11.12.2012

Vor 200 Jahren erschien die Erstausgabe von Grimms Kinder- und Hausmärchen

Der schwere Weg zum Klassiker

Steffen Martus

Das Publikum, die Kollegen und die Verleger betrachteten die Brüder Grimm anfangs eher skeptisch. Die beiden machten sich mit ihren ersten Publikationen um 1810 schnell einen Namen, aber nicht unbedingt einen guten. Sie gerieten auf Anhieb in Kontroversen, und dies auch deswegen, weil sie selbst überaus streitlustig auftraten und sich mit allen üblichen Tricks und Finten des Gelehrtenbetriebs durchzusetzen versuchten – arrivierte Philologen erklärten sie wahlweise für dumm, vernagelt oder albern; mit befreundeten Wissenschaftlern schmiedeten sie Rezensionskartelle; und wenn es irgendwo eine interessante, noch unbekannte Handschrift gab, unternahmen sie alles, um Konkurrenten davon fernzuhalten. Die Grimms waren alles andere als zwei behäbige und gemütliche Märchenonkel.

Zurückhaltende Verleger

Jacob und Wilhelm Grimm irritierten nicht nur ihre Kollegen, auch die Leser interessierten sich kaum für ihre Studien. Entsprechend zurückhaltend begegneten ihnen die Verleger: Viele Buchprojekte der beiden Brüder blieben in den 1810er Jahren Fragmente oder kamen über eine gute Idee nicht hinaus. Noch die Deutschen Sagen waren bei weitem nicht so erfolgreich, wie die Grimms sich das erhofft hatten. Nach den ersten beiden Bänden (1816/18) verzichteten sie frustriert auf die geplante Fortsetzung. Der Verkauf lief nur schleppend. Vernichtende Kritiken nahmen Jacob und Wilhelm die Lust an den Unternehmen. Nichts als einen „ungeheure[n] Karren voll unnützen Schuttes und Steinbrocken“ hätten sie vor den Lesern ausgeschüttet, so einer der Rezensenten.
Ähnlich erging es den Kinder- und Hausmärchen, mit denen die Grimms inmitten einer krisenhaften Zeit ihren ersten Bestseller landen wollten. Er plane „ein wohlfeiles und von unschuldigen Menschen viel gekauftes Buch“, lockte Wilhelm Grimm beim brieflichen Verkaufsgespräch im August 1812 den Berliner Verleger Reimer. Und tatsächlich: Die Sammlung entwickelte sich nicht nur zum größten persönlichen Erfolg der Brüder Grimm – die Kinder- und Hausmärchen wurden zu einem Welterfolg mit Übersetzungen in über 150 Sprachen, mit Variationen in allen möglichen Formen, Medien und Gattungen: von der Oper bis zum Videoclip, vom Kinderbuch über die anspruchsvollsten literarischen Adaptationen bis hin zum japanischen Manga, vom Trash-Film über Walt Disney-Produktionen bis zum Arthouse-Kino.
Die beiden ersten Auflagen der Kinder- und Hausmärchen (1812/15 und 1819) verstaubten jedoch in den Regalen. Erst in den 1830er Jahren, also nach einem Anlauf von mehr als zwei Jahrzehnten, avancierten die Grimmschen Märchen tatsächlich zum Hausbuch. Selbst im Fall ihres größten Erfolgs also könnte man noch eine kleine Geschichte des Scheiterns der Brüder Grimm schreiben. Denn wie so oft gingen sie ein hohes Risiko ein. Für wen war dieses Buch eigentlich gedacht? Sollte man die vielen Episoden von Mord und Totschlag, von unverdientem Glück, erfolgreicher Hinterhältigkeit und skrupelloser Brutalität tatsächlich Kindern vorlesen? Sollte man umgekehrt Geschichten von Zwergen und Hexen erwachsenen Lesern zumuten, die ihren Geschmack im besten Fall an Goethe und Schiller geschult hatten? Und warum sollte sich die Wissenschaft für diese Niedlichkeiten interessieren? Die Grimms hatten viele Fragen zu beantworten und viele Zweifel zu beseitigen. Wie so oft setzten sie dabei auf Konfrontation und Neuanfang im Dienst an der Überlieferung. Es „existirt noch keine Sammlung in Deutschland“ wie die Kinder- und Hausmärchen, heißt es mit großem Innovationspathos in der Vorrede ihrer Märchen. Jacob und Wilhelm Grimm waren einmal mehr die modernsten Traditionalisten ihrer Zeit.

