15.06.2015

Die unterschiedlichen Lesarten des Alten Testaments in Judentum und Christentum  

Das gespaltene Gottesvolk

Ludger Schwienhorst-Schönberger

Welche Bedeutung hat das Alte Testament für die christliche Lehre? Anmerkungen zu einer Debatte, die die Grundlagen unserer Kultur berührt.

Der von Notker Slenczka unterbreitete Vorschlag, dass das Alte Testament „eine kanonische Geltung in der Kirche nicht haben sollte“, kann mit dem Antisemitismus oder dem Antijudaismus eine Verbindung eingehen. Es gab in der Geschichte des Christentums Konstellationen, in denen das der Fall war. Von daher sind die empfindlichen Reaktionen aus dem Umfeld des christlich-jüdischen Dialogs verständlich. Ich kann jedoch nicht erkennen, dass die von Slenczka aufgestellte These in irgendeiner Weise antijudaistisch motiviert ist. Zwar gibt es die eine oder andere kritische Äußerung Slenczkas zu Texten des Alten Testaments und zu Aspekten des alttestamentlichen Gottesbildes, diese Äußerungen aber als antijudaistisch zu qualifizieren, geht an der Sache vorbei. Slenczka verschweigt zudem nicht, dass es ebenso problematische Texte im Neuen Testament gibt. Man macht es sich zu leicht, Slenczka Antijudaismus vorzuwerfen und im Gestus moralischer Entrüstung seine Thesen für diskussionsunwürdig zu erklären. Dennoch kommt dem vom evangelischen Präsidenten des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Pfarrer Friedhelm Pieper, erhobenen Antijudaismus-Vorwurf das Verdienst zu, ein Thema in die öffentliche Diskussion gebracht zu haben, das über eine rein interne theologisch-kirchliche Selbstvergewisserung hinausgeht und das Verhältnis von Judentum und Christentum an einem neuralgischen Punkt berührt.


Ich möchte hier nicht auf Slenczkas Aufsatz eingehen, der die Diskussion ins Rollen gebracht hat, sondern konzentriere mich auf einen Satz, mit dem er in seiner Replik auf den von Friedhelm Pieper erhobenen Vorwurf den Kern seiner These zusammenfasst. Er lautet: „Aber daß man das AT nichtchristologisch (als Christologie wird in der Theologie die Lehre über die Person und Bedeutung von Jesus von Nazareth bezeichnet – Anm. d. Redaktion) liest und es dennoch als kanonisch betrachtet – das verstehe ich nicht!“ Slenczka erläutert den Satz so: „Wenn der Grund der Kirche nicht einfach irgendein Evangelium, sondern das Evangelium von Jesus Christus ist, dann müssen wir eine Antwort darauf geben, warum wir ein Buch als kanonisch betrachten, bezüglich dessen wir als Historiker einerseits und vor allem als Befürworter des christlich-jüdischen Dialogs andererseits überzeugt sind, daß es nicht das Evangelium von Jesus Christus verkündigt, sondern zum Volk Israel/zum gw. Judentum spricht. Das ist eine schwerwiegende Frage.“

Ausdruck eines Unbehagens

In der Tat handelt es sich hierbei um eine schwerwiegende Frage. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich halte die von Slenczka vertretene These für historisch und theologisch falsch. Ihr kommt jedoch das Verdienst zu, ein Unbehagen zum Ausdruck gebracht zu haben, das auf dem Grund gegenwärtiger Theologie schlummert und gern verschleiert wird.


