Titelthema: Tradition - Was uns prägt

In ihrem Grundgesetz erteilte die Bundesrepublik jeglichem Totalitarismus eine Absage © Foto: Andreas Praefcke – gemeinfrei

01.06.2017

Titelthema: Tradition

Was uns prägt

Günther Rüther

Gedanken über die kulturellen Traditionen der Bundesrepublik Deutschland

Wir sind nicht Burka“, mit diesem Satz schließt die erste These des Zehn-Punk­te-­Katalogs von Bundesinnenminister Thomas de Maizière zur deutschen Leitkultur. Mit ihr wollte er erneut eine öffentliche Debatte über das Selbstverständnis, die Konvention und Tradition der Deutschen anstoßen. In seiner Rhetorik erinnerte er damit an den Aufmacher der Bild-Zeitung vom 20. Mai 2005 am Tag nach der Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger zum ersten deutschen Papst seit der Reformation. Die Schlagzeile des Jahres 2005 war Ausdruck der Freude. Sie insinuierte eine besondere Nähe der Deutschen zum neuen Pontifex.

Thomas de Maizières Losung kann daran jedoch nicht anknüpfen, weil sie kein Identifikationsangebot enthält, sondern ganz im Gegenteil eine Ausgrenzung vornimmt. Der Verfassungsminister zeigt Grenzen der To­leranz auf. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob das Tragen einer Burka in unserem Land eine ernsthafte kulturelle Herausforderung darstellt. Außer­­dem verdeutlicht die Losung, dass die Deutschen trotz einer außer­gewöhnlichen Erfolgsgeschichte nach der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und dem Glück der Wiedervereinigung offensichtlich noch immer tief verunsichert sind, wenn es um ihre Kultur und Tradition geht. Es fehlt an Augenmaß und Gelassenheit.

Benedikts Symbolik

Die Schlagzeile „Wir sind Papst“ hatte demgegenüber eine Tiefendimension, auch wenn sie oberflächlich betrachtet nicht mehr als eine geniale Schlagzeile war. Diese konnte ihre Wirkung nur deshalb entfalten, weil der neue Papst mit der Wahl des Namens Benedikt XVI. ein programmatisches Selbstbekenntnis ablegte. Es hatte sein Denken und Handeln bis dahin bestimmt und wurde zur Leitlinie seines Pontifikats.

Genau in diesem Punkt lagen die Verknüpfungen mit der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeneration, der er selbst angehörte. Wie Joseph Ratzinger hatten auch seine Landsleute einen Schlussstrich unter die geistig-kulturelle Tradition gezogen, die das Wilhelminische Reich ausgezeichnet und das „Dritte Reich“ pervertiert hat­te. Militarismus, Nationalismus und Weltmachtstellung wurden zu Attributen einer vergangenen Zeit. Wie sein Namensvorgän­ger Benedikt XV., der den Krieg im Angesicht der großen Heimsuchung 1915 in sei­­nem apostolischen Schreiben, der Ex­hortatio „Allorché fummo chiamati“ als „grauenvolle Schlächterei“ gebrandmarkt hatte, verwies der sechzehnte Benedikt auf die deutsche Schuld und Verantwortung. Er warb dafür, alles zu tun, damit es nicht noch einmal dazu in Europa käme und nahm Deutschland in die Pflicht. Damit ent­sprach er dem Selbstverständnis der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die die Bundes­republik und die DDR aufgebaut hatten.

Aber auch ein zweites nicht minder bedeutsames Vermächtnis schwang in dem Satz „Wir sind Papst“ mit. Mit dem Bekenntnis zu Benedikt von Nursia und den Benediktinern erinnerte der deutsche Pontifex an die Tugenden der Demut, der Genügsamkeit und der Reflexion. Er verwies damit auf eine Haltung, die das kol­lektive Bewusstsein der Deutschen in den ersten Nachkriegsjahren geformt hatte. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der deutschen Schuld entwickelte sich in beiden deutschen Staaten, wenn auch in unterschiedlicher Form und Intensität, zu einer nationalen Aufga­be, die heute noch wirkmächtig in der Erinnerungskultur aufscheint und – wie aktuelle Debatten zeigen – keines­wegs abgeschlossen ist.

Als erster Kanzler der Bundesrepu­blik Deutschland hatte Konrad Adenauer an diese Maximen aus christ­li­cher Überzeugung angeknüpft. Mit der Gründung der CDU als überkonfessionelle, im Christentum wurzeln­de politische Kraft fand sie ihren programmatischen Ausdruck. Gemeinsam mit anderen Parteien verankerte sie noch ein anderes Grundprinzip in unserer Nachkriegsgeschichte: den Antitotalitarismus. Dieser wandte sich gleichermaßen gegen Nationalsozialismus und Kommunismus. Damit grenzte sich die Bundesrepublik von der DDR ab.

Als Reflex auf die nationalsozialistische und die kommunistische Diktatur wurde 1949 das Grundgesetz verkündet. Es ­stellte die Würde des Menschen in den Mittelpunkt und distanzierte sich damit von jedweder Form der Gewaltherrschaft. Der Grundrechtsteil gibt mit seinen Freiheitsrechten diesem besonderen Schutz der Bürger Ausdruck. Obwohl die Verwundun­gen der nationalsozialistischen Diktatur noch nicht abgeklungen waren, die Auseinandersetzung darüber gerade erst be­gonnen hatte, scheute Adenauer nicht davor zurück, den westdeutschen Teilstaat in den Kreis der Völkergemeinschaft zurückzuführen. Der Beitritt zur NATO zehn Jahre nach dem Ende des Krieges gehörte als zentraler Baustein seines Konzeptes der Westintegration ebenso dazu wie die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die zur heutigen Europäischen Union führen sollte.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2017

Günther Rüther
Prof. Dr. Günther Rüther war bis 2013 Leiter der Hauptabteilung Begabtenförderung und Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung und lehrt als Honorarprofessor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Zuletzt erschien „Die Unmächtigen. Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945“ (Wallstein 2016). guenther-ruether.de

Rotary Magazin 6/2017

Rotary Magazin Heft 6/2017

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Tradition

Die Debatten um das Traditionsverständnis der Bundeswehr und über die Notwendigkeit einer deutschen Leitkultur werfen die Frage auf, auf welchem Fundament unsere Gesellschaft steht.

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