100 Jahre Erster Weltkrieg - Die große Erzählung

Unmittelbar nach dem Kriege begann die Schlacht um seine Deutung. Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ und Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ prägten die Vorstellungen nachfolgender Generationen. Im Bild: Ein deutscher Soldat schreibt nachhause. © akg-images

16.01.2014

100 Jahre Erster Weltkrieg

Die große Erzählung

René Nehring

Mit großer Zuverlässigkeit hat sich auf dem Buchmarkt in den letzten Jahren eine Gedenktagsroutine etabliert. Pünktlich zu jedem halbwegs bedeutenden Jubiläum erscheinen wie von Geisterhand gelenkt unzählige Abhandlungen. Das war 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes ebenso der Fall wie 2011 zum 200. Geburtstag Franz Liszts oder 2012 zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen: Stets gab es eine Fülle an Biographien oder groß angelegten Zeitporträts. Diese Routine ist Fluch und Segen zugleich.

Einerseits ist es begrüßenswert, dass bedeutende historische Ereignisse nach langer Zeit wieder einmal die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren. Andererseits ist es für eine Kulturnation beschämend, dass sie offenbar diese Jubeltage benötigt, um sich überhaupt noch an die wichtigen Meilensteine ihrer Geschichte zu erinnern. Was nicht fortlaufend auf Bestsellerlisten steht oder in irgendwelchen „Kanons“ genannt wird, findet kaum noch statt.

Groß – aber vergessen

Ein solches Beispiel dafür ist auch der Erste Weltkrieg, der in Frankreich „la Grande Guerre“ und in England „the Great War“ genannt wird – und in Deutschland kaum eine Rolle spielt, obwohl mit ihm die Verhängnisse des 20. Jahrhunderts begonnen haben. Als der renommierte britische Historiker Niall Ferguson schon 1998 (!) sein Buch „The Pity of War“ herausbrachte (das 2001 unter dem Titel „Der falsche Krieg“ in der Deutschen Verlagsanstalt erschien) und darin die These vertrat, dass England eine Hauptschuld an der Eskalation im Sommer 1914 trage, fand dies in Deutschland kaum Resonanz. Erst als 15 Jahre später – im Vorfeld des 100. Jahrestages des Kriegsausbruchs – die deutsche Ausgabe von Christopher Clarks „The Sleepwalkers“ erschien, bemerkten die Deutschen den in der angelsächsischen Welt seit Jahren vollzogenen Wandel.

Clarks Buch „Die Schlafwandler“wurde von der FAZ euphorisch zum „Buch des Jahres“ 2013 ausgerufen. In der Tat bringt der australische, in Cambridge lehrende Historiker zahlreiche neue Erkenntnisse über den Weg in die Krise des Jahres 1914. Galt es – zumal in Deutschland – spätestens seit der Fischer-Kontroverse (Ende der fünfziger bis in die sechziger Jahre hinein) als ausgemacht, dass das deutsche Kaiserreich wegen seiner Großmachtträume die Hauptverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug, kommt Christopher Clark nun zu einer deutlich anderen Einschätzung. Clark geht u.a. dorthin, wo die Krise objektiv ihren Ausgang nahm: auf den Balkan. Allein die ersten beiden Kapitel, in denen sich der Autor dem serbischen Nationalismus und dem oft gescholtenen Vielvölkerreich Österreich-Ungarn widmet, erweitern den Blick auf jene Zeit enorm. Darüber hinaus beschreibt der Autor minutiös die Interessen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen. So entsteht das Bild einer europäischen Tragödie, in der gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit und Expansionspläne zu einer Situation führten, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen. Besonders hart ins Gericht geht Clark dabei mit England, das eigentlich keine Aktien an dem Balkankonflikt hatte, durch dessen Eingreifen jedoch erst ein lokaler Konflikt zu einem Weltkrieg werden konnte.

Der wichtigste deutsche Titel zum Jahrhundert-Gedenken stammt von Herfried Münkler. Schon seine bisherigen Arbeiten (u.a. „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft“, „Die Deutschen und ihre Mythen“ sowie „Mitte und Maß“) weisen den Professor für Politische Theorien und Ideengeschichte an der Berliner Humboldt-Universität als einen der wenigen deutschen Denker der Gegenwart aus, die gleichermaßen in der alteuropäischen Geisteswelt und in der eigenen Nationalgeschichte zuhause sind. In seiner aktuellen Arbeit widmet sich Münkler vor allem dem Verlauf und den Folgen des Ersten Weltkriegs. Er zeigt, wie alte Reiche hinweggefegt werden, wie die etablierte Weltordnung zerbricht und neue Mächte wie die Sowjetunion und die USA die Weltbühne betreten. Zudem beschreibt Münkler den Krieg auch als den Beginn der Ära der Ideologien und Diktaturen sowie den Aufstieg des Sozialstaats und der Nationalismen.

