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Buch der Woche

Ein Nachruf auf den Soldaten

Wolf Schneider gilt als Verfechter der korrekten Verwendung der deutschen Sprache. Er hat Standardwerke geschrieben, die in keiner Journalistenausbildung fehlen dürfen. Sein neues Sachbuch ist anders. Es ist ein Nachruf auf den Soldaten. Unser Buch der Woche.

11.04.2014

Der Krieg braucht keine Soldaten mehr . Denn die Drohnen haben übernommen

Als Präsident Obama im Dezember 2009 in Oslo den Friedensnobelpreis entgegennahm, hatte er schon mehr Drohnenangriffe befohlen als Präsident George W.?Bush (der Anstifter der Drohneneinsätze) in seiner gesamten Amtszeit. Und er ließ sie weiter fliegen – und weiter töten.

Drohnen! Sie heißen so, weil drone im Englischen «brummen» bedeutet, das deutsche «Dröhnen» ist verwandt, und der ursprüngliche Wortsinn schwingt mit: Die Drohne, the drone ist die männliche Biene, die von Arbeiterinnen gefüttert wird und allein den Lebenszweck hat, die Königin zu schwängern; daraus der übertragene Wortsinn «Müßiggänger, Faulpelz, Schmarotzer». Ja, müßig kreisen die Drohnen in 9 bis 15 Kilometern Höhe über der Zielregion, bis zu 40 Stunden lang, von unten unsichtbar, unhörbar – ausgerüstet mit bis zu 14 Raketen, einer hochauflösenden Videokamera, Infrarotsensoren für die Nacht und Radar sowieso.

Die Entscheidung, welcher mutmaßliche Taliban in Afghanistan umgebracht werden soll, fällt zum Beispiel in Clovis im US-Staat New Mexiko, 12 000 Kilometer entfernt. Dort glaubt ein «Pilot» auf einem seiner Bildschirme einen Feind zu erkennen, gibt einem unbemannten Lenkflugkörper mit dem Joystick via Satellit das Signal «Schieß!» und ist Zeuge, wie, fünfzehn Sekunden später, das «Zielobjekt» zerstört wird – ein Auto, ein Haus, eine Menschengruppe, ein Partisan, manchmal ein, zwei Kinder. Der berühmte Satz «Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin» hat seinen bösen Witz verloren: Es muss gar keiner «hingehen», und Krieg ist doch.

Die Ziele der «Piloten» sind von zweierlei Art: führende Terroristen, die Washington namentlich zu kennen glaubt und die Präsident Obama persönlich zur Hinrichtung freigegeben hat, und Häuser, Fahrzeuge, Gruppen, Einzelpersonen, die der Tele-Pilot auf Grund ihres Umfelds, ihrer Bewaffnung, ihrer Bewegungen für hinlänglich verdächtig hält – in Pakistan noch häufiger als in Afghanistan, weil viele Taliban sich in der Grenzregion versteckt halten. Umgebracht wurden auf diese Weise (nach dem Stand von 2013):

  • mindestens 470, vielleicht 880 Menschen, darunter 176 Kin­der (Studie der Universitäten Stanford und New York);
  • 2000 bis 3000 Menschen allein in Pakistan (Studie der «New American Foundation»);
  • mehr als 3000 Menschen (Ermittlung des «Britischen Büros für investigativen Journalismus»).
Natürlich, verglichen mit den 600 000 Toten des britischen Bombenkriegs gegen Deutschland und den mehr als 100 000 Toten