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Buch der Woche

»Die vergessene Mitte der Welt«

Buch der Woche - »Die vergessene Mitte der Welt«
Das Cover von »Die vergessene Mitte der Welt« © S. Fischer Verlag

Die Olympischen Winterspiele in Sotschi hatten noch nicht einmal begonnen, da tauchten im Netz auch schon die ersten Bilder auf: Journalisten verbreiteten über soziale Medien Dokumente, die die katastrophalen Zustände von Hotels und andere öffentliche Gebäude zeigten. Stefan Wackwitz lebt zwar nicht in Sotschi, er leitet aber das Goethe-Institut in Tiflis. In »Die vergessene Mitte der Welt« beschreibt er, wie ein immenser Bauboom das Gesicht der Städte für immer verändert und beobachtet den alltäglichen Kampf um Demokratie und Menschenrechte.

13.02.2014

Ein Samstagmorgen in Tiflis, Oktober 2011. Die offene Tür meines Schlafzimmers führt auf eine für mich und meine Zwecke viel zu große Veranda, wo Palmen und Gartenstühle verstauben. Eine Katze aus der Nachbar- schaft hat sich in der Nacht auf das Plastikdach verirrt (fällt mir jetzt ein) und in meine Träume undeutlich hineinge- lärmt. Der Himmel ist jetzt schon so blau wie seit Wochen tagein, tagaus von morgens bis abends. Herbstliche Früh- sonne liegt auf den Höhenzügen über Tiflis. In Baseballschlagweite von meinem Bett entfernt steigt ein Hügel auf die gut doppelte Höhe des achtstöckigen Apartmenthauses, in dessen oberster Etage ich seit drei Wochen mich einrichte und zurechtfinde. Der Hang ist überwachsen mit Architektur, die so selbstgebastelt aussieht, wie sie ist. Denn hier verwirklicht sich der Bauherr meist eigenhändig. Zwischen Gärten, Bäumen, Treppen, Gas- sen, Rohren, Zäunen, Hecken und Sträuchern stehen Hütten (und sogar ganze Villen) in verschiedenen Do-it-your- self-Baustadien, nach schwer nachvollziehbaren Kriterien da und dort hingesetzt, erweitert und aufgestockt. Seit dem frühen Morgen wird repariert, gebessert und gehämmert. Baugerüste sind allgegenwärtig. Aus Blech zusammengelötete Schornsteine rauchen. Zementmischer sind in Betrieb, Kreissägen. Schuppenartiges zeigt sich, unfertige Häuserskelette aus Stahlbeton, Bauruinen. Hähne krähen, Hunde schlagen an.

Autos bewegen sich auf Geröllstraßen aufwärts. Romantisch verschlampte Backsteinhäuser in der soliden Bau- weise der dreißiger Jahre liegen, vom allgemeinen Um- und Ausbau noch unberührt, als Relikte sowjetischer Vorzeit in verwachsenen Gärten. Gleich daneben ragt der gleichsam keinen Spaß mehr verstehende Postmodernismus einer zeitgenössischen Bauwirtschaft: renommierende Solitäre, die mit pistazienfarbenem, gelbem oder hellrosa Verputz, mit auffallenden Gauben, Panoramafenstern und perfekten Ziegeldächern demonstrieren, dass man hier mit der Zeit geht und ihre Zeichen zu deuten weiß. Das sind die Eigenheime und Wohlstandsmonumente einer noch nicht lang arrivierten Tifliser upper middle class. Veranden öffnen sich in spektakulären Höhen. Dort oben muss der Blick unvergleichlich sein in das kilometerbreite, löwenfarbene Trockenstromtal, an dessen Ausgang Tiflis liegt.

Ein weißer Schmetterling flattert von einer kompliziert verzweigten Fernsehantenne ab, fliegt schaukelnd vor einer feuerrot überwachsenen Hauswand aufwärts und verliert sich nach oben aus meinem Gesichtsfeld. Wäsche trocknet und regt sich im leichten Wind. Ein eisernes Geländer und die Silhouette einer bergab gehenden Frau zeichnen sich vor einer hellen Wand ab, sie trägt ihre Handtasche in der Armbeuge. Geländer, Frauensilhouette und Handtasche sehen von hier unten aus wie eine Tuschzeichnung von Saul Steinberg. Taubenschwärme kreisen. Eine Elster schwingt sich von einem Dachfirst in die Tiefe, gleitet wieder aufwärts, landet in den Zweigen eines Walnussbaums, dessen letzte Blätter gelb in der Sonne leuchten, reckt ihre langen Schwanzfedern kurz in die Höhe und putzt in ihrem Gefieder herum. Eine orthodoxe Kapelle steht zwischen Pinien am Hang. In der Ferne hinter ihr erstrecken sich sizilianisch kahle Höhenzüge, nur mit Nadelbäumen, Macchia und Hochspannungsmasten bestanden und durchzogen von Schluchten – fast schon ernsthafte Berge.