Sowohl Christopher Clark als auch Herfried Münkler betonen die Aktualität der Ereignisse vor einem Jahrhundert: Nach dem Ende der Ost-West-Blockbildung 1989/91 agieren in der heutigen multipolaren Weltordnung wieder zahlreiche Groß- und Mittelmächte mit ihren jeweiligen regionalen und globalen Interessen. Vor diesem Hintergrund sind die Bücher von Münkler und Clark mehr als nur ein interessanter Lesestoff für historisch Interessierte. Sie zeigen eindrucksvoll, wie ein kleiner regionaler Konflikt eine ganze Welt zertrümmern kann.

Eine der Schlüsselregionen damals wie heute ist der Balkan. Dem dortigen Kriegsverlauf und dem Ende des Habsburgerreiches ist die monumentale Arbeit von Manfried Rauchensteiner gewidmet. Zu lesen, wie die k.u.k.-Diplomatie nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajevo um eine angemessene Antwort ringt, wie die Monarchie bald am Ende gewesen wäre, wenn sie nicht immer wieder deutsche Truppenhilfe bekommen hätte, hat bis heute nichts an Dramatik verloren. Schon jetzt kann der „Rauchensteiner“ als Standardwerk für das Verständnis der heutigen Zustände auf dem Balkan gelten. Erschienen ist das über 1.200 Seiten starke opus magnum im Wiener Böhlau-Verlag, der gleich mehrere Publikationen zum Ersten Weltkrieg herausgebracht hat. Eine davon ist Edgard Haiders Panorama der k.u.k.-Hauptstadt am Vorabend der Krise: „Wien 1914. Alltag am Rande des Abgrunds“ nimmt die Leser mit auf Bälle und Feste, ins Theater, auf Straßen und Plätze, in Wohnhäuser und Paläste. Es porträtiert eine Stadt, deren Bewohner nicht wahrhaben wollen, dass auch sie kurz vor dem Abgrund stehen. Eine wichtige Lücke schließt auch die bei Böhlau erschienene Biographie des „verhinderten Thronfolgers“ Franz Ferdinand. Zwar werden Was-wäre-wenn-Fragen in der Geschichtsschreibung traditionell kritisch gesehen, doch war es überfällig, dass derjenige Monarchensohn näher betrachtet wird, dessen Ermordung am 28. Juni 1914 die zum Krieg führende Ereigniskette angestoßen hat.

Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur eine dramatische Umwälzung der politischen Weltordnung, ebenso prägte er maßgeblich das europäische Geistesleben im 20. Jahrhundert. Diesen kulturellen Folgen widmet sich Ernst Piper. In „Nacht über Europa“ beschreibt er die geistige Mobilmachung der Nationen, die Entwicklung des totalen Krieges, die Spaltung der Arbeiterbewegung, das Schicksal der jüdischen Minderheiten und das unheilvolle Fortwirken des Krieges in Deutschland nach der Niederlage von 1918. Eindringlich zeigt Piper, wie sich das Kriegsgeschehen in den Debatten der Intellektuellen, in der Literatur sowie in den neuen Bildmedien jener Zeit spiegelt.

Kulturgeschichten

Historische Darstellungen sind niemals ein reines Spiegelbild vergangener Epochen, sondern immer auch der jeweiligen Gegenwart, in der sie entstanden sind. Walter Kempowski hat vor Jahren diesen Makel behoben, indem er mit seinem „Echolot“ für den Zweiten Weltkrieg ein „kollektives Tagebuch“ kreierte, in dem auf tausenden Seiten keine einzige Zeile von ihm stammte, sondern ausschließlich tagesaktuelle Zeugnisse jener Zeit zu Worte kamen. Ein vergleichbares Projekt für den Ersten Weltkrieg gibt es bisher nicht. Allerdings hat der Göttinger Wallstein-Verlag schon 2009 mit „Endzeit Europa“ erstmals ein kleines kollektives Tagebuch für jene Jahre vorgelegt. Über 500 Briefe und Tagebucheinträge aus den Jahren 1914 bis 1918 zeigen, wie deutschsprachige Schriftsteller, Publizisten, Philosophen, Musiker und bildende Künstler den Untergang der alten Welt erlebt haben.

Aktuell bis heute ist die Weltkriegs-Literatur aus den zwanziger Jahren. Egal ob Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, Walter Flex’ „Wanderer zwischen beiden Welten“, Ludwig Renns „Krieg“ oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ – die Lektüre dieser modernen Klassiker erschüttert immer wieder neu. Ein großartiges Kompendium europäischer Kriegs-Erzählungen hat auch der Manesse-Verlag unter dem Namen „Über den Feldern“ zusammengestellt – mit Erzählungen wie Tania Blixens „Eine Safari in Kriegszeiten“, D. H. Lawrence’ „Winterlicher Pfau“, Eduard von Keyserlings „Im stillen Winkel“, Franz Kafkas „Der Kübelreiter“, Katherine Mansfields „Eine indiskrete Reise“ oder Thomas Wolfes „Die Zeitung“.

Es bleibt zu hoffen, dass die vielfältige Jubiläumsliteratur, von der hier nur ein kleiner Auszug vorgestellt wurde, bleibende Spuren im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hinterlässt; dass der Erste Weltkrieg auch hier allmählich als das erkannt wird, was er für viele Europäer längst ist: ein „großer Krieg“ – und eine dauerhaft große Erzählung.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2014

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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