Anzeige
https://rotary.de/gesellschaft/ein-begriff-im-wandel-a-13719.html
Forum

Ein Begriff im Wandel

Forum - Ein Begriff im Wandel
© mauritius images / Gunter Kirsch / Alamy

In Zeiten weltweiter Migration erfährt das alte Wort „Heimat“ eine neue Bedeutung

01.02.2019

In der Antike gab es ein geflügeltes Wort: „Ubi bene, ibi patria“ (Wo es mir gut geht, da ist meine Heimat). Es wird Cicero zugeschrieben, stammt aber wohl von Marcus Pacuvius, Dichter und Maler im 1. Jahrhundert v. Chr. Die Weltbürger-Eliten des 21. Jhdts. werden das sicher ähnlich sehen. Die fast 70 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, und die Migrantinnen und Migranten, die mit großen Entbehrungen unterwegs sind, damit es ihnen woanders besser geht, werden ebenso zustimmen – aber zugleich mit Wehmut an ihre angestammte Heimat denken, in der sie nicht leben konnten, in der sie um ihre Freiheit fürchten mussten, aus der sie vertrieben wurden. So einfach ist das also nicht mit der Heimat. Am Berliner Theodor-Heuss-Platz brennt ein ewiges Licht über der Inschrift: „Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung!“

Unschärfen
Wo oder was also ist Heimat? Und was heißt „wo es mir gut geht“? Ist Heimat da, wo ich zu essen und zu trinken habe, ein Dach über dem Kopf, eine gesicherte Existenz? Oder ist eben doch eine geistige Heimat, eine Zugehörigkeit gemeint, wie Johann Philipp Neumann 1826 in seinen „Geistlichen Liedern für das Heilige Meßopfer“ dichtete und Franz Schubert mit der Vertonung beauftragte: „Ach wenn ich Dich nicht hätte, was wär‘ mir Erd‘ und Himmel? Ein Bannort jede Stätte, ich selbst in Zufalls Hand. Du bist‘s, der meinen Wegen ein sich‘res Ziel verleihet Und Erd‘ und Himmel weihet zu süßem Heimatland.“

In einem 2018 erschienenen Buch gibt Henning von Vieregge eine andere Antwort: „Wo Vertrauen ist, ist Heimat“ – so der Titel, dem ein überraschender Untertitel folgt: „Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft“. Damit hat Heimat ein viertes Attribut bekommen, über das sie definiert werden kann: neben dem Ort des Herkommens, des Wohlbefindens und der Zugehörigkeit der des Vertrauens. Passen diese Attribute zueinander? Und zu dem, was heute in der Politik als Heimat betitelt und sogar mit eigenen Ministerien administriert wird? Können Staat und Politik eine eigene Begriffsprägung durchsetzen?

Geistige Ursprünge
Seit dem 19. Jahrhundert wird theoretisch und praktisch über dieses Problem gestritten. Hatte sich im Kampf gegen Napoleon zwischen 1800 und 1815 ein deutsches Nationalgefühl entwickelt – „Das ganze Deutschland soll es sein“, dichtete Ernst Moritz Arndt –, wurde dieses in den folgenden Jahrzehnten zunächst vom Partikularismus der zahlreichen deutschen Herrschaftsgebiete verdrängt, die den Heimatbegriff jeweils für sich reklamierten. In der Präambel der Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867 (1871 wortgleich als Verfassung des Kaiserreichs übernommen) wurde aber ausgeführt: Die beteiligten Monarchen und die Senate der freien Hansestädte „schließen einen ewigen Bund zum Schutze des Bundesgebietes und des innerhalb desselben gültigen Rechtes, sowie zur Pflege der Wohlfahrt des Deutschen Volkes“.

