17.12.2014

Zur Entstehung und Wirkungsgeschichte der Heiligen Familie

Ein Modell für das Abendland

Albrecht Koschorke

Weihnachten ist das Fest der Familie – der bürgerlichen, wie der heiligen. Die Beiträge dieses Dezember-Titelthemas beschreiben die Rolle von Jesus, Maria und Joseph als abendländische Modell­gemeinschaft und widmen sich der Bedeutung der Institution Familie in einer Zeit, in der diese nicht mehr selbstverständlich ist.

Jesus von Nazareth wurde um das Jahr 4 vor Beginn der christlichen Zeitrechnung in der galiläischen Stadt, die er im Namen trug, als Spross einer kinderreichen Bauhandwerkerfamilie geboren. Nach dem Bericht der Evangelien wurde er von den Einheimischen vollkommen selbstverständlich als Sohn Josephs und dessen Frau Miriam (Maria) angesehen. Für die Geburtslegende des Lukas-Evangeliums findet sich historisch kein Beleg. Um es mit einem Buchtitel vor einigen Jahren zu sagen: Jesus war nie in Bethlehem. Dass der Evangelist Jesu Geburtsort in die Stadt Davids verlegt – mit der wenig plausiblen Begründung, die Römer hätten wegen einer Volkszählung halb Palästina zu langen Fußreisen gezwungen –, hat theologische Gründe: Die Geburt des Erlösers, von dem das Neue Testament zeugt, sollte als Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen erscheinen.

Während das Leben Jesu auf diese Weise einerseits in die jüdische Glaubenstradition hineingerückt wurde, ist doch die später so populäre Geburtslegende andererseits Teil einer zielstrebigen „Christianisierung“ seiner Person. Das Christentum war ein Spross des Judentums in dem doppelten und widersprüchlichen Sinn, dass es die jüdische Überlieferung als seinen Ursprung anerkannte und sie zugleich zu überbieten, ja mit ihr zu brechen trachtete. Dieses Dilemma wird nirgends so deutlich wie in der Abstammungsfrage. Sollte Jesus der vom Propheten Jesaja angekündigte Messias der Juden sein, musste ihm eine Genealogie aus dem Stamm David zugedacht werden. Dementsprechend führen zwei – im Übrigen nicht übereinstimmende – Stammbäume Jesus in väterlicher Linie auf David zurück. Soll er aber nach dem ganz neuen Verständnis der jungen Sekte der Sohn Gottes sein, dann verliert die Ahnentafel ihre Bedeutung. Als Sohn Gottes, gezeugt vom Heiligen Geist in dem später für jungfräulich erklärten Schoß der Maria, hat er keinen irdischen Erzeuger. Dadurch wird gleichsam eine genealogische Weiche umgelegt und Jesus als der von der neuen Glaubensgemeinschaft angebetete Christus aus der jüdischen Abstammungsordnung entlassen.

Entbiologisierung der Familie

Dieser Schnitt in der Genealogie hat einen Namen: Joseph. Auf dem Weg von Nazareth nach Bethlehem hat sich Josephs Rolle grundlegend gewandelt. Er steht nicht mehr einer in die Normalität des jüdischen Lebens jener Zeit eingebetteten Großfamilie vor, sondern rückt in eine exzentrische Position: als keuscher Ziehvater, der die Laterne über einer Frau und einem Kind hält, die nicht die Seinen sind. Gewissermaßen als Platzhalter vor Ort wird er sich die väterliche Rolle künftig mit einer höheren paternalen Instanz teilen müssen. Das Christentum, das so oft als patriarchale Religion charakterisiert wird, beruht auf einer Spaltung der Vaterfunktion.

Nicht weniger intrikat stellt sich die Seite Marias dar. In einer Glaubenstradition, die sich schon am Ende des vierten Jahrhunderts dogmatisch verfestigt, um bis in die Gegenwart hinein einen elementaren Bestandteil gelebter christlicher Frömmigkeit zu bilden, verkörpert Maria zwei miteinander unvereinbare Wesensbestimmungen: sexuelle Reinheit und Mutterschaft. Nimmt man hinzu, dass sie dank der trinitarischen Einheit von Vater und Sohn auch noch zur Braut Christi, das heißt zur Braut ihres eigenen Sohnes, avancierte, dann verwirren sich die verwandtschaftlichen Zurechnungen in einer für den theologisch Uneingeweihten kaum zu durchdringenden Weise.

Im Zentrum all dieser Umbesetzungen steht der paradoxe Vorgang einer Entbiologisierung der Familie. Die Ehe soll nicht mehr als Ort geschlechtlicher Fortpflanzung verstanden sein; der Akt der Empfängnis ist zu einem heiligen Geheimnis geworden. Die modellbildende Kernkonstellation der Heiligen Familie – Vater, Mutter, Sohn – wird nicht durch das Geschlecht, sondern durch spirituelle Bindung zusammengehalten. Der Vater teilt sich künftig seine Rolle mit dem großen Abwesenden dieser Konstellation: mit Gott. Das Begehren der Mutter ist auf Gott, nicht auf den Mann an ihrer Seite gerichtet. Es findet aber in dem Kind, das sie im Schoß hält, sein Genügen, denn in diesem Kind ist Gott wiedergeboren und Mensch geworden.