Rufen wir uns die von allen christlichen Kirchen geteilte Auffassung in Erinnerung, ohne die Slenczkas These nicht zu verstehen ist. Die christliche Theologie geht von einer heilsgeschichtlichen Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen Testament aus. Der Gott, dessen Offenbarung im Alten Testament bezeugt wird, ist kein anderer als der, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat. Jesus von Nazareth verkündet keinen anderen Gott und begründet keine neue Religion. Er ist – theologisch gesprochen – kein Religionsstifter. Die Schriften des Neuen Testaments legen Worte und Taten Jesu und ihn selbst im Lichte der Schrift aus, das heißt: im Lichte des später (von Christen) sogenannten „Alten Testaments“. Auf dem Weg nach Emmaus erklärt der Auferstandene den beiden mit ihm gehenden Jüngern: „Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in allen Schriften über ihn geschrieben steht“ (Lk 24,27). Ähnlich sagte er den in Jerusalem versammelten Jüngern: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist. Darauf öffnete er ihren den Geist (nous) zum Verständnis der Schriften“ (Lk 24,45).


Diesem und letztlich dem gesamten Zeugnis des Neuen Testaments zufolge (vgl. Joh 5,46; Röm 1,2) spricht also bereits das „Alte Testament“ von Christus. Mit dem Ausdruck: „Was in allen Schriften über ihn geschrieben steht“ sind nicht die Schriften des Neuen, sondern die des Alten Testaments gemeint. Die frühe Kirche deutete also das Christusereignis im Lichte der Schrift und zugleich las sie die Schrift im Lichte dieses Ereignisses. Die Heilige Schrift der Christen, die Bibel, besteht also aus zwei Teilen: dem Alten und dem Neuen Testament. Diese stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern bilden eine Einheit, die „Einheit der Schrift“ (unitas scripturae).


Hieraus entstehen nun zwei Probleme, die Slenczka einer radikalen Lösung zuführen möchte. Zum einen, so Slenczka, habe die moderne historisch-kritische Exegese gezeigt, dass das Alte Testament nicht von Christus spreche. Kein historisch arbeitender Alttestamentler wird heute die Erzählungen von den beiden Söhnen Abrahams und den Frauen Hagar und Sara allegorisch auslegen, wie Paulus es im Brief an die Galater getan hat (Gal 4,21-31). Und wenn es im Buch des Propheten Jesaja heißt: „Stimme eines Rufers: In der Wüste bahnt einen Weg für den Herrn, macht gerade in der Steppe eine Straße für unseren Gott“ (Jes 40,3), dann ist mit der „Stimme eines Rufers – in der Wüste“ ursprünglich nicht – wie das Matthäusevangelium unterstellt (Mt 3,1-12) – Johannes der Täufer und mit dem kyrios nicht Jesus, sondern Gott (JHWH) gemeint. Das für das Selbstverständnis des Christentums konstitutive christologische Verständnis des Alten Testaments scheint unter dem Anspruch einer streng historischen Forschung nicht mehr haltbar zu sein. Nicht zuletzt deshalb hat die historisch-kritische Exegese in allen christlichen Kirchen – wie übrigens auch im Judentum unter anderen Vorzeichen – zu tiefen Irritationen geführt. Was bisher als wahr geglaubt wurde, schien im Lichte der historischen Kritik widerlegt zu sein. Vor dem Hintergrund dieser Einsicht erscheint Slenczkas Vorschlag plausibel, sich von der christologischen Auslegung des Alten Testaments zu verabschieden. De facto ist das längst geschehen. Kaum ein Alttestamentler legt noch das Alte Testament christologisch aus. Deshalb verteidigt Slenczka seine These durchaus zu Recht mit dem Hinweis, dass sie im Grunde nichts Neues sage.


Seit der Shoa kommt nun ein weiteres Motiv, sich von einer christologischen Lektüre des Alten Testaments zu verabschieden, hinzu. Wenn das Alte Testament im Grunde auf Jesus Christus verweist, wie das Neue Testament durchgehend bezeugt, muss dann nicht allen Juden, die das nicht erkennen (wollen), der Vorwurf gemacht werden, sie seien blind oder verstockt? Führt also nicht das christliche und christologische Verständnis des Alten Testaments – trotz gegenteiliger Beteuerungen – zwangsläufig zum Antijudaismus? Nach Slenczka ist es gerade im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog eine Frage der Redlichkeit, den Geltungsanspruch des Alten Testaments in der christlichen Theologie herunterzufahren, um es als das anzuerkennen, was es von seinem Ursprung her ist: eine Ansprache an Israel und eben nicht an die Kirche. Slenczka will also den antijüdischen Implikationen, die er in der christologischen Auslegung des Alten Testaments angelegt sieht, entgehen, indem er das AT nicht mehr als „Ansprache an die christliche Gemeinde“ versteht.

