16.12.2014

Über den Sinn der Familie – und warum es sich lohnt, eine lebenslange Bindung einzugehen

»?Was man investiert, kommt wieder?«

Weihnachten ist das Fest der Familie – der bürgerlichen, wie der heiligen. Die Beiträge dieses Dezember-Titelthemas beschreiben die Rolle von Jesus, Maria und Joseph als abendländische Modell­gemeinschaft und widmen sich der Bedeutung der Institution Familie in einer Zeit, in der diese nicht mehr selbstverständlich ist.

Ihre Durchlaucht, was bedeutet – zunächst einmal ganz allgemein-gesellschaftlich – Familie für Sie?
Gloria von Thurn und Taxis: Die Familie ist der natürliche Kern der Gesellschaft. Hier kann der Mensch Liebe und Geborgenheit erfahren. Hier kann von klein auf Sozialverhalten erfahren werden. Wenn wir die Ideologie „zurück zur Natur“ vollständig denken, dann darf dies nicht nur Flora und Fauna betreffen, sondern muss auch den Menschen mit einbeziehen. Denn die Familie ist seine natürliche Umgebung.

Und wie definieren Sie Familie?
Ganz klassisch: Vater, Mutter, Kinder.

In den letzten Jahren hat es allerdings eine deutliche Erweiterung des Familienbegriffs gegeben. Neben dem klassischen Mama-Papa-Kinder-Modell haben sich u.a. sogenannte „Patchwork“-Lebensformen oder gleichgeschlechtliche Beziehungen etabliert, in denen ebenfalls Kinder aufwachsen. Sehen Sie darin eine Bereicherung des Familienbegriffs oder eine Schwächung?
Meiner Meinung nach muss man die verschiedenen Formen des Zusammenlebens tolerieren, denn es ist eben nicht immer möglich, die klassische Familienzusammensetzung zu bekommen. Apfelbäume wachsen auch nicht immer auf optimalen Böden in optimalem Klima. Dennoch meine ich, dass wir das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn wir alternative Lebensformen zu sehr propagieren, weil wir dadurch die natürliche Familie automatisch schwächen.

Ist nicht gerade auch die Heilige Familie aus der Bibel ein Beleg dafür, dass die Formen des menschlichen Zusammenlebens nicht immer den Idealvorstellungen entsprechen? Schließlich zieht Joseph einen Jungen auf, der nicht sein leiblicher Sohn ist.
Absolut, das ist ein sehr gutes Beispiel. Dennoch: Die Ehe wurde von Christus selbst, gegen den damaligen Zeitgeist, gestiftet. Die Jünger von Jesus waren empört! Wenn man nur eine Frau haben könne, sei es doch besser, gar nicht zu heiraten. Die Ehe ist also immer als etwas Schwieriges, Anspruchsvolles erachtet worden.

In jüngster Zeit gibt es – wie schon in den 60er und 70er Jahren – Pläne, in den Schulen selbst kleine Kinder frühzeitig über allerlei sexuelle Praktiken und die damit einhergehenden Lebensformen aufzuklären. Was halten Sie als Mutter davon?
Diese Pläne halte ich für kontraproduktiv. In diesen Fragen sollte man sehr bemüht sein, Scham und andere Grenzen nicht zu überschreiten. Auch weil die Gefahr einer Gegenreaktion besteht. Diese kann nämlich dazu führen, dass wir eine sehr viel puritanischere Generation heranbilden als uns lieb ist.

Auf der anderen Seite wurde eine der heftigsten familienpolitischen Diskussionen in den vergangenen Jahren durch die Einführung des sogenannten „Betreuungsgeldes“ ausgelöst. Dieses wurde u.a. deshalb kritisiert, weil einerseits Frauen dadurch unter Umständen den Anreiz verlören, zur Arbeit zu gehen, und andererseits weil die Kinder in Betreuungseinrichtungen besser aufgehoben seien. Wer dies liest und hört, muss das Gefühl bekommen, dass Kinder überall besser aufgehoben sind als im Kreise ihrer Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel. Steht die traditionelle Familie mittlerweile unter einem Rechtfertigungszwang?
Es mag volkswirtschaftlich momentan richtig erscheinen, möglichst viele werktätige Menschen zu haben. Auf die längere Sicht ist dies meiner Meinung nach ebenfalls kontraproduktiv, denn die sozialen Folgekosten steigen dann enorm. Aus Studien wissen wir, dass Kinder, die länger mütterliche Geborgenheit gespürt haben, weniger krank sind, eine höhere Immunität gegenüber Krankheiten besitzen und auch ein stabileres Gemüt aufweisen. Die Tatsache, dass in Europa mittlerweile jeder Dritte an Depressionen zu leiden scheint, sollte uns zu denken geben.

Auf der anderen Seite sieht es auch in Familien nicht immer rosig aus. Gerade Kinder erleben immer wieder im Kreise naher Verwandter Misshandlungen und Missbrauch. Müssen wir uns vor falschen Idealisierungen der Familie ebenso hüten wie vor Verunglimpfungen?
Gewalt, Machtmissbrauch und weitere furchtbare Dinge geschehen überall da, wo Menschen zusammenleben. Ob in der klassischen Zusammensetzung oder einer alternativen spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Ein weiteres Faktum ist, dass heutzutage für viele junge Menschen Freundschaften und Bekanntschaften – etwa über das Internet – wichtiger sind als die Kontakte zu nahen Verwandten. Ist die Familie also doch ein Auslaufmodell? Warum wird sie dennoch gebraucht?
Dass junge Menschen Freunde Ihrer Verwandtschaft vorziehen, ist völlig normal. Dies bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass der Mensch deshalb auf die Familie verzichten kann.

Aber wofür wird sie gebraucht?
Familie bedeutet Engagement, Bindung und Verpflichtung. Die Engländer habe dafür das schöne Wort „Commitment“. Das alles ist natürlich mühsam, aber es lohnt sich, denn das Leben ist lang. Was man investiert, kommt wieder, wenn auch oft von ganz woanders.

Im 19. Jahrhundert stiegen neben dem Adel auch zahlreiche Bürgerfamilien auf, für deren Charakterisierung adelige Begriffe wie Industriebaron oder Stahlbaron verwendet wurden. Eine Weile sah es so aus, als bildeten die Thyssens, Krupps, Borsigs usw. die modernen Dynastien der Neuzeit, gerade nachdem der Adel durch die Einführung der Republik politisch entmachtet wurde. Doch kaum einer dieser modernen Familiendynastien ist es gelungen, ihr Unternehmen über mehr als drei Generationen im Familienbesitz zu halten; und auch zahlreiche mittelständische Betriebe suchen heute einen Nachfolger. Ist die Dynastie in unserer modernen Welt ein Fremdkörper?
Tatsächlich gab es im 19. Jahrhundert bis 1918 zahlreiche Nobilitierungen, die die Attraktivität eines Adelstitels dokumentierten. Diesem Neuadel gelang in der Regel eine generationenübergreifende Dynastiebildung nicht. Das zeigt, dass man Adel nicht einfach „machen“ kann. Und hier sind wir dann wieder bei der Familie. Eine Familie ist immer auch generationenübergreifend. Nur wer im Bewusstsein der Herkunft Gegenwart gestalten kann, ist zukunftsfähig.

Zu guter Letzt: Was haben Sie ganz persönlich Ihren Kindern mitgegeben, das weder die Schule noch die Freunde noch irgendveine andere Institution den Kindern mitgeben konnte?
Mutterliebe natürlich!!!

Das Interview führte René Nehring.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2014

Rotary Magazin 9/2016

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