01.07.2016

Interview mit Prof. Dr. Oermann  

Unbeirrt bis zum Schluss

René Nehring

Ein Gespräch mit Nils Ole Oermann, der in den letzten Jahren mehrfach mit Margot Honecker gesprochen hat und diese Begegnungen nun in einem Buch beschreibt

Herr Oermann, Sie haben als vermutlich letzter Besucher aus Deutschland kurz vor ihrem Tode mehrfach Margot Honecker getroffen. Was interessierte Sie an einer Frau, die in der deutschen Gesellschaft fast schon vergessen war?
Sie ist eine Person der Zeitgeschichte, die als Minister für Volksbildung (Margot Honecker wählte ausschließlich die männliche Form!) über Jahrzehnte hinweg ungezählte Biographien geprägt hat; das hieß oftmals: zerstört. Sie selbst sah die „Volksbildung“ als das wichtigste Ressort in einer Diktatur der Arbeiter und Bauern an, weil sie so die Jugend und damit die Gesellschaft im Ganzen durchdringen konnte. An den Folgen leiden viele Menschen bis heute.

Wie erfolgte die Annäherung an Frau Honecker, und wie haben Sie sie erlebt?
Das kam ganz zufällig zustande. Ein gemeinsamer Bekannter, der ihren „Klassenstandpunkt“ teilte, erzählte mir, dass er mit ihr in E-Mail-Kontakt stehe. Sie ließ mich dann wissen, dass freundliche Menschen ihr immer willkommen seien. Gleich beim ersten Treffen 2013 zeigte sich der janusköpfige Charakter ihrer Persönlichkeit: Einerseits war da die nette ältere Dame, die einem Westkaffee reichte – den Geschmack an Rondo und Röstfein hatte sie schon zu DDR-Zeiten verloren –, und dann war da die unbeirrte Kommunistin, für die Mauertote nicht mehr waren als eine Fußnote der Geschichte.

Ich habe mich oft gefragt: Warum trifft sich diese Frau überhaupt mit mir, einem Theologen? Vielleicht ist es so banal, dass sie sich gern reden hörte und einfach Heimweh hatte. Sie fragte viel nach dem Leben und der Politik in Deutschland. Auf meine Nachfrage, was sie an ihrer Heimat besonders vermisse, sagte sie: den Wald und den Geruch von Pilzen. Was soll man darauf entgegnen? Man trifft heute nicht mehr viele Menschen, die einem sagen: „Ich bin bekennende Stalinistin.“

Wie begründete sie das?
Frau Honecker machte keinen Hehl daraus, dass sie keine Demokratin war. Auf meine Frage, was sie aus heutiger Sicht anders machen würde, sagte sie einmal: „Da fällt mir nichts ein“. Sie redete auch immer so, als wenn das Kapitel DDR nicht abgeschlossen wäre. Sie hat sich keine Mühe gemacht, Spanisch anzueignen, sondern tauschte sich fast jeden Tag via Internet mit ihren Genossen in Deutschland aus und sah deutsche Nachrichten. In ihrem Haus lebte sie in einer kleinen DDR mitten in Chile.

Bei meinem letzten Besuch im April 2016 saß sie auf ihrem Sterbebett, und neben ihr lag die Rote Fahne, die Parteizeitung der MLPD und die „Geschichte der Sozialistengesetzgebung“. Sie war bis zum Ende völlig unbeirrt und machte auch keinerlei Anstalten, sich für irgendetwas zu entschuldigen. Ihr Staat war aus ihrer Sicht schlicht dies: das bessere Deutschland.

Über welche Themen kann man mit solch einer Frau eigentlich reden?
In den vier Gesprächen, die ich mit ihr zwischen 2013 und 2016 geführt habe, kamen wir irgendwann doch auf die Mauertoten und die „Jugendwerkhöfe“ zu sprechen, die nichts anderes waren als Jugendgefängnisse und durch die zwischen 1949 bis 1990 über 400.000 Kinder und Jugendliche hindurch mussten. Gleichzeitig war Margot Honecker zuständig für 500.000 Lehrer, Hortner, Pionierleiter und Funktionäre im Bildungswesen. Das sind ja alles keine Kleinigkeiten. Deswegen ist diese Person so interessant, weil fast jeder in der DDR es in seiner Jugend zumindest mittelbar mit ihr zu tun bekam.


