15.03.2012

Die Geschichte der Thomaner und das Kulturphänomen Knabenchor

Der Reiz der »?hellen und lieblichen Stimme?«

Claus Fischer

Wir schreiben das Jahr 1542. Nacht liegt über der Kirche Saint-Nicolas in der Stadt Mons im Hennegau. Unmittelbar neben dem gotischen Bauwerk befindet sich das Internat, in dem die Kapellknaben leben und tagsüber im Schreiben, Lesen und Gesang unterrichtet werden. Die Hauptaufgabe der jungen Sänger ist es, an allen Sonn- und Feiertagen die Messgottesdienste musikalisch auszugestalten. An diesem Abend schlafen sie jedoch, alles im großen Saal scheint friedlich??…

Aber die Ruhe täuscht, in den engen Gassen von Mons ist eine Kutsche unterwegs, im Wagen sitzt der Diener eines norditalienischen Adligen aus Norditalien. Von seinem Herrn hat er den Auftrag bekommen, „einen Knaben der Kapelle zu entführen, aufgrund seiner hellen und lieblichen Stimm“. Da die Schule unbewacht ist, hat der Kidnapper leichtes Spiel, nachdem er die Tür aufgebrochen hat, überwältigt er den 11-jährigen, stülpt ihm eine Decke über den Kopf, fesselt ihn an Armen und Beinen und trägt ihn in die Kutsche. Der Junge wehrt sich vergeblich, seine Schreie werden durch die Decke erstickt.

Bei der geschilderten Episode handelt es sich um den ersten dokumentierten Fall von Kidnapping in der europäischen Musikgeschichte. Überliefert ist er nur, weil aus dem 11-jährigen flämischen Chorknaben später einer der größten Komponisten seiner Zeit werden sollte, Orlando di Lasso. Zweimal, so schreibt er in autobiographischen Notizen, wurde er von Mons nach Italien entführt. Das Niveau der flämischen und niederländischen Kapellchöre war im 16. Jahrhundert so hoch wie nirgendwo sonst in Europa.

Knabensingschulen an den Kathedralen und Klöstern Europas gab es bereits seit dem frühen Mittelalter, von Lund in Schweden oder dem englischen Oxford über Leipzig und Regensburg bis nach Palermo oder Sevilla. Im sakralen Raum ist diese Tradition entstanden. Schuld daran war – der Apostel Paulus. Im 14. Kapitel seines 1. Briefes an die neu entstandene christliche Gemeinde in Korinth schreibt er: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung. Denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt...“ Den geistlichen Würdenträgern der Kirche des Mittelalters war das Redeverbot für Frauen so heilig, dass sie es selbstverständlich auch auf das Singen bezogen, Ausnahmen bildeten lediglich Sakralräume, in denen Frauen unter sich waren, also Nonnenklöster. An den großen Stadtkirchen versahen ausschließlich Knaben die liturgischen Dienste.

Mitteldeutsche Hochkultur

Einer der nachweislich ältesten Knabenchöre Deutschlands ist der „Stadtsingechor zu Halle an der Saale“, der erstmals im Jahr 1116 erwähnt wurde. Das Gründungsdatum des Dresdner Kreuzchors ist nicht bekannt, aber er ist bereits über 700 Jahre alt. Der Leipziger Thomanerchor ist mit seinem Gründungsdatum 1212 immerhin die älteste kulturelle Institution der sächsischen Messestadt.

Im Jahr 1212 wurde unter dem Obdach des Augustiner-Chorherrenstifts die Thomasschule gegründet, sozusagen die „Mutter“ des Leipziger Thomanerchors. Von Anfang an wurden die Knaben in der Musik unterwiesen, mussten jedoch – quasi als Gegenleistung für Ausbildung und Unterkunft – in den Gottesdiensten, bei Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen singen. Anfangs wurde der gregorianische Choral gepflegt, im Laufe des 13. Jahrhunderts fanden dann erste mehrstimmige Gesänge Aufnahme ins Repertoire.

Die Reformation veränderte Schule und Chor in einem bis dato unbekannten Ausmaß, im Jahr 1543 kamen beide in die Trägerschaft der Stadt. Dadurch erfuhr die Infrastruktur enorme Verbesserungen: Ein neues Gebäude wurde am Thomaskirchhof errichtet, in dem sich neben den Klassenräumen und Schlafsälen der Schüler auch Wohnungen für Rektor und Kantor nebst deren Familien befanden. Da die Gottesdienste nunmehr in Deutsch gehalten wurden, nahm das Kirchenlied einen gewaltigen Aufschwung und mit ihm die mehrstimmige „figurale“ Musik. Thomaskantoren wie Johann Hermann Schein, Sebastian Knüpfer und Johann Kuhnau schufen Werke, die diesen „neuen Geist“ repräsentieren.

