03.06.2011

Wie Krankenhäuser ihr Potential besser ausschöpfen können

Gesund durch Wachstum

Jörg F. Debatin

Im Jahr 2004 lautete die Diagnose: erhebliche wirtschaftliche Schieflage. Die Jahresbilanz 2003 wies ein Minus von 36,5 Millionen Euro aus, Leistungs- und Effizienzdefizite in vielen Bereichen. Das UKE – ein Sanierungsfall. Wie war dem Hamburger Universitätsklinikum am besten zu helfen? Kreativität und ein weit in die Zukunft gerichteter Blick waren gefragt.

Konzentration auf die Stärken

Das UKE ist mit 1.500 Betten eines der größten deutschen Universitätsklinika. Als Zentrum universitärer Spitzenmedizin mit einer engen Verzahnung von Lehre, Forschung und Krankenversorgung bietet es den Patienten modernste Diagnostik und innovative Therapien. 2010 wurden rund 75.000 Patienten vollstationär und weitere 260.000 ambulant versorgt. Das waren über 50 Prozent mehr als im Jahr 2005. Eine auf den ersten Blick beeindruckende Leistungssteigerung. Doch der eigentlich wesentliche Punkt ist ein anderer: Es kommen nicht mehr einfach „alle“ Patienten ins UKE. Das UKE hat 2004 in einer Portfolioanalyse seine Stärken herausgearbeitet und sich auf diese konzentriert: Die Kernkompetenz liegt in der Behandlung besonders komplexer Erkrankungen. In deren Behandlung ist das UKE qualitativ besser als andere und durch die hohen Zahlen gleicher oder ähnlicher Fälle auch insgesamt effizienter. Dass der Patient rundum versorgt wird, dafür sorgen heute konsequent aufgebaute Netzwerke zu anderen Anbietern im Gesundheitswesen.

Die Vernetzung innerhalb des UKE und zu anderen Anbietern spiegelt sich auch baulich. Für das gesamte Neubauprogramm des UKE-Geländes zum Gesundheitspark steht ein Investitionsvolumen von rund einer halben Milliarde Euro in der Bilanz. Gebaut wurde und wird im Kosten- und Zeitplan. Rund 340 Millionen Euro wurden von Bund und Land bis heute in das 2009 eröffnete zentrale Klinikum, in Forschungs- und weitere Klinikbauten investiert. Zudem gruppieren sich um das Hauptgebäude heute unter anderem das RehaCentrum Hamburg, die Facharztklinik Hamburg, Steffi Grafs Stiftung Children for Tomorrow, das HanseMerkur Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin und das Behandlungszentrum für hochinfektiöse Krankheiten. Die neue Psychiatrie befindet sich im Bau, die Kinderklinik in Planung, ebenso ein Gesundheitszentrum, das bis 2012 realisiert werden soll. Direkt angrenzend an das UKE-Gelände entsteht ein Hotel. Gleichzeitig ging es darum, die vorhandene Kompetenz innerhalb des Uniklinikums noch gezielter einzusetzen, um die Effizienz zu steigern. Auch hier ist Vernetzung das zentrale strategische Mittel. Ärzte und Wissenschaftler arbeiten über Fachgrenzen hinweg zusammen, auch die berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit wurde zentrales Thema. Für die Vernetzung in Klinik, Forschung und Lehre wurden bauliche Plattformen geschaffen. In allen neuen UKE-Gebäuden – dem Neuen Klinikum, dem Campus Forschung und dem Campus Lehre – wurde prozessorientiert geplant und gebaut, überall wurden bewusst Begegnungsflächen geschaffen, um den Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Elektronische Patientenakte

Im Neuen Klinikum wurden beispielsweise die Kompetenzen gebündelt: Zentrale Notaufnahme und der Zentral-OP stehen für vernetztes Knowhow, das in letzter Konsequenz dem Patienten dient. Seine Behandlungsqualität steigt. Administrative und sämtliche medizinischen Prozesse werden durch moderne IT-Verfahren unterstützt. Ein wichtiger Bestandteil war dabei die konsequente Umsetzung der papierlosen Patientenakte. Die flächendeckende Einführung ermöglicht es dem UKE als erstem Klinikum in Deutschland, vollkommen papierlos zu arbeiten. Das volle Wissenspotential, dass dadurch allen beteiligten Experten zugänglich ist, steht wiederum im Interesse einer besseren Medizin für jeden Patienten.

Unsere zentrale Marketingmaßnahme ist die immer weitergehende Herstellung von Transparenz. Wir legen offen, wo wir gut sind und wo wir besser werden müssen. Das UKE hat bereits 2005 als erstes Klinikum in Deutschland alle Qualitätssicherungsdaten im Internet veröffentlicht. Nicht zuletzt dadurch hat sich eine ganz neue Qualitäts- und Fehlerkultur entwickelt. 2010 nun hat das UKE erstmals in seiner Geschichte ein Geschäftsjahr mit schwarzen Zahlen abgeschlossen, zwei Millionen Euro im Plus. Der Umsatz liegt bei 720 Millionen Euro. Das Wachstum – nach vorläufigem Ergebnis – bei 8,3 Prozent. Die Zahl der Mitarbeiter stieg seit 2005 von 6.446 im Jahr 2004 auf jetzt 8.887. Ein Krankenhaus ist gesundet. Im Bereich der Forschung wuchs die Summe der von rund 32 auf jetzt 58,1 Millionen Euro. Damit hat das UKE einen deutschen Spitzenwert erreicht. Trotz der Erfolge ist die Entwicklung nicht am Ende. Der Wissenschaftsrat hatte dem UKE Anfang 2011 aufgetragen, die Forschung stärker zu fokussieren, sie besser mit der Universität zu verzahnen, und er hat von der Stadt mehr Investitionen gefordert. Die Klinikbetten sind derzeit zu 91 Prozent ausgelastet. Auch das ist ein Spitzenergebnis.

Ambulante Betreuung dank neuer Medien

Ein wichtiger Trend ist die steigende Bedeutung der ambulanten Versorgung in Krankenhäusern. Gleichzeitig suchen aber auch immer mehr primär ambulant tätige Ärzte Möglichkeiten, Patienten stationär zu versorgen. Die Patienten wünschen sich diese Sektor übergreifenden Angebote. Das UKE hat deshalb Wege in beide Richtungen eröffnet: Auf unserem Gelände befindet sich eine sehr große Belegarztklinik, in der Patienten von über 80 niedergelassenen Ärzten stationär versorgt werden. Gleichzeitig haben wir ein Medizinisches Versorgungszentrum gegründet, um gerade den Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen ein umfassendes Behandlungsangebot zu machen. Dabei setzt das UKE auf elektronische Medizin. Ein Schlaganfall-Patient in Lüneburg wird schon heute rund um die Uhr von einer Kamera gefilmt und von den Ärzten des UKE versorgt. In Kürze steht ein Modellversuch mit dem iPad an. Ambulant versorgte Patienten, die an einem offenen Bein leiden, sollen den Heilungsprozess täglich selbst oder durch einen Betreuer fotografieren und die Bilder an die Klinik senden. Die Experten dort steuern dann den Behandlungsverlauf.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2011

Jörg F. Debatin
Professor Dr. Jürgen F. Debatin ist seit Oktober 2011 Vorstandsvorsitzender der amedes Holding AG, Hamburg und Göttingen; zuvor Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf; Facharzt für Diagnostische Radiologie.

 

www.amedes-group.com

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