05.10.2011

Die Wiederentdeckung des Kaiserreichs in Kunst, Kultur und Wissenschaft

Ein faszinierender Blick zurück

René Nehring

Geschichte und Geschichtsschreibung sind nicht immer gerecht. Der Blick in die Vergangenheit geschieht selten vorurteilsfrei. Da das Bild von der Vergangenheit immer nur die Rekonstruktion des Gewesenen ist und nie das Gewesene selbst, hängt dieses Bild oftmals mehr von der Gegenwart ab als von den tatsächlichen Ereignissen. Deshalb folgt auch die Geschichtsschreibung immer wieder Moden und Stimmungen. Drei Ausstellungen und Ereignisse haben dies im laufenden Jahr bestätigt.

Wilhelminische Monumente

Ein beinahe schon mustergültiges Beispiel für die Hohen und Tiefen der Kunstgeschichte ist Reinhold Begas. Begas? Wer ist Begas? Genau diese rhetorische Frage stellte Hans Ottomeyer (Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum) am Anfang des Begleitbandes zur Ausstellung „Begas. Monumente für das Kaiserreich“ im Berliner Zeughaus. Dabei war Begas, dessen 100. Todestag sich im Frühjahr zum einhundertsten Mal jährte, einmal ein berühmter, ja sogar ein seine Epoche bestimmender Mann. Zusammen mit seinen Freunden Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach und Franz von Lenbach war er in jungen Jahren nach Rom gezogen und hatte dort den historistischen „Neubarock“ entwickelt, dessen führender Vertreter er vor allem auf dem Gebiet der Bildhauerei wurde. Selbst vom damaligen „Erzfeind“ Frankreich wurde der Künstler mit Auszeichnungen geehrt. Das, was Begas in seiner Zeit und vor allem beim Kaiser Wilhelm II. so populär gemacht hatte, waren wuchtige symbolhafte Skulpturen wie das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. und das monumentale Bismarck-Denkmal. Diese sollten der Nachwelt den Ruhm der Reichsgründungszeit bewahren – und wurden doch schon bald für den Nachruhm des Künstlers zum Verhängnis. Denn mit der Abdankung des Kaisers war auch die Zeit des Reinhold Begas zu Ende. Die 20er Jahre bevorzugten die neue Sachlichkeit. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, als man überall nach den Ursachen für die deutsche Katastrophe suchte, waren die bildhaften Monumente Begas’ willkommene Metaphern für das reaktionäre Deutschland, das sich der Moderne verweigert hatte und so für den Irrweg der Nazis mitverantwortlich war. Zumindest sahen es so die Zeitgenossen nach 1945. Dabei standen sich nicht nur die Formensprache des Begas’schen Neubarock und die des Neo-Klassizismus à la Albert Speer diametral gegenüber, so die Kuratorin Esther Sophia Sünderhauf in ihrem Essay über die „Konjunkturen der Erinnerung“ im Begleitband. Auch inhaltlich passte die preußisch-deutsche Vorgeschichte nicht zu den großdeutschen Plänen der Nazis. Konsequenterweise wurden denn auch zahlreiche Skulpturen des zweiten Reiches wie das Bismarck-Denkmal oder die Siegesallee zugunsten der Bauprojekte des „Dritten Reiches“ vom Zentrum der Hauptstadt an die damalige Peripherie verschoben. Preußen musste „Germania“ weichen. Auch die DDR hatte ein gespaltenes Verhältnis zu Begas. Sie brachte das Kunststück fertig, zahlreiche politisch missliebige Werke Begas’ abzutragen und gleichzeitig seinen Neptunbrunnen an den Alexanderplatz zu setzen, um ihn dort – zu Füßen des Fernsehturms – als eine der populärsten Sehenswürdigkeiten Ost-Berlins zu präsentieren.

Zum Glück erlaubt ein größerer zeitlicher Abstand eine unvoreingenommenere Betrachtung der Vergangenheit. Im Falles Begas’ wurde so der Blick frei für eine stärkere Würdigung des Künstlers und Handwerkers und nicht zuletzt auch des Chronisten einer unwiederbringlichen Epoche. So tritt auf einmal ein ganz anderer Begas hervor, z.B. der Schöpfer der Alexander-von-Humboldt-Skulptur vor dem Universitätsgebäude Unter den Linden oder auch des Schiller-Denkmals auf dem Gendarmenplatz in Berlin. Es ist das Verdienst des Deutschen Historischen Museums, diesen Künstler, den man schlicht als deutschen Klassiker bezeichnen darf, wiederentdeckt zu haben.

Wanderer zwischen den Welten

Eine gänzlich andere Wiederentdeckung aus der Zeit des Kaiserreichs ist das Schicksal des Max von Oppenheim, der ebenfalls in diesem Jahr in einer furiosen Ausstellung gewürdigt wurde. Der Spross des berühmten Kölner Privatbankhauses steht für jenes deutsche Judentum, das sich – wie das gesamte deutsche Bürgertum – nach jahrhundertelanger provinzieller Kleinstaaterei und absolutistischer Bevormundung durch die Fürsten nun ungehindert entfalten konnte. Das Kaiserreich garantierte Handels- und Gewerbefreiheit und uneingeschränkte Bürgerrechte. Natürlich gab es auch Ressentiments und gar offenen Antisemitismus, doch waren die Juden nun offiziell gleichberechtigt und „angekommen“ im Herzen der deutschen Gesellschaft. Berühmte Beispiele dafür sind Gerson Bleichröder, der als Bismarcks Bankier sogar geadelt wurde, und der Maler Max Liebermann, der als Kopf der Secession maßgeblich die Berliner Kulturlandschaft prägte.

Max von Oppenheim hatte auf Wunsch seines Vaters Rechtswissenschaften studiert, doch hatte er schon früh erkannt, dass ihn fremde Kulturen mehr begeistern als das Bankgeschäft. 1883 reiste der Bankierssohn zum ersten Mal privat in den Vorderen Orient, 1896 führte ihn dann die inzwischen begonnene diplomatische Laufbahn an das deutsche Generalkonsulat in Kairo. Von der Nilmetropole aus unternahm Oppenheim verschiedene Forschungs- und Erkundungsreisen. 1899 entdeckte er auf einer Expedition im nördlichen Syrien den Tell Halaf und reservierte sich die Ausgrabungsrechte in der Ruinenstätte. Zehn Jahre nach der Entdeckung des Hügels reichte Max von Oppenheim sein Abschiedsgesuch beim Auswärtigen Amt ein, um sich ganz der Ausgrabung widmen zu können. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte jedoch den Fortgang der Arbeiten. In dieser Zeit versuchte Oppenheim seine patriotischen Pflichten zu erfüllen, in dem er – letztlich vergeblich – die Araber für einen Aufstand gegen die britische Kolonialmacht umwarb.

Erst 1927 konnte Oppenheim auf den Tell Halaf zurückkehren. Als die Verhandlungen mit dem Königlichen Museen aus seiner Sicht gescheitert waren, richtete er in Berlin-Charlottenburg ein privates Tell Halaf-Museum ein. Im Juli 1930 wurden die spektakulären Funde und die monumentale Rekonstruktion der Westpalast-Fassade erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Judenverfolgung und den Zweiten Weltkrieg überlebte Oppenheim zunächst in Berlin, im Herbst 1943 übersiedelte er nach Dresden. Er verstarb 1946 in Landshut an einer Lungenentzündung. Die Skulpturen des Tell Halaf galten nach dem Zweiten Weltkrieg lange als zerstört oder verschollen, da britische Bomber das Tell-Halaf-Museum 1943 in Brand gesetzt hatten. Durch einen Zufall wurden sie in den 90er Jahren in einem Depot des Pergamon-Museums wiederentdeckt. Seit 2001 wurden die Trümmer restauriert, wobei rund 27.000 Fragmente zu sortieren und zu identifizieren waren. Die Geschichte von den „Geretteten Göttern“ vom Tell Halaf, die in diesem Jahr im Berliner Pergamon-Museum zu sehen waren, erzählt somit nicht nur von der Wiederentdeckung einer weitgehend unbekannten Kultur, sondern auch von dem beinahe vergessenen Leben eines faszinierenden Sammlers und Entdeckers.

Vorsprung durch Technik

In diesen Kontext passt auch der einhundertste Geburtstag der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Zwar bedarf es – nicht nur in Fachkreisen – kaum der Erwähnung, dass die heutige renommierte Max-Planck-Gesellschaft unter dem Namen Wilhelms II. gegründet worden ist. Doch bietet ein solches Jubiläum eine gute Gelegenheit, in einer Gesellschaft, die in ihrer Forschungsarbeit ganz der Gegenwart und dem Morgen verschrieben ist, sich einer ebenso glorreichen wie problematischen Geschichte – neben den Leistungen von Nobelpreisträgern wie Albert Einstein, Max Planck und Otto Hahn steht die Kooperation mit dem NS-Staat – zu vergewissern.

Zahlreiche Veranstaltungen und der gelungene Begleitband „Denkorte“ reflektieren zum 100. Gründungsjahr die Geschichte der Kaiser-Wilhelm- und der Max-Planck-Gesellschaft. Fotografien, Essays und Interviews erzählen so ein herausragendes Kapitel der jüngeren Wissenschaftsgeschichte. In bezug auf das Kaiserreich werden dabei auch hier alte Klischees von einer reaktionären Gesellschaft widerlegt. Es war der nicht zuletzt Monarch persönlich, der sich für ein außeruniversitäres Institut für die naturwissenschaftliche Spitzenforschung starkgemacht hatte. Die Geschichte des Kaiserreichs, so erzählen es die drei sehr verschiedenen Anlässe, ist somit mehr als ein Stoff für verstaubte Nostalgiker. Das Hohenzollern-Reich war – wenngleich ihm nur wenige Jahrzehnte beschieden waren – trotz mancher innerer Widersprüche auf dem Weg der Kunst, Kultur und Wissenschaft eine wichtige Brücke in die Gegenwart. Der Blick zurück in diese Zeit bietet allemal spannende Entdeckungen.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2011

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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