16.02.2015

Interkulturelle Kompetenz 

» Wie ein Programm, das im Hintergrund läuft «

Irina Slot

Ist Altruismus immer das Gegenteil von Egoismus? Nein, nicht immer. Denn die selbstlose, ernst gemeinte und reflektierte Zuwendung ermöglicht es dem ehrenamtlich Agierenden, sich persönlich durch den Erwerb von interkultureller Kompetenz zu bereichern. Jener Kompetenz, die im modernen Berufsleben in allen Branchen zunehmend unverzichtbar wird: für Projektmanager und HR-Mitarbeiter, für Lehrer und Ärzte, für Wissenschaftler und Berufsoffiziere.

Jeder Mensch wird im Kindesalter von der Kultur seiner Umgebung geprägt. Sicherlich und zum Glück ist dies nicht die einzige „Komponente“ des menschlichen Seins: Zusätzlich zu den sozialen Einflüssen (Milieus) und der Prägung durch Beruf und Arbeitstätigkeit gibt es etwas so Wunderbares wie unsere Persönlichkeit, das Besondere, was uns als einzigartigen und unverwechselbaren Menschen ausmacht. Doch der Einfluss des Landes, in dem wir aufwachsen, wird oft unterschätzt bzw. kann nur im Vergleich zum Einfluss der anderen Kulturen wahrgenommen werden. Das ist wie ein Programm, das im Hintergrund läuft und unsere Wahrnehmungen, Wertungen und Handlungen beeinflusst.

Eisberg-Theorie

Kultur wird oft mit einem Eisberg verglichen. Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sichtbaren Aspekte einer Kultur: wie die Menschen sprechen, wie sie sich kleiden, was und wie sie essen. In dem Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt – und weit größer als der obere Teil des Eisbergs ist – verbergen sich die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denkweisen, Handlungsmuster, der Einfluss der Religionen sowie Normen und Werte überhaupt.

Eben diesen Teil der Kultur tragen wir wie einen Rucksack mit uns mit, egal, wohin wir als Erwachsene gehen. Wir geben große Teile davon – meist unbewusst – an unsere Kinder weiter. Die Vorstellung, dass durch Integration im neuen Land die kulturelle Prägung, die man durch Eltern und Großeltern erfahren hat, einfach ausradiert würde, ist naiv und gefährlich. Im oberen Teil des „Eisbergs“ (Kleidung, Manieren, Sprechweise) ist eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft möglich, doch das „kulturelle Betriebssystem“, im frühesten Kindesalter geschrieben, läuft weiter, quasi im Hintergrund und wird immer dann in Erscheinung treten, wenn ein Mensch sich in einer Stresssituation befindet (Gefahr, Krankheit, Zeitdruck) oder eine wichtige Entscheidung treffen muss (Berufswahl, Familiengründung). So wie beim Eisberg, der plötzlich von der Sonne stark angestrahlt wird, wenn nur der obere Teil zu schmelzen anfängt, wirken sich Veränderungen der kulturellen Umgebung nur langsam (wenn überhaupt) auf die tief liegenden Bereiche der kulturellen Persönlichkeit aus. Hierbei gilt die „Faustregel“, dass etwa drei Generationen dafür notwendig sind.

Der Vergleich mit einem Eisberg erklärt auch, wie kulturelle Konflikte entstehen. Wenn zwei Eisberge kollidieren, geschieht dies im unteren Teil der Eisberge, unter dem Wasser. Der schon fast sprichwörtliche „clash of cultures“ findet im unsichtbaren Teil der Kultur statt. In diesem automatischen Mechanismus, dass wir Verhaltensweisen, die von den unseren abweichen, bewerten, liegt übrigens auch das Geheimnis der Stereotypen. Auf unserem Eisberg sitzend und eine andere Verhaltensweise beobachtend, neigen wir ganz natürlich dazu, diese durch den „Unterbau“ unseres eigenen Eisbergs zu erklären. So wirken auch positive Stereotypen: Das Lächeln auf dem Gesicht eines Menschen, der aus Vietnam stammt, wird hierzulande mit Höflichkeit und Freundlichkeit verbunden, für meine Studenten mit vietnamesischen Wurzeln es ist nur eine „Maske“, der Ausdruck des Verbotes, Gefühle zu zeigen.

