15.05.2015

Die vage Rolle der deutschen Hauptstadt – und was man im Ausland über sie denkt

Berlin und die Weltkultur

Martin Roth

Das Humboldt-Forum im neuen Berliner Schloss ist gegenwärtig das be­deutendste Bauprojekt Deutschlands. Welche Aussage trifft ein Land, wenn es ein derart markantes Vorhaben in seiner politischen Mitte den Kulturen der Welt widmet? Und was folgt daraus für den kulturellen Föderalismus? Diesen und weiteren Fragen zur Rolle der Kultur widmen sich die Beiträge auf den folgenden Seiten.

Manchmal würde ich mir wünschen, mehr im Ausland über das zu erfahren, was in Berlin, München, Hamburg und an anderen Orten passiert. Die durchaus spannende Diskussion um den sogenannten Wiederaufbau des Schlosses und die Debatte über die Inhalte – signifikant für Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts – hat weder die Wissenschaftskreise im Ausland, noch die Kunst und Kultur und auch die Medien nur sporadisch erreicht. Weshalb ist dies der Fall?

Berlin ist der Ort, der weltweit die Kreativen und diejenigen, die gern dazu gehören möchten, anzieht. Die Stadt lebt noch immer vom „Frontstadt“-Ruf, 25 Jahre nach dem Mauerfall gemischt mit viel Zukunftshoffnung, wenig Staus, großen Wohnungen und bisher relativ niedrigen Mieten. Viele Erstbesucher sagen, die Stadt war ursprünglich für mehr Menschen konzipiert, und viele genießen nur bedingt dass Hype-Gefühl, für manche ist es zu aufgesetzt „fancy“, zu oberflächlich. Menschen, die in Weltmetropolen gelebt haben, beklagen den Mangel an aktiver Weltkultur, andere wiederum schätzen die Tatsache, dass in Berlin manches noch neu ist, was in anderen Teilen der Welt sich schon überlebt hat. Verglichen mit London, wo 2013 für jede teilnehmende Nation an den Olympischen Spielen eine Diaspora von mindestens 10.000 Landsleuten lebte, ist Berlin wirklich eine Hauptstadt der Deutschen und nicht so sehr die einer Weltgemeinschaft. Das hat auch durchaus komische Züge, so erinnere ich mich daran, dass ein Regierungsmitglied von Dubai sich bei einer Delegationsreise über den Mangel an beeindruckenden Hochhäusern ausgelassen hat. Allerdings hat die geschichtsbedingte Entschleunigung der Berliner Entwicklung durchaus etwas Positives.  Für mich – ich lebe seit 1980 in Berlin – war die geographische Lage in Europas alter Mitte, der Ost- und Westbezug gleichermaßen, bedeutungsvoll und durchaus auch aufregend. Herausfordernd, aber gewiss nicht zukunftsfördernd war selbstverständlich auch die Tatsache, dass aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs nach der Wende die Abwesenheit von produktiver Wirtschaft die Notwendigkeit von Startups, Inkubatoren und weiteren kreativen Formen der Wirtschaftsförderung beschleunigt hat.  

Ein Herrlicher Schatz

Mitten in diesem Amalgam aus Hinterlassenschaft des Kalten Krieges und der kurzlebigen Hype-Gesellschaft befindet sich ein unbeschreiblich schöner und tiefreichender Bestand an Kunst- und Kultursammlungen, inklusive beeindruckender Archäologischer Sammlungen – Weltkultur vom Herrlichsten und Bedeutungsvollsten in einer Stadt, die zurecht die Hoffnung darauf haben darf, irgendwann wieder in den Kreis der Weltstädte aufgenommen zu werden.

In diese Situation hinein entwickelte Peter Klaus Schuster, der damalige Generaldirektor der Berliner Museen, Ende der 1990er die Idee, dem semirekonstruierten Schloss, wenn es schon nicht als historische Adaption zu verhindern ist, ein Forum zu geben, das mit Hilfe der Weltsammlungen den Zukunftsentwurf der Stadt übernimmt. Katalysator sollte die wundervolle ethnologische Sammlung sein, denn diese, so war es Peter Klaus Schuster schon Anfang der 1990er bewusst, führte in dem in den 1970er Jahren hypermodernen Dahlemer Museum mehr und mehr ein perfäres Randdasein. Ein risikofreudiges Unternehmen sollte es ein, ein offenes Forum, unterstützt von Horst Bredekamps Forschungsinteresse an der Präsentation von Weltkulturen in europäischen Metropolen.

Man muss es Hermann Parzinger lassen, dass er als Meister des Durchsetzungsvermögens die Idee konsequent vorangetrieben hat. Denn wie wir alle wissen, schrumpfen weltverändernde Ideen, wenn Pragmatiker versuchen, sie in die Realität zu übersetzen. Mithilfe von Klaus-Dieter Lehmann wurde aus einem intellektuellen Vulkan ein nicht unbeachtliches Tischfeuerwerk, aus der Weltbühne für globale Fragen wurde ein Ethnologisches Museum 2.0, das immerhin dank Martin Heller Einsprengsel von Freidenkzonen erhält.

Strukturelle Schwächen

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter und Mütter, der Misserfolg ist ein Waisenkind. So schickte man das Konzept hin und her und gab Hermann Parzinger nun die undankbare Aufgabe, alles koordinieren zu dürfen, ohne letztendlich das 100-Prozentige Sagen zu haben. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er über wechselnde Regierungskonstellationen hinweg stur weitergearbeitet und einen politischen Slalomkurs in der Direttissima absolviert hat, anstatt allen eitlen Drehungen, medialen Wendungen und Society-Fettnäpfen zu erliegen. Und er hat es geschafft, dem Vorhaben wieder mehr wissenschaftliche Prägnanz zu verleihen.

