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Titelthema

Würdigung eines Freundes

Titelthema - Würdigung eines Freundes
Der Text der Rundfunkansprache auf Karl Wolfskehl erschien in der 2. Ausgabe der Zeitschrift Der Rotarier im November 1929. Wenig später wurde der Dichter zum Schriftleiter der Zeitschrift berufen. © Rotary International

Eine Rede des Rotariers Emil Preetorius im Münchener Rundfunk, gehalten am 17. September 1929 zum 60. Geburtstag Karl Wolfskehls

01.07.2018

 


 

 

Zur Person

Emil Preetorius war Illustrator und Graphiker. Zudem gilt er als einer der bedeutendsten Bühnenbildner der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Emil Preetorius war Mitglied im Rotary Club München.

 

 


Von Karl Wolfskehl will ich Ihnen sprechen, der heute ein Münchener ist und gestern vor 60 Jahren in Darmstadt zur Welt kam. Dieser Darmstädter, der vom Stoffe ist, von der Art der großen Söhne dieser sonderbaren Stadt, vom Schlage der Lichtenberg und Niebergall und Merck und Büchner: der ist freilich ein fast unendliches Thema. Und ich bin in einiger Verlegenheit, wie ich dies Thema abgrenzen, wie ich diese höchst mannigfaltige, tausendfach schillernde, schwer faßbare Persönlichkeit binden soll in einen festen Umriß. Denn das Wesen dieses Mannes ist Fülle: Fülle an Leben, Fülle an Geist: es ist ein ewig Bewegtes, schier Unerschöpfliches, fast Raum- und Zeit-Entbundenes, ein vielfach Bewirktes und Bewirkendes.

Zunächst ein paar äußere Daten:  Wolfskehl  studierte Germanistik, vergleichende Mythologie und Religionsgeschichte. Er lernte als Student die Werke Bachofens, des Sprachforschers Geiger und Nietzsches kennen, die zusammen die stärkste, bestimmendste Einwirkung schon auf den jungen Menschen übten. Die wesentlichen dichterischen Eindrücke empfing  er  von  dem  Dänen  Jacobsen,  dem  frühen  Hamsun  und  von C. F. Meyer. Er macht seinen Doktor in Gießen, der hessischen Landes­universität, wird mit dem damals vorhandenen Werk Stefan Georges bekannt und mit den ersten Heften der Blätter für die Kunst, dem später berühmt gewordenen Organ der George-Gemeinde. Herbst 1893 lernt er den großen Dichter persönlich kennen: diese  Tatsache  gibt  seinem Leben die entscheidende Wendung, gibt seiner Person, die bald zu den sichtbarsten, bestimmendsten Gliedern des George-Kreises gehört, das nach außen  vor allem kennzeichnende Gepräge.

Im gleichen Herbst übersiedelt Wolfskehl nach München, wohin er nach kurzer Abwesenheit in Rom, Berlin, Paris, für immer zurückkehrt. Große Reisen in fast alle Länder Europas, ja bis ins ferne Wunderland Indien führen ihn zwar vielfach von München fort, aber sein eigentliches Domizil, seine Wahlheimat bleibt „die Stadt, wo unserer Frauen Türme ragen“. Das Haus Wolfskehl bildet für viele Jahre, bis zum Kriegsende, einen der interessantesten, geistig bewegtesten, farbigsten, Treffpunkte Münchens. Und es gibt wohl kaum jemand, der irgend zur Welt des Geistes gehört und in jenen Jahren München berührt hat, der nicht in diesem  Hause verkehrt, nicht wesentliche  Anregungen von dort mitgenommen hätte. Aber freilich gibt es auch kaum noch einen  Hausherrn, der kraft der Lebendigkeit, der Einfallsfülle, der Schmiegsamkeit seines Geistes, kraft seiner Vielseitigkeit, kraft seines Menschengefühls und Menscheninteresses so fähig gewesen wäre, Geister an sich zu ziehen, Geister – und seien es die verschiedenartigsten – miteinander zu verbinden. Wenn München neben der bäuerlichen, der volkhaft-ländlichen Stadt auch eine Stadt der Geistigkeit ist, so ist es nicht zuletzt Wolfskehl und seine Atmosphäre, die es dazu gemacht; wie er es war, der, wenn nicht immer unmittelbar, so doch oft mittelbar die feinsten Köpfe bestimmt hat, gerade München zu ihrer zweiten Heimat zu wählen.

Es gehört zu dem eigentümlichen, aber, wie wir glauben, schönen und sinnvollen Schicksal dieses Mannes, daß er auch heute noch keine Berühmtheit ist im äußeren Sinne des Wortes,  keine Berühmtheit, über die die Zeitungen zu berichten pflegen, deren Werke in Riesenauflage überall sichtbar, allen bekannt sind. Und doch wiegt die Berühmtheit Wolfskehls schwerer als so manche weithin posaunte: denn sie lebt in einem erlesenen Kreis, einer Avantgarde des Geistes, sie lebt in einem  Publikum, das wahrhaft urteilsfähig ist und urteilsgründend. Und wie dieser geheim-berühmte Mann so manchem offiziell gestempelten Prominenten überlegen ist an Weite, an Reichtum, an Freiheit und Tiefe, so auch an fruchtbarer Wirksamkeit, an überall spürbarem, wenn auch nicht immer gekanntem Einfluß. Es gäb wohl eine lange Reihe, wollte man die alle einmal nennen die von dem Lichtkegel dieses blendenden Geistes aufgeweckt, die von Wolfskehl beraten, geleitet, ja die durch ihn erst der eigentlichen Bestimmung ihres Lebens zugeführt wurden.

