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Buch der Woche

Alles und jeder wird ausgespäht

Buch der Woche - Alles und jeder wird ausgespäht
Das Cover von »Die globale Überwachung« © Droemer und Knaur

Das Ausmaß der Massenüberwachung durch die NSA wird in diesen Tagen einmal mehr deutlich. Im Juni 2013 veröffentlichte Glenn Greenwald die ersten NSA-Dokumente aus dem Archiv des Whistleblowers ­Edward Snowden. Mit dem Buch »Die globale Überwachung« bringt er anhand einer Fülle von exklusiven, nie zuvor publizierten Geheimdokumenten das ganze Ausmaß der Massenüberwachung ans Licht. Sein Fazit: Alles und jeder wird ausgespäht, die Bevölkerung steht unter Kollektivverdacht.

04.07.2014

Am Abend des 2. Juni, einem Sonntag, landeten wir in Hongkong und fuhren anschließend vom Flughafen zu unserem Hotel im noblen Stadtteil Kowloon. Vereinbarungsgemäß wollten wir uns schon kurz darauf mit Snowden treffen. Kaum hatte ich mein Hotelzimmer betreten, schaltete ich meinen Laptop ein und sah nach, ob er in das verschlüsselte Chat-Programm, das wir benutzten, eingeloggt war. Tatsächlich, er war da und wartete bereits – wie fast immer.

Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln besprachen wir die Logistik für unser erstes Treffen. »Sie können in mein Hotel kommen«, sagte er.

Dass er in einem Hotel wohnte, war das Erste, womit er mich überraschte. Ich wusste zwar immer noch nicht, warum er sich in Hongkong aufhielt, nahm zu diesem Zeitpunkt jedoch an, dass er dort hatte untertauchen wollen. Ich hatte ihn mir in irgendeiner Bruchbude vorgestellt, einem billigen Apartment, das er sich auch ohne regelmäßigen Gehaltsscheck leisten konnte – nicht komfortabel in einem Hotel, sozusagen vor aller Augen, mit sich täglich summierenden Kosten.

Anders als ursprünglich geplant, beschlossen wir, uns lieber erst am nächsten Morgen zu treffen. Eigentlich war es Snowden, der diese Entscheidung traf und damit die Weichen stellte für eine von extremer Vorsicht geprägte, spionagefilmähnliche Atmosphäre, die uns die nächsten Tage begleiten sollte.

»Sie ziehen wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit auf sich, wenn Sie sich nachts in der Stadt bewegen«, meinte er. »Dass zwei Amerikaner spätabends in ihrem Hotel einchecken und dann sofort rausgehen, ist ziemlich ungewöhnlich. Es wirkt normaler, wenn Sie am Vormittag herkommen.«

Snowdens Angst vor einer Überwachung durch die Behörden Hongkongs und Chinas war ebenso groß wie vor einer möglichen Bespitzelung durch die Amerikaner. Er befürchtete, Agenten der örtlichen Geheimdienste könnten uns gefolgt sein.

Ich beugte mich seiner Entscheidung, da ich vermutete, dass er wusste, wovon er redete. Trotzdem war ich enttäuscht, dass wir uns an diesem Abend nicht mehr treffen würden.

Da der Zeitunterschied zwischen Hongkong und New York genau zwölf Stunden beträgt, waren Tag und Nacht jetzt umgekehrt, und so fand ich in dieser Nacht – wie auch sonst während dieser Reise – kaum Schlaf. Dafür war nur zum Teil der Jetlag verantwortlich; wegen meiner beinahe unerträglichen Anspannung döste ich lediglich immer wieder für eineinhalb, maximal zwei Stunden ein, und das sollte für die gesamte Dauer meines Aufenthalts mein Schlafrhythmus bleiben.

