Buch der Woche - Cotta – der Weg zum Universalverlag

© Wallstein Verlag

25.04.2014

Buch der Woche

Cotta – der Weg zum Universalverlag

Am 27. April jährt sich der Geburtstag Johann Friedrich Cottas zum 250. Mal. Zu diesem Anlass erscheint die erste umfassende Biographie des wichtigsten Verlegers der deutschen Klassik und zugleich die Geschichte seines Verlages. Unser Buch der Woche.

Auf dem Weg zum Universalverlag im Jahr 1799 hatte Cotta die überkommene Buchhandelslandschaft auf den Kopf gestellt. Ein »v.R.« aus »C-n« meinte im ›Neuen Teutschen Merkur‹ anlässlich einer Besprechung »Ueber Dr. Posselts Allgemeine Zeitung«:

Ich erlaube mir hiebey die, meines Dafürhaltens höchst gerechte, aber, so viel ich weiß, noch von niemandem öffentlich gesagte Bemerkung, daß wenige, oder vielleicht keine teutsche Buchhandlung seit 1795 so viel treffliche ausgezeichnete Produkte geliefert haben, als gerade die Verlagshandlung dieser Zeitung. – Die Horen, Posselts Annalen, Schillers neueste Almanache, Göthe’s Propyläen, u. a. m. mögen jene Behauptung, zu der ich auch nicht durch das entfernteste Verhältniß zu der gedachten Handlung, sondern durch partheylose Beobachtung veranlaßt werde, rechtfertigen. – Nie hätte ich noch vor wenigen Jahren geahnet, daß wir die Meisterwerke der teutschen Art und Kunst, auf die einige teutsche Buchhandlungen ein Monopol ausüben zu wollen scheinen, gerade aus dem, oft mit einem hämischem Schiefblick bemitleideten Schwabenlande erhalten sollten.

Böttiger wäre nicht er selbst gewesen, hätte er dieses Urteil nicht ohne Seitenblick auf Cotta in den ›Merkur‹ gesetzt. Wieland jedenfalls, dem diese Hymne auf den »Newcomer« etwas penetrant erschien, nutzte eine »Beylage des Herausgebers«, um auch auf die anderen bedeutenden Verlage wie Hartknoch, Unger, Vieweg und natürlich Göschen hinzuweisen.

Dass Cotta mittlerweile tatsächlich im ganzen deutschen Sprachraum einen klingenden Namen hatte, lag auch daran, dass er alles tat, seinen Verlag unabhängig vom allgemeinen Weidmann’schen Messkatalog mit eigenen Firmenkatalogen209 und »Novitätenzetteln« vorzustellen. Wie üblich benutzte er dafür zudem allen sich bietenden Raum auf Zeitschriftenbro schuren und leerbleibenden Seiten und gab bei besonders wichtigen Artikeln besondere »Avertissements« in großen Auflagen heraus – im Falle der ›Neuesten WeltKunde‹ etwa hatte er gleich 20.000 Ankündigungen drucken lassen –, die man bei den Buchhändlern finden konnte. Dazu kam die systematische flächendeckende Verlagswerbung mit Inseraten. In sein zu Beginn des Jahres 1800 neu eingeführtes »Druckauftragsbuch«, in das er zwecks besseren Überblicks alle seine Projekte samt den dazugehörigen Angaben über Auflage, Ausstattung, Termine, Honorar und Kalkulation eintrug und das die Zettelwirtschaft der Dispositionen und »Berechnungen über Verlagsartikel« langsam ablöste, notierte er:

Eine ausfürliche Anzeige erfert die Bekantmachung in nachfolgenden Monatsschriften u. Zeitungen: Allgemeine Zeitung, Augsburger OPA., Münchner, Wiener, Brünner Tagblatt, Pester, Cracauer, Breslauer, Berliner Voßsche, Hamburger Unp. Corr, königsb. Zeitung. Prager, Casselsche, Frankf. OPA.Zeitg, Schwäb. Merkur, Strasburger Weltb. Leipziger, Baireuther, Zürcher, Hanoverscher Anzeiger, Bamberger, Fränkischer Prov. Bl. Exp. in Baireuth ReichsAnzeiger, Lit. Anzeiger, Jen. LitZeitg, Salzburger do, Baumgärtners Journal Posselts Annal, Häberlins Statsarchiv, Meinen pol. J, Engli Misc, Flora, (Pferds- Garten- u. DamCal.) Franz. Misc. / Schelling J / PolFama/ t. Merkur, ModeJournal, Minerva, J. f Fabrik NB die Unterstrichnen [hier kursiven] in jedem Falle; die doppelt Unterstrichnen [hier kursiv gesperrten] nur den Auszug der Anzeige.

Cotta wusste den Wert öffentlicher Urteile, überhaupt von Erwähnungen seines Verlags sehr zu schätzen. Er erinnerte vor allem Böttiger immer wieder daran, ihn in seinen vielfältigen Zeitschriftenaufsätzen auch für Nicht-Cotta’sche Periodica, etwa für Bertuchs ›Journal des Luxus und der Moden‹ oder eben den ›Teutschen Merkur‹, nicht zu vergessen. Ebenso selbstverständlich hielt er Böttiger an, seine Verlagsproduktion in den Messberichten der ›AZ‹ anzuzeigen und im Zusammenhang des gesamten Buchmarkts zu würdigen – nicht zuletzt deshalb schickte er ihm ja alle Novitäten gratis und frei Haus nach Weimar, und Brockhaus wird es genauso halten.

Überhaupt wurde ihm Böttiger zusehends unentbehrlich. Wie Göschen seit den 1780er Jahren, so stand Böttiger jetzt ihm als Berater und Freund zur Seite, auskunftsfreudig und zu allen Diensten bereit, vor allem wenn es darum ging, Freunde und Bekannte als Mitarbeiter für Zeitungen und Zeitschriften zu empfehlen, Verbindungen zu knüpfen, Ideen und Projekte auszuhecken und an die geeignete Adresse zu bringen. Böttiger bildete ein wichtiges Verbindungsglied in die deutsche Gelehrtenrepublik und durch seine Zeitschriftenkontakte durch ›London und Paris‹ oder das ›Journal des Luxus und der Moden‹ vor allem zu Korrespondenten in diesen beiden Großstädten und im Besonderen zu englischen Entwicklungen.

