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Wir brauchen eine neue Aufklärung

Thema - Wir brauchen eine neue Aufklärung
Autor Fritz Kröger © privat

Ist logisches Denken ein Garant für Wohlstand und Zufriedenheit? Dieser Frage geht Autor Fritz Kröger nach und plädiert für neue Prioritäten im westlichen Denken.

Fritz Kröger27.04.2021

Die "erste Aufklärung" 1650-1800 beendete das Mittelalter und eröffnete die Neuzeit. Die Reformation von Luther 1517 wurde zum Auslöser, das Machtkartell zwischen Kaiser Karl V. und der katholischen Kirche aufzubrechen. Ohne die Möglichkeiten und machtpolitischen Interessen seines Schutzherren, des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen, wäre der Mönch Luther eine Nebenepisode der Inquisitionsgeschichte der Kirche geblieben.

Dieses vorübergehende Machtgemenge führte dazu, dass die oppressiven katholischen Dogmengebirge der Kirche, die das gesamte Leben bestimmten und alle Wissenschaften unterjochten, zum Einsturz gebracht wurden und lange Zeit unterdrückte geistige Energien sich Bahn brachen: Erasmus von Rotterdam, Kopernikus, die Renaissance in Italien, der Siegeszug der Vernunft, der Ratio und damit der Logik, die in den Klöstern des Mittelalters überlebt hatte. Das Wirken Descartes‘, Newtons – die geradezu Explosion der Naturwissenschaften – führte zu einer Senkung der Kindersterblichkeit, einer Verlängerung der Lebensdauer, einer Erhöhung der Produktivität der Landwirtschaft, und damit zum sprunghaften Wachstum der Bevölkerung und der Steigerung des Wohlstandes. Dies wiederum führte zu einer Entfesselung von Demokratiebewegungen in den Ländern der westlichen Welt – und damit zu einer noch weitergehenden Freisetzung von Schöpfer- und Schaffenskraft in allen Lebensbereichen der Wirtschaft, der Kunst und nahezu allen Wissenschaften.

Welch ein Siegeszug der Vernunft, der Logik!

Und dieser Siegeszug hielt - kaum hinterfragt - an bis etwa in die 1960er/1970er Jahre.

Negative Folgen des logischen Denkprinzips

Zu etwa dieser Zeit wurden die Konsequenzen, Nebenwirkungen und auch Fehlleistungen des logischen Denkprinzips wie die industrielle Ausbeutung des Planeten und die Zerstörung der Umwelt immer deutlicher. Die an der Materie orientierte und auf die Materie ausgerichtete Denkweise hatte dazu geführt, dass der Materialismus zur allumfassenden Lebensphilosophie avancierte: Das Streben nach materiellen Gütern – oder materiellem Reichtum – wurde zum dominanten Lebensziel. Dem wirtschaftlichen und insbesondere industriellen Wachstum wurde alles untergeordnet. Der erzielbare materielle Mehrwert wurde vielfach zum dominanten Motiv mitmenschlicher Beziehungen.

Bei allen Vorteilen eines stetig steigenden Wohlstandes hat der ungezügelte Materialismus und die ihm inhärente Gewinnmaximierungsabsicht im Wesentlichen zwei fatale Konsequenzen:

  1. Die zügellose Ausbeutung, Plünderung und Schädigung der Ressourcen und Potenziale des Planeten.
    Die unwiederbringliche Abholzung der bis zu 1.000 Jahre alten Regenwälder, die Überfischung der Weltmeere bis zur Ausrottung von Arten, die Aushebelung des Klimagleichgewichts und die Verschmutzung der Luft, der Landschaften und der Meere. Und dies alles zu Erzielung eines teilweisen sehr kurzfristen Gewinnes oder Kostenvorteils. Darüber hinaus werden die bewirtschafteten Ressourcen wie die landwirtschaftlichen Flächen und Wälder "ausplündernd" genutzt. Die Felder benötigen immer mehr Dünger, um die Erträge konstant zu halten. Die Waldböden werden beim Abholzen mit schweren Maschinen nachhaltig verdichtet und damit das Wachstum geschädigt – alles für einen kurzfristigen Ertrag, aber mit langfristigen Schäden. 
    Weniger bekannt ist, dass beispielsweise eine intelligentere, nachhaltigere Bewirtschaftung unserer Wälder den Holzertrag und Mischwaldaufforstung auch unser Klima deutlich verbessern und sogar die Niederschläge erheblich steigern können.
  2. Die Verhinderung von Fortschritt aus vordergründigen und kurzfristigen Gewinn-Beweggründen.
    Beispielsweise werden fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas seit über 200 Jahren zur Energiegewinnung verbrannt – mit den bekannten Umweltfolgen. Auch an der Atomenergie wird seit ca. 70 Jahren festgehalten – mit den bekannten Entsorgungsproblemen. Und dies alles obwohl spätestens seit 1901 durch Nikola Teslas Forschung die Technologie der unentgeltlichen Energie bekannt ist und in den folgenden Jahren von anderen Wissenschaftlern immer wieder bestätigt wurde.
    Ähnliches sieht man im Bereich der Medizin und Gesundheitsvorsorge: Zweifellos hat die Schulmedizin ihre Verdienste; doch die Gewinninteressen der Pharma -, Krankenhaus- sowie Medizintechnik- und auch Lebensmittelindustrie blockieren seit Jahrzehnten anstehende Durchbrüche. Es ist bekannt, dass eine Hauptursache der derzeitigen Gesundheitsprobleme die Art unserer Lebensmittel ist. Seit über 50 Jahren werden dem Tiermastfutter prophylaktisch Antibiotika zugefügt – damit diese weniger krank werden. Diese Medikamente landen im zweiten Schritt beim Verbraucher. Das hat zur Folge, dass zunehmend multiresistente Keime auf dem Vormarsch sind, gegen die keine Medikamente beim Menschen mehr helfen. – Alles aus kurzfristigen Gewinnmotiven der Pharmaindustrie, der Landwirte und ihrer Tierärzte, die an den Antibiotika verdienen.
    Es ist auch bezeichnend, dass der Pharmakonzern Novartis in der Schweiz jungen Studenten und Studentinnen das Medizinstudium finanziert.
    Der Direktor einer führenden Berliner Klinik antwortete auf die Frage, wie viele chirurgische Eingriffe allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen – also Kapazitätsauslastung – erfolgen: "50 Prozent".
    In den europäischen Ländern verdienen die Ärzte an den Krankheiten ihrer Patienten – sie haben also an ihrer Gesundung und Gesunderhaltung nur begrenztes Interesse: "Es gib nichts Besseres als eine Reihe von jungen Diabetikern – die bleiben Dir ein Leben lang erhalten." Dies ist anders in Japan. Hier zahlen die Familien ihren Arzt dafür, dass er sie gesund erhält. Wenn sie krank werden, dann hat er ein Problem. Interessanterweise haben die Japaner laut WHO weltweit mit die höchste Lebenserwartung.

Die Logik ist nicht genug

Neben diesen oben aufgeführten, negativen Konsequenzen ist ein weiterer Hauptgrund für eine neue Aufklärung, dass die Logik eine ihrer Hauptstärken eingebüßt hat, nämlich der Garant der unabdingbaren Wahrheit zu sein. Der logische Beweis anhand der Überprüfung an der Realität hat seine unabdingbare Kraft verloren. Mit der Entdeckung der Quantenphysik und der Erkenntnis, dass die bis dahin kleinste Einheit, das Atom, leer ist, und dass die Materie durch Einwirkung von Gedanken auf das Quantenfeld, die Schwingungen des Universums, entsteht. Dies hat den bis dahin ehernen Naturwissenschaften, der Physik und der Chemie, die Grundlage ihres bisherigen Weltbildes entzogen. Führenden westlichen Physikern ist dies durchaus bekannt: "Und wir nudeln immer noch auf dem alten Newton herum", kommentierte ein Physikprofessor der ETH Zürich.

Der Dalai Lama berichtet immer wieder amüsiert, dass westliche Physiker erstaunt sind, wenn ihre neuesten Erkenntnisse der Quantenphysik den Priestern in Nepal längst bekannt sind.

Wie konnte das passieren?

Offenbar hat uns der nahezu jahrhundertelange überragende Erfolg der Logik satt und selbstzufrieden gemacht, blind gegenüber den negativen Konsequenzen und verschlossen gegenüber neueren Erkenntnissen. Sämtliche Sozialsysteme wie Kindererziehung, Gymnasium, Universität – die auf Erfolg in der Logik basierenden akademischen Berufe mit ihren Belohnungs- und Statussystemen einschließlich Peer Pressure (Erwartungsdruck durch Gleichgestellte) – haben zu einem umfassenden, tiefgestaffelten System der Gehirnwäsche geführt, das die Logik zum allein seligmachenden, unangefochtenen Denkprinzip erhebt. Andere Formen des Denkens und der Intelligenz wurden vollständig unterdrückt.  "Intelligenz jenseits der Logik?  Ist das kein Widerspruch in sich?", fragte der Chefarzt einer führenden Schweizer Klinik. "Den Stellenwert der Logik kann ich nur in Versform hinterfragen, sonst verliere ich meinen Status unter meinesgleichen", beklagt ein Professor einer deutschen Eliteuniversität

Wie kommt es zu einer neuen Aufklärung?

Die Zeit vor der ersten Aufklärung war gekennzeichnet durch die Herrschaft eines fest gefügten Machtsyndikats von Feudalstaat und Kirche, wobei die Kirche die Gesamtheit des geistigen Lebens beherrschte: Religion, Philosophie, Wissenschaft und sämtliche Regeln des täglichen Lebens. Die Dogmen der Kirche hatten für alles eine Antwort. Mit der Folge einer Stagnation der Bevölkerung, des Lebensstandards, des Fortschritts und regelmäßig wiederkehrenden Hungersnöten.

