27.07.2011

Musikermedizin - eine Disziplin mit dynamischer Entwicklung

Wenn frohe Töne krank machen

Bernhard Richter

Musik zu machen und Musik zu hören sind sehr alte, ursprüngliche und grundlegende menschliche Fähigkeiten. Musik ist für jeden quasi ein Grundnahrungsmittel, sodass man Friedrich Nietzsche uneingeschränkt zustimmen kann, der einmal formulierte: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Professionelle Musiker dürfen – aus Sicht vieler „Nichtmusiker“ – ihr Hobby zum Beruf machen. Der musikbegeisterte Zuhörer ist deswegen häufig erstaunt, dass eine so „schöne“ Tätigkeit wie die professionelle Musikausübung auch mit gesundheitlichen Risiken oder Problemen vergesellschaftet sein kann.

Die Entwicklung des Faches „Musikermedizin“ wurde notwendig, da seit Ende der 1980er Jahre durch verschiedene epidemiologische Erhebungen bekannt wurde, dass bis zu zwei Drittel der Berufsmusiker unter musikerspezifischen Beschwerden leiden. Nach Anfängen der modernen Musikermedizin in den USA und der Einrichtung eines ersten Lehrstuhls in Hannover gründete sich bereits vor zwei Jahrzehnten eine eigene deutsche Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin. Heute zählt die DGfMM etwa 400 Mitglieder. Hier findet der Austausch unter den in der Breite des Gesundheitssystems in Praxen und Kliniken tätigen Ärzten sowie allen in der Behandlung von Musikern therapeutisch tätigen Berufsgruppen statt. Weltweit wurden mehrere nationale Fachgesellschaften, so in den USA, in Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, Neuseeland, Taiwan und aktuell in Österreich, gegründet.

Akademische Halbbrüder

Die Verbindung von Musik und Medizin ist vielfältig und reicht weit in unsere Kulturgeschichte zurück. Schon die griechische Mythologie illustriert die Zusammengehörigkeit von Musik, Schönheit und Heilkraft durch die Genealogie ihrer Götter: So wurde Apollo als Gott der Musik und der Heilkunst verehrt. Er zeugte Orpheus, den größten Sänger der Antike, dem er das Spiel auf der Lyra bis zur Meisterschaft beibrachte, und Asklepios, den Vater der Medizin, den er in der Heilkunst unterrichtete. Demnach sind Musik und Medizin Halbbrüder. Lange Zeit stand hauptsächlich die positive Wirkung der Musik für die Gesundheit im Vordergrund. So beschrieb Platon in seiner „Politeia“ Musizieren und Bewegung als Grundelemente einer gesunden und ausgewogenen körperlichen und geistigen Entwicklung. Die gesundheitsförderlichen Wirkungen des Musizierens können heute zum Teil mit modernen Methoden in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden. So verbessert Singen die Leistung des Immunsystems, und die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen generell erhöht signifikant die Lebenserwartung. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die therapeutische Wirkung von Musik verstärkt im Bereich seelischer Störungen eingesetzt, woraus sich die Musiktherapie entwickelte, die heute eine eigenständige Behandlungsform bildet. Auch die Möglichkeiten des Einsatzes von Musik in der Medizin, die bereits von dem Chirurgen Theodor Billroth im 19. Jahrhundert erwogen werden, sind heute fester Bestandteil unseres Behandlungssystems geworden – z.?B. zur Angstlösung vor und während invasiver Untersuchungen oder als Musizieren mit Patienten, Angehörigen und Ärzten im Krankenhaus zur Belebung des emotionalen Milieus, wie Arbeiten von Grosse & Vogels zeigen. Für lange Zeit bestanden also die Gemeinsamkeiten zwischen Musik und Medizin hauptsächlich in der Frage, wie Musik förderlich für Bildung und Gesundheit eingesetzt werden kann. Denn Musizieren macht primär Freude und ist gesund – erst durch die hohen Anforderungen der Spezialisierung und des leistungsbezogenen Musizierens treten gesundheitliche Risiken mit auf den Plan. Die Behandlung von Musikern, die durch die Musikausübung erkrankten, geriet deutlich später in den Fokus des Interesses von Medizinern und Musikern – obwohl es bereits seit Ende des 15. Jahrhunderts einzelne Warnungen vor gesundheitlichen Risiken beim Blasinstrumentenspielen gab. Durch die Entwicklung des Virtuosentums im 19. Jahrhundert häuften sich Berichte über Musiker, die im Zuge ihrer Musikausübung körperliche oder psychische Probleme entwickelten. Die Fragen: „Warum wurde Beethoven taub?“ oder „Wurde Robert Schumann zu Recht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen?“ sind auch für nicht auf Musiker spezialisierte Ärzte spannend und werden in der Laienpresse zum Teil heute noch lebhaft diskutiert.