Schwer ist es dennoch, die Grundidee des Humboldt-Forums zu verstehen. Noch schwerer ist es  allerdings, die Verantwortlichkeiten nachzuvollziehen. Die Aufgabe, ein risikofreudiges Team zu kreieren, ist durch die Tatsache erschwert, dass Berlin und der Bund mindestens einen Kulturposten zu viel haben. Man erinnere sich an äußerst mächtige und durchsetzungsfähige Generaldirektoren der Berliner Museen,  wie Wilhelm von Waetzoldt, unterstützt von einem zurückhaltenden, sehr einflussreichen Präsidenten Werner Knopp, der die Inhalte dem Generaldirektor und den Direktoren überlassen hat und seine Aufgabe in der Institutionspolitik sah, gleichsam als heimlicher BRD-Kulturminister des Bundesinnenministeriums, an das er damals berichtet hat. Heute sind alle und jeder operativ tätig, und zusätzlich gibt es seit 1998 einen Bundeskulturminister, der bis heute nicht wirklich einer ist, und der immer noch um Einfluss und Macht gegenüber den Ländern kämpfen muss. Der Generaldirektor berichtet an den Präsidenten, der Präsident an die Kulturstaatsministerin, und diese steht wiederum einem Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor. Komplizierter geht es nicht, und aus englischer Sicht ist es auch vollkommen unmöglich, dass derjenige, der die Gelder gibt, auch deren Ausgaben direkt überwacht. Dies ist in England seit jeher an die (Zivil-)Gesellschaft delegiert, Board of Trustees sind hier die unabhängigen Treuhänder.

Wie zertrennt man in Berlin nun den gordischen Knoten? Indem man vom Mangel an effizienter Struktur ablenkt und einen scheidenden Superstar engagiert. Mit Neil MacGregor ist der Kulturministerin ein wirklicher Coup gelungen, der Schotte wird geschätzt, geliebt, spricht gut Deutsch und kennt sich mit Weltgeschichte – auch mit der deutschen – besonders gut aus. Er ist eine Ideallösung und gleichzeitig ein Kompromiss in Person. Seine Kenntnis ist beachtlich und der globale Akzeptanzfaktor zwischen Teheran und Peking, Bagdad und Washington tendiert zu 100 Prozent. Aber was erwartet man von ihm? Die Museen sind fertig konzipiert und können eingebaut werden, die Stadt Berlin plant derzeit zusätzlich ein attraktives Labor im Schloss zur Erläuterung des Mythos Berlin.

Und Neil MacGregor? Er wird gemeinsam mit Hermann Parzinger und Horst Bredekamp ein Triumvirat bilden, dessen gemeinsamer IQ und gemeinsame Kenntnis sicherlich einzigartig sind. Und dennoch ist aus einem Risiko-Labor, dass zum Dialog mit der Welt einlud ein Pantheon der Gelehrten geworden. Gemeinsam zählt das Triumvirat ungefähr 180 Lebensjahre, gerne würde man durchexerzieren, was sechs Verantwortliche à 30 Jahren für Ideen entwickeln würden.

Reaktionen in England

Was denkt man nun in Großbritannien darüber? Nichts, würde ich sagen, man interessiert sich nicht dafür. Aus der englischen Presse konnte man entnehmen, dass Neil MacGregor nun zum BBC geht, ein Museum in Mumbai tatkräftig unterstützt und ansonsten noch Angela Merkel in einer Sache berät, die irgendwann in ferner Zukunft so etwas wie die deutsche Variante des British Museum sein soll.

Berlin kompensiert mangelnde Bedeutung mit Streit und Debatten in der Öffentlichkeit. Oper, Theater, Museen und Ausstellungen in London sind Bestandteil deutscher Medienberichterstattung – vice versa ist die Wahrnehmung spärlich. Das kann an der Sprache liegen, am mangelnden Interesse der Engländer liegt es gewiss nicht. Man kann sich nur nicht über Themen aufregen, die für britische Verhältnisse noch nicht einmal erwähnenswert sind. Weshalb soll man sich schon als Engländer beispielsweise darüber aufregen, dass ein Kurator und Direktor der Tate Modern, Chris Dercon, mit schauspielerischem Talent und Managementerfahrung ein Theater in Berlin übernimmt? Mehr wundert man sich hingegen, dass gleichsam innerhalb weniger Wochen die alte Riege der Londoner Museumsdirektoren gegen eine neue ausgetauscht wurde, National Gallery, National Portrait Gallery und nun die beiden Tates, London leistet sich eine internationale Runderneuerung vom beträchtlichem Ausmaß.

Ich werde oft gefragt, wie präsent deutsche Kultur in der Welt ist? Nicht sehr und das liegt nicht an der mangelnden Attraktivität, sondern an der deutschen Selbstzufriedenheit. Wer mehr Deutschland in der Welt erleben möchte, muss dies aktiv unterstützen. Frank Walter Steinmeier leistet in dieser Hinsicht hervorragende Arbeit, nicht nur als Außenminister, sondern als überzeugter Kultur- und Kunstfreund. Aber es braucht mehr Unterstützer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die seine Auffassung teilen.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2015

Martin Roth
Prof. Dr. Martin Roth war von 2001 bis 2011 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und ist seit 2011 Direktor des Victoria and Albert Museum in London. www.vam.ac.uk

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