Mystifikationen

Die beiden Brüder schrieben ihre Kinder- und Hausmärchen für die Gegenwart auf: Immer wieder klingt bei ihren Kindheitsbildern die Trauer darüber an, dass der naive Glückszustand vergangen sei. Das aber ist ein ebenso produktives wie großes Missverständnis. Für die Form, wie die Grimms sich das Märchen-Erzählen vorgestellt haben, gab es kein Vorbild– nicht ein einziges der Grimmschen Märchen geht direkt auf Kindheitserinnerungen von Jacob und Wilhelm oder ihrer Geschwister zurück. Die Kindheitsidyllen des Märchen-Erzählens bezeichnen selbst märchenhafte Orte.
Märchenhaft war das Unternehmen der Märchensammlung in vielerlei Hinsicht. An Mystifikationen und Verschleierungen ist die Grimmsche Sammlung reich. Dies gilt für die Gestaltung und Verarbeitung des Materials ebenso wie für ihre Quellen. An einen befreundeten dänischen Gelehrten schrieb Wilhelm beispielsweise am 12. Juli 1812, ihre einzige Quelle sei die „mündliche Überlieferung gewesen“. Aber eben das war sie keineswegs. Die Grimms haben selten die Wanderschuhe geschnürt und das Notizbuch gepackt, um märchensammelnd über die Dörfer zu ziehen. Sie haben vor allem die Bücher der Bibliotheken durchforstet, auf Post oder Besuch gewartet und gelegentlich einmal bei ihren Nachbarn in Kassel vorbeigeschaut: Zu den wichtigsten Beiträgern gehörten gebildete und literarisch versierte junge Frauen aus dem Bürgertum und aus dem Adel.
Die zeitgenössische Kritik wusste zunächst nicht, wie sie die Kinder- und Hausmärchen einzuordnen hatte: Als wissenschaftlichen Beitrag zur Mythen- und Literaturgeschichte? Oder doch als Kinder- und Erziehungsbuch? Wilhelm jedenfalls achtete auf diese Vorbehalte und stärkte im Lauf der Bearbeitungen die Exempel von bürgerlicher Arbeitsethik, Moral und Häuslichkeit. Jene Stücke, die nicht jugendfrei erschienen, nahm er noch einmal genau ins Visier. Das Paradebeispiel dafür ist „Rapunzel“: In der Vorlage der Grimms und in der ersten Fassung der Kinder- und Hausmärchen bemerkt die Fee, dass männlicher Besuch im Spiel sein muss, weil Rapunzels „Kleiderchen“ zu eng werden – bald wären Fee und Rapunzel im Turm wohl zu dritt gewesen. In der zweiten Fassung von 1819 hingegen verrät Rapunzel den Herrenbesuch durch bloße Unbedarftheit, indem sie sich verplappert. Durch die Bearbeitung also wurde Schwangerschaft literarisch verhütet. Und dennoch: Will man wirklich, dass die Kinder der Moral der Grimmschen Märchen folgen?

