Buch der Woche - Wie viel Freiheit kostet die digitale Welt?

Das Cover von »Wem gehört die Zukunft?« von Jaron Lanier. © Hoffmann und Campe

06.06.2014

Buch der Woche

Wie viel Freiheit kostet die digitale Welt?

Autor und Informatiker Jaron Lanier gilt als Vordenker in Sachen Internet und digitale Welt. So schrieb er bereits 2011 einen Beitrag für das Rotary Magazin darüber, warum totale Veröffentlichung nicht zu mehr Freiheit führt. Nun hat er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels gewonnen. Mit seinem aktuellen Werk »Wem gehört die Zukunft?« liefert er eine profunde Analyse der aktuellen Trends in der Netzwerkökonomie ab, die sich in Richtung Totalüberwachung und Ausbeutung der Massen bewegt – unser Buch der Woche.

Kapitel 1: MOTIVATION. Das Problem

Wir sind daran gewöhnt, Informationen als »kostenlos« zu betrachten,* aber das funktioniert nur, solange der Großteil der Wirtschaft nicht auf Informationen basiert, ansonsten würden wir für diese Illusion einen hohen Preis bezahlen. Heute können wir uns Informationen immer noch als immateriellen Grundstoff vorstellen, der Kommunikation, Medien und Software erst möglich macht. Doch es wird nicht mehr lange dauern, da werden sich die Menschen wundern, wie naiv und kurzsichtig die Vorstellung von der Natur der Informationen einst gewesen waren. Unser derzeitiger Informationsbegriff ist deshalb so eng gefasst, weil Bereiche wie Industrie, Energie, Gesundheitswesen und Verkehr noch nicht stark automatisiert oder netzwerkzentriert sind. Aber irgendwann wird der Großteil der Produktivität »softwarevermittelt« ablaufen. Software könnte die letzte industrielle Revolution sein. Sie könnte alle kommenden Revolutionen zusammenfassen. Ein Anfang wäre beispielsweise, dass Autos und Lastwagen nicht mehr von Menschen gesteuert werden, sondern von einer Software, dass 3D-Drucker wie von Zauberhand Güter ausspucken, die früher in Fabriken aus Einzelteilen zusammengebaut wurden, dass automatisierte Baumaschinen Rohstoffe finden und abbauen und Roboter bei der Pflege von Senioren eingesetzt werden. (Auf diese und andere Beispiele werden wir später noch genauer eingehen.) Die digitale Technologie wird vielleicht noch nicht in diesem Jahrhundert die Wirtschaft dominieren, aber früher oder später wird es dazu kommen.

Möglicherweise wird die Erfüllung der alltäglichen Bedürfnisse dank der Technologie so günstig, dass es praktisch nichts mehr kostet, gut zu leben, und sich niemand mehr Gedanken um Geld, Arbeit, die ungleiche Verteilung von Vermögen oder die Altersvorsorge machen muss. Allerdings bezweifle ich stark, dass dieser schöne Traum Wirklichkeit werden wird.

Denn wenn wir so weitermachen wie bisher, erwartet uns wahrscheinlich eine Zeit massiver Arbeitslosigkeit mitsamt den damit verbundenen politischen und wirtschaftlichen Unruhen. Der Ausgang dieser Entwicklung lässt sich nicht vorhersagen, doch wir sollten diesen Ansatz bei der Gestaltung unserer Zukunft ohnehin verwerfen.

Stattdessen wäre es klüger, im Voraus zu überlegen, wie wir langfristig mit einem hohen Maß an Automatisierung leben können.

