27.04.2011

Über die Kindheit als Tochter eines Widerstandskämpfers, das Leben als Model und die lästige Boulevardpresse

»?Wir galten als Kinder der Verbrecher?«

René Nehring

Frau von lehndorff, Sie entstammen einer alten Familie. Ihr Vater war Mitverschwörer des 20. Juli 1944 und wurde dafür hingerichtet. Sie selbst waren das erste deutsche „Supermodel“ und Teil der Glitzerwelt der Laufstege. Ist solch eine Verbindung aus Familientradition, Verwicklung in die Zeitgeschichte und der voyeuristische Blick der Öffentlichkeit auf das Privatleben typisch für den deutschen Adel des 20. Jahrhunderts?

Das weiß ich nicht, damit beschäftige ich mich nicht. Die meiste Zeit habe ich im Ausland gearbeitet und gelebt, meistens in New York. Dort ist dies kein Thema, weil es den Adel nicht gibt. Meinen Familiennamen habe ich in meiner Arbeit nie benutzt. Ich war „Veruschka“ und weiter nichts. Dass ich eine Gräfin bin, spielte erst später eine Rolle, als ich bekannt wurde und man über meine Person recherchierte.

 

Was verbinden Sie mit dem Begriff Adel?

Das hat bei mir keine Rolle gespielt. In meinem Pass steht zwar Vera Anna Gottliebe Gräfin von Lehndorff, aber es hat überhaupt keine Bedeutung mehr – der Adel ist eine veraltete Geschichte. Da wird manchmal ein bisschen Zauber drum herum gemacht, und einige Adelige meinen, dass es den Adel in seiner ursprünglichen Form noch gibt. Es gibt aber keine Unterschiede zwischen Adeligen und normalen Bürgern mehr. Natürlich fällt es angenehm auf, wenn Leute eine „gepflegte“ Erziehung genossen haben, bei der die Manieren wichtig waren, dass kann man unter dem Adel noch finden. Solange sie dabei nicht arrogant sind, empfinde ich das auch sehr angenehm. Doch man sieht an jungen Adeligen, dass sie das auch nicht mehr alle haben. Die können sich jetzt sehr gut mischen mit dem „normalen Volk“.

 

Haben Sie noch Erinnerungen an die Erziehung in Ihrem Elternhaus Steinort?

Natürlich habe ich daran einige Erinnerungen, aber nicht mehr viele. Ich war gerade einmal fünf geworden, da ging es schon zu Ende mit Steinort. Erst wurden wir weggebracht, weil der Krieg so nahe kam und die Russen schon vor der Tür standen und wegen dem bevorstehenden Attentat auf Hitler. Danach kamen wir als Kinder eines Attentäters des 20. Juli in Sippenhaft in ein Heim nach Bad Sachsa. Und dann war es aus.

Steinort gab es nicht mehr für uns. Das war zu Ende und weg. Wir galten ja als Kinder der Verbrecher, und deswegen musste die Vergangenheit erst einmal zugeschüttet werden. Es wäre damals gefährlich gewesen, als Kind irgendwie noch zu äußern, woher man kam, weil das für viele suspekt gewesen wäre.. Der Vater durfte nicht genannt werden, also wurde er verschwiegen.

 

Auch später noch im Westen?

Ja natürlich, im Westen genauso. Die Menschen, die hier noch Besitz hatten, auch aus dem Adel, die wollten mit der Familie Lehndorff lieber nichts zu tun haben. Denn Deutschland war damals noch nicht entnazifiziert und so hatten viele Angst, mit Angehörigen eines Widerstandskämfers in Verbindung gebracht zu werden.

 

Welche Rolle spielte die Erinnerung an Ihren Vater nach dem Kriege?