Kulturdimensionen

Doch wie kann dieser unsichtbare Teil der Kultur durchleuchtet werden, wenn so viele Stereotypen uns den Blick verstellen? Die recht einfache und in der Praxis sich in ganz vielen Bereichen bewährte Lösung heißt: Kulturdimensionen. Durch die zuerst vom amerikanischen Soziologen Edward Hall definierten vier, später durch den niederländischen Soziologen Geert Hofstede auf sechs erweiterten Eigenschaften der Kultur lassen sich verschiedene Landeskulturen miteinander vergleichen, ohne diese zu bewerten. So lassen sich Kulturen, wenn auch durch eine gewisse Vereinfachung – es ist ja auch nur ein Modell –, objektiv beschreiben und im Vergleich zueinander besser verstehen.

Ein Beispiel: „Also wenigstens heute hätten sie pünktlich sein können!“ – denkt sich die Gastgeberin einer Charity-Veranstaltung halb entnervt, halb amüsiert: Denn ihre Schützlinge, für die sie die ganze Party schmeißt und für die sich viele wichtige Menschen pünktlich versammelt haben, verspäten sich. Doch es gibt eine kulturwissenschaftliche Erklärung: die Kulturdimension „monochrone versus polychrone Kulturen“ von Edward Hall. Während die deutsche Kultur zu den monochronsten Kulturen  der Welt gehört (Zeit hat eine absolute Priorität), zählen die meisten Kulturen unserer Migranten zu den polychronen Kulturen, so etwa die libysche, syrische, türkische, polnische oder die russische. Die in solchen Kulturen sozialisierten Menschen leben MIT der Zeit, nicht NACH der Zeit, was quasi automatisch zu Unpünktlichkeit führt. Was hilft, ist ein schlichter „Reminder“. Für einen „monochronen“ Menschen mag es wie eine penetrante Beleidigung wirken, für einen „polychronen“ Menschen ist eine Erinnerung an eine Verabredung vollkommen okay.

Dieser kulturelle Unterschied wirkt mittelbar in einem anderen, häufigen kulturellen Konflikt zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen: in der Dialogführung. Ist es in der deutschen Kultur ein Tabu, den Gesprächspartner zu unterbrechen (alle sprechen nacheinander), wirken für den polychronen Menschen die langen Monologe als eine Belehrung, Dominanz, ja sogar als ein Anzeichen für Arroganz. Und das nicht nur in den Ohren unserer „Mitmenschen mit Migrationshintergrund“, sondern auch in den Ohren unserer aus polychronen Kulturen stammenden Geschäftspartner oder Verbündeten, zum Beispiel aus Frankreich, Italien oder der Türkei. Da man die eigene Kultur nicht ganz ablegen kann (und sollte!), empfiehlt sich hier ein Versuch der britischen Gesprächsführung: Man unterbricht sich zwar nicht, doch die einzelnen Sequenzen des Dialogs sind kürzer. Zweite Übung: Wenn das Gespräch der „anderen“ einem als ein Streit vorkommt, dann denke man an die Polychronizität! Denn das, was dem Deutschen als respektloses Durcheinander erscheint, bedeutet in diesen Kulturen ein Miteinander, ein Miteinander-interessiert-Reden.

Synergetische Strategie

Kulturdimensionen sind wie ein Kompass – nicht mehr, aber auch nicht weniger! Die kulturelle Prägung kann man kaum ablegen, abschalten oder leugnen. Doch dank des Wissens um Kulturdimensionen ist es möglich, eine Orientierung für immer neue Situationen in immer neuen kulturellen Settings zu bekommen. Wirken die Vergleiche der Kulturdimensionen im ersten Moment als neue „Schubladen“, erweisen sie sich in der Praxis als nützliches Instrument in der interkulturellen Konfliktvermeidung, gerade durch diese Fokussierung auf die kulturelle Prägung. Kommt einem etwas komisch, ja beleidigend vor, gibt es immer eine Option zu sagen: Dieser Mensch will mir nichts Böses, er ist nur in eine andere Kultur hineingeboren, in einem anderen Land – zufällig! – aufgewachsen. Und irgendwann wird aus so einer Neutralisierungs-Taktik eine synergetische Strategie entstehen, die aus verschiedenen kulturellen Prägungen einen Vorteil für das Ganze schafft – in der rotarischen Arbeit und im „richtigen Leben“!

Erschienen in Rotary Magazin 2/2015

Irina  Slot
Irina Slot (RC Berlin-International) stammt aus Russland. Sie hat Physik, BWL und Interkulturelles Management studiert. Sie unterrichtet Interkulturelle Kompetenz z.B. an Hochschulen, in Kliniken, Firmen und bei der Bundeswehr. In ihrem Rotary Club verantwortet Irina Slot den Berufsdienst und engagiert sich für Migranten.

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