Erstmals wird dort die Wohlfahrt (hier sehr viel allgemeiner gemeint als in dem technischen Begiff der „Wohlfahrtspflege“) zum Staatsziel erhoben. Sie wird zur  Grundbedingung dafür, dass das Deutsche Volk den Bund als Heimat begreift. Theoretisch baut dies auf einer langen Tradition des zunehmenden staatlichen Gewährleistungsanspruchs und namentlich auf Hegels Konzept des alles überwölbenden Staates auf. Mit der programmatischen Formel war also auch ein staatliches Monopol postuliert: Dem Staat allein sollte die Pflege der Wohlfahrt obliegen. Nur für den für die Durchsetzung der Herrschaft vergleichsweise unwichtigen Bereich der Sorge um Kranke und Benachteiligte, in dem überdies die Kirchen als loyale Stützen der staatlichen Ordnung maßgeblich agierten, wurde diesen über das Subsidiaritätprinzip eine gewisse Eigenständigkeit zugebilligt.

Identität durch staatliche Wohlfahrt
Obwohl Deutschland ein Bundesstaat blieb – und mit Unterbrechungen bis heute geblieben ist – und obwohl das Reich bis zum I. Weltkrieg kaum über eigene Steuereinnahmen verfügte, mit denen es Akzente hätte setzen können, gelang es, den 1867 erhobenen Anspruch einzulösen. Die Sozialgesetzgebung der 1880er Jahre trug nicht unwesentlich dazu bei. Das Deutsche Volk verstand sich zunehmend zwar als verspätete, aber doch als Nation; diese war Heimat und stand zunehmend für ein gewisses Wohlergehen, was man unter anderem an der deutlich zurückgehenden Auswanderung ablesen kann. „Bezeichnung für den Geburtsort, auch für den Ort, wo jemand sein Heim, d.h. seine Wohnung hat“, so definierte ganz lapidar Meyers Konversationslexikon 1897 den Begriff der Heimat. Regionale Loyalitäten, besonders ausgeprägt in Bayern, standen dem nicht entgegen. „Wir wollen gute Deutsche werden und Bayern bleiben“, hatte schon Bayerns König Ludwig I. formuliert. Die Kinder sangen: „O Heimatland, O Vaterland! dir ist mein Herz fest zugewandt. Du bleibst mein Kleinod fort und fort an jedem Ort.“

Dieser festgefügte Heimatbegriff ist untergegangen und wird weder durch staatliches Handeln noch durch populistische Politik wieder zum Leben erweckt werden. Durch den Nationalsozialismus desavouiert und durch einen späten Etatismus ad absurdum geführt, ist er einem komplexen Identifizierungs- und Loyalitätsgefüge gewichen, in dem der Nationalstaat auf der historischen Verliererseite steht. Mit diesem wird vor allem das assoziiert, was einer Identifizierung und Loyalität entgegensteht, obwohl heute der Bund ein um Faktoren höheres Steueraufkommen erzielt und sehr viel stärker gestaltend wirken könnte als die Länder oder andere. Aber mehr als diese hat er, nicht zuletzt durch eigenes, geradezu pathologisches Misstrauen, jedes Vertrauen verspielt. In dem dichten Gestrüpp von Regeln und Vorschriften, Kontrollen und Sicherheit, hat sich ein allseitiges Misstrauensniveau entwickelt, das durch die digitalen Potentiale noch verstärkt wird. Der Staat gilt als allzuständig, aber bügerfern; ihm wird der Kompetenzverfall der öffentlichen Verwaltung angelastet, aber auch die – politisch sehr wohl gebotene – Abgabe von Souveränitätsrechten an die Europäische Union und zahllose andere intergouvernementale Organisationen und Vertragswerke.

Viele Bürgerinnen und Bürger sehnen sich nach mehr Regionalismus, viele aber auch nach einer transnationalen politischen Weltordnung – nicht wenige nach beidem. Und selbst wer an der Nation als Inbegriff gesellschaftlicher Ordnung festhalten will, kann seine Augen nicht davor verschließen, dass die Wirtschaft alle nationalen Grenzen längst gesprengt hat und dass mehr und mehr Staaten – Belgien, Großbritannien, Spanien und andere – drohen, von subnationalen Heimatbewegungen gesprengt zu werden; von transnationalen, wie bei den Kurden, ganz zu schweigen.

Erschütterung der alten Ordnung
Letztlich hat nicht Zuwanderung und sichtbare Multikulturalität, sondern das Handeln etablierter Eliten das vom 16. bis zum 20. Jahrhundert herausgebildete Ordnungssystem aus den Angeln gehoben. Das Vertrauen in dieses ist jedenfalls unheilbar erschüttert; es vermag keine Heimat mehr zu bieten. Jugendliche und Zuwanderer auf diesen Heimatbegriff zu verpflichten, erscheint absurd.