Es gab Begebenheiten in der Schule, in der die Lehrerin sagte, dass ich die Tochter eines Mörders sei. Wenn ich dann weinend nach Hause kam, hat die Mutter natürlich gesagt: „Das stimmt nicht. Dein Vater ist kein Mörder, sondern ein Held. Aber das verstehst du jetzt noch nicht.“ Erst viel später, als wir schon erwachsen waren, haben wir mehr darüber gesprochen. Ich habe meine Mutter interviewt und Tonbandaufnahmen gemacht, was zum großen Teil in dem Buch von Antje Vollmer über meine Eltern steht.

Gab es ein Bild von Steinort, das irgendwo hing?

Nein, meine Mutter musste erst einmal sehen, wie wir im Alltag weiterkamen. Momente, in denen man zusammen saß und über die Vergangenheit redete, gab es nicht, und zwar nicht nur bei uns, sondern nirgendwo bei Menschen, die alles verloren hatten.

 

Ihre Tante Marion Dönhoff hat einmal geschrieben, dass niemand, der aus dem Osten käme, sich jemals ganz davon lösen könne. Wie haben die Herkunft und die Heimat Ihr Denken und Ihre Haltung geprägt?

Natürlich liegt das schon sehr verborgen in einem, dieses Gefühl: Daher komme ich, da gehöre ich vielleicht hin, das könnte so etwas wie Heimat sein. Andererseits muss man eine Heimat auch erst einmal erlebt haben. Und da Steinort und Masuren so lange zugeschüttet waren, hatte ich lange Zeit auch gar kein Gefühl von Heimat oder auch Heimatlosigkeit.

Und trotzdem gibt es da etwas, was man nicht erklären kann. Ich bin 2007 das erste Mal wieder nach Steinort gefahren, habe davor gestanden und alles verarbeiten müssen, was dort passiert ist. Steinort ist ein unglaublicher, magischer Ort, sagen viele, die dort immer wieder hinfahren. Auch das Schloss, das architektonisch, außer dem Mittelbau, eigentlich gar nicht so sehr schön ist, aber einzigartig liegt mit diesem Blick gleich auf einen der vielen Seen, die Steinort von allen Seiten umgeben. Es hat noch etwas von einem Paradies: völlig in der Einsamkeit liegend mit ein paar Häusern und sonst nur Weite, Seen, Wälder und Himmel?…

Wieder dort zu stehen hat mich sehr berührt. Aber das Wort Heimat kann ich nicht so recht benutzen, weil es nicht in mir gewachsen ist.

 

Haben Sie sich mit Ihren Ahnen auseinandergesetzt? Es gab ja zum Beispiel mit dem Carol einen sehr anekdotenreichen Vorfahren, der so gar nicht den Klischees entspricht.

Ich fand es immer sehr gut, dass in meiner Familie so jemand verrücktes wie Onkel Carol existierte, weil er aus der Reihe fiel. Schockierend war es für mich zu erfahren, wie wenig man über meinen Vater wusste. Mein Vater hat immerhin sein Leben gelassen, um Deutschland und die Welt von einem Diktator größten Ausmaßes zu befreien. Selbst einige Angehörige der Widerstands-Männer waren erstaunt und haben gefragt, was er eigentlich gemacht hätte. Das fand ich untragbar – dass er nicht einmal in die deutsche Geschichte eingehen sollte, es hat mich sehr bedrückt. Aber nun gibt es endlich das Buch über meine Eltern, von Antje Vollmer geschrieben.

 

Sie haben als Model einen Beruf gewählt, der für den – insbesondere bodenständigen preußischen Adel – eher untypisch war. Was hat denn die Verwandtschaft dazu gesagt?

Darüber habe ich nicht viel nachgedacht, denn wir standen nicht in so großem Kontakt mit unseren Verwandten. Meine Mutter hätte natürlich sagen können: Nein, so etwas wirst du nicht. Aber das hat sie nie getan.

 

Haben Sie mit Ihr über „Blow Up“ gesprochen?

Meine Mutter wusste, dass ich den Film mache. In meine Angelegenheiten mischte sie sich allerdings nicht ein, ich entschied alleine über mein Leben. Es war in jedem Fall damals außergewöhnlich, dass eine deutsche Adelige ein Model wurde. In Italien gab es eine Prinzessin, die sich ein paar Mal als Model hat fotografieren lassen. Aber meine Mutter hat es überhaupt nicht interessiert, was andere Adelige davon hielten.