Abendländische Modellfamilie

Ihrer Form nach ist die Heilige Familie am genauesten zu beschreiben, wenn man sie sich in der Oszillation zwischen zwei nicht aufeinander abbildbaren Beziehungsdreiecken anschaulich macht. Jesus, Maria und Joseph bilden ihren irdischen, jüdischen Ausgangspunkt; aber heilsgeschichtlich virulent im christlichen Sinn wird sie erst als Trias von Christus, Maria und Gott. So intim sie scheint, wenn man die unzähligen Gemälde vor Augen hat, in denen sie über Jahrhunderte hinweg porträtiert wurde, sie bildet doch eine offene, aufgebrochene Konfiguration, die dem Überweltlichen Einlass bietet. Keine der Rollen, die sie vorsieht, kann von Normalsterblichen vollständig und widerspruchsfrei ausgefüllt werden. Der männliche Part findet sich depotenziert – der Hl. Joseph war immer eine vom Volksspott bedrohte Figur – durch die abwesende Anwesenheit einer höheren, mächtigeren, bedeutungsvolleren Vatermacht. Der weibliche Part vagiert zwischen den widersprüchlichen Anforderungen der Keuschheit und der Bestimmung zum Muttersein hin und her. Und sollten sich die Söhne das Rollenvorbild Jesu zu eigen machen, dann würden sie sich, in einer neuerlich paradoxen Wendung, revolutionär von allen Familienbindungen lossagen müssen – so wie Jesus von seinen Jüngern verlangte, um der Brüderschaft im Glauben willen ihre blutsverwandtschaftlichen Verpflichtungen aufzukündigen (Matthäus 10, 34-39). Am Ende aber hätte der Sohn sich seinem Vater zu opfern, aus dessen Substanz er geschaffen wurde, und würde als Leichnam wie ein Kind in den Schoß der ergeben trauernden Mutter zurückkehren (in dem im Spätmittelalter aufkommenden Motiv der Pietà).

Trotz ihrer Unnachahmbarkeit ist die Heilige Familie zu der abendländischen Modellfamilie geworden. Wieder und wieder findet sie sich in Legende und Malerei als eine innige, von Zärtlichkeit erfüllte Gemeinschaft dargestellt. Sie hat entscheidenden Anteil daran, dass sich ein Ideal kleinfamilialer Intimität überhaupt ausformen und alltagsweltlich durchsetzen konnte. Im Lauf von fast zwei Jahrtausenden hat sie die Geschlechterrollen, die Vorstellungen von Ehe und nicht zuletzt das Verhältnis der Eltern zum Kind tiefgreifend verwandelt. Wie war das möglich, wenn man sich vor Augen hält, wie „unpraktikabel“ sie ist und welche tiefen Anomalien sie als religiös beglaubigte Patchwork-Familie kennzeichnen?

Wirkung in der Realität

In ihrer allgemeinsten Form wird die Antwort lauten, dass religiöse Forderungen umso nachhaltiger in die soziale Realität hineinwirken, je unerfüllbarer sie sind. Geht man der Wirkungsgeschichte der Heiligen Familie im Einzelnen nach, dann lässt sich aufzeigen, wie sehr sie gerade durch die aus ihr hervorgehenden Widersprüche gesellschaftlich strukturbildend war. Mythologisch betrachtet, ist Maria eine gezähmte Muttergöttin – eine von allem Exzessiven gereinigte Nachfolgerin der heidnischen Fruchtbarkeitsgöttinnen, deren Jungfräulichkeit sich zyklisch erneuerte. Aber als Leitbild durch viele Jahrhunderte spielt sie nicht nur diese die weibliche Sexualität disziplinierende Rolle. Ihr Vorbildcharakter als sexuell reine Frau und Mutter zugleich hat nicht allein der patriarchalen Kontrolle gedient, sondern in Modellen wie der keuschen Ehe und später im Idealbild der tugendhaften bürgerlichen Gattin auch dazu beigetragen, die geschlechtlichen Ansprüche des Mannes zu zivilisieren. Denn auch der Mann wird in seiner Verfügungsgewalt eingeschränkt und muss sie fortan mit einer höheren Autorität teilen. In die Funktionsstelle des göttlichen Vaters, der in die Geschlossenheit der Familie eingreift, treten im weiteren Verlauf andere paternale Instanzen ein: erst die Vertreter der kirchlichen Ämterhierarchie, später der „Vater Staat“, der die Machtvollkommenheit des Familienvaters und sein Verfügungsrecht über Frau und Kind in zunehmendem Maße einschränkt.

Das Grundprinzip der Heiligen Familie, nämlich die Ersetzung von Sexualität durch Spiritualität, bricht den Familienverband auf und öffnet ihn für übergreifendere, abstraktere, wenn man so will: transzendente Organisationsformen des Sozialen. So betrachtet, hat die Weihnachtsgeschichte das christliche Abendland einem jahrhundertelangen Lernprozess ausgesetzt. Sie hat die Mutter-Kind-Dyade gestärkt, aber die Vaterbindung durch ihre Aufteilung in zwei konkurrierende Instanzen gemindert. Noch das Vordringen moderner Reproduktionstechniken lässt sich als später Effekt des theologischen Programms einer Entbiologisierung der Familie ausdeuten. Die christliche Theologie wirkt rückblickend wie eine Konzept-Avantgarde für die große abendländische Transformationsbewegung: von der natürlichen zu der aus dem Geist (wieder) erschaffenen Existenz, vom Kreatursein über die Versuche, den Menschen zu spiritualisieren, zu dem sich heute abzeichnenden technischen Posthumanismus. 

Erschienen in Rotary Magazin 12/2014

Albrecht Koschorke
Prof. Dr. Albrecht Koschorke ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zu seinen Schriften gehören u.a. „Die Heilige Familie und ihre Folgen“ (Fischer Taschenbuch 2011) und „Jesus war nie in Bethlehem“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2014). www.litwiss.uni-konstanz.de

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