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Konzerthaus mit besonderem Programm

»Ein originelles Projekt – in jeder Hinsicht«

Konzerthaus mit besonderem Programm - »Ein originelles Projekt – in jeder Hinsicht«
Die Elbphilharmonie vor dem klassischen Hamburger Grau © Rotary Magazin

Nun ist es endlich soweit: Die Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet. Wir haben im September 2016 mit dem Chef des neuen Hauses, Christoph Lieben-Seutter gesprochen. Noch aufregender als die Eröffnung war für Generalintendant Christoph Lieben-Seutter aber die erste Probe. Für 2017 plant er ein vielfältiges Programm und setzt dabei nicht nur auf klassische Musik.

Insa Fölster01.09.2016

September 2016:

Wenn am 11. Januar in der Hamburger Elbphilharmonie das Eröffnungskonzert erklingt, kann Intendant Christoph Lieben-Seutter schon ein Jubiläum feiern. Der gebürtige Wiener ist dann fast zehn Jahre im Amt. Immer wieder musste die Stadt die Eröffnung verschieben, gleichzeitig stiegen die Kosten – von einst 186 Millionen auf zuletzt 865 Millionen Euro, wovon die Stadt 789 Millionen übernimmt.

Herr Lieben-Seutter, was fühlen Sie, wenn Sie die Elbphilharmonie in Kürze ohne Helm betreten dürfen und Ihr Büro beziehen können?
Große Freude gepaart mit großer Anspannung, weil natürlich auch die
Erwartungshaltungen riesig groß sind. Ich habe den Anspruch, dass es, gerade nach der Vorgeschichte, auch wirklich rund laufen muss.

Was steht denn noch an im Endspurt?
Da ist natürlich die Baustelle selber, da geht es munter voran. Den Schlüssel bekommen wir erst am 31. Oktober, und dann ist die Zeit eher knapp bis zur Inbetriebnahme. Das heißt, wir bereiten uns jetzt vor. Wir sind schon vor Ort, um uns an das Haus zu gewöhnen, die Technik kennenzulernen, die ersten Akustiktests und Proben mit Musikern durchzuführen.

Wann testet das Orchester erstmals den großen Saal?
Im September. Das ist natürlich ein besonders spannender Moment, durchaus aufregender als die Eröffnung. Wobei ich ein gutes Gefühl habe, die Säle sind ja so gut wie fertiggestellt. Wir haben zwar noch keine Musiker dort gehört, aber man kann die Orgel im Großen Saal schon hören und erleben. Beide Säle, der Große Saal mit 2100 Plätzen und der Kleine Saal mit 550 Plätzen, sind ausgesprochen gelungen, sowohl optisch als auch vom Wohlgefühl her. Ich bin da sehr zuversichtlich, dass die Akustik auch entsprechend gut sein wird.

Gab es keine Zwischenklangproben?
Nein, das macht keinen Sinn. Die Pläne der Architekten wurden Hand in Hand mit dem Akustikplaner entwickelt, das heißt, die waren immer ein Herz und eine Seele. Der Akustiker war die ganze Zeit bei jedem Bauabschnitt zugegen. Aber was die Saalakustik selber betrifft, die kann man erst beurteilen, wenn der Saal wirklich fertig ist. Das heißt, wenn alle Stühle eingebaut, alle Oberflächen fertiggestellt und die Stühle aus der Schutzhülle genommen sind. Und das passiert erst ganz am Schluss, wenn der Saal staubfrei ist.

Was erwartet die Besucher der beiden Eröffnungskonzerte?
Unter anderem gelangt eine Auftragskomposition von Wolfgang Rihm zur Uraufführung, bei der Jonas Kaufmann den Tenorpart übernimmt. Und das Hausorchester, das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Chefdirigent Thomas Hengelbrock, hat das Recht der ersten Nacht.

Das Programm für die erste Saison steht schon, wie sieht es aus?
Wir haben ein Programm zusammengestellt, das eine Art Visitenkarte für das Haus sein soll. Es ist besonders dicht, besonders hochkarätig, aber auch sehr vielfältig und preislich ausgeglichen, weil ja viele sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen erfüllt sein müssen. Wir wollen für möglichst viele Leute zugänglich sein. Es sind sehr, sehr anspruchsvolle Projekte dabei, aber eben nicht nur.

Der Abo-Verkauf ist sehr gut angelaufen. Und der Verkauf der Einzeltickets?
Wir waren in beiden Fällen freudig überrascht von der großen Nachfrage. Tatsächlich freuen sich gerade in Hamburg viele Leute auf die Elbphilharmonie und sind sehr daran interessiert, dort regelmäßig ins Konzert zu gehen. Wir haben über die Maßen viele Menschen, die sich zum Beispiel auf einmal Karten für 20 Konzerte gekauft haben.

