Nachdenken über Architektur, Rekonstruktion und atmosphärische Differenz - Das Recht auf Erinnerung

Einkaufszentrum »das Schloss« in Berlin-Steglitz © ullsteinbild

08.09.2011

Nachdenken über Architektur, Rekonstruktion und atmosphärische Differenz

Das Recht auf Erinnerung

Reinhard Knodt

Vor etwa zehn Jahren traf ich als Autor des damaligen SFB wegen einer Berlin-Sendung auf den Verleger und Architekturkritiker Jobst Siedler. Siedler machte damals eine Bemerkung, die mich stutzen ließ, für die ich aber im Laufe der Zeit dann doch Verständnis entwickelte. Siedler sagte, er wisse wirklich nicht, ob die englischen Fliegerbomben während des Zweiten Weltkriegs oder die Architekturmoderne der Nachkriegszeit Berlin mehr geschädigt hätten. Dass die Nachkriegsmoderne ähnliche Wirkungen gehabt haben könnte wie die alliierten Kriegsgegner, erläuterte Siedler mit Hinweisen auf Raumplanungsprogramme, nach denen in den Sechzigern nicht nur viele Häuserzeilen der „autogerechten Stadt“ weichen mussten, sondern vom Senat sogar Zuschüsse an Bauherren für das Abschlagen von Stuck und Außenschmuck an Bauten aus der Jahrhundertwende gezahlt wurden. Der Vergleich mag überzogen sein. Sein Kern allerdings ist triftig und wird in der aktuellen Diskussion zwischen Architekten, Planern, Denkmalschützern und Publikumsvertretern oft vergessen. Er betrifft das „Recht auf Erinnerung“. Dieses Recht ist so plausibel, dass man es fast als Menschenrecht – etwa als Bestandteil des Rechtes eines jeden auf Teilhabe am kulturellen Leben – definieren könnte. In Berlin-Steglitz gibt es eine Mall mit dem Namen „das Schloss“. Es ist ein Mischmasch ehemaliger Schlossarchitektur-Elemente in einem entkernten Stadtareal einschließlich ehemaliger Hinterhöfe. Nichts daran ist „echt“, alles ist Kopie oder Zitat: die breiten Gänge, die festlichen Räume, die Dekors, die Präsentation der Waren auf angedeuteten Marktständen in künstlichen Blumen, die klassizistischen Säulen, die imperialen Papierkörbe und Bänke, die auch im Hyde-Park des 19. Jahrhunderts gestanden haben könnten. Alles zusammen vermittelt eine Art High-Life-Gefühl, so dass der Ort zwar als leicht durchschaubares Remake aber eben doch auch als Bühne eines hochgestimmten Lebens gelesen werden kann.

Geschmack contra Ästhetik

Für seriöse Architekten – wie auch für jeden Denkmalpfleger – ist so etwas natürlich ein Gräuel. Ein typischer „Un-Ort“ würde der französische Theoretiker Marc Augé sagen und von „Autobahnraststättenarchitektur“ reden. Doch für die Menschen, die sich dort aufhalten, ist es das nicht. Was sie genießen ist nämlich nicht etwa „Architektur“ oder die Authentizität eines historischen Stils, sondern vor allem die Atmosphäre – und die ist mit den beschriebenen Mitteln offenbar einigermaßen effektiv hergestellt. „Das Schloss“ ist beliebt. Vielleicht vergessen wir, dass auch die barocken Schlösser bereits Bühnen eines gewissen Lebensgefühls waren, und dass seit Vitruv – dem römischen Baumeister des Augustus – permanent gewisse Details zwischen Sims und Säule kopiert, „zitiert“ und architektonisch verarbeitet wurden, um Stimmungseffekte zu erzielen.

Nun zum Gegenbeispiel. Im Stadtteil Moabit gibt es neuerdings eine ganz andere Mall: beste engagierte zeitgenössische Architektur! Ein kühner Block, der in Ansätzen die Fassadengestaltung des Hauptbahnhofs zitiert, der farblich schattierungsreich in teuersten tongebrannten Fassadendetails den Kontrast zum sonstigen Wohnallerlei zelebriert, der nachts sogar leuchtet und vor dem jeder Architektenkollege sicher anerkennend das Haupt neigt. Allein: Es lebt sich darin irgendwie nicht gut. Die Cafés, soweit sie den Namen überhaupt verdienen, sind leer, die Decken wirken reichlich technisch, das Gebäude sieht einer sehr teuren Baracke nicht unähnlich. Die Bevölkerung fremdelt und sucht nach wie vor eher gewohnte Einkaufsorte auf, etwa die in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Hermann Blankenstein entworfene Arminius-Markthalle um die Ecke – oder den nicht mehr ganz so frischen, aber eisern durchhaltenden Penny-Markt.

Rekonstruktion und atmosphärische Differenz

Man mag sich fragen, was diese beiden Orte mit dem Thema Rekonstruktion zu tun haben, schließlich ist „das Schloss“ gar kein Wiederaufbau eines historischen Hauses und die Moabiter Mall ein ganz und gar moderner Neubau. Doch veranschaulichen beide Gebäude bestimmte Extreme: wohin die Rekonstrukteure von Vergangenheit ohne architektonisches Bewusstsein geraten – und wohin Architektur ohne Sensibilität für atmosphärische Traditionen sich entwickeln kann. Zum Problem der Rekonstruktion: Das Berliner Stadtschloss, das Knochenhauer Amtshaus in Hildesheim, der Stuttgarter Hauptbahnhof, der Dresdner Zwinger, die Görlitzer Innenstadt – die Liste der Wiederherstellungen und Restaurierungen ist vor allem seit 1989 erfreulich lang. Was in den Diskussionen um die Art der Bebauung vorhandener Lücken in der Regel aufeinanderprallt, ist heutiges Lebensgefühl und alte Bausubstanz oder ein traditionelles Lebensgefühl und zeitgemäßes Bauen mit seinen Materialien. Je nach Gesichtspunkt geht es dabei darum, ob das alte oder das neue Lebensgefühl atmosphärisch zur Wirkung kommen soll. Soll die Dominanz des alten Materials durch neue Implantate „gebrochen“ werden, oder soll das Alte besonders verdeutlicht werden, um Vergangenheit erfahrbar zu machen? Und was geschieht mit den Spuren der Zeit? Sollen Einschusslöcher besonders präpariert werden, um die atmosphärische Wirkung durch ein kleines didaktisches Memento zu konterkarieren, oder soll man solch ein Anliegen als unerheblich abtun und ein altes Gebäude möglichst „werktreu“ aufführen? Und was ist, wenn zwischenzeitlich ein anderes Gebäude dastand? Kann auch dieses ein Recht auf Erinnerung reklamieren? Die wirklich differenzierte Berücksichtigung solcher Fragen hieße, sich zunächst einzugestehen, dass sie in immer ungelöster Korrespondenz mit einem Recht auf Erinnerung bleiben. Weiterhin hieße solch eine Berücksichtigung zuzugeben, dass es sich hier nicht etwa um Gegensätze handelt, sondern um korrespondierende Differenzen, also um sich miteinander im Spiel befindliche Möglichkeiten, die immer auch eine zusätzliche atmosphärische Note haben. Man darf also ein zu rekonstruierendes altes Gebäude nicht didaktisch „vorführen“ wie ein Stück Lernmaterial aus der Vergangenheit. Man sollte an der ehemaligen Atmosphäre eines Palastes, einer Kirche, eines Bürgerhauses mit der gleichen Gewissenhaftigkeit arbeiten wie an dem Material. Nicht die intellektuellen Verpflichtungen gegenüber einem ehemals sich revolutionär dünkenden Baustil, sondern die Achtung vor wirklicher primärer Erinnerung ist das, was zählt.

Erinnerte Fähigkeiten

Und man darf auch nicht meinen, den Zeitgenossen das eigene überlegene Zeitgefühl vorführen zu müssen, in dem das Alte nur noch Attrappe ist, sonst entwürdigt man Erinnerung zum Dekor einer flachen, etwa kommerziellen Identität. Vielmehr sollte man darauf achten, jedem Betrachter ein eigenes Erfahren und Erinnern zu ermöglichen und die Würde des Vergangenen zu bewahren, indem man es als Identität für sich stehen lässt. Anders ausgedrückt: Man darf durch Rekonstruktion nichts „Sekundäres“ herstellen, sondern muss versuchen, am primären Material zu bleiben. Im Fall der Dresdner Frauenkirche war dies sicher schwer, und im Fall des Berliner Hohenzollern-Schlosses ist die Würde des „Primären“ tatsächlich nur mehr im Plan selber anzutreffen. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, die zu einer neuen atmosphärischen Kraft führen – nicht zuletzt das Handwerk! Rekonstruktion als Wiederherstellung von kultureller Erinnerung zu begreifen müsste zuletzt also auch heißen, sie als Handwerk zu begreifen, also als geduldiges, handwerkliches „Wiedererneuern“. Gerade durch das Handwerk und die damit verbundenen menschlichen Spuren einer punktuellen, sich im Moment ihrer Ausführung verbessernden Arbeitsweise entsteht ja jener Atem der Dinge, der im technischen Prozess nicht eingeholt werden kann. Vielleicht sollte man deswegen Stararchitekten bei Rekonstruktionsprojekten sogar fernhalten und stattdessen Baumeister und Handwerker engagieren, die der ehemaligen Sache dienen, indem sie sich auch der alten Handarbeitsweisen „erinnern“. Wirklich kreativer Fortschritt in einem heute wünschenswerten weltweiten Prozess des Erinnerns würde so vielleicht tatsächlich nicht nur „Gebäude-Erinnerung“ oder „atmosphärische Erinnerung“, sondern auch Erinnerung und kreative Hereinnahme ehemaliger Handwerklichkeit und der damit verbundenen Tugenden bedeuten.

So tief würde ein „Recht auf Erinnerung“ also gehen. Dass solche eine Haltung gewisse Architekten von heute nervös macht, ist schon klar. 

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

Reinhard Knodt
Reinhard Knodt ist freier Publizist. Er hält Lehrveranstaltungen zur klassischen Philosophie an der Universität Bamberg und zur Kunstphilosophie an der UdK Berlin sowie freie Seminare für Unternehmer an besonderen Orten. Er ist Autor des Bayerischen Rundfunks und des Deutschlandradio Berlin. Zu seinen Büchern gehören u. a. „Ästhetische Korrespondenzen. Denken im technischen Raum“ (Reclam 1994) und „Brief an den Turmschreiber – Über Abenberg, Gott und die Welt“ (Abenberg 2008). www.reinhard-knodt.de

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