Nils Ole Oermann, Zum Westkaffee bei Margot Honecker. Letzte Begegnungen mit einer Unbeirrten, Hoffmann und Campe 2016, 176 Seiten, 16 Euro


Zur ideologischen Verblendung ihrer Politik bekamen man von Margot Honecker allerdings wenig Erhellendes zu hören. Sie sah sich als große Bildungspolitikerin und argumentierte, dass die DDR-Schüler besonders gut in Mathematik, Chemie und Orthografie waren, was man ja bis heute an den Pisa-Tests in Sachsen bemerke. Den von ihr eingeführten Wehrkundeunterricht klammerte sie hingegen in unserem Gespräch aus. Im Grunde war keine ihrer Antworten ideologisch überraschend; aber die Art und Weise, wie sie etwas sagte, war schon spannend. Man hatte es mit einer bis in die Haarspitzen überzeugten Stalinistin zu tun. Über Gregor Gysi meinte sie darum nur: „Ich halte nischt von ihm.“ An einer solchen Frau lässt sich eindrücklich beobachten, was Ideologien aus Menschen machen können, und was diese Menschen in der Folge anderen Menschen anzutun bereit sind. Die Insassen der Jugendwerkhöfe waren für sie allesamt „Banditen“, und diejenigen, die an der Mauer starben, einfach „dumm“.

Interessant war auch, dass sie sich an „ihrem“ Staat, anders als viele Diktatoren, vergleichsweise wenig bereichert hat. Sie war sicherlich eine der wenigen Diktatorenwitwen, die gesetzlich krankenversichert war und lediglich von 1.500 Euro Rente gelebt hat. Wobei dies noch vergleichsweise hoch scheint, denn wenn die Geschichte andersherum gelaufen wäre, wäre – so meine Vermutung – kaum ein westlicher Spitzenpolitiker von der DDR im Alter alimentiert, sondern eher als politischer Häftling nach Hohenschönhausen oder Bautzen überstellt worden.

Warum hat, Ihrer Meinung nach, Frau Honecker sich nicht die eigenen Taschen gefüllt wie etwa Schalck-Golodkowski?
Nun, Margot Honecker hat nicht nur an den Sozialismus geglaubt, sondern sie hat ihn wirklich gelebt. Hätte die Unbeirrtheit dieser Frau nicht so schlimme Konsequenzen gehabt, so hätte man sie dafür fast bewundern können. Mein Eindruck war, dass sie und ihr Mann sich nicht als Personen wichtig nahmen, sehr wohl aber als Personal, nämlich um den Sozialismus auf deutschem Boden zum Sieg zu verhelfen. Mit ihren Nachfolgern allerdings, vor allem mit der PDS/Linkspartei, hatte Frau Honecker gebrochen, eben weil sie keine Demokratin war. Von den ganzen Häutungen der SED seit 1990 schien sie angewidert.

Aber auch eine Frau Honecker muss doch zumindest begriffen haben, dass sie und ihr Mann verloren haben.
Durchaus. Aber die Gründe dafür suchte sie nicht bei sich, sondern bei den Sowjets. Die Leute auf der Straße in Leipzig hingegen hielt sie für ferngesteuerte, dumme Ignoranten. „Verloren“ hat die DDR ihrer Meinung nach nicht, weil die Kommunisten inkompetent waren, sondern nur deshalb, weil sie der Konterrevolutionär
Michail Gorbatschow die DDR und damit die Honeckers hat fallen lassen. Als ich sie einmal fragte, was man mit Konterrevolutionären gewöhnlich mache, verschränkte sie nur die
Arme und sagte verächtlich: „Tja…“

Ist Margot Honecker in ihrer Uneinsichtigkeit eine tragische Figur der Geschichte?
Tragisch? Nein. Ich würde sogar eher sagen, dass sie großes Glück gehabt hat, vor allem im Vergleich zu anderen Diktatorenfamilien. Immerhin konnte sie nach der Wende unbehelligt im Kreise ihrer chilenischer Genossen
leben und hatte noch 25 angenehme Jahre. Was man von vielen ihren Opfern leider nicht sagen kann. 

Prof. Dr. Nils Ole Oermann

Prof. Dr. Nils Ole Oermann (RC Stendal) ist Theologe, Jurist und Philosoph. Er ist Di­rek­tor des Instituts für Ethik und Transdisziplinäre Nach­haltigkeitsforschung an der Leuphana Universität Lüneburg und Gastprofessor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. © Andrea Oermann

Erschienen in Rotary Magazin 7/2016

Rotary Magazin 4/2018

Rotary Magazin Heft 4/2018

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