Prominentester Bewohner der alten Thomasschule, die leider im Jahr 1902 abgebrochen wurde, war Johann Sebastian Bach. Letztendlich durch ihn und seine Kantaten, Passionen und Motetten wurden die Thomaner zu einem Begriff in der weltweiten Musiklandschaft, bis heute fungieren sie neben dem Gewandhausorchester als „klingendes Aushängeschild“ der Messestadt. Als Wolfgang Amadeus Mozart bei einem Besuch in Leipzig den Chor mit Bachs Motette „Singet dem Herrn neues Lied“ hörte, rief er aus „Ei, das ist einmal etwas, aus dem sich etwas lernen lässt!“ Beide Einrichtungen, Chor und Schule, befinden sich bis heute in der Trägerschaft der Stadt Leipzig. Die traditionell enge Verbindung zur Thomaskirche wurde bis zum Jahre 1933 nie in Frage gestellt. Nach der Machtübernahme Hitlers drohten die Thomaner jedoch, völlig – und das heißt auch in bezug auf das musikalische Repertoire – „säkularisiert“ zu werden. Nur durch das ein oder andere Zugeständnis an die NS-Kulturverantwortlichen konnte Thomaskantor Günter Ramin die dauerhafte Eingliederung des Chors in die Hitlerjugend verhindern.
Auch in der DDR stand der Chor unter ständigem Druck von Seiten des Staates. Einerseits nutzte man ihn durch seine zahlreichen Konzertreisen als „Devisenbringer“, andererseits versuchte man aber, die geistliche Bindung an die Thomaskirchgemeinde zu lockern, z.B. indem man gezielt bei atheistisch geprägten Eltern warb. Diese Entwicklung führte u.a. dazu, dass Thomaskantor Kurt Thomas schon nach wenigen Jahren sein Amt aufgab und in die Bundesrepublik ging. Zugeständnisse an die Machthaber – das ist heute unbestritten – machte auch Hans-Joachim Rotzsch in den 1970er und 80er Jahren. Die nachgewiesene Tätigkeit dieses Thomaskantors für das Ministerium für Staatssicherheit lässt ihn bis heute im Zwielicht erscheinen. Seine positiven Verdienste, etwa die zahlreichen herausragenden Schallplatteneinspielungen beim DDR-Staatslabel „Eterna“, wirken bis heute nach. Die Turbulenzen im 20. Jahrhundert, sie sind glücklicherweise heute überwunden, eine „inhaltliche Säkularisierung“ des Thomanerchors, da sind sich alle Verantwortlichen der Stadt sicher, kommt nicht in Frage?…

„Kindergarten-Casting“ gegen Nachwuchsmangel

Während sowohl der Leipziger Thomanerchor als auch der Dresdner Kreuzchor in den Jahren der DDR keine Nachwuchsprobleme hatten, werden sangesbegeisterte Knaben, so scheint es, in den letzten Jahren in Deutschland immer rarer. Das hängt zum einen damit zusammen, dass das Singen unter Jungs häufig als „uncool“ gilt, gravierender ist aber eine fehlende musikalische Grundausbildung in den Familien. Dazu kommt oft eine – sicher nicht unbegründete – Scheu der Eltern, ihre Kinder in ein Internat zu geben, in dem sie zu musikalischen Höchstleistungen erzogen werden, die durchaus mit den Anforderungen an jugendliche Spitzensportler vergleichbar sind. Knaben, die bei den Kruzianern, Thomanern oder auch den Regensburger Domspatzen singen, haben wesentlich weniger Freizeit als ihre „normalen“ Altersgenossen.

Um dennoch genügend singfreudige und -fähige Jungs zu finden, hat man sich in Leipzig und Dresden dazu entschlossen, „Nachwuchsbeauftragte“ einzustellen. Diese gehen gezielt in Kindergärten und führen – so die Eltern einverstanden sind - spezielle „Castings“ durch. So lassen sie z.B. die Jungs bestimmte Tonfolgen nachsingen, um ihr Gehör einzuschätzen, testen ihre Fähigkeit, hoch zu singen und ihre Kreativität im Erfinden von Melodien. „In einer Gruppe von zehn Jungs sind in der Regel ein bis zwei potenzielle Chorknaben zu finden“, sagt die studierte Schulmusikerin Angelika Mees, die sich seit etwa einem Jahr um den Leipziger Thomaner-Nachwuchs kümmert. Doch ob diese dann wirklich Lust haben auf das Internatsleben, bzw. deren Eltern eine solch spezielle Ausbildung für ihr Kind erlauben, das steht auf einem anderen Blatt.
Das Problem des fehlenden Nachwuchses hat man auch bei den erst 1967 gegründeten Limburger Domsingknaben erkannt. Um Abhilfe zu schaffen, wurde die Unterbringung im Internat quasi abgeschafft, die Knaben werden nunmehr nur noch nachmittags betreut. „Sie kommen nach der Schule und werden abends von den Eltern abgeholt“, erzählt der Leiter des Chors Klaus Knubben. So haben sie zwar einen ebenso klar strukturierten Tagesablauf mit Proben, Instrumentalunterricht und Hausaufgabenbetreuung ebenso wie die Thomaner oder die Domspatzen, das leidige Heimweh wird aber dabei nicht zum Problem. Und die „Angstschwelle“ der Eltern, ihre Kinder aus der Hand geben zu müssen, ist erheblich niedriger. Ein ähnliches Modell der Nachmittagsbetreuung wird auch beim Stadtsingechor in Halle praktiziert. Die lange Internatstradition in Leipzig, Dresden oder Regensburg wiegt jedoch viel zu schwer, um eine derartige Praxis zu übernehmen. Da ein „Knaben-kidnapping“ wie anno 1542 im Falle von Orlando di Lasso nicht in Frage kommt, bleibt zu hoffen, dass die jeweiligen Nachwuchsbeauftragten gute Arbeit leisten?…

Erschienen in Rotary Magazin 3/2012

Claus Fischer
Claus Fischer ist Musikjournalist und arbeitet unter anderem für den MDR Hörfunk www.musikjournalist.de

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