Elektrooberleitungen an grauen Betonpfosten führen hinauf zum Hügelkamm. In jeder noch so schmalen Lücke und noch nicht bebauten Ecke stehen herbstlich sich färbende Pappeln, Kastanien und Obstbäume. Veranden sind mit rotem Weinlaub und blauschwarzen Trauben überwachsen. Die schon fast blätterlosen Zweige der Kaki-Bäume sind so schwer mit ihren orangefarbenen Früchten beladen, dass man sich nicht denken kann, wer so viele Kakis jemals abernten und essen mag; und es erntet sie offenbar auch niemand ab. Palmen, Yuccas. Oleanderbüsche. Topfpflanzen. Zypressen verbreiten als haushohe schwarz-grüne Spindeln ihre schwer greifbare gravitas und scheinen etwas zu bedeuten. Das Schicksal vielleicht oder den Tod, geht es einem durch den Sinn; oder auch einfach nur das irgendwie Mittelmeerische. Im lappigen Blattwerk niedrig verzweigter Feigenbäume hängen die süßen, graublauen Früchte als Tropfen oder Säckchen. Und im gefiederten Laub der Granatapfelbüsche leuchten die dunkelrot bau- chigen Kugeln, die man bei uns nur in großstädtischen Feinkostläden sieht. Hier wachsen sie wild. Man hält die Farbflecken der Feigen und der Granatäpfel im letzten Grün für Blüten, wenn man flüchtig aus dem Fenster sieht. An einem Samstag vor vier oder fünf Wochen (ich wohnte noch im Hotel) bin ich eingestiegen in eine weiter östlich gelegene Sektion des langgestreckten Hügels, den ich von meinen Fenstern aus sehe. Eine Staffel aus grobem Beton schien zunächst nur zu privaten Grundstücken und Häusern zu führen. Vor deren Eingängen es dann aber mit überraschenden Biegungen doch weiterging, immer tiefer gleichsam ins Innere dieses seit vielen Generationen intensiv und kleinteilig bewohnten und bewirtschafteten Bergrückens. Unter Bäumen lagen winzige Gärten im Schatten. Dann wieder der weite Ausblick auf die Stadt und das Steppenland in der Ferne, bis zum schon ganz schneebedeckten Hochgebirge am äußersten Horizont. Katzen kreuzten meinen Weg oder lagerten auf niedrigen Mauern. Autos waren in schmalen Sträßchen geparkt – man konnte sich nicht vorstellen, wie sie jemals wieder zurückfinden würden in den Verkehrsstrom der Großstadt. Ich kam nach zehnminütigem Steigen auf einer ebenen Höhenstraße an und sah zurück auf das Stadtpanorama. Eine russische Kirche, sehr weiß und reich an Fensterbögen und Zwiebeltürmen, stand zwischen Bäumen über dem Abhang. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite begann das Geröll-, Dornbusch- und Pinienland, das die Stadt auf steilen Höhenzügen rings umgibt.

Ich wollte zum Fernsehturm. Es war eine denkbar verkehrte Idee. Der Fernsehturm von Tiflis, den man von so gut wie überallher in dieser Stadtlandschaft am Horizont stehen sieht, ist eine der grazilsten und abenteuerlichsten Konstruktionen, die dieses Architekturgenre im letzten Jahrhundert (als es von Stuttgart bis Duschanbe Weltläufigkeit und Fortschritt symbolisierte) hervorgebracht hat. Der rotweiß lackierte Zentralpfeiler trägt in Höhe des Goldenen Schnitts den runden Turmkorb mit dem Antennengestänge darüber; zwei dünnere Pfeiler zweigen unter ihm ab, und auf mittlerer Höhe schwebt eine Plattform für meteorologische Forschungen. Nachts ist der Turm, als sei das seine eigentliche Funktion, unaufhörlich belebt durch computergesteuerte Lichtspiele unzähliger LCD -Leuchten, mit denen er ganz übersponnen ist. Lichtfontänen und -ejakulationen schießen in die Höhe, spiralige Umdrehungen jagen sich, dann wieder begibt sich allgemeines Flimmern. Es sind stumme Schauspiele der Energieverschwendung am nächtlichen Stadthimmel, in schneller und bei näherem Hinsehen entschieden hysterisch wirkender Folge. In den frühen Morgenstunden flackern dann, als sei der Turm von seinen nächtlichen Exzessen erschöpft, nur noch ein paar der Leuchtdioden ratlos vor sich hin. Ein Taxifahrer erzählte neulich, während wir spätabends unter der phantas- magorisch überinstrumentierten Weihnachtsbeleuchtung des Rustaweli-Boulevards dahinfuhren, in der Schewardnadse-Zeit sei die Hauptstadt nachts bedeckt gewesen von allgemeiner Finsternis, in der die verschiedensten Gefahren umgingen. Neben dem Fernsehturm und seiner monumentalen Stromverausgabung ist auch ein Riesenrad farbig beleuchtet und belebt; am Tag dreht es sich fast unmerklich langsam durch den wolkenlosen Himmel.