Etablierung eines neuen Fachs

Die Musikermedizin hat sich als Fachdisziplin in den letzten Jahren besonders in Deutschland positiv weiterentwickelt. Allein in den letzten Jahren sind hier fünf neue Lehrstühle eingerichtet worden. Das Fach ist mittlerweile in der Hochschulausbildung der Mehrzahl der deutschen Musikhochschulen fest verankert. Hier wird den jungen Musikstudenten vermittelt, wie sie sich im Umgang mit sich selbst und mit ihren Schülern hinsichtlich gesundheitlich relevanter Fragen möglichst optimal verhalten können.

Neben der Etablierung der Musikermedizin in Forschung und Lehre gibt es auch auf die Behandlung von Musikern spezialisierte Einrichtungen wie die Ambulanzen an den Lehrstühlen in Hannover und Freiburg. Hier können sich Musiker aller Instrumentengruppen – und natürlich auch Sänger, Schauspieler und beruflich stimmbelastete Gruppen wie Lehrer etc. – hinwenden, wenn sie gesundheitliche Fragen oder Probleme haben. Musikermedizin ist ein „breites“ Gebiet, das Fragestellungen aus den verschiedenen Facharztgebieten wie Orthopädie, Psychosomatik, Neurologie, der HNO-Heilkunde bzw. Phoniatrie u.?a. umfasst. Generell können Musiker aller Instrumentengruppen und selbstverständlich auch Sänger betroffen sein. Die Mehrzahl der Patienten weist überlastungsbedingte Symptome auf, die durch Schonung, adäquate Therapie und ggf. Abstellen der auslösenden schädigenden Mechanismen gut und erfolgreich behandelt werden können. Die Behandlungen werden demzufolge in der Regel im Rahmen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung abgerechnet. Störungen, die die Kriterien zur Anerkennung als Berufskrankheit erfüllen würden, liegen nur sehr selten vor. Selbst bei der „Lärmschwerhörigkeit“ (BK 2301) kommt es in der täglichen Praxis vielfach zu Ablehnungen seitens der Versicherungsträger, was wiederum Einspruchs- und Sozialgerichtsverfahren zur Folge hat, die sich oft über Jahre hinziehen – für die betroffenen Musiker stets eine äußerst unbefriedigende Situation. Das Gebiet der Musikermedizin bildet keinen eigenen Facharzt, sondern besteht in einer Schwerpunktsetzung innerhalb einer bestehenden Facharzt­richtung. Bislang gibt es kein formales Curriculum zur Weiterbildung im Bereich Musikermedizin. In die Diagnostik und Behandlung von Musikern sind je nach Beschwerden häufig sehr unterschiedliche medizinische Fachgebiete involviert. Neben diesen Fachärzten werden auch Berufsgruppen wie Physiotherapeuten (einschließlich Körpermethodikern) und Stimmtherapeuten einbezogen. Entscheidend für den Erfolg einer Musikerbehandlung sind die enge Abstimmung, Koordination und die Verbesserung der Kommunikation zwischen allen beteiligten Berufsgruppen und mit den betroffenen Musikern selbst. Es ist die Aufgabe eines spezialisierten Arztes, des „Musikermediziners“, die verschiedenen Perspektiven zu einem Ganzen zusammenzufügen. In der Regel sind Ärzte mit musikermedizinischem Schwerpunkt selbst praktizierende Musiker oder an Musik Interessierte und somit gewissermaßen „zweisprachig“ kompetent in den Begrifflichkeiten der Musik und der Medizin.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2011

Bernhard Richter
Prof. Dr. Bernhard Richter ist Professor für Musikermedizin mit Schwerpunkt künstlerische Stimmbildung am Freiburger Institut für Musikermedizin (FIM). Neben seinem Medizinstudium in Freiburg, Basel und Dublin absolvierte er ab 1986 ein Gesangsstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg (Konzertexamen 1991). www.dgfmm.org

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