Das Verhältnis zum Judentum

In der Tat hat Slenczka mit seiner These auf Probleme hingewiesen, die in Theologie und Exegese gerne verdrängt oder überspielt werden. Meiner Auffassung nach sollte die Lösung dieser Probleme jedoch in eine andere Richtung gehen.


Historisch gesehen ist das von Slenczka vorausgesetzte Verhältnis von Judentum und Christentum anders zu bestimmen. Die (immer noch verbreitete) Ansicht, das Christentum sei aus dem Judentum entstanden, ist historisch ungenau, um nicht zu sagen: falsch. Historisch korrekt muss es heißen: Judentum und Christentum haben eine gemeinsame Wurzel. Das heutige, rabbinisch geprägte Judentum hat sich u.a. auch in der kritischen Auseinandersetzung mit dem frühen Christentum gebildet. Hinsichtlich der Verhältnisbestimmung von Judentum und Christentum ist an die Stelle des „Mutter-Tochter-Modells“ in der jüngeren Forschung das „Geschwister-Modell“, bzw. das „Jakob-Esau-Modell“ getreten (vgl. u.a. Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums, Tübingen 2010). Theologisch gesprochen heißt das nun: Adressat der Heiligen Schrift (des von Christen später sogenannten „Alten Testaments“) ist weder das Judentum noch das Christentum, sondern das Gottesvolk („Israel“). In diesem Gottesvolk kam es zu einer Auseinandersetzung, die zu einer Spaltung führte. Grund der Spaltung ist Jesus von Nazareth (vgl. Röm 9,33). Eine Richtung des damaligen Judentums sah in ihm den verheißenen Messias (vgl. Mk 8,29), aus ihr ist das Christentum entstanden. Eine andere Richtung vertrat die Ansicht, dass er nur ein Mensch sei und sich selbst zu Gott gemacht habe (vgl. Joh 10,33). Das rabbinische Judentum hat sich diese Antwort zueigen gemacht. Daraus entsteht nun das Problem, dass der erste Teil der christlichen Bibel, das christliche Alte Testament, bzw. der jüdische Tanak, beiden gehört, der Synagoge und der Kirche. Man kann und sollte diese Tatsache zunächst positiv würdigen. Sie begründet die fundamentale Gemeinsamkeit zwischen Judentum und Christentum. Spannungen zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften entstehen nun aber dadurch, dass dieser gemeinsame Text unterschiedlich ausgelegt wird. Juden lesen den Tanak im Lichte der mündlichen Tora, der rabbinischen Tradition, Christen lesen das Alte Testament im Lichte Jesu Christi. Exegetisch-literaturwissenschaftlich gesehen sind beide Lesarten möglich. Das Alte Testament weist ein Sinnpotenzial auf, das in unterschiedliche Richtungen entfaltet werden kann.


Es gibt zwischen beiden Lesarten aber auch grundlegende Gemeinsamkeiten. Beide können viel voneinander lernen. Es ist aber theologisch nicht korrekt zu behaupten, dass die christliche Deutung des Alten Testaments notwendigerweise durch die jüdische Deutung hindurchgehen müsse. Denn die jüdische Deutung ist nicht ursprünglicher als die christliche. Sie steht dem Alten Testament prinzipiell nicht näher als die christliche. Beide Lesarten sind hochgradige Formen der Interpretation, die historisch gesehen nebeneinander, miteinander und gegeneinander entstanden sind. Mit der christlichen Deutung des Alten Testaments eignet sich das Christentum kein ihm fremdes Buch an; es nimmt dem Judentum dieses Buch auch nicht weg. Vielmehr gehört dieser Teil der Heiligen Schrift beiden: dem Judentum wie dem Christentum. In dem von der Päpstlichen Bibelkommission erstellten Schreiben „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der Christlichen Bibel“ aus dem Jahre 2001 heißt es deshalb zu Recht, „dass die jüdische Lesung der Bibel eine mögliche Leseweise darstellt, die sich organisch aus der jüdischen Heiligen Schrift der Zeit des zweiten Tempels ergibt, in Analogie zur christlichen Leseweise, die sich parallel entwickelte. Jede dieser beiden Leseweisen bleibt der jeweiligen Glaubenssicht treu, deren Frucht und Ausdruck sie ist. So ist die eine nicht auf die andere rückführbar“.