Sich damit abfinden oder die Klappe halten

Seit Jahren kritisiere ich das Verhältnis zwischen digitaler Technologie und Mensch. Ich liebe die digitale Technologie, und die Menschen liebe ich sogar noch mehr, allerdings ist das Verhältnis aus dem Gleichgewicht geraten. Natürlich werde ich oft gefragt: »Was würden Sie denn stattdessen tun?« Wenn sich die Frage auf Privates bezieht, also etwa »Soll ich mich bei Facebook abmelden?«, dann ist die Antwort einfach: Das müssen Sie für sich entscheiden. Ich will mich nicht als Guru aufspielen.*

Doch auf wirtschaftlicher Ebene sollte ich eine Antwort parat haben. Dass sich die Menschen bis zur Selbstaufgabe einem digitalen Phänomen hingeben, das deutliche Züge eines überirdischen Wesens hat, hat seinen kulturellen, intellektuellen und spirituellen Preis. Es gibt aber auch materielle Kosten.

Die Menschen machen sich ärmer, als sie sein müssten. Wir schaffen eine Situation, in der eine immer ausgereiftere Technologie langfristig eine immer höhere Arbeitslosigkeit und eine Zunahme der sozialen Missstände bedeutet. Stattdessen sollten wir eine Zukunft anstreben, in der es immer mehr Menschen gutgeht, selbst wenn die Technologie voranschreitet wie bisher.

Gängige digitale Konzepte behandeln Menschen nicht als etwas Besonderes. Wir werden vielmehr als kleine Rädchen in einer gigantischen Informationsmaschine betrachtet. Dabei sind wir die einzigen Lieferanten der Informationen und gleichzeitig ihr Bestimmungsort, das heißt, wir geben der Maschine überhaupt erst ihren Sinn. Ich möchte eine alternative Zukunft aufzeigen, in der Menschen angemessen berücksichtigt und als etwas Besonderes betrachtet werden.

Wie das gehen soll? Man muss die Menschen für die Informationen bezahlen, die man über sie sammelt, falls sich diese Informationen als wertvoll erweisen. Wenn die Überwachung von Personen Daten ergibt, die es einem Roboter ermöglichen, wie ein natürlicher Gesprächspartner zu wirken, oder man Informationen erhält, die bei einem Wahlkampf dafür sorgen, den Wählern die richtigen Botschaften zu übermitteln, dann sollte die Nutzung dieser wertvollen Daten den Urhebern – also Ihnen – auch Geld einbringen. Schließlich gäbe es diese Daten ohne Sie gar nicht.

Die Vorstellung, dass die Informationen der Menschheit kostenlos sein sollten, ist idealistisch und verständlicherweise auch populär, aber wenn niemand verarmen soll, muss man für Informationen bezahlen. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Software und Netzwerken können wir entweder weiterhin an kostenlosen Informationen festhalten, was jedoch mit finanzieller Unsicherheit für fast alle verbunden wäre, oder aber für Informationen bezahlen und auf diese Weise die Mittelschicht stärken. Die erste Möglichkeit mag vielen als ein Ideal erscheinen, das man ungern aufgibt, doch die zweite bietet eine realistische Aussicht auf eine beständige Demokratie und ein Leben in Würde.

Eine erstaunliche Anzahl Menschen produziert über Netzwerke eine erstaunliche Menge an Wert. Doch der Löwenanteil des Vermögens geht heute an diejenigen, die diese Daten sammeln und kanalisieren, anstatt an jene, die den »Rohstoff« liefern. Wenn wir uns von der Vorstellung der »kostenlosen Informationen« verabschieden und stattdessen ein universales System der Mikrozahlungen aufbauen, könnten eine neue Form der Mittelschicht und eine ehrlichere Informationsökonomie entstehen. Womöglich wären wir sogar in der Lage, die Freiheit des Einzelnen und die Selbstbestimmung zu stärken, auch wenn die Maschinen immer besser werden.

In diesem Buch geht es um futuristische Wirtschaftsformen, im Grunde aber darum, wie wir Menschen bleiben können, wenn unsere Maschinen so hochentwickelt sind, dass sie quasi autonom werden. Dieses Buch ist damit gewissermaßen Science-Fiction in Form eines Sachbuchs. Man könnte es auch eine Art spekulative Streitschrift nennen. Ich werde argumentieren, dass die Art, wie wir unsere Welt bisher um digitale Netzwerke herum organisiert haben, nicht nachhaltig ist und dass es mindestens eine nachhaltigere Alternative dazu gibt.