Anderen politischen Äußerungen zum Trotz ist dies durchaus erkannt. „Der Staat, die Zivilgesellschaft, aber auch jeder Einzelne von uns ist gefordert, [den] Wandlungsprozess mitzugestalten, damit für alle gesellschaftlichen Gruppen ein friedliches Miteinander garantiert werden kann.“ Dieser Satz findet sich auf der Webseite des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat. Wie selbstverständlich wird hier ein Paradigmenwechsel vorgetragen – vom allzuständigen, Loyalität einfordernden Gewährleistungsstaat zum gesellschaftlichen Akteur unter mehreren! Dass Bürgerin und Bürger („jeder Einzelne“) nicht als erste genannt werden, ist gewiss ein Schönheitsfehler, der sich noch beheben ließe. Es erscheint jedenfalls legitim, das hier genannte „friedliche Miteinander“ zum Maßstab des Wohlbefindens zu machen und damit in den Rang der Attribute von Heimat zu erheben.

Dieses Miteinander, diese Heimat soll nun von der Zivilgesellschaft mitgeprägt werden. Dafür bietet diese in der Tat mannigfache Voraussetzungen. In den rund 800.000 Organisationen der organisierten und den ungezählten Gruppen und Bewegungen der unorganisierten Zivilgesellschaft sind in Deutschland mindestens 25 Millionen Bürgerinnen und Bürger freiwillig bürgerschaftlich engagiert. Ihr Engagement erbringt einen hohen Mehrwert und beruht auf einer vielschichtigen Palette von Motiven, unter denen Zugehörigkeit und Vertrauen nicht die geringsten sind. In der komplexen Welt des 21. Jahrhunderts sind so entstehende virtuelle und selbst gefundene Gemeinschaften ebenso wichtige Heimaten wie durch Herkunft, Geburt oder gar Staatsangehörigkeit begründete. Sie sind oft, wenn auch nicht notwendigerweise, enträumlicht und doch fest verankert im Netz personaler Beziehungen. Sie genießen Vertrauen und haben daher im Verhältnis zum Staat alter Prägung keine nachrangige Ergänzungsfunktion, sind auch nicht nett, sondern wichtig.

Die Bedeutung von Vertrauen
Niklas Luhmann, der Soziologe und Philosoph, auch von Vieregge als Kronzeuge zitiert, betont: „Vertrauen im weitesten Sinn eines Zutrauens zu eigenen Erwartungen ist ein elementarer Tatbestand des sozialen Lebens.“ Dieses Zutrauen kann sich im postmodernen Staat schwerlich entwickeln. „Ohne jegliches Vertrauen aber könnte“, so Luhmann, der „Mensch morgens sein Bett nicht verlassen“. Wenn das eintritt, wenn also die Bürgerinnen und Bürger entweder in Apathie versinken oder den hart erkämpften Status des citoyen, des Mitträgers der Republik, zugunsten einer ausschließlich Ich-bezogenen Lebensgestaltung aufgeben, ist unsere Gesellschaft verloren. Auf funktionierende vertrauensvolle Ich-Du-Beziehungen ist und bleibt sie angewiesen. Diese sind die Keimzelle jedes Bewusstseins von Heimat.

In den kleinen und kleinsten Organismen der Zivilgesellschaft können diese Beziehungen wachsen und gedeihen wie im unmittelbaren persönlichen Umfeld. So wichtig die Erhaltung von Familien und die Ermöglichung von Familiengründungen für das Entstehen eines neuen Heimatgefühls sind, so entscheidend sind daher alle Möglichkeiten, solche Organismen zu begründen oder sich ihnen zuzugesellen. Sich in ihnen zu beheimaten, setzt eigenen Antrieb voraus; diesen zu fördern, dazu zu ermutigen, ist der Weg in die engagierte Bürgergesellschaft. 

Rupert Graf Strachwitz


Buchtipp
Das zitierte Buch ist: Henning von Vieregge
Wo Vertrauen ist, ist Heimat. Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft
240 Seiten, oekom verlag 2018
oekom.de