Am nächsten Morgen trafen Laura und ich uns im Foyer und nahmen dann ein Taxi zu Snowdens Hotel. Die Details unseres Treffens hatte Laura mit ihm besprochen. Im Taxi wollte sie nur sehr ungern etwas darüber sagen – aus Angst, der Fahrer könnte ein Undercover-Agent sein. Ich selbst war mit meinem Urteil, dass solche Ängste paranoid seien, inzwischen nicht mehr ganz so schnell bei der Hand wie früher. Immerhin konnte ich Laura so viel entlocken, dass ich in etwa wusste, wie das Treffen ablaufen würde.

In Snowdens Hotel sollten wir in den dritten Stock fahren, wo sich die Konferenzräume befanden. Er hatte einen bestimmten Raum als Treffpunkt gewählt, den er für besonders geeignet hielt: Zum einen war er abgelegen genug, dass nur mit sehr wenig »Personenverkehr«, wie er es nannte, zu rechnen war; zum anderen aber doch nicht so weit ab vom Schuss, dass es auffiel, wenn wir dort warteten.

Im dritten Stock, so Laura, sollten wir den erstbesten Hotelangestellten, dem wir in der Nähe des vorgesehenen Treffpunkts begegneten, fragen, wo es hier ein geöffnetes Restaurant gebe. Diese Frage wäre für Snowden, der sich in Hörweite aufhalten würde, das Signal, dass uns niemand gefolgt war. In dem bewussten Raum sollten wir auf einem Sofa neben einem »Riesenalligator« warten, der allerdings nur zur Dekoration diente, wie mir Laura bestätigte.

Für das Treffen waren zwei Zeiten vereinbart: 10.00 Uhr und 10.20 Uhr. Falls Snowden nicht spätestens zwei Minuten nach dem ersten vereinbarten Zeitpunkt erschien, sollten wir den Raum verlassen und zur zweiten vereinbarten Zeit wiederkommen. Er würde dann zu uns stoßen.

»Woher wissen wir, dass er es ist?«, fragte ich Laura. Wir hatten ja praktisch überhaupt keine Informationen über ihn, kannten weder sein Alter noch seine Hautfarbe oder sein Aussehen, gar nichts.

»Er wird einen Zauberwürfel in der Hand haben«, erwiderte sie.

Ich musste laut lachen, weil ich die Situation so schräg, so bizarr und unwirklich fand. Das ist ein surrealer internationaler Thriller, der in Hongkong spielt, dachte ich.

Das Taxi setzte uns vor dem Mira Hotel ab, das ebenfalls in Kowloon lag, einem quirligen Geschäftsviertel mit schlanken Hochhäusern und mondänen Geschäften: Auffälliger ging es nicht. Als wir die Eingangshalle betraten, verschlug es mir erneut die Sprache. Snowden wohnte nicht einfach in irgendeinem Hotel, sondern in einem weitläufigen Luxushotel sehr ähnlich dem, in dem ich abgestiegen war, und dort kostete eine Übernachtung mehrere hundert Dollar, wie ich wusste. Warum, fragte ich mich, sollte sich jemand, der über die Machenschaften der NSA auspacken wollte und sich vor Enttarnung schützen musste, ausgerechnet in Hongkong in einem Fünfsternehotel verstecken, noch dazu in einem der bekanntesten Viertel der Stadt? Aber es hatte keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen – in wenigen Minuten würde ich unseren Informanten treffen und dann vermutlich eine Antwort auf all meine Fragen bekommen.

Wie viele Gebäude in Hongkong hatte auch das Mira Hotel die Ausmaße eines kleinen Dorfes. Laura und ich brauchten mindestens eine Viertelstunde, bis wir durch die endlosen Gänge zum vereinbarten Treffpunkt fanden. Wir mussten mehrere Aufzüge nehmen, verschiedene Übergänge zwischen den Gebäudetrakten passieren und immer wieder nach dem Weg fragen. Als wir glaubten, in der Nähe des Treffpunkts zu sein, sahen wir einen Hotelangestellten. Etwas verlegen stellte ich ihm die als Code vereinbarte Frage, und wir hörten uns an, welche Möglichkeiten er uns nannte.