Die heutige Zeit vor einer zweiten Aufklärung ist gekennzeichnet durch nahezu vollständige Herrschaft eines vernunftgetriebenen Materialismus mit eindrucksvollen Wachstumsraten der Bevölkerung, des Wohlstandes, des wissenschaftlichen Fortschritts, der Lebenserwartung – bei gleichzeitiger Zerstörung von Flora, Fauna, der natürlichen Ressourcen unseres Planeten – und auch des psychischen Wohlergehens der Menschen. Koordiniert wird dieses eindrucksvolle Konzert von materiell und finanziell gesteuerten Strukturen, die über Finanzmittel und Lobbyarbeit Einfluss nehmen auf die diversen Demokratien. In Berlin arbeiten ca. 5.000 Lobbyisten – in Brüssel etwa 30.000.

Was ist zu tun?

Entscheidend wird sein, wiederum einen erneuten "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant), zu finden, diesmal aus einer überzogenen Dominanz der Logik und einem aus dem Ruder gelaufenen technischen Fortschritt.

Bei der ersten Aufklärung litten die Menschen unter einer aufoktroyierten "Wahrheit" der Kirche, die nicht die ihre war. Die armen – die meisten – Leute hungerten und wurden ausgebeutet. Die Gelehrten wurden mundtot gemacht. Was hielt sie in Schach? Die Heilsversprechung der Kirche: Seelenheil und Reichtum.   

Auslöser dieser ersten Aufklärung waren Luther und einige weitere Kirchenreformatoren. Mit dem Ergebnis, dass nach der Aufklärung die alten Machtstrukturen ihren Einfluss mit anderen teilen mussten, was sich positiv auf die damaligen Probleme der Massen auswirkte.

Heute, vor der zweiten Aufklärung herrscht zwar allgemeiner Wohlstand in der westlichen Welt. Aber ein zügelloser Materialismus und die inhärente Unersättlichkeit machen unzufrieden, krank, unglücklich und zerstören die Lebensgrundlagen der Welt.  

Auslöser ist diesmal nicht eine einzige Persönlichkeit, sondern es sind viele einzelne Menschen, Gruppen und Netzwerke mittlerweile auf der ganzen Welt, die diese fatalen Fehlentwicklungen erkennen und über demokratische, publizistische und mediale Instrumente gegensteuern. Basis hierfür sind die Einsichten und Überzeugungen, die sie mit Hilfe der Intelligenz außerhalb der Logik gewinnen. Klare Instinkte, Gefühle, Emotionale Intelligenz, Intuition und insbesondere spirituelle Einsichten geben die eindeutige Botschaft, dass die derzeitige Entwicklung, die die Welt nimmt, nicht richtig sein kann. Meditation individuell oder in größeren Gruppen vermittelt sehr eindeutige Botschaften bezüglich unserer Verantwortung fürs Ganze, für unsere Welt. Über die Meditation erreichen wir höhere Gehirnschwingungen und damit ein höheres Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein führt heraus aus der materialistischen, egoistischen 3D-Welt hin zur Fürsorge und Verantwortung für unsere Mitmenschen und unsere Umwelt.

Seit ca. 40 bis 50 Jahren wachsen mit zunehmender Tendenz überall auf der Welt Menschen mit höherer Intelligenz und höherem Bewusstsein heran, die sich einbringen in diese Bewegung einer neuen Aufklärung: Umweltschützer bekommen immer mehr Einfluss, das Konsumverhalten ändert sich, Fleisch nimmt an Bedeutung rapide ab und die Anzahl der Vegetarier und Veganer nimmt zu.

Auf allen Erdteilen entstehen Initiativen zur Reinigung der Meere von Plastikmüll. Das World Economic Forum (WEF) in Davos gibt Greta Thunberg die große Bühne.

Der Anfang ist gemacht, es braucht allerdings deutlich mehr Schub, jede Verzögerung wäre fatal. Hilfreich ist dabei unsere beträchtliche ureigene Intelligenz – jenseits der Logik.


Fritz Kröger: Intelligenz jenseits der Logik - die anderen 80 Prozent, Edition Estrany, 2021, 145 Seiten, 19 Euro

Fritz Kröger

Fritz Kröger (RC Berlin Alexanderplatz) promovierte 1975 zum Dr. rer. oec. über das Thema "Soziale Macht in der Unternehmung als organisatorisches Problem". Von 1976 bis 2009 war er als Berater und Partner im weltweiten Management Consulting tätig. Er schrieb und schreibt für Publikationen wie Handelsblatt, Frankfurter Allgemeine, Welt, Wirtschaftswoche, Manager Magazin, Financial Times, Economist, Fortune, Chicago Tribune, Harvard Manager und Harvard Business Review. Der Autor ist heute Privatier und Land- und Forstwirt. Er lebt in Berlin und in Mecklenburg auf Gut Drosedow.