Pädagogik der Romantik

Wilhelm Grimm beharrte schon aus verkaufsstrategischen Gründen darauf, dass die Märchensammlung kindertauglich und auch lehrhaft sei. Ein Beispiel dafür nennt er nicht. Tatsächlich geht es in den Märchen auch nicht um direkte Handlungsanweisungen, also etwa darum, dass der Wolf und die sieben Geißlein demonstrieren, wie gefährlich es sei, fremden Männern die Tür zu öffnen. Das Erziehungskonzept der Brüder Grimm war komplizierter und orientierte sich an der Pädagogik der Spätaufklärung und der Romantik. Die ganz eigene Form des Märchens, an der vor allem Wilhelm von Auflage zu Auflage mit großem Fabuliertalent und poetischer Leidenschaft feilte und bastelte, jene „Gattung Grimm“ also, setzte auf die Familienwerte des bürgerlichen Lebens, die immer mehr in den Vordergrund traten. Zugleich blendete sie dieser realistischen Heimeligkeit das Wunderbar-Unheimliche ein und gehört deshalb zur Literaturgeschichte der Romantik und zur Psychogeschichte des bürgerlichen Subjekts mit all seinen Neurosen.
 Entscheidend ist die die ambivalente Gefühlslage, in die das widersprüchliche Verhältnis von Inhalt und Tonlage die kindlichen Zuhörer versetzt. Der Inhalt der Kinder- und Hausmärchen erzählt oft von einem Leben, das für die Grimms und ihre Familie einer andern Zeit angehörte: Dort herrscht ein raues Klima, das von Gewalt, Stiefmütterlichkeit, Arbeit und Verzicht geprägt ist. Der Erzählton des „Es war einmal“ indes vermittelt jene Behaglichkeit, für die in der zeitgenössischen Pädagogik die Mutter und die mütterliche Stimme sorgen sollten. Im Zusammenspiel des schauerlichen Inhalts und der behaglichen Tonlage erzeugen die Märchen eben jene „wollüstige Furcht“, die Goethe stellvertretend für das bürgerliche Individuum an der eigenen Kindheit als Ursprung seines Unbewussten faszinierte. Die Kinder dürfen sich der Lust am Gruseligen, an der teils überbordenden Brutalität und an den virtuosen Gewaltakten der Märchen deswegen hingeben, weil die mütterliche Stimme sie stets in Sicherheit wiegt und ihnen das Grundvertrauen vermittelt, dass ihnen nichts wirklich Schlimmes widerfahren wird.

Der Lange Weg zum Erfolg

Bis die Kinder- und Hausmärchen zu ihrem Ton fanden und so geschmeidig eingängig wurden, wie es die romantische Mutterpädagogik forderte, waren einige Bearbeitungsschritte notwendig. Vor allem aber musste zu Beginn des 19. Jahrhunderts erst einmal jene Familiarität entstehen, in der die Märchen ihre Wirksamkeit entfalten konnten. Die Kinder- und Hausmärchen bedienten also kein überzeitliches kindliches Bedürfnis und keine Form der mütterlichen Zuwendung, die dem Menschen an sich eigen wäre. Sie formierten vielmehr ihre Leser und Hörer zu einem geeigneten Publikum. Sie trugen gewissermaßen allererst dazu bei, die Bedürfnisse, die sie dann stillten, zu erzeugen. Daher vergingen nach der Erstausgabe (1812/15) auch rund zwanzig Jahre, bis der Verkauf der Kinder- und Hausmärchen endlich an Fahrt gewann.
Seitdem schreiben sich die Grimm’schen Märchen in das kollektive Gedächtnis ganzer Generationen ein und begleiten uns bis heute ein Leben lang. Oder mit Wilhelm Grimms Worten aus der Vorrede: „Wo sie noch da sind, da leben sie so, daß man nicht daran denkt, ob sie gut oder schlecht sind, poetisch oder abgeschmackt, man weiß sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangen hat, und freut sich daran ohne einen Grund dafür: so herrlich ist die Sitte, ja auch das hat diese Poesie mit allem unvergänglichen gemein, daß man ihr selbst gegen einen andern Willen geneigt seyn muß“.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2012

Rotary Magazin 9/2016

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