 

Auch nicht, dass die Presse so auf den Familiennamen einging?

Die deutsche Presse hat ja erst richtig losgelegt, als ich durch „Blow Up“ berühmt geworden war. Dann kam alles hoch, „die nackte Gräfin“ usw., und alles wurde gemischt: Widerstand und Liebesaffären, alles durcheinander. So schlimm wie die deutsche Presse war damals keine.

 

Weil sie auf der Herkunft herumgeritten ist?

Weil sie alles gemischt hat: der Vater im Widerstand und die Tochter ein Model. Typisch Boulevard-Presse – die kennt man ja. Ich war plötzlich „die nackte Gräfin“, wegen einem Foto von Richard Avedon, auf dem ich mit nacktem Oberkörper zu sehen war. Das war dann eben so, und sicher war das für einige Verwandte nicht so angenehm. Aber dadurch, dass ich nun ein Weltstar war, fand man es doch wieder ganz toll, dass jemand aus der Familie so berühmt ist und dass man überall über sie schreibt usw.

 

Gab es Situationen, wo Sie einfach nur die Vera oder „Veruschka“ sein wollten, ohne den großen Nachnamen?

Das ist ja nur in Deutschland so gewesen, und hier habe ich am wenigsten gelebt. Wenn ich in Amerika von Anfang an gesagt hätte: „I am Veruschka, but I am really Countess Vera Lehndorff“, dann hätten sie das natürlich auch ausgeschlachtet, weil man Adel dort exotisch findet. Aber das wäre für mich nicht gut gewesen, weil man das Image von diesen vermeintlich verstaubten Adeligen, die eigentlich nichts mehr zu sagen haben, aber noch mit dem Titel herumrennen, überhaupt nicht mehr los wird. Für eine Künstlerin ist es undenkbar. Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Künstler Graf Rubens oder Baron Picasso heißt. Deswegen unterschreibe ich meine Bilder, Zeichnungen usw. auch nur mit Vera Lehndorff.

 

Was bedeutet Steinort heute für Sie?

Es ist vor allem die Gedenkstätte für meinen Vater geworden. Im Jahre 2009 – als er 100 Jahre alt geworden wäre – hatten wir die Gelegenheit, ihm einen symbolischen Grabstein aufzustellen, den es zuvor nicht gab.

Ansonsten könnte ich mir vorstellen, dass Steinort ein Platz sein könnte, der die Menschen anzieht, weil es, historisch und landschaftlich gesehen, ein besonderer Ort ist. Dort könnten verschiedenste Veranstaltungen, Festivals und Symposien stattfinden, rund um das Thema Ost und West. Natürlich muss man alles gemeinsam mit den Polen planen. Da gibt es die Deutsch-Polnische und Polnisch-Deutsche Stiftung für Kulturpflege und Denkmalschutz, die sind heute die Besitzer von Steinort, und sie entscheiden. Aber es gibt mittlerweile auch die „Heinrich Lehndorff Gesellschaft – Steinort“, die wir – meine Geschwister, ihre Kinder und Freunde von Steinort – gegründet haben. Diese Gesellschaft kann, ohne jeglichen Eigennutz, zum Wiederaufbau einiges beitragen. Wir sind aktiv dabei und wünschen und hoffen, dass es gelingt. Ich habe eine große Achtung vor diesem Gebäude, denn es hat ohne Erhaltungsmaßnahmen bis heute durchgehalten, also weit über 60 Jahre seit dem Krieg. Nun ist es aber in einem Zustand, wo es sagt: „Ich brauche jetzt eure Hilfe, sonst breche ich zusammen“. Steinort ist wie ein gestrandeter Wal, der am Strand liegt und nicht mehr kann.

 

Erschienen in Rotary Magazin 4/2011

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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