzung gibt. Deutsch-russische Wörterbücher übersetzten „awos“ als „vielleicht“, „aufs Geradewohl“, „hoffentlich“ und „möglicherweise“, englisch-russische als „luck“ oder „perhaps“ . In seiner ganzen Tiefe aber bedeutet „awos“ das fatalistische Vertrauen darauf, dass alles schon irgendwie gut gehen werde. Selbst wenn die Gegenwart grau ist, leuchtet die Zukunft. In diesem Sinne haben sich auch die Kommunisten des „awos“ bedient, das schon in den Werken russischer Klassiker beschrieben wird. In Puschkins „Hauptmannstochter“ (1836) hoffen die Eltern der Heldin Mascha Mironowa in der Festung von Belogorsk, dass sie den Angriff des aufständischen Kosakenführers Emeljan Pugatschow mit Hilfe des „awos“ überstehen, in „Jewgenij Onegin“ (1831) hilft es gegen die Attacke Napoleons. Bei Dostojewski erklärt ausgerechnet ein  Deutscher seinem unglücklichen Bekannten, dem Musiker Jefimow, wie dieser sein Leben einrichten soll. Er soll nicht trinken, fleißig sein und jede Arbeit annehmen. Oder anders gesagt, er solle auf die eigene Kraft vertrauen statt auf das Schicksal zu hoffen. Nur ein Fremder kann auf solch eine dumme Idee kommen! 
Meine Jahre in Russland haben mich zu einem kompletteren Menschen gemacht. Russen haben mich das „Awos“ gelehrt, die Kunst auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Statt Seelenverwandschaft bevorzuge ich deshalb einen anderen Ausdruck: Seelenergänzung.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2013

Matthias Schepp

Matthias Schepp (RC Moskau-Metropol) ist Leiter des Büros des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ in Moskau. 2008 erschien „Gebrauchsanleitung für Moskau“ (Piper Verlag).   

www.spiegel.de

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