Und die anderen? Wie wollen Sie es schaffen, dass die Besucher immerwiederkommen?
Dass das künstlerische Programm gut ist, da sind wir uns ziemlich sicher. Die Architektur ist spektakulär, die Säle fühlen sich sehr gut an. Jetzt geht es um Dinge wie Zuwegung, Vekehrs-anbindung, Service im Haus bis hin zur Gastronomie. Das alles macht einen Konzertbesuch rund.

Sie kommen ja aus einer großen Musikstadt, aus Wien. Wie sehen Sie Hamburg als Musikstadt, wie die Elbphilharmonie?
Die Frage einem Wiener zu stellen ist ein bisschen gemein, denn es gibt auf der Welt keine zweite Stadt, die so von Musik durchdrungen ist. Natürlich ist Hamburg nicht auf dem gleichen Niveau, aber die Stadt hat ein Riesenpotenzial. Im Bau der Elbphilharmonie sehe ich eine große Chance. Gerade in Zeiten, wo klassische Musik durchaus Probleme hat, sei es mit Finanzierung oder dem Publikumsnachwuchs, baut Hamburg dieser Musik einen Tempel. Das ist vor allem auch ein schönes Signal nach innen für die Stadt.

Wie locken Sie musikskeptische Menschen in die Elbphilharmonie?
Wir werden eine ganze Reihe von Programmen anbieten, die sich ganz speziell an genau diese Skeptiker wenden. Ein guter Teil unserer Aktivitäten fällt in den Bereich Musikvermittlung, auch und gerade für etwas kulturfernere Gruppen. Das ist der Elbphilharmonie sozusagen in die Genetik geschrieben. Außerdem machen wir gemeinsam mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester in der Eröffnungsspielzeit die „Konzerte für Hamburg“: moderierte Konzerte von kürzerer Dauer, mit Highlights des Klassikrepertoires und tollen jungen Solisten, dirigiert vom Chefdirigenten Thomas Hengelbrock oder dem Ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbanski. Die Konzerte werden zu besonders günstigen Preisen angeboten.

Was verbirgt sich noch hinter dem Thema Musikvermittlung?
Das beginnt damit, dass wir mit der Elbphilharmonie-Instrumentenwelt eine Basis gelegt haben, wo Familien, Kinder und vor allem auch Schulklassen willkommen sind und Instrumente ausprobieren können. Rund um diese Instrumentenwelt gibt es Workshops, Kurse und mehrere Ensembles, bei denen man mitmachen kann. Und es gibt andere Aktivitäten zum Mitmachen, von Chören bis hin zu Kinderkonzerten sowie Programme in den Stadtteilen. Insgesamt fallen etwa 1500 Ereignisse in unserem Terminplan nächstes Jahr in den Bereich Musikvermittlung. Schulen sind im ersten Jahr in einem besonderen Fokus. Nicht zuletzt deswegen, weil es auch ein Wunsch des Senats war, dass jeder Hamburger Schüler zumindest einmal in der Elbphilharmonie gewesen sein soll.

Wie soll die Elbphilharmonie künftig wahrgenommen werden?
Unverkennbar als ein Konzerthaus des 21. Jahrhunderts. Das heißt auch, dass die Klassik nicht mehr primär von einer Mittelschicht getragen wird, die automatisch regelmäßig per Abo ins Konzert, in die Oper oder ins
Theater geht. Deswegen ist das Programm sehr vielfältig und besteht keineswegs nur aus Klassik. Wir wollen das Programm so gut koordinieren und entwickeln, dass sich das Profil eines offenen und zeitgenössischen Konzerthauses abzeichnet.

Popstars wie Madonna dürfen hier auch auftreten?
Wir sind natürlich nicht groß genug, weil Madonna ja normalerweise vor 50.000 Leuten auftritt. Aber Madonna unplugged nehmen wir sehr gerne. Einige Popkonzerte haben wir jetzt ja schon angesetzt. Aber der Große Saal der Elbphilharmonie ist kein Stadion. Schon deshalb werden riesengroße Stars diesen Raum eher ausnahmsweise bespielen, aber die Möglichkeit dazu besteht durchaus. Wir haben keine Einschränkungen im Genre. Die Qualität aber muss stimmen.

Wird die Elbphilharmonie Wahrzeichen der Stadt, ein Konzerthaus ersten Ranges?
Wahrzeichen der Stadt ist sie schon. Und das Potenzial, eines der führenden Konzerthäuser zu werden, ist sehr hoch.