Noch ein kurzes Wort vom Werke Wolfskehls: seine erste Gedichtsammlung ,,Ulais“ erschien 1898, 1902 die zweite, 1906 sein Versspiel „Saul“, 1909 die Spiele „Thors  Hammer“ und „Wolfdietrich“, 1927 seine dritte und umfänglichste Gedichtsammlung „Der Umkreis“. Diesen dichterischen Erzeugnissen – das Wort dichterisch im eigentlich höchsten, ja im geheimsten Verstande – gesellen sich eine große Reihe vorbildlicher Übersetzungen, von denen die von Costers „Ulenspiegel“ wohl die glänzendste und auch bekannteste ist. Mit Stefan George hat Wolfskehl drei Bände gesammelter deutscher Dichtung herausgegeben, mit v. d. Leyen älteste deutsche Dichtungen, die frühesten  erhaltenen althochdeutschen und frühmittelhochdeutschen kürzeren Stücke in  Umdichtung: ein schönes wichtiges Buch, das mehrere Auflagen erlebt hat. Von 1894 bis 1920, d.h. bis zu deren Abschluß, war Wolfskehl Mitarbeiter der Blätter für die Kunst und dann der 1910–1912 erscheinenden Jahrbücher für die geistige Bewegung, die, gegründet auf die tragende Idee des Georgischen Kreises, die entschiedenste und fruchtbarste Kritik an der Zeit darstellen. Ab 1920 ist Wolfskehl literarischer Leiter der Münchener Rupprecht-Presse. Seine publizistische Tätigkeit im eigentlichen engeren Sinne, von der Sie alle wohl schon Proben gelesen und bewundert  haben, setzt erst 1925 ein.

Will man das Wesen Wolfskehls mit einem Wort kennzeichnen, so muß man sagen, daß er vor allem Dichter sei. Seinen denkerisch schärfsten, kenntnisreichsten, kulturkritischen Essays,  seinen fachlichsten, theoretischen Betrachtungen ist noch ein dichterisches Etwas beschwingend eigen, ja dies Etwas ist es, das jeder seiner Äußerungen das eigentümliche und das eindrückliche Gepräge gibt. Und wie er Dichter ist in seinem Schrifttum, seiner Rede, so ist er es in seinem äußeren Leben, seiner inneren Natur. Über einem Verstand von eindringlichster Kraft, übe einem Wissen von fast unbegrenzter Reichweite steht noch sein künstlerischer Spürsinn, die geheime Fühlsamkeit für die tiefen Triebkräfte, wo auch immer sie wirken, die stete Verbundenheit mit den unteren Mächten. Und gerade diese Doppeltheit, dieses seltsame Bei- und Ineinander von hellstem Kopf, gebildetstem Geist, sicherster Formungskraft mit den dunklen, formsprengenden Gründen einer fast chaotischen Lebendigkeit: dies Schweifen in zwei Sphären, dies Zusammen von Klarheit und Dämmer, dies Gegenspiel von Feste und Gelöstheit, von Grenzung und Übergang: dies macht die eigentliche, die staunenswerte, wohl auch verwirrende, die schwer faßbare Besonderheit dieses Mannes in seinem Leben wie in seinem Werk. Dies macht es, daß er nicht festzulegen ist auf ein Woher und Wohin, daß er alterslos scheint, Kind und Weiser in einem, zugleich nur Geist und nur Trieb, die in seinem Rassekopf seltsam sich binden – dies macht es, daß er bald als verspäteter Romantiker gesehen wird, bald als ein glänzender Humanist, als der letzte Aristokrat des Geistes, übrig geblieben aus einer reicheren, festlicheren Zeit, bald aber als ein ganz neuer Mensch voll von geheimer Witterung für alle künftigen Dinge. Dies macht es, daß er nicht zu halten ist, nicht einzuordnen, einzugrenzen in keinem nur denkbaren Sinne. Er ist wahrhaft einer der merkwürdigsten, aber auch einer der freiesten Menschen, der selbstsichersten, souveränsten Köpfe, nirgendwo zu Hause und überall, ein ewig Schweifender, einer, der seine Sach buchstäblich auf Nichts gestellt hat. – Und die unheimliche Doppel­gesichtigkeit dieses Mannes erfaßt mit einer so sicheren Klarheit und so tiefen Spürkraft, wie kaum noch ein Zweiter heute, die ganze Krise dieser Zeit, ihr Gemenge von Geist und Drang, von Technik und Glaube, ihr ohnmächtig, wirr ringendes Nichtmehr und Nochnicht – aber in ihm auch ist wie kaum in einem Zweiten der weite Atem lebendig, vom Gestern ins Morgen zu rufen, die Macht lebendig, die ewigen Werte über das karge Jetzt  hinüberzuretten in eine neue, vollere Zukunft.