16.01.2015

Wie die Deutschen durch die Ukraine-Krise vom Lieblingspartner des neuen Russland wieder zu Feinden wurden 

Liebesentzug

Matthias Schepp

Infolge der Revolution in der Ukraine, der anschließenden Annektion der Halbinsel Krim durch Russland und des Auftretens prorussischer Truppen im Osten der Ukraine ist das Verhältnis Russlands zum Westen auf einem Tiefpunkt angekommen wie seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr. Die Autoren der Beiträge dieses Januar-Titelthemas sind auf ganz unterschiedliche Weise mit den gegenseitigen Beziehungen und ihrer wechselvollen Geschichte vertraut. Sie alle verbindet die Einsicht, dass in der jetzigen politischen Großwetterlage das zivilgesellschaftliche Gespräch vor allem zwischen Russland und Deutschland und den Menschen beider Länder wichtiger ist denn je.

Als das Jahr zu Ende ging, das den Kalten Krieg zurück nach Europa gebracht hat, wollte ich Michail Gorbatschow sehen, den Mann, der wie kein anderer den ersten Kalten Krieg beendet hat. Ich kenne Gorbatschow seit den frühen Neunziger Jahren und habe mit ihm mehr als ein halbes Dutzend Interviews geführt. Seit ich ihn während seiner tragisch-erfolglosen Präsidentschaftskandidatur 1996 begleitete und in einem für ihn nostalgischen Moment neben ihm stand, als der ehemalige Kremlchef sein Elternhaus in Südrussland besuchte, duzt mich Gorbatschow. Vor einem Jahr hat er mir sein jüngstes Buch geschickt. „Matthias, ich habe gehört, Deinem Arbeitgeber, dem Spiegel geht es nicht mehr so gut. Falls es Dir an Geld fehlt, um mein Buch zu kaufen, schenke ich es Dir für alle Fälle.“ Gorbatschow hat im kleinen Kreis einen wundervollen und trotz seiner 83 Jahre blitzgescheiten Humor.

Wann immer er in den vergangenen Jahren mit mir auf Deutschland zu sprechen kam, sprach er über das Land, dem er die Wiedervereinigung geschenkt hat, mit uneingeschränkter Wärme und großer Herzlichkeit. In diesem Dezember aber war alles anders. Enttäuschung und sogar eine Prise Verbitterung mischten sich in seine Worte, als er auf die Ukraine-Krise und die deutsche Russlandpolitik zu sprechen kam. „Überall mischt sich Deutschland ein und will sich mit Russen und Amerikanern messen“, sagte er im Blick auf die Ukraine-Krise und die Einverleibung der Krim in den russischen Staatsverband.

Gorbatschows Enttäuschung

Es gebe in Deutschland einen regelrechten Wettbewerb, wer härter gegen Russland auftrete. Dann erinnerte der Friedensnobelpreisträger an die Bilanz des Hitlerschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und die Millionen Toten auf beiden Seiten. In meinem Land ist der Weltkrieg nicht vergessen und es ist gut, dass sich unsere Völker versöhnt haben“, sagte Gorbatschow, „leider nur hat die deutsche Elite die Lektionen der Vergangenheit vergessen“. Er wünschte sich einen neuen Bismarck, der vor Kriegen mit Russland gewarnt hat und ein Meister des Gleichgewichts der Kräfte war.

Durch die Moskauer Machtelite insgesamt hat die neue deutsche Russlandpolitik Schockwellen gesandt. Deutschland hat seine Brückenfunktion zwischen Russland und dem Westen aufgegeben. Berlin verzichte auf Sonderbeziehungen zu Moskau, weil es „von der Vision eines anderen Deutschlands geleitet ist, dass nicht länger nur das Portemonnaie der Europäischen Union ist, sondern diese tatsächlich anführen will“, schreibt einer der klügsten russischen Analytiker, der Vorsitzende des Rates für Verteidigungs- und Außenpolitik Fjodor Lukjanow. Als uneingeschränkter Anführer der EU versuche Deutschland, so sieht es der Kreml, über das Instrument der „östlichen Partnerschaft der EU“ mit Ländern wie der Ukraine und Moldawien diese endgültig aus der russischen Einflusszone in die der EU zu holen.

