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Wiederaufbau mit Hanf

Forum - Wiederaufbau mit HanfFotostrecke: Wiederaufbau mit Hanf
Noch 80.000 Euro bis zum Einzug: Es fehlen Böden, Decken, Fenster, die Elektrifizierung sowie sanitäre Anlagen Für mehr Impressionen bitte auf das Bild klicken! © Maren Krings

Konventionelle Baustoffe sind in der Ukraine derzeit kaum zu beschaffen und vor allem auch viel zu teuer. Hanfbeton ist da nicht nur eine kostengünstige Alternative, sondern ein echter Hoffnungsträger.

Maren Krings01.11.2023

Oleg ist Handwerker. Wohl vertraut mit herkömmlichen Baustoffen, aber mit Hanf hatte er noch nie gearbeitet. Auch seine Partnerin Ninna nicht, Mutter zweier Töchter im Teenageralter. Nun stehen die beiden mit Ziegenbock Borije unter den tragenden Holzbalken der ersten ukrainischen Flüchtlingsunterkunft aus Hanfbeton – in Eigenregie hergestellt, ohne aufwendige Maschinen verbaut. Kennengelernt haben sich die beiden vor 15 Monaten in einer 200-köpfigen Gruppe von Flüchtlingen, die im Westen der Ukraine, in Morschyn, Unterschlupf fand. Hier wurde die Idee geboren, ein verlassenes Bauernhaus südlich von Stryi zu erwerben und zu einem integrierten Flüchtlings-, Waisenhaus- und Rehabilitationszentrum für heimkehrende Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) umzubauen. Den Kauf des Hofes ermöglicht hatte ein weiteres Mitglied der Gruppe, Evgeniy Moiseev, der als Gründer des Vereins GoFriends seit Jahren ukrainische Waisenkinder unterstützt. Ihm und den anderen war aber schnell klar, dass sie keine Chance haben, den Wiederaufbau mit den gewohnten, aber derzeit unerschwinglichen Baustoffen leisten zu können, weshalb sie von Anfang an nach Alternativen suchten. Hier trat nun der Hanfbaustoff-Experte Sergiy Kovalenkov auf den Plan. Als er von der engagierten Gruppe und ihrem ehrgeizigen Projekt erfuhr, entschloss er sich sofort, die für Hanfbeton nötigen Hanfschäben, Kalkstein und Bindemittel zu sponsern. Schon einen Monat nach Kriegsbeginn hatte Kovalenkov propagiert, die Ukraine auch mit Hanfbeton wieder aufzubauen. Einer der ersten, den er höchstpersönlich einwies – und sofort überzeugen konnte –, war Oleg. „Das Bauen mit Hanf ist unglaublich einfach“, erzählt der. „Mitarbeitende sind innerhalb weniger Stunden eingewiesen. Auch Helfer, die noch nie auf einer Baustelle gearbeitet haben, lernen schnell, wie Hanfbeton verbaut werden muss.“ Der jetzige Stand des Gebäudes wurde innerhalb von sechs Monaten errichtet. Und obwohl die „GoFriends Farm“ aus Geldmangel noch nicht fertig ist, zählt sie schon jetzt zu den Leuchtturmprojekten eines grünen Wiederaufbaus.

Mit Hanf von ukrainischen Feldern

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Yuri Marchuk. Rund um die neue Produktionsstätte seiner Firma wachsen meterhohe Hanfpflanzen. © Maren Krings

Einer, der schon vor Jahren auf Industriehanf für die Bau- und Papierindustrie gesetzt hat, ist der Unternehmer Yuri Marchuk. Gerade lässt er in der Mitte des Landes, in Tscherkassy, eine neue Produktionsstätte für die Weiterverarbeitung von Hanf für seine Firma Ukrainian Hemp fertigstellen. Die erste, in einem Vorort von Kiew, war gleich zu Beginn des Krieges zerstört worden.

Der Wiederaufbau der Ukraine wird auch vor dem Hintergrund der UN-Ziele, den Sustainable Development Goals (SDGs) für nachhaltige Entwicklung, neu gedacht werden müssen. Hanf bietet hier einen Baustoff, der jährlich nachwächst, eine CO₂-negative Bilanz vom Feld bis zum fertigen Haus liefert, gut isoliert und ein ökologisches, gesundheitsförderndes Wohnen ermöglicht. Hanfbeton wird vor allem für den Wiederaufbau und die Reparatur der über zwei Millionen beschädigten und zerstörten Familienhäuser relevant werden – für mehrgeschossige Gebäude ist er weniger geeignet als zum Bauen in Eigenregie.

In der Ukraine spielte Hanf schon zu sowjetischen Zeiten eine größere Rolle. Technologie und Wissen zu seiner Weiterverarbeitung zu Baustoff, Nahrungsmitteln und Textilien sind dort noch immer vorhanden. In vielen anderen Ländern Europas hingegen sorgen bis heute bürokratische Hürden wie fehlende Baunormen dafür, dass der Bau mit Hanf ausgebremst wird. Für Oleg und Ninna kaum nachvollziehbar.

Weitere Infos: gofriends.in.ua

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Maren Krings

Maren Krings: Die Fotojournalistin dokumentiert seit Jahren die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf. Im August recherchierte sie in der Ukraine über den Einsatz von Hanfbeton für den Wiederaufbau. 2022 erschien ihr Buch „H is for Hemp“.

marenkrings.com