Der erste Autor, den er Cotta akquirieren half, war Nikolaus Alexander Scherer. Der aus Petersburg gebürtige Scherer war in Jena 1794 promoviert worden und gehörte zu den Mitgründern der dortigen naturforschenden Gesellschaft, er hatte in Jena Vorlesungen über Chemie gehalten und 1795 die umfangreichen ›Grundzüge der neueren chemischen Theorie‹ publiziert. Durch Goethe an den sachsen-weimarischen Herzog Carl August empfohlen, weilte er gerade mit einem Reisestipendium in England und Schottland, um sich in Chemie und Technologie zu vervollkommnen. Im Jahr 1798 eröffnete er sein ›Allgemeines Journal der Chemie‹ bei Breitkopf und Härtel in Leipzig, das seinen Hauptzweck darin sah, »die vollständigste und umfassendste Darstellung alles dessen, was jezt für die Chemie überall, wo sie sich einer Cultur erfreuen darf, geleistet wird«, zu bieten, dabei aber neben den »neuern Fortschritten« auch eine »vollständige Würdigung der leztern« Fortschritte und also eine Gesamtübersicht dieser Disziplin geben wollte. Cotta hatte nur die Anzeige dieser Monatsschrift gelesen, die ein Werk ankündigte, »das von allem, was in diesem weiten Gebiete wissenwürdiges Neues vorgeht, eine vollständige Uebersicht liefert «, da wandte er sich am 20. Januar 1798 an Goethe:

Herr BergRat Scherer hat ein neues chemisches Journal angezeigt, ganz nach dem Plan, wie ich mit Herrn BergRat Bader in München bereits vor 5 Monaten contrahirte: ich wünschte wir könten uns für den gleichen Zweck vereinigen [...]

Goethe scheint nicht reagiert zu haben; er wird aber mit Wohlwollen gesehen haben, dass sich Cotta stärker den Naturwissenschaften zuwandte – auch wenn aus Franz von Baaders Projekt einer chemischen Zeitschrift nichts werden sollte, im Jahr 1798 erschien lediglich seine kleine naturphilosophische Schrift ›Pythagoräisches Quadrat‹. Um Scherers Journal in seinen Verlag zu ziehen, wandte sich Cotta am 10. April an Böttiger, offenbar zunächst vergeblich. Trotzdem spendierte er dem Chemiker im Juni ein Gratisexemplar der ›WeltKunde‹ und schon im August – Böttiger hatte ihn dazu aufgefordert, diesen »Fisch nicht aus dem Netze gehn [zu] lassen «215 – einen Vorschuss von 100 rh. auf dessen ›Grundriss der Chemie. Für akademische Vorlesungen‹, der im Jahr 1800 herauskam.

Böttiger vermittelte zudem das Werk des in Weimar im Exil lebenden ehemaligen Präsidenten der glorreichen Assemble´e Nationale von 1789, der bis 1799 das Erziehungsinstitut in Belvedere in Weimar geleitet hatte. Jean-Joseph Mouniers ›De l’influence attribue´e aux philosophes, aux franc mac¸ons et aux illumine´s sur la re´volution de France‹ (1801), die Cotta gleichzeitig in deutscher Übersetzung vorlegte, war eine unparteiische Verteidigung der Aufklärung gegen den Anwurf, sie sei für die Gräuel der Revolution verantwortlich, und wandte sich ausdrücklich gegen Barruels dunkelmännische Verleumdung der Freimaurerei in seinem ›Abre´ge´ des me´moires pour servir a` l’histoire du Jacobinisme‹.

Hilfreich war Böttiger auch in Sachen Carl Ludwig Fernow, den Cotta schon am 19. Januar 1798 angesprochen hatte, um ihn für eine ›AZ‹- Korrespondenz aus Rom zu gewinnen, das immer stärker in den Sog der französischen Politik geriet. Dieser nahm am 10. Februar 1798 »mit Vergnügen « das Angebot an, erklärte, statt Geld Bücher als Honorar vorzuziehen, und versprach eine wöchentliche Brieffolge, wobei er gleich einen Artikel beilegte. Einmal in Verbindung, schickte er am 21. April einen Beitrag »ästhetischen Inhalts« für die ›Horen‹ – zu spät, die waren da schon eingegangen –, bevor der spiritus rector der Deutschrömer Cotta am 16. Juni 1798 ein zweiteiliges »Handbuch der Ästhetik für bildende Künstler und für Kunstliebhaber die sich zu gründlichen Kennern bilden wollen « »nach Prinzipien der kritischen Philosophie« anbot – ein Seitentrieb, wenn nicht das unmittelbare Produkt seiner kunsttheoretischen Vorlesungen in Rom. Am 28. März 1799 übersandte er den ersten Teil (ohne Vorrede und Schlusskapitel »über die Verschiedenheit des Geschmacks in der Erfahrung«). Allein seine Kunsttheorie war bei Cotta, der sich nach den Erfahrungen mit den ›Propyläen‹ davon keinen Erfolg versprochen haben mag, nicht anzubringen, sodass auch sein Angebot einer um ungedruckte Arbeiten vermehrten Sammlung seiner ästhetischen Aufsätze auf taube Ohren stieß.

Böttiger war entscheidend beteiligt, dass die am 1. Juni 1800 von Fernow angebotene ›Italienische Sprachlehre‹ bei Cotta realisiert wurde. Sie erschien 1804 und erlebte noch zwei weitere Auflagen (1815 und 1829). Cotta hatte insgesamt wenig Freude an Fernow, der wiederholt Vorschuss bekam und am Ende seines Lebens trotz 838 fl. 48 kr. Honorar für seine »Grammatik« bei Cotta mit über 2.267 fl. in der Kreide stand. Fernow ließ manche Gelegenheit, bei Cotta zu publizieren – etwa eine Beschreibung und Zeichnungen der Villa Borghese für den »GartenCalender« zu liefern – ungenutzt verstreichen. Seine gewinnbringende Stadtbeschreibung ›Sitten und Kulturgemälde von Rom‹ dagegen brachte er 1802 als Taschenbuch beim Gothaer Verleger Perthes unter, was Cotta erheblich wurmte. Cotta ließ sich vom Mitleid bestimmen, nach Fernows Tod Anfang Dezember 1808 den unglücklichen Kindern die Schuld ganz zu erlassen – er schlug sogar Gerhard von Kügelgens, eines Freundes und Gönners von Fernow, Angebot aus, die eine Hälfte der Schulden ihm in Zeichnungen zu kompensieren, sofern Cotta auf die andere verzichtet hätte. Allerdings wirft es wieder ein bezeichnendes Licht auf Cottas Charakter, dass er hierin nicht ganz frei war von gönnerhafter Überheblichkeit; so bemerkte er am 11. Oktober 1808 gegenüber Böttiger, der sich immer wieder für Fernow eingesetzt hatte:

Noch ehe Ihr Werthes v 2 h eingieng, hatte ich bereits Fernow geschriben, daß er wegen meiner Schuld ruhig sterben könne, ich werde seinen Kindern nichts entziehen. Sie sehen hieraus, m l Fr. meine Gesinnungen: will mich Kügelchen, der Herz. v Weimar oder die Grosfürstinn mit Zeichnungen, einem GeheimRatskarakter oder St AnnaOrden dagegen in etwas entschädigen, so weiß ich diß nicht zurük, den ich habe es F. redlich gegeben und er hätte es wol abverdienen können, da ich ihm durch die ›Archives lit‹, A.Z, Morgblatt p. so vilen Spielraum liß. Doch diß gehört blos für uns! F. mag gegen mich gefehlt haben, vorsäz hat er es nicht gethan, u. ich trage ihm nicht das Mindeste deßwegen nach, sondern wünsche u. wünschte ihm mit aufrechtem Herzen s. lezte Stunde mit mög Ruhe hinzuleben.