Dort also wollte ich hin. Und ich war ahnungslos genug, es auf einem irgendwie direkten Weg durch die Macchia versu- chen zu wollen. Turm und Riesenrad schienen über mir ja ganz nah, und tückischerweise ging es zu Beginn auch auf 12 sehr befestigten und soliden Betontreppen gemächlich und sicher aufwärts. Ein Kinderspiel. Junge Liebespaare saßen knutschend auf den zahlreichen Absätzen und Aussichtsplattformen meines bequemen Anstiegs, lösten sich schuldbewusst voneinander, wenn sie mich kommen sahen, und blickten verlegen vor sich hin, wenn ich an ihnen vorbeiging (als hätte ich, nur weil erwachsen, ihnen irgendetwas zu ver- bieten). Ich machte mir auch noch überhaupt keine Sorgen, als das solide Treppenbauwerk nach enttäuschend kurzer Erstreckung – es kann nicht viel länger als einen halben Kilometer in den Hang hineingeführt haben – sich abrupt in einen unbefestigten Pfad verwandelte, der aber weiterhin recht geplant oder zumindest viel begangen wirkte und in kluger Streckenführung und zum Teil fast ebenerdig durch die mit Kiefern, Dornbüschen und verdorrten Gräsern wechselhaft bewachsene Landschaft führte.

Die Aussicht war sensationell – muss man das erwähnen? Sie ist es ja überall auf den Bergen um Tiflis. Wenn ich nach zwanzig Minuten Aufstieg immer öfter stehen blieb, dann beileibe nicht nur, weil ich inzwischen immer kurzatmiger geworden war. Sondern vor allem, um das eine oder andere Wahrzeichen von Tiflis im Tal zu identifizieren und mich am Wiedererkennen der Stadtlandschaft von hier oben zu erfreuen. Auch kam mir beruhigenderweise ein Trupp schweißüberströmter junger Männer in Sportkleidung ent- gegen, die lachend und freundlich grüßend offensichtlich von irgendeinem Ertüchtigungsausflug zurückkehrten (hat- ten sie da oben irgendwo gejoggt, um Himmels willen?). Und ich gab mich in der nächsten halben Stunde (während der mir dann allerdings überhaupt gar niemand mehr be- gegnete) allerlei kulturhistorischen Erwägungen über Pfade wie denjenigen hin, auf dem ich mittlerweile nun schon fast besorgniserregend lange aufwärts stieg, ohne dass ich dem Fernsehturm und dem Riesenrad näher gekommen zu sein schien. Im Gegenteil. Das Ziel meiner Wanderung war, wie ich nun feststellen musste, hinter einer Schlucht, die ich inzwischen offenbar irgendwie durchstiegen hatte, vollkommen verschwunden, während ich mich ein gutes Stück nach Westen versetzt fand.

An diesem Punkt meines Ausflugs hatte die Selbsttäuschung längst begonnen, mir allerlei einzureden und vorzuflüstern. Uraltes Hirten- und Fernwandererwissen, dachte ich im Steigen und Keuchen bescheidwisserisch vor mich hin, sei in diesen der Landschaft unverlierbar eingesenkten Saumpfaden aufbewahrt. Historische Erfahrungen mit der sichersten Wegführung zum Beispiel, vorbei an jenen quadratkilometerweiten Geröllfeldern, die ich nun schon seit Minuten, jedes Mal, wenn Bäume und Büsche den Blick auf sie freigaben, argwöhnisch in Augenschein nahm und mich fragte, was eigentlich passieren würde, wenn ich dort irgendwie ins Rutschen käme. Generationen von Wanderern, gab ich meiner keimenden Panik zu bedenken, haben gewusst und mit ihren Fußstapfen, Ziegenherden, Austrampelungen, mit allerlei Steinhaufen, geknickten Zweigen und anderen subliminalen Zeichengebungen der Landschaft eingeprägt, wie ihre Nachfolger (deren bislang letzter ich nun war) sicher am Rand der Felskante vorbeikämen, die sich jetzt rechts von meinem immer noch deutlich sichtbaren trail auftat.