Kulturelles Auseinanderdriften

Auch in der Ukraine übrigens wird Deutschland als der neue Hegemon Europas wahrgenommen. „Die neue deutsche Ordnung. Was erwartet die Ukraine“, prangte im September in fetten Lettern vom Titelblatt des angesehenen Wochenmagazins „Korrespondent“. Zu sehen war Angel Merkel in Ritterrüstung und mit Schwert in der Hand.

Zwischen Russland und Deutschland hat die Entfremdung schon vor der Ukraine-Krise begonnen. Die beiden Mächte, die seit Jahrhunderten und trotz fürchterlicher Kriege mit nicht wenig Sympathie und oft mit großer Faszination aufeinanderblickten, leben sich auseinander: Russland erlebt eine Renaissance der Religion, insbesondere der staatsnahen und konservativen Orthodoxen Kirche. Deutschland hingegen ist ein zunehmend säkulares Land, in dem die Rolle der beiden christlichen Kirchen schwindet. In Deutschland sind schwule Bürgermeister und Außenminister Alltag, Putin jedoch hat vor anderthalb Jahren ein Gesetz erlassen, dass dem Namen nach „Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen“ verbietet, tatsächlich aber Hass und Ressentiments gegen Homosexuelle säht.

Russland ist unter starken Geburtswehen gerade dabei, sich als Nationalstaat zu erfinden, hat aber seinen imperialen Reflex keinesfalls aufgegeben, zumindest wenn es um Gebiete geht, die von der übergroßen Mehrheit der Russen als urrussisch angesehen werden, wie die Ukraine, von der das russische Reich mit der Kiewer Rus vor tausend Jahren seinen Anfang nahm und deren Hauptstadt Kiew in Russland den Beinamen „Mutter aller russischen Städte trägt.“

Deutschland hat Teile seiner Souveränität an supranationale Staatenbündnisse wie die EU und NATO abgegeben. Moskau sieht sich demgegenüber als „souveräne Demokratie“, die sich keiner anderen Macht und keinem Staatenbündnis unterwirft. Unter Angela Merkel sei Deutschland zum Vasallen Amerikas geschrumpft, empören sich hohe Kremlbeamte, und Anna Rose, die Deutschland-Korrespondentin der Regierungszeitung Rossiskaja Gaseta, schrieb Mitte Dezember: „Deutschland steht ohne Zweifel gegen seine eigenen Interessen an der Seite Amerikas. Dass Angela Merkel die Augen schließt vor den Verbrechen der Amerikaner, zeugt von klassischer Doppelmoral. Solange Deutschland so handelt, ist es schwierig von wirklicher Unabhängigkeit dieses wichtigsten europäischen Landes zu reden.“

In den Neunziger Jahren und den ersten zehn Jahren des neuen Jahrtausends wären solche Kommentierungen in wichtigen Zeitung undenkbar gewesen. Wir Deutsche rangierten in Umfragen jahrelang zusammen mit Weißrussen und Ukrainern stets unter den Top drei. Selbst bei Gedenkfeiern zum Zweiten Weltkrieg wurde ich von Bürgermeistern wie ein Freund begrüßt und in die erste Reihe neben die Ehrengäste gesetzt. Vorbei. Nun sind wir Deutschen in Umfragen abgestürzt, und es fehlt nicht mehr viel, dass wir so verhasst sind wie die Amerikaner.

Die Rückkehr des »Faschisten«

Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die Folgen der Ukraine-Krise auch meine Familie erreichten. Wir wohnen in einem Häuschen am südwestlichen Stadtrand von Moskau. An einem Donnerstagabend im März saß mein ältester Sohn Moritz bei Schinkenbroten und Nudelauflauf bedrückt am Tisch. Zwei Tage war es her, dass Wladimir Putin die Annexion der Krim in einer landesweit übertragenen, umjubelten Rede gerechtfertigt hatte. Der Präsident sprach von der fünften Kolonne im eigenen Land, die das Geschäft ausländischer Mächte besorge, und von Nationalisten und Neonazis, die in Kiew nun angeblich die politischen Geschicke bestimmten. Jetzt saß Moritz bedrückt beim Abendessen. Er war gerade zurück vom Basketballtraining. Normalerweise erzählt er dann begeistert von neuen Kniffen, die ihm sein Trainer beibringt. Nun aber hockte Moritz schweigend am Tisch. „Wahrscheinlich hat er Liebeskummer“, dachte ich. Ganz normal mit vierzehneinhalb.