Als wir um die Ecke bogen, fiel unser Blick durch eine offene Tür auf ein großes grünes Krokodil aus Plastik, das dort auf dem Boden lag. Der Anweisung entsprechend setzten wir uns auf das Sofa und warteten, nervös und schweigend. Der kleine Raum hatte offenbar keine bestimmte Funktion; es gab für niemanden irgendeine Veranlassung, ihn zu betreten, denn außer dem Sofa und dem Krokodil befand sich nichts darin. Nachdem wir fünf Minuten lang schweigend dagesessen hatten und niemand gekommen war, gingen wir wieder und warteten in einem anderen Raum in der Nähe weitere fünfzehn Minuten.

Um 10.20 Uhr kehrten wir zurück und nahmen wieder unseren Platz bei dem Krokodil ein, auf dem Sofa, von dem aus man auf die hintere Wand und in einen großen Spiegel blickte. Zwei Minuten später hörte ich jemanden eintreten. Statt mich zur Tür umzudrehen, blickte ich weiter in den Spiegel und sah einen Mann auf uns zukommen. Erst als er sich uns auf ein, zwei Meter genähert hatte, wandte ich mich um.

Als Erstes nahm ich den ungelösten Zauberwürfel wahr, der sich in der linken Hand des Mannes drehte. Snowden begrüßte uns mit einem »Hallo«, gab uns aber nicht die Hand, denn es war vereinbart, dass das Zusammentreffen zufällig erscheinen sollte. Plangemäß fragte Laura ihn nach dem Essen im Hotel, und er entgegnete, dass es schlecht sei. Von all den verblüffenden Wendungen, die es in dieser Geschichte gab, war der Augenblick unserer persönlichen Begegnung die größte Überraschung für mich.

Snowden war zu der Zeit 29 Jahre alt, wirkte mit seinen Jeans, dem weißen T-Shirt mit irgendeinem verwaschenen Schriftzug und der modischen Nerd-Brille aber deutlich jünger. Trotz des spärlichen, stoppeligen Kinnbarts sah er aus, als hätte er erst vor kurzem begonnen, sich zu rasieren. Er wirkte insgesamt recht proper, hielt sich militärisch gerade, war aber ziemlich dünn und blass und – wie wir alle drei in diesem Moment – sichtlich angespannt und zurückhaltend. Er hätte gut einer der Computerfreaks von Anfang bis Mitte zwanzig sein können, wie man sie in den Computerräumen von Colleges antrifft.

Das passte für mich alles so gar nicht zusammen. Ohne bewusst darüber nachgedacht zu haben, war ich aus verschiedenen Gründen davon ausgegangen, dass Snowden älter sei, wahrscheinlich in den Fünfzigern oder Sechzigern. Allein schon weil er offenbar Zugang zu so vielen brisanten Dokumenten hatte, hatte ich vermutet, er müsse eine gehobene Position in einer Behörde der nationalen Sicherheit innehaben. Zudem bewies er immer so viel Scharfblick und strategisches Verständnis, dass ich ihn als einen alten Hasen in der Politszene eingeschätzt hatte. Und schließlich wusste ich, dass er bereit war, alles aufzugeben und wahrscheinlich den Rest seiner Tage im Gefängnis zu sitzen, um ans Licht zu bringen, was die Welt seiner Ansicht nach erfahren musste; deshalb nahm ich an, dass er eher am Ende seiner Karriere stand. Wer eine derart drastische Entscheidung trifft und sich selbst geradezu opfert, dachte ich mir, der muss Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte der Desillusionierung hinter sich haben.

Dass dieser junge Bursche mein Informant sein sollte, der über all das geheime NSA-Material verfügte, war eines der verwirrendsten Erlebnisse meines Lebens. In Gedanken spielte ich rasend schnell die verschiedenen Möglichkeiten durch: Steckte da irgendein Schwindel dahinter? War ich umsonst um die halbe Welt geflogen? Wie konnte ein so junger Mensch Zugang zu der Art von Informationen haben, wie wir sie gesehen hatten? Konnte das wirklich die in der Welt der Geheimdienste und der Spionage so bewanderte Person sein, als die wir unseren Informanten kennengelernt hatten? Vielleicht war das sein Sohn, dachte ich, oder ein Helfer, der uns jetzt erst zum eigentlichen Informanten bringen sollte. Alles Mögliche ging mir durch den Kopf, aber nichts schien mir überzeugend.

»Gut, dann kommen Sie mit«, sagte er sichtlich angespannt. Laura und ich folgten ihm. Unterwegs gab jeder ein paar zusammenhanglose Smalltalk-Floskeln von sich. Ich war zu verblüfft, zu verwirrt, als dass ich viel hätte sagen können, und ich wusste, Laura ging es genauso. Snowden wirkte sehr wachsam, als hielte er ständig Ausschau nach unerwünschten Beobachtern oder anderen Anzeichen einer Gefahr. Also gingen wir die meiste Zeit schweigend nebeneinander her. Ohne zu wissen, wohin er uns brachte, folgten wir ihm in den Aufzug, stiegen im zehnten Stock aus und gingen dann zu seinem Zimmer. Dort zog Snowden eine Schlüsselkarte aus seiner Brieftasche und öffnete die Tür. »Herzlich willkommen«, sagte er. »Tut mir leid, dass es hier ein bisschen chaotisch ist, aber ich habe das Zimmer praktisch seit mehreren Wochen nicht mehr verlassen.«

Es sah tatsächlich ziemlich chaotisch aus. Auf dem Tisch stapelten sich halb leergegessene Teller vom Zimmerservice, und überall lag schmutzige Kleidung herum. Snowden räumte einen Sessel frei und bat mich, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich auf das Bett. Das Zimmer war so klein, dass wir uns auf eine Distanz von vielleicht einem Meter gegenübersaßen. Unser Gespräch verlief förmlich, es schleppte sich in angespannter Atmosphäre dahin. Snowden kam sofort auf Sicherheitsaspekte zu sprechen und fragte mich, ob ich ein Handy dabeihätte. Es funktionierte zwar nur in Brasilien, aber er bestand dennoch darauf, dass ich den Akku herausnahm oder es im Kühlschrank seiner Minibar deponierte, um ein Abhören wenigstens zu erschweren.

Wie ich es von Laura schon im April gehört hatte, behauptete jetzt auch Snowden, die amerikanische Regierung sei in der Lage, Handys ferngesteuert zu aktivieren und in Wanzen umzufunktionieren. Ich wusste also, dass es technisch möglich war, tat die Bedenken der beiden aber trotzdem als leicht paranoid ab. Doch ich war derjenige, der falschlag. Die Regierung ließ diese Technik schon seit Jahren bei polizeilichen Ermittlungen einsetzen. Ein Bundesrichter, der beim Prozess gegen mutmaßliche New Yorker Gangster den Vorsitz führte, entschied im Jahr 2006, dass der Einsatz dieser »roving bug« (wandernde Wanze) genannten Technik – also die ferngesteuerte Umwandlung eines Mobiltelefons in ein Abhörgerät – durch das FBI rechtmäßig sei.

Als ich mein Handy sicher in Snowdens Kühlschrank deponiert hatte, nahm er die Kissen von seinem Bett und legte sie vor die Zimmertür. »Wegen der Leute, die auf dem Korridor vorbeigehen«, erklärte er und fügte hinzu: »An der Zimmerdecke könnte es Mikrofone und Kameras geben, aber was wir zu besprechen haben, wird ohnehin in den Nachrichten kommen.« Und das war keineswegs nur als Scherz gemeint.

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen. Droemer und Knaur, München 2014. 368 Seiten, 19,99 Euro. Der Auszug stammt von den Seiten 55 bis 61. Mehr zum Buch.