Das Moore’sche Gesetz verändert die Bewertung der Menschen

Unter den Technologen ist das Denken über die Zukunft seit der Jahrtausendwende hauptsächlich von der Erfahrung mit digitalen Netzwerken beeinflusst, die mit Hilfe der Unterhaltungselektronik genutzt werden. Ein junger Mensch muss heute nur noch ein paar Jahre und nicht mehr ein ganzes Leben lang warten, bis sich Veränderungen im Sinne des Moore’schen Gesetzes vollziehen.

Das Moore’sche Gesetz ist das Leitprinzip und wahre Grundgesetz des Silicon Valley. Es besagt, dass die Leistungsfähigkeit von Computerchips immer schneller wächst. Diese Verbesserungen türmen sich nicht einfach auf wie bei einem Steinhaufen, der immer höher wird, wenn man mehr Steine hinzufügt. Anstatt sich zu summieren, vervielfachen sich die Verbesserungen. Offensichtlich verdoppelt sich die Leistung der Technologie etwa alle zwei Jahre. Das bedeutet, dass die Leistung von Mikroprozessoren nach vierzig Jahren um dasMillionenfache gesteigert wurde. Niemand weiß, wie lange sich dieser Prozess fortsetzen lässt. Auch darüber, warum das Moore’sche Gesetz und ähnliche Muster existieren, ist man sich nicht einig. Handelt es sich um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, also quasi um Autosuggestion, oder um eine unvermeidliche, wesentliche Eigenschaft der Technologie? Was auch immer da vor sich geht, der Rausch des sich beschleunigenden Wandels ruft in manchen einflussreichen Technologiekreisen geradezu religiöse Ehrfurcht hervor.

Das Moore’sche Gesetz bedeutet, dass man immer mehr kostenlos erledigen könnte, wenn da nicht die Leute wären, die bezahlt werden wollen. Der Mensch ist beim Moore’schen Gesetz quasi der Haken an der Sache. Wenn der Betrieb von Maschinen unglaublich billig wird, wirken Menschen vergleichsweise teuer. Früher waren Druckmaschinen teuer, daher schien es ganz selbstverständlich, Journalisten angemessen dafür zu bezahlen, dass sie die Zeitung füllten. Erst als die ersten Gratiszeitungen auftauchten, schien es mit einem Mal unvernünftig, Leute überhaupt noch zu bezahlen. Durch das Moore’sche Gesetz können Löhne und Gehälter – ebenso wie das soziale Netz – plötzlich wie ungerechtfertigter Luxus wirken.

Unsere direkte Erfahrung mit dem Moore’schen Gesetz bestand bislang vor allem darin, dass es uns billige Waren bescherte. Die gestern noch unerschwingliche Kamera ist heute eine von vielen Funktionen an unserem Mobiltelefon, das wir schon bald wieder gegen ein neues austauschen. Mit der millionenfachen Leistungssteigerung in der Informationstechnologie wurden sämtliche Einsatzmöglichkeiten ebendieser Technologie immer billiger. Daher erwartet man heute, dass Online-Dienste (und nicht nur Nachrichten, sondern auch zeitgemäße Erscheinungen wie Suchdienste oder soziale Netzwerke) kostenlos sind, wobei »kostenlos« in dem Fall bedeutet, dass wir im Gegenzug stillschweigend einwilligen, uns ausspionieren zu lassen.

*Wie etwa die kostenlosen Internetdienste für Verbraucher oder die Daten, die Finanzdienstleister oft  sammeln und nutzen können, ohne dafür zu bezahlen.
*… allerdings werde ich am Ende des Buchs einige Vorschläge machen.

Quelle: Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? "Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt." Hoffmann und Campe, Hamburg 2014. 480 Seiten, 24,99 Euro. Mehr zum Buch.

Der Auszug stammt von den Seiten 29 bis 33.

Rotary Magazin 9/2016

Rotary Magazin Heft 9/2016

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