Tatsächlich aber ging es um Liebesentzug. Nicht um den zwischen Heranwachsenden, sondern den zwischen Völkern. Jahrelang hatten meine Familie und ich in dem schönen Gefühl gelebt, dass Deutsche die Lieblingsausländer der Russen sind. Auf dem Weg zur Arbeit fuhren wir an Werbetafeln vorbei, die für „deutsche Küchen“, „deutsche Zahnärzte“ und „deutsche Schuhe“ warben. Kein Markenname stand da, das Adjektiv „deutsch“ genügte als Qualitätsbeweis. Moritz seufzte tief. „Ein mieser Faschist soll ich sein“, erklärte er traurig. Dann sprudelte es aus ihm heraus. Nach dem Training hatten ihn drei seiner Mannschafts­kameraden in der Kabine angerempelt, in die Rippen geboxt und als Faschisten beschimpft. Nur weil er ein Deutscher ist. Die Dauerpropaganda in den staatlich gelenkten Medien schlug nun auf uns zurück. Sie stellt die neue, durch eine Revolution an die Macht gekommene Regierung in Kiew als eine Art braune Junta dar, die nun nach Hitler aufs Neue gegen die Interessen der russischen Bevölkerung der Ukraine zu Feld ziehe.

Seit der Ukraine-Krise ist deshalb für uns wenig wie es vorher war. Unsere Freunde mit guter Ausbildung schäumen darüber, dass ein deutscher Außenminister namens Guido Westerwelle auf dem Kiewer Majdan auftauchte und erst mit den „Revolutionären statt mit dem demokratisch gewählten Präsidenten Wiktor Janukowitsch gesprochen hat“. Einige russische Freunde haben in Deutschland gelebt. Sie bewunderten das Land von Goethe, Porsche, Sauerkraut und Bayern München grenzenlos. Vorbei.

Nur eines spendet ein wenig Trost: Moritz hat im Zentrum von Moskau einen neuen Basketballverein gefunden. Seine Mannschaftskameraden wissen, dass er einen deutschen Vater hat und auf die deutsche Schule in Moskau geht. Dennoch ist er bei seinen Mitspielern hochbeliebt.


Die Liebe der Russen zu Deutschland ist gemeinhin durch nichts zu erschüttern. Ein klassisches Beispiel dafür sind die nachfolgenden Verse, die eine der bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb.

An Deutschland

Marina Zwetajewa

Die ganze Welt schließt sich zusammen,
verfolgt mit ihrem Hasse dich.
Wie, sollte ich dich auch verdammen,
wie, ließe ich dich auch im Stich?

Wie es mich denn zur Einsicht triebe:
„Auge um Auge – Zahn um Zahn“,
Wo du doch, Deutschland, meine Liebe,
Wo du doch, Deutschland, bist mein Wahn!

Wie sollte ich denn bloß dich lassen,
mein so gehetztes Vaterland,
wo schmalgesichtig durch die Gassen
von Königsberg geht jetzt noch Kant,

wo einen neuen Faust im Gehen
umhegt, sein Stöckchen schwingen lässt
Geheimrat Goethe in Alleen
von einem andern kleinen Nest.

Wie sollte je für mich verblassen
dein lichter Glanz, mein deutscher Stern?
Nein, eine Hälfte auszulassen
von meiner Liebe liegt mir fern.

Mich schreckt kein Sporenklirren, weil ich
an deine Liedchen mich verlor,
weil mir ein Heiliger Georg heilig
zu Freiburg ist am Schwabenthor,

weil mich in seinem Aufwärtsdrange
auch nicht des Kaisers Schnurrbart stört,
ich bis zum Grab nach dir verlange,
mein Herz auf dich, mein Deutschland, schwört.

Kein Land so klug, so wunderbar ist,
wohlduftend wie von Spezerein,
es kämmt ihr goldenes Lockenhaar sich
die Lorelei am ewigen Rhein.

1. Dezember 1914
Übersetzung: Josef Müller

Erschienen in Rotary Magazin 1/2015

Matthias Schepp

Matthias Schepp (RC Moskau-Metropol) ist Leiter des Büros des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ in Moskau. 2008 erschien „Gebrauchsanleitung für Moskau“ (Piper Verlag).   

www.spiegel.de

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