Später ließ er sich dann gar auf Johanna Schopenhauers Angebot ein, sich die Schuld und die für sie verpfändete Bibliothek Fernows mit einer aus dessen Papieren gefertigten Biographie vergelten zu lassen.222

Der unermüdliche Böttiger, selbst lebhaft in Bertuchs ›London und Paris‹ engagiert, vermittelte auch den Kontakt zu Johann Christian Hüttner in London. Hüttner unterbreitete im Juni 1800 Cotta den Plan eines englischen Magazins, dessen »Inhalt: durchaus keine Politik«, aber »Erfindungen, Ankündigungen, Moden, Sittenschilderungen, neue Anstalten, Auszüge aus interessanten neuen Büchern, Anecdoten, Biographien, sonderbare Vorfälle, mitunter ein ganzer Aufsatz übersetzt, Inhalt der neuesten Theaterstücke, Nachrichten von neuen Kupfern und Musikalien, &c. &c. &c.« sein sollten. Diese ›Englischen Miscellen‹ kamen dann bei Cotta von 1800 bis 1806 in 25 Bänden heraus und bildeten das Muster für die alsbald folgenden ›Französischen Miscellen‹ der Helmina von Chezy. Hüttner, der Cotta auch mit englischen Patentwaren wie Strümpfen dienstbar war, lieferte überdies eine englische Sprachlehre: die Übersetzung nach Townleys ›High life below stairs, das ist die vornehm thuenden Bedienten, oder die große Welt in der Bedientenstube; eine Farce, ausführlich erläutert für solche, die sich in er englischen Sprache vervollkommnen‹ von 1802.

Immer wieder waren es Cottas ureigenste Talente und Interessen, die er für seinen im Aufbau befindlichen Universalverlag fruchtbar machte und die ihn auf neue Wissenschaftsgebiete trieben. Im Besonderen gilt dies von seiner Neigung zur Mathematik, die ihn in Tübingen an seinen alten Mentor Pfleiderer und dessen Schüler Johann Gottlieb Friedrich Bohnenberger knüpften. Pfleiderer vermittelte wohl die im Jahr 1799 erscheinende ›An leitung zur ElementarAlgebra‹ (Bd. 2: 1801) aus der Feder Simon L’Huiliers, der ein Freund und Vertrauter Pfleiderers seit dessen Tagen in Warschau war. Pfleiderers eigene ›Ebene Trigonometrie‹ erschien von Bohnenberger aus dem Lateinischen übersetzt bei Cotta im Jahr 1802; der Plan einer von Bohnenberger bearbeiteten ›Analytischen und sphärischen Trigonometrie‹ wurde allerdings aufgegeben.

Mit dem Mathematiker und Astronomen Bohnenberger selbst hatte Cotta schon am 11. April 1795 einen Vertrag über eine ›Charte von Wirtemberg‹ geschlossen.224 Der Zufall wollte es, dass deren erstes Blatt im selben Jahr 1798 bei Cotta erschien wie die mit Bohnenbergers Vaters, des Altburger Pfarrers und autodidaktischen Physikers Gottlieb Christoph Bohnenberger, 1797 verabredete ›Beschreibung unterschiedlicher Elektrizitätsverdoppler‹. Bohnenbergers Karte war eine Pionierleistung der deutschen Kartographie. Sich an die Cassini’sche Karte von Frankreich anschließend, bot sie zum ersten Mal auf der Basis astronomischer und einer Vielzahl durch Triangulation errechneter Ortsbestimmungen eine präzise topographische Repräsentation »Wirtembergs«, »worinnen nicht nur alle Städte Dörfer und Fleken, sondern auch alle Berge Thäler Flüsse Bäche und Wege angegeben« sein sollten. Angesichts der fehlenden Grundlagen zogen sich die Vorarbeiten allerdings hin, sodass erst im November 1797 die 9 Blätter konkret projektiert werden konnten. Da ahnte man in Tübingen nicht, dass der Augsburger Landgeometer Ignaz Ambros Amman aus dem bayerischen Dillingen über dem Vorhaben einer ›Generalkarte von Schwaben‹, also des schwäbischen Reichskreises, saß, die sich mit dem Bohnenberger’schen Projekt naturgemäß überschnitt. Als Amman auf die erste Ankündigung der Bohnenberger’schen Karte hin anbot, die beiden Projekte zu verbinden, kostete es Cotta nicht die mindeste Überwindung, das Angebot anzunehmen – es gehörte ohnehin zu seinen Geschäftsprinzipien, Kollisionen aus dem Weg zu gehen und ähnliche, aber unabhängig voneinander betriebene Projekte möglichst zu vereinigen. Bohnenbergers erstes Blatt (Altensteig) wurde eben ausgegeben,226 da vereinbarte Cotta mit Amman, die ›Charte von Wirtemberg‹ in der ›Charte von Schwaben‹ aufgehen zu lassen. Der am 4. Februar 1798 mit Amman geschlossene Vertrag227 räumte ihm dieselben Honorarbedingungen ein wie Bohnenberger. Mitte des Jahres 1798 bot Cotta die ›Charte von Schwaben‹ zur Pränumeration an und schloss gleichzeitig die Pränumeration der ›Charte von Wirtemberg‹, deren Blätter man weiterhin als zusammengehörige Folge beziehen konnte; vorgesehen war, dass jedes Jahr fünf Blätter erscheinen sollten.

Insgesamt stellte die Doppelkarte eine organisatorische und finanzielle Großleistung dar. Jedes Blatt musste auf der Grundlage der Triangulation sowie von Orts- und Geländebeobachtungen bis zu einer maßstäblichen Zeichnung entwickelt werden, die dann in den Stich des Terrains und der Schrift gegeben wurde, bevor der, angesichts breiter Schraffuren und hauchzarter Linien empfindliche Druck auf besonders festes großformatiges Papier in Johann Gotthard Müllers Kupferdruckerei stattfinden konnte. Dass die hauchfeinen kolorierten Zeichnungen und die recht groben, durch die Bergschraffen sehr schwarzen Radierungen weit auseinanderlagen, war unvermeidbar. Die Investitionen waren enorm. Während Bohnenberger ein festes Honorar für die 9 Blätter seiner ›Charte von Wirtemberg‹ von 1.500 fl., also knapp 156 fl. pro Blatt vereinbart hatte, bekam Amman 166 fl. 40 kr. pro Blatt für die Zeichnung; der Stecher Abel nahm zunächst 385 fl., dann 440 fl. für den Stich, und auch das war angesichts der Mühe zu wenig; Müller bekam 6 fl. für 100 Abdrucke; das Papier kostete fast 4 kr. pro Bogen/Blatt – macht 6 fl. 40 kr. auf 100 Blatt –, die Atlasseide für die seltenen Stoff-Exemplare 1 fl. 10 kr. pro Stück. Dazu kamen die Übersichtskarten in quer–4° für die Werbung. Angesichts der horrenden Kosten suchte Cotta bei den Zeichnungen und dem Stich zu sparen; Gewinn machte er bei einem Pränumerationspreis von 1 fl. bei etwa 700 abgesetzten Blättern. Trotzdem war der Erfolg der Karte überwältigend. Da die einzelnen Blätter auch als Lokal- und Reisekarten benutzt wurden – zu diesem Zweck wurden sie zerschnitten und auf faltbare Leinwand geklebt –, waren die Karten sehr begehrt: von Blatt 13 (Stuttgart) und 22 (Tübingen) etwa wurden von 1799 bis 1805 mehr als 1.700 Abzüge verkauft, und dieser Absatz war eher die Regel.