Wandel in den Beziehungen

Theologisch heißt das, dass es weder zwei „Gottesvölker“ gibt, noch dass das eine Gottesvolk durch ein anderes ersetzt worden ist („Substitutionstheorie“), sondern dass es in dem einen Gottesvolk zu einem Streit gekommen ist, wie die Heilige Schrift und in Verbindung mit ihr die Gestalt Jesu zu verstehen sind. Dieser Streit, der zu einer Spaltung geführt hat, hält an. Es kommt darauf an, dass die Auseinandersetzung sowohl in gegenseitiger Achtung und Wertschätzung als auch in theologischer und intellektueller Redlichkeit geführt wird.


Diese Position entspricht im Kern der altkirchlichen Bibelhermeneutik. Das Ansinnen Markions, der schon im 2. Jahrhundert das Alte Testament aus dem christlichen Kanon ausschließen wollte, wurde von der Kirche zurückgewiesen. Sie hielt an der Kontinuität der im Alten und Neuen Testament erzählten und bezeugten Geschichte und der damit verbundenen Einheit Gottes fest. Sie tat dies mit Hilfe einer hochgradigen, methodologisch und hermeneutisch reflektierten Interpretation des Alten Testaments, die bereits im Neuen Testament, insbesondere bei Paulus, anzutreffen ist. Diese Theologie war intellektuell redlich, da sie der Wahrheitsfrage nicht auswich. Sie vertrat die Ansicht, dass die Juden, die Jesus und seine Botschaft abgelehnt und verworfen haben, die Wahrheit nicht erkannt haben. Prinzipiell sollte diese Konsequenz nicht als Ausdruck von Antijudaismus verstanden werden. Dass sie in der Geschichte ihrer Behauptung vielfach dazu geführt hat, sei nicht bestritten. Das Judentum wiederum kommt mit bedenkenswerten Gründen zu einer anderen Auffassung. Auch dies sollte nicht prinzipiell als Ausdruck von Feindseligkeit oder Antichristianismus verstanden werden. Entscheidend ist, wie mit dieser Konsequenz umgegangen wird. Es mag durchaus opportun sein, sie im christlich-jüdischen Dialog gar nicht zu thematisieren oder für eine gewisse Zeit zurückzustellen. Sie darf nur nicht grundsätzlich geleugnet oder verschleiert werden. Andernfalls führt eine derartige Leugnung auf christlicher Seite zu dem, was man vermeiden will und vermeiden sollte: der theologischen Entwertung des Alten Testaments. Zahlreiche Stellungnahmen und Reaktionen von christlicher und jüdischer Seite, wie etwa die Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahre 2000 und die Erklärung Dabru Emet von jüdischer Seite aus dem Jahre 2002, die von einem „dramatischen und beispiellosen Wandel in den christlich-jüdischen Beziehungen“ spricht, zeigen, dass dieser Beziehung eine gute Zukunft verheißen ist, wenn sie in gegenseitiger Wertschätzung und Wahrhaftigkeit gelebt wird. 

Erschienen in Rotary Magazin 6/2015

Ludger Schwienhorst-Schönberger
Prof. Dr. Ludger Schwienhorst-Schönberger ist Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Wien. 2007 erschien „Ein Weg durch das Leid. Das Buch Ijob“ (Herder). univie.ac.at

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