Und dann war der Pfad plötzlich verschwunden. Was ich seit einiger Zeit vielleicht nur noch dafür gehalten hatte, hörte einfach auf. Es war auf einer kleinen Lichtung im Ge- hölz. Und es war nicht mehr zu unterscheiden, ob die Öff- nung aus ihr heraus durch Menschen entstanden war oder vielleicht einfach nur eine Öffnung von der Art war, wie sie zwischen Bäumen und Büschen in Dreiteufelsnamen nun einmal vorkommt. Ich trat in diese, wie sich zeigte, tatsächlich nicht mehr im Entferntesten menschengemachte Lücke, und unpassierbare Wildnis aus Zweigen, Dornen und Geröll war das Einzige, was dort begann. Ein Gefühl des Gefangenseins. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag wurde es mir doch ernsthaft sehr unbehaglich.

In der Entstehungsgeschichte schlechter Ideen gibt es einen Punkt, an dem man solche mit gutem Recht auftauchende Angst nicht wahrhaben will und sie von sich wegdrückt in einer Mischung aus Trotz und Unverletzlichkeitsgefühl. Und aus der Unlust heraus, nach so großen Fortschritten im Abwegigen die ganze weite Strecke, zurechtgestutzt und ernüchtert, wieder zurückgehen zu müssen. Der Fels auf den Hügeln rings um Tiflis ist von einer bröckeligen, bergsteigerisch tief unzuverlässigen Konsistenz und jederzeit geneigt, sich in bergab stürzendes Geröll zu verwandeln. In der nun folgenden halben Stunde (muss ich mir seither immer wieder sagen, wenn die Erinnerung an mein unbelehrtes weiteres Vordringen am Hang unter dem Fernsehturm von Tiflis mich überfällt) bin ich mehr als einmal in wirklicher Gefahr gewesen. Zurück konnte ich schon nach fünfzig Metern ungebahnten Anstiegs überhaupt nicht mehr. Ich hätte jetzt nicht mehr stoppen können, wenn ich einmal ins Rutschen gekommen wäre. Und dass ich beim Hinuntersteigen ins Rutschen kommen würde, erschien mir, wenn ich auch nur einen Augenblick talwärts sah, eigentlich unvermeidlich. So zog ich mich stattdessen an Grasbüscheln, Wurzeln und Zweigen den Berg hinauf. Einige besonders halsbrecherische Minuten und Weglosigkeiten durchkroch ich auf allen vieren. In das Panorama unter mir zu schauen vermied ich geflissentlich. Eidechsen verschwanden in Felsspalten. Es war sehr heiß und still. Manchmal rauschte ein Bach. Steine rollten und fielen hinter mir in die Tiefe.

Ich will es kurz machen: es ist mir erspart geblieben, an einem der zahlreichen Felsabbrüche umkehren zu müssen, die ich später aus sicherer Entfernung schaudernd beäugt habe. Keiner der Grasbüschel und Wurzelstöcke, an denen ich mich hochzog, hat nachgegeben. Nach zwanzig Minuten verzweifelten Emporkriechens und -kletterns, während ich an möglichst gar nichts zu denken und Meter für Meter nur noch vor mich hinzusehen versuchte, kam ich plötzlich in einen Pinienwald, der wieder von regelrechten Wegen durchzogen war und wo allerlei Sportgerüste und Übungsanweisungen auf Holztafeln vor sich hinmoderten und -rosteten. Und nicht lang danach stand ich aufatmend vor einem Zaun, der ebenerdig am Betriebsgelände des Fernsehturms entlangführte und dann plötzlich eine Lücke aufwies, durch die ich in den Volkspark von Mtatsminda trat.

Quelle: Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. S. Fischer verlag, Frankfurt am Main 2014. 19.99 Euro. Erscheinungstermin ist der 20. Februar 2014. Mehr zum Buch. Die Leseprobe stammt von den Seiten 7 bis 16.