Der Vertragsabschluss mit Amman war nur die erste Etappe einer längeren Zusammenarbeit, die mehrfach Cottas diplomatische Fähigkeiten auf ernste Proben stellte. Konflikte ergaben sich aus Eifersüchteleien der beteiligten Gelehrten, vor allem aus dem Umstand, dass Amman viel umfangreichere Vorarbeiten in das Gemeinschaftswerk einbrachte und im Besonderen seinen ursprünglichen Plan einer »›Generalkarte‹ auf einem Blatt« weiterverfolgte. Als er deren Verlag Cotta anbot, nahm der sie gegen 300 fl. Honorar an. Dieses Projekt löste in dem Moment Streit aus, als Cotta Ferdinand Varnbülers ebenfalls einblättrige ›SpecialKarte von Schwaben‹ vorbereitete. Amman sah sich düpiert, drohte Cotta doch seine Vorarbeiten zur »Großen Karte von Schwaben« unrechtmäßig auszubeuten, dazu kam angesichts des Erfolgs der »Großen Karte« das Gefühl, für die eigene Arbeit zu wenig honoriert worden zu sein. Also entschloss sich Amman, seine ›Generalkarte‹ und eine eigene ›SpecialKarte‹ auf eigene Rechnung herauszubringen. Das wiederum sah Cotta, der diese Karte in derselben Anzeige wie die ›SpecialKarte‹ für seinen Verlag angekündigt hatte, als Vertragsbruch an. Als Amman ihn darauf mit dem Hinweis abfertigen wollte, die von ihm angekündigte ›Generalkarte‹ sei gegenüber der verabredeten eine ganz neue, gab Cotta nicht klein bei. Stattdessen ging er an die Öffentlichkeit und bezichtigte Amman in einer Verlagsanzeige des Wort- und Vertragsbruchs, um die eigene ›General-‹ und ›Spezialkarte‹ in einem Blatt resp. vier Blättern anzukündigen. Schließlich ging man vor Gericht. Unter Vermittlung der bayerischen Regierung einigten sich die Parteien darauf, dass Cotta die ›Generalkarte‹ von Amman, der Major von Varnbüler aber die ›Spezialkarte‹ auf der Grundlage von eigens honorierten Amman’schen Angaben herausbringen sollte. Der geschlossene Vergleich setzte zudem ein absatzbezogenes Honorar für die große ›Charte von Schwaben‹ fest, nach dem Amman und Bohnenberger, wenn »4. Jahre vor – oder nach Vollendung« mehr als 1.100 komplette Exemplare abgesetzt seien, beide je 2.000 fl. und bei jedem weiteren Hundert je weitere 1.500 fl. erhalten würden.

Dass Cotta auch die angestammten Disziplinen der Rechtswissenschaften, der Medizin und Theologie in seinem Verlag weiter versorgte, dass er dabei auf seine württembergischen Juristen – gerade für das doch stark territorial geprägte Recht – wie etwa Roller, Hofacker, Gmelin und Kapff –, auf Tübinger Theologen wie Flatt und Storr oder Ärzte wie Ploucquet vertraute, versteht sich. Gleichermaßen selbstverständlich bediente er sich der mittlerweile gewonnenen überregionalen Verbindungen etwa zu Christoph Hufeland in Jena, zu Alexander Ecker in Freiburg, zu Johann Benjamin Erhard in Berlin, zu Planck und Stäudlin in Göttingen, auch zu dem nun Erlanger Rechtsprofessor Karl Heinrich Gros, um sein Programm auf höchstem Standard fortzusetzen. Eine eher traditionelle Ergänzung der historico-politischen ›Annalen‹ gelang ihm dabei im Jahr 1800, als er Karl Friedrich Häberlins ›Staats-Archiv‹ in Verlag nahm, das von 1796 an bis zum 18. Heft bei Vieweg in Braunschweig erschienen war und das ein weitgespanntes Themenspektrum bot – angefangen von Spezialthemen einzelner Territorien über statistische und fiskalische Aufsätze bis hin zu Fragen der staatlichen Organisation und Reorganisation des Alten Reichs im Zuge der verschiedenen Friedensschlüsse mit Napoleon und der Säkularisationen.

In diesem Zusammenhang trat auch die relativ junge Disziplin der »Polizeiwissenschaft « in seinen Blick. Cotta interessierte sich für Staatswirtschaft und Ökonomie – Fächer, in denen im Übrigen der noch von seinem Vater geführte Verlag in den Jahren 1769 bis 1779 James Stewarts fünfbändige ›Untersuchung der Grundsäze von der Staatswirthschaft, als ein Versuch über die Wissenschaft von der innerlichen Politik bei freien Nationen‹ vorgelegt hatte. Dass er »liberal«, dem »Markt« und der »invisible hand« verpflichtet dachte und wirken wollte, belegt der frühe Verlag von Weissers ›Abhandlung über die Fleischtaxen‹ (1789), einem Plädoyer gegen die staatliche Preisaufsicht mittels »Fleischtaxen«, oder die gerade eben bei Cotta erschienene merkantilisch-landeskundliche ›Beschreibung einer im Sommer 1799 von Hamburg nach und durch England geschehenen Reise‹ aus der Feder von Philipp Andreas Nemnich. Der Systemstreit mit dem immer mächtigeren Frankreich führte Cotta die enorme Bedeutung ökonomischer Themen und von Fragen der öffentlichen Ordnung für die Zukunft der Territorien des Alten Reichs vor Augen. Um sich behaupten zu können, galt es, Grundlagen und Praxis der öffentlichen Ordnung zu vereinheitlichen und zu modernisieren und dabei die Spannung zwischen den überkommenen obrigkeitlichen Regeln, die über den Bürger als Untertan verfügten, und der »bürgerlichen Freiheit« mit dem Anspruch auf Mündigkeit, Ausbildung der Individualität und tätigem Ausleben der Talente und Fertigkeiten zu vermitteln. Kurz, es galt, eine Zivilgesellschaft zu errichten. Und er wird sich bestätigt gefühlt haben, als ihm Böttiger eben zu dieser Zeit, als er mit der Idee eines Polizei-Journals umging, eine »Übersicht der Fortschritte« in dieser Disziplin für die ›AZ‹ anbot.