Der Bau des Hauses verlief ja nicht konfliktfrei. Wie werten Sie das?
Es ist ein ungewöhnliches Projekt in jeder Hinsicht. Im Normalfall sagt eine Stadt: Wir brauchen ein neues Konzerthaus, also machen wir eine Ausschreibung. Hier war es anders: Private Immobilienentwickler hatten die Idee, ein Konzerthaus im Kaispeicher zu bauen. Sie kamen zurück mit einem Entwurf der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. Und der wurde in der Stadt so einhellig begrüßt, dass er auch realisiert wurde. Diese ungewöhnliche Entstehungs­geschichte hat sich auch in den Vertragsbeziehungen abgezeichnet. Was man sicher daraus lernt, ist, sich mehr Zeit für die Vorbereitungen zu nehmen, die besten Fachleute heranzuholen, und wenn dann der Auftrag vergeben ist, nichts mehr zu ändern.

Wie kam es, dass das Projekt anfangs einfach so durchgewinkt wurde?
Es gab eine unglaubliche Unterstützung von Fachleuten. Und es war politisch ein guter Moment, die Stadt war gut bei Kasse, Ole von Beust auf der Höhe seine Popularität. Er hatte erkannt, dass es ein durchaus etwas größenwahnsinniges Projekt ist. Aber schauen Sie sich die Bauwerke an, die wir auf Reisen besichtigen, von den Pyramiden bis zum Louvre. Die waren alle maßstabsprengend.

Hamburgs Bürger hatten ja zu Beginn viel Geld gespendet.
Ja, in der ursprünglichen Konzeption, die offenbar viel zu blauäugig war, wurde ein Drittel von privaten Zeichnern finanziert. Wir hatten fast 70 Millionen Euro private Zuwendungen. Durch die große Kostensteigerung wurde dann vor allem der Anteil der öffentlichen Hand erweitert. Und in der Gesamtfinanzierung ist der Anteil der privaten Unterstützer dadurch kleiner geworden, aber nichtsdestoweniger genauso verdienstvoll. Man muss ganz klar sehen, ohne diese ursprüngliche Begeisterung, ohne dieses Signal wäre das Projekt nicht umgesetzt worden.

Wie ist die Stimmung so kurz vor der Eröffnung, in Hamburg und international?
In der Stadt ist Kritik kaum mehr zu hören. Auch die größten Skeptiker merken, da ist etwas Außerordentliches entstanden, ob man dafür so viel Geld hätte ausgeben müssen, ist natürlich eine andere Frage. International merken wir täglich wachsende Neugier, und vielleicht auch noch einen gewissen Informationsbedarf. Aber allein schon bei der Buchung der Künstler für die erste Spielzeit wollte keiner nicht dabei sein.

Was sticht baulich hervor?
Es ist fast alles besonders. Die Plaza, ein offener, für jedermann begehbarer Platz, ist ein ganz wichtiges Element des Hauses. Besonders ist auch die ursprüngliche Idee, dass man den alten Kaispeicher nicht umbaut in ein Konzerthaus, sondern zumindest symbolisch das Konzerthaus oben draufsetzt. Ein Faktor ist dabei sicher, dass das Haus mitten im Fluss steht, auf drei Seiten von Wasser umgeben, und dazu noch mitten in der Stadt. Das sind alles Dinge, die emotional ganz wichtig sind. Das war auch für mich persönlich so. Gerade in den Phasen, wo der Himmel über uns zusammenbrach vor lauter Skandalschlagzeilen, musste ich nur die Baustelle besuchen und wurde sofort wieder energetisch aufgeladen. Sehr schön finde ich auch die Foyer-Landschaft rund um den Großen Saal. Da der Konzertsaal in einem Hochhaus verortet ist, sind die Foyers vertikal angeordnet über sechs Stockwerke. Da sind sehr spannende Sichtbeziehungen entstanden, auch mit der Glasfassade, durch die man auch den Blick nach draußen hat.

Was ändert sich für Sie mit der Eröffnung des Konzerthauses?
Erst einmal nicht viel. Es wird bei meinem Sieben-Tage-die-Woche-16-Stunden-pro-Tag-Job bleiben, auch weil nicht alles rundläuft am Anfang. Die Routine wird sich sicher erst später einstellen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie das Haus wirklich lebt. Die nächsten Monate sind extrem spannend.


Christoph Lieben-Seutter ist seit 2007 Generalintendant der Elbphilharmonie und der Laeizhalle in Hamburg. Noch vor der Eröffnung der Elbphilharmonie am 11. Januar wurde sein Vertrag vorzeitig bis zur Saison 2020/21 verlängert. Ursprünglich sollte er 2018 enden. Der gebürtige Wiener ist auch Präsident der European Concert Hall Organisation (ECHO). Er ist Mitglied im RC Hamburg.

©Bild: Michael Zapf

www.elbphilharmonie.de