Charakteristisch ist die Umsicht, mit der Cotta sein Unternehmen ins Werk setzte und die modellhaft eine Reihe seiner Zeitschriftengründungen in den Jahren der Verfassungskämpfe nach dem Wiener Kongress vorwegnimmt. Anstelle die Marktchancen einer Polizei-Zeitschrift nur durch Gewährsmänner in Erfahrung bringen zu lassen, bat er das österreichische und das preußische Ministerium um Unterstützung. Offenbar ging es überhaupt nicht um die üblichen Privilegien, auch wollte er wohl nicht allein mit offiziellem Nachdruck, etwa durch Behördenabonnements, seinen Absatz in den Behörden steigern, vielmehr suchte er den Schulterschluss in der Sache und bot sich als Partner bei der Staats- und Gesellschaftsreform an. Erst dann teilte Cotta Böttiger mit, er sei »im Begriff eine PoliceiZeitung herauszugeben u. habe von Wien u Berlin, von dortigen Ministerien, die beste Zusichrung von Unterstüzung«, und bat ihn um Namen von möglichen Mitarbeitern und um die Programme ausländischer Musterunternehmen. Böttiger wies ihn umgehend auf die schon seit einem Jahr bestehenden ›Schleswig-holsteinischen Blätter für Polizei und Kultur‹ hin, die der in dänischen Diensten stehende August Christian Niemann herausgab. Niemann war ein Mann nach Cottas Geschmack. Als Gelehrter mit weitgespannten Interessen publizierte er ebenso selbstverständlich eine ›Übersicht der Sicherungsmittel gegen Feuersgefahren und Feuersbrünste, nebst einigen Gedanken über die Beförderung ihrer Kunde, ihrer Anwendung und Vervollkommnung‹ (1796) wie seine ›Grundsätze der Staatswirtschaft‹ (1790); die »Forstgeographie« war ebenso sein Thema wie die Armenpflege und die historisch-statistische Landeskunde. Wohin seine Vorstellungen praktisch gingen, zeigt sein Frühwerk von 1786: ›Vorschläge, Hofnungen und Wünsche zur Beförderung der Landeskunde, der Nationalbildung und der Gewerbsamkeit‹, das auch auf »die bequemere Ausführung der darin enthaltenen Vorschläge, insonderheit durch die patriotische Mitwirkung einer schleswig-holsteinischen patriotischen Gesellschaft « sah.

Am 15. September 1800 konnte Cotta Böttiger endlich Niemanns Zusage melden; zu Anfang des folgenden Jahres erschien das erste Heft der ›Blätter für Polizei und Kultur‹, die dem Plan nach ebenso den »polizirten Zustand von Ländern und Oertern« historisch und in der Gegenwart darstellen wie die einschlägige Literatur anzeigen, Lehrmeinungen, auch auf ihre Praxistauglichkeit, prüfen und »neue Entdeckungen und ökonomische Winke« geben sollte:

Kurz, ich samle für Beobachter und für denkende Vorsteher und Verwalter der Polizei das Brauchbare, Altes und Neues, wo ich es finde; ich erzähle das Nachahmungswerthe von dem einen Lande und Orte, um Nachahmung und Wetteifer in andern, mehr durch lebende Beispiele, als durch Lehre, zu veranlassen. Daneben wünschte ich besonders dem gebildetern Mittelstande aller Klassen zum Nachdenken über Verhältnisse, Ansprüche und Pflichten des Bürgers Gelegenheit und Stof zu biethen; überzeugt, daß Rechtlichkeit, Ordnungsliebe und bürgerliche Mündigkeit auf diesem Wege am sichersten vorbereitet und befördert werden. Denn von keiner Art Kentnissen gilt es mehr, als von diesen, was Gregoire sagt: man mus sie gemein machen (il faut vulgariser les sciences), wenn sie wirksamer werden, wenn sie mehr als bisher der Menschheit zu gute kommen sollen.

Niemanns ›Blätter‹ widmeten sich allen Bereichen der öffentlichen Ordnung, angefangen von den feuerpolizeilichen Bestimmungen, den Einrichtungen für Arme, Kranke und Irre über das Erziehungswesen, die Hygiene (medizinische Polizei) und den Strafvollzug, über Wegebau, öffentliche Sicherheit und Verkehrswesen bis hin zur Religions- und Wirtschaftspolitik. »Fragmente zur Geschichte der öffentlichen Speiseanstalten« standen neben einer »Untersuchung der Frage: Bedarf der Akkerbau in Frankreich, um Fortschritte zu machen, einer besondern Fürsorge der Regierung? Eine Vorlesung des B. Tessier in der Agrikulturgesellschaft des Seinedepartements «, einer Abhandlung »Ueber das Zunft- und Innungssystem, und die möglichen zwekmässigeren Modifikationen zur Verbesserung desselben, in besonderer Rüksicht auf den preussischen Stat« oder dem Aufsatz »Ein neuer Schritt zur bürgerlichen Verbesserung der Juden in den dänischen Staaten«. Die Aktualität all dieser Themen ergab sich aus der Weitung des Blicks über den eigenen begrenzten lokalen und territorialen Erfahrungsraum hinaus, wie sie sich im Zuge der Systemauseinandersetzung mit dem revolutionären Frankreich entwickelt und als Zeitgeist etabliert hatte, vor allem aber aus der Erfahrung der Mangelhaftigkeit und Verbesserungswürdigkeit der überkommenen Einrichtungen, die mit den Kriegsfolgen Armut, Hunger, Bettelei, Vagabundentum, Kriminalität und Seuchen schlechterdings überfordert waren. Mit der Weitung des Blicks wuchs das Bedürfnis, die eigenen Institutionen historisch im Prozess der Kultur zu verorten, fremde Erfahrungen und Einrichtungen kennenzulernen, stieg die Bereitschaft zur rechtlichen und institutionellen Innovation, wurde das Recht des Überkommenen abgelöst durch die funktionale Analyse, die Konkurrenz der Lösungen und die institutionelle Selbstmodellierung.

Ein Hauptinteresse Niemanns galt der Modernisierung des Armenwesens. Die sich ausbildende Trennung von Staat und Gesellschaft meinte die – gegenüber den privilegierten oder zünftigen Gebietskartellen und ihren Vorstellungen des »Auskommens« – obrigkeitliche Zulassung einer der Privatinitiative der Wirtschaftsbürger überlassenen, nur nach den Rahmenbedingungen rechtlich zu regelnden (etwa nach dem Vorbild des ›Code Civil‹: Gesellschaftsrecht, Vertragsrecht, Gewerbefreiheit, Niederlassungsrecht, Freizügigkeit) und durch den Staat zu beaufsichtigenden Sphäre. Sie meinte eben auch die Zuordnung der vormals privat oder korporativ durch Almosen, Stiftungen und Stipendien wahrgenommenen »Fürsorge« und sozialen Leistungen zum Staat, wodurch wiederum die Wirtschaftsbürger, die als Wirtschaftsindividuen konkurrierten, entlastet wurden. Der Weg vom »Almosen«, von der caritas des Christenmenschen zur auferlegten Abgabe des Wirtschaftsbürgers stand im Zeichen einer alles durchherrschenden Funktionalität. Deren Garant war der Staat, in dessen Obhut sich die Bürger begeben sollten, der zunächst zwischen Stifter und Zuwendungsempfänger trat und diesem dann statt Gebeten Leistungen und Arbeit abverlangte. Auch wenn die öffentliche Fürsorge zunächst auf »Wohltäter « angewiesen blieb, so gaben diese nicht mehr bedürftigen Menschen, richteten sie nicht mehr bleibende Stiftungen ein, auf dass die Nachwelt sich ihrer Mildtätigkeit erinnere und für sie bitte, sondern stellten ihr Almosen zunehmend einem allgemeinen Fonds zur Verfügung. Auch wenn die öffentliche Fürsorge zunächst nicht vollständig an öffentliche Institutionen delegiert wurde und die Fonds von einer privaten Gesellschaft verwaltet wurden, so stand diese unter der obersten Aufsicht der Regierung, die nicht nur die effiziente, d. h. rationelle (in Bezug auf die Kosten) und zweckmäßige Verwendung gewährleisten sollte, sondern auch schon die Einrichtung solcher Fonds und die Aufforderung zu Stiftungen genehmigen musste.

War Niemanns ›Blättern‹ nur eine Laufzeit von 1801 bis zum Jahrgang 1803 beschieden, so erwies sich die bei Cotta seit 1802 erscheinende, von Theodor Konrad Hartleben herausgegebene ›Allgemeine Justiz und Polizeifama‹, die bereits 1803 in ›Allgemeine deutsche Justiz- und Polizey- Fama‹ umbenannt wurde, als langlebiger Klassiker. So wie es sich Cotta wohl schon bei seiner Ansprache der österreichischen und preußischen Regierung vorgestellt haben mochte, sah Hartleben sein Publikum in den »Regierungen und einzelnen Staatsbeamten, so wie [in] allen denkenden Köpfen Deutschlands«, denen er »die neuen Gesetze, die öffentliche Anstalten und nützliche Erfindungen, in wie weit sie auf Justiz- und Polizeywesen Bezug haben«, zusammenstellen wollte, und zwar nicht bloß kompilierend, sondern kritisch prüfend, indem »wir die Gründe, die Vortheile, die Mängel und die Anwendbarkeit solcher neuen Erscheinungen bescheiden, aber unpartheiisch würdigen«. Inhalt des Blatts seien »Wünsche, Vorschläge, einzelne Ideen, welche zum Wege der Vollkommenheit führen, Ausarbeitungen über Fragen, die ein praktisches Interesse gewähren, Begebenheiten, welche die Stimmung einzelner Stände oder der Nation zeigen, und die wir in ihre Urquellen verfolgen, mit ihrem Einflusse darstellen, und auf deren schlechte oder gute Behandlung den Geschäftsmann aufmerksam machen«, zudem eine »kleine Bibliothek der neuesten Litteratur des Justiz- und Polizeyfaches«. Anders als Niemanns im Monatsturnus erscheinende Aufsatz-Zeitschrift kam Hartlebens Blatt dreimal die Woche mit je einem halben Bogen in Kleinquart heraus, war also entsprechend beweglicher. Anders als Niemanns Journal zeichnete es sich durch ein stärker behördliches Profil und einen obrigkeitsstaatlichen Geist aus. Nicht von ungefähr galt der Justiz, der Rechtspflege, Ordnung und Sicherheit das besondere Augenmerk, bezweckte Hartleben »die Verbindung aller Obrigkeit zur Verfolgung der Verbrecher, Müßiggänger, Betrüger und überhaupt aller der bürgerlichen Gesellschaft unwürdigen Menschen «, weshalb die ›Fama‹ neben Grundsatzartikeln und Nachrichten auch offizielle Steckbriefe und Anzeigen publizierte und den Beamten durch österreichische und bayerische Oberbehörden zur Lektüre empfohlen war.

Niemanns und Hartlebens Polizeizeitschriften waren auf Wissensaustausch und Kulturtransfer angelegt, wie ihre Blicke auf verwandte Erscheinungen in den Nachbarländern zeigten. Sie waren damit Medien eines sich im Zeichen der Aufklärung vergleichzeitigenden Europa. Dies galt auch für ihre nacheinander von Cotta gegründeten »zivilistischen« Gegenstücke: die ›Englischen‹, die ›Französischen‹ und die ›Italienischen Miscellen‹. Diese letztlich komplementär angelegten Zeitschriften setzten ihre thematischen Akzente ebenso sehr durch die Charakteristika der verschiedenen Länder wie durch die Neigungen ihrer Herausgeber und Beiträger. Waren die von Hüttner herausgegebenen ›Englischen Miscellen‹ vorwiegend technisch ausgerichtet, so boten die ›Französischen‹ Nachrichten aus dem kulturellen und wissenschaftlichen Leben Frankreichs, vor allem aus Paris – sie wurden redigiert von Helmina von Chezys und Johann Gottfried Schweighäuser, zu denen sich als naturgeschichtlich-medizinischer Sachverständiger Michael Friedländer gesellte. Ganz anders wiederum konzentrierten sich Philipp Joseph Rehfues’ ›Italienische Miscellen‹ auf pittoreske Landesbeschreibungen, Kunstgeschichte und Archäologie.

Nur in einer Sparte gelangte Cotta nicht an das selbstgesteckte Ziel: bei den Literaturzeitschriften. Wie aller Welt so führte die überragende Bedeutung der 1785 gegründeten ›ALZ‹ auch Cotta vor Augen, welche Rolle ein respektiertes Rezensionsorgan in der wissenschaftlichen Welt und für den Buchhandel spielen konnte. Das altbacken-konservative Gepräge der Universität Tübingen hatte Cottas Unternehmergeist wie im Buchverlag so auch in diesem Punkt nur wenige Möglichkeiten eröffnet. Neben der Medizin mit Ploucquet, der Theologie und der Mathematik mit Pfleiderer und Bohnenberger waren bis dahin nur Tübingens Rechtswissenschaften für den neuen Verlag attraktiv gewesen, und von daher erklärt es sich, dass Cotta bis 1803 ausnahmslos juristische Rezensionsjournale verlegte. Den Anfang machte Bruder Christophs ›Teutsche Statsliteratur‹, die der Revolution zum Opfer fiel. Dann erschien die »von einer Gesellschaft Tübinger Rechtsgelehrter« herausgegebene ›Allgemeine juristische Bibliothek‹ (1796–1798), die von Wilhelm August Friedrich Danz, Christian Gottlieb Gmelin, Karl Heinrich Gros, Andreas Heinrich Schott und Wilhelm Gottlieb Tafinger bestritten wurde; dieselben Herausgeber außer Gros und Schott betreuten von 1801 bis 1809 das ›Critische Archiv der neuesten juridischen Litteratur und Rechtspflege‹, dessen Bände in je vier Heften erschienen und den Umfang der ›Juristischen Bibliothek‹ fast verdoppelten. Auf anderen Gebieten gab es nach der gescheiterten Übernahme des Niethammer’schen ›Journals‹ (1796) und dem gescheiterten Plan der Schelling/ Fichte/Schlegel’schen ›Jahrbücher der Literatur‹ (1801) nur das schon erwähnte Projekt von Schellings »Revision«, aus dem das kurzlebige Schelling/ Hegel’sche ›Kritische Journal‹ (1802/03) erwuchs.

In dieser Situation wird Cotta mit einigem Interesse eine Notiz im ›Freimüthigen‹ vom 19. August 1803 aufgenommen haben, in der es unter der Überschrift »Eine sehr interessante Neuigkeit für alle Freunde der Litteratur« – hämisch gegen August von Kotzebues Intimfeind Goethe gerichtet – hieß:

Der gelehrte und berühmte Hofrath Schütz in Jena, und mit ihm die dortige Litteraturzeitung, deren erster Redakteur er ist, werden nach Halle versetzt. Unser trefflicher König, der so prunklos und kräftig für die Wissenschaften wirkt, hat unter sehr ehrenvollen Bedingungen sowohl den Hofrath Schütz, als auch den gelehrten Professor Ersch (gleichfalls Redakteur der Litter. Zeitung) in seine Dienste genommen [...]. Nun wird sicher die Hallische Litteraturzeitung, befreit von dem litterarisch-despotischen Einflusse, der oft nur allzu sichtbar wurde, mit erneutem Glanze in einem Reich hervorgehen, das – aus der innigsten Ueberzeugung sey es gesprochen – jetzt der freieste Staat in Europa ist. Die Universität Jena wird, bei der sehr geringen Unterstützung, freilich immer tiefer sinken; denn nicht allein oben genannte beide Gelehrte sammt dem Geheimen Rath Loder, sind in Preußische Dienste, sondern auch noch fünf oder sechs der vorzüglichsten Lehrer daselbst (z.B. Justizrath Hufeland, der Professor Paulus u.s.w.) in Bayerische Dienste unter sehr vortheilhaften Bedingungen getreten.

Diese Nachricht machte einer großen Öffentlichkeit bekannt, was seit Mai im Geheimen verhandelt wurde, was aber schon Anfang August in Jena zum Stadtgespräch gehört haben muss. Im Zuge ihrer kultur-, d. h. universitätspolitischen Anstrengungen hatten die Regierungen Preußens und Bayerns ihre Universitäten Halle und Würzburg mit erheblichen finanziellen Mitteln ausgestattet. Um deren Attraktivität durch bedeutende Gelehrte zu verstärken, hatten beide um die Creme der jenaischen Universität geworben, nicht zuletzt, um mit ihnen auch die ›ALZ‹ als große ausstrahlende Literaturzeitung zu sich zu ziehen und die eigene Universität mit der »nationalen« Gelehrtenrepublik zu »vernetzen«, was ebenso zentral war wie die Rekrutierung bekannter Professoren selbst. So hatte Schütz im Juli an Bertuch, den Verleger der ›ALZ‹, von dem bayerischen Angebot geschrieben:

Ich bin nemlich per tertium gefragt worden 1) ob es wohl möglich wäre, daß ich mich mit samt der A.L.Z. auf eine andre Universität transportirte 2) ob wenn das nicht anginge ich mich wohl ohne die A.L.Z. auf dise Universität begeben würde, und dort ein ähnliches Institut dirigiren würde, unter formidabeln Bedingungen.

Preußen und Bayern platzierten ihre Offerten in ein Umfeld, das von der Missstimmung zwischen Schütz und Goethe, der die romantischen Dissidenten gegen den Redakteur unterstützt hatte, ebenso geprägt war wie vom drohenden Niedergang der Jenaer Universität, die ohnehin schon Fichte und Schelling verloren hatte. Die Werbung blieb den Verantwortlichen in Sachsen-Weimar nicht verborgen. Wie absehbar, unternahmen sie nun ihrerseits alle Anstrengungen, nicht um Schütz zu halten, sondern um der ziehenden »kantianischen« ›ALZ‹ ein eigenes, von Goethe’schen Vorstellungen geprägtes Organ gegenzugründen und so Sachsen-Weimar und der Universität Jena einen markanten Anziehungspunkt zu erhalten. Unter dem 9. September inserierten die »Unternehmer der Allgemeinen Literatur- Zeitung in Jena« in Cottas ›AZ‹:

Die Jenaer Allgemeine Literatur-Zeitung wird vom Jahr 1804 an unter huldvoller Begünstigung des durchlauchtigsten Herzogs von Sachsen Weimar, durch Beistand und Unterstüzung mehrer einsichtsvoller und berühmter Männer, unter der Redaktion des Herrn Hofraths Eichstädt hier erscheinen. Aeussere Form und Einrichtung der Zeitung, so wie des damit verbundenen Intelligenzblattes, bleiben im Ganzen wie bisher. Auch wird Herr Geheimerath v. Goethe die vierteljährigen Kupfer und Beilagen benuzen, um den Kunstfreunden interessante Gegenstände vorzuführen, und den 1 Jan. mit Recension der Weimarischen Kunstausstellung den Anfang machen.

Die preußische Regierung warb mit Erfolg um Schütz und Ersch und damit auch um die ›ALZ‹, für deren Verluste und deren Umzug nach Halle sie 10.000 rh. zu Verfügung stellte.247 In der Beilage Nr. 21 zur ›AZ‹ folgte eine Gegendarstellung, gezeichnet »Jena, den 23 Sept. 1803. Societät der Unternehmer der Allgemeinen Literatur-Zeitung«, in der sich diese gegen den Weimarer Versuch der Usurpation des Titels verwahrte. Es entbrannte ein öffentlicher Streit um den Anspruch, der legitime Nachfolger der alten ›ALZ‹ zu sein, der im Geheimen begleitet wurde von den Anstrengungen Goethes und Eichstädts, die früheren Rezensenten, die nun mit den alten Redakteuren nach Halle abzuwandern drohten, für die Jenaischen ›ALZ‹ (›JALZ‹) zu gewinnen und so der hallischen ›ALZ‹ (›HALZ‹) den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Cotta wird sich geärgert haben, dass er von der Entzweiung der ›ALZ‹, dem Auszug der kantianischen Gründer nach Halle und der von Goethe und Voigt angetriebenen Neugründung der von Heinrich Karl Abraham Eichstädt herausgegebenen ›JALZ‹ trotz seiner einflussreichen Verbindungen nicht hatte profitieren können. Schiller, der zwar früh vom drohenden Umzug wusste, war erst am 28. August von Goethe konkret angesprochen worden.248 Aber erst als alles entschieden war, schrieb er an Cotta, seine Abneigung gegen die ›AZ‹ kaum verbergend:

Sie werden schon gehört haben, daß die Litteratur Zeitung nach Halle emigriert. Aber sie wird nichtsdestoweniger unter einer neuen Regie in Jena fortgehen. Ich hatte anfangs an Sie gedacht, ob Sie vielleicht dieses Unternehmen, welches freilich sehr weitläuftig ist und große Auslagen erfodert, frisch gewagt hätten. Die Allg[emeine] Zeitung hätte freilich alsdann aufhören müssen. Die Concurrenz mit der hallischen wäre nicht sehr zu fürchten, da die thätigsten Mitglieder auf unserer Seite seyn würden. Wie ich aber höre, ist der Contract schon mit einem Particulier gemacht, der das Geld dazu herschießt, und dem dann die Vortheile zu fallen. Eichstädt und Fiedler in Jena werden die Redaction und den Verkauf besorgen, von Weimar aus aber wird man die Anstalt dirigiren.

Cotta antwortete am 22. September 1803: »Die neue LiteraturZeitung wäre allerdings etwas für mich gewesen«250 – nach seiner erprobten Praxis hätte er sie am Ort der Herausgeber drucken lassen, seine ›AZ‹ aber hätte er gewiss nicht für sie aufgegeben. Aber sein Verlag scheint in den Verhandlungen der Herausgeber und der zuständigen Universitätsaufsicht keinerlei Rolle gespielt zu haben. Goethe, Eichstädt und Voigt sahen sich überhaupt nicht nach einem kapitalstarken Verleger um, ein Indiz dafür, wie straff die Zeitung an die Regierungsbehörden angebunden sein sollte und wie sehr man darauf vertraute, das eingeführte Institut werde sich schon selbst verkaufen; stattdessen sicherte man sich nur die stille Teilhaberschaft von Carl Gottfried Samuel Heun, einem Schwagers von Göschen, der weit weg die Güter eines Adligen in den polnischen Provinzen von Preußen verwaltete. Zudem hätte Cottas Eintritt wohl auch die herzogliche Privilegierungspraxis entgegengestanden, da diese ein so großes Institut mit Sicherheit lieber in die Hände eines Landeskindes gegeben hätte.

Angesichts der Reputation der ›ALZ‹ wie wegen ihrer engen Verflechtung mit seinen wichtigsten Autoren hätte Cotta die Konkurrenz mit Bertuchs hallischer ›ALZ‹ kaum gefürchtet. Und sicher wäre seinem Interesse, hätte man ihn denn von Weimar aus angesprochen, nicht ins Gehege gekommen, dass seiner »Unternemungen bereits so viele wären«.252 Dies war der Grund, mit dem er letztlich das Angebot der bayerischen Regierung ablehnte, eine Würzburger Literaturzeitung zu gründen, die nach der Absage von Schütz jetzt vor allem von Schelling betrieben wurde.253 Es war ein verlockendes Angebot, hatte ihm die bayerische Regierung doch ein Haus, die Errichtung einer Druckerei und Postfreiheit angeboten. Nach seine Absage sollte sich Schelling binnen weniger Tage mit der Stahel’schen Buchhandlung einigen. Cotta sagte auch wohl nicht leichten Herzens ab. Literaturzeitschriften als Geschäftsfeld stachen Cotta immer wieder in der Nase, wie etwa die 1808 erfolgte Übernahme von Johann Christoph von Aretins ›Neuem literarischen Anzeiger. Eine Zeitschrift aus dem Gebiete der Literatur und Kunst‹ zeigt, die vorher – 1806/07 – bei Fleischmann in München im Kommissionsverlag erschienen war; aber diesem Projekt war kein Erfolg vergönnt, und Cotta gab es nach einem halben Jahr auf. Später wird er sich den Traum mit dem ›Literatur-Blatt‹ und den Berliner ›Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik‹ erfüllen.

Cotta dehnte seinen Verlag in die verschiedenste Gebiete aus, ohne dass er jedes Angebot, das an ihn herangetragen wurde, angenommen hätte. Er blieb wählerisch, lehnte manches ab,254 erlebte aber bei aller Fortune immer wieder, dass nicht alle Abmachungen und Absprachen von den Autoren eingehalten wurden. Als Beispiele seien genannt: Christian Gottfried Schütz’ Projekt einer ›Bibliographia omnium auctorum graecorum amplissima‹ von 1796 oder eine ›Erklärung der CoursZeddel‹ des Mageburgers A. Wagner – dieses Werk über die »Wechselkurse« war schon für die Ostermesse 1800 vorgesehen,255 wurde aber ganz aufgegeben. Cotta hatte im Jahr 1800 mit Ludwig Schubart eine Ausgabe der ›Gedichte‹ seines Vaters vereinbart, deren Druck nach 14 Bogen abgebrochen werden musste; das zweibändige Werk erschien 1802/03 bei Hermann in Frankfurt, der die Rechte an Schubarts ›Gedichten‹ besaß; möglicherweise übernahm Herrmann für diese Ausgabe sogar das von D’Argent gestochene Porträt des Frontispizes nach einem Porträt von Oelenhainz, das Cotta 1801 bezahlt hatte. Posselts Übersetzung eines französischen Werks, betitelt ›La guerre de la re´volution‹ kam über den Stich und Druck der Kupfer nach Benjamin Zix’ Vorzeichnungen nicht hinaus – aus den zu stechenden Szenen ist immerhin zu erschließen, dass das Werk vom italienischen Krieg handelte. Aretins ›Mnemonik‹, die systematische Ausführung seiner Ideen über die Gedächtniskunst, verlor er an Seidel in Sulzbach, »weil sein [Aretins] Kurfürst wünsche, daß der Druk in den bairischen Staaten statt finden möchte «.256 Und Franz Joseph Gall, den Cotta persönlich bei seinen »encephalokranioskopischen « Demonstrationen in Stuttgart kennengelernt hatte, wollte an sein Versprechen, seine Vorlesungen über die Schädellehre in Cottas Verlag zu publizieren, nicht weiter erinnert werden.

Quelle: Bernhard Fischer: JOhann Freidrich Cotta. Verleger - Entrepeneur - Politiker. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 984 Seiten, 49,90 Euro. Der Auszug stammt von den Seiten 187 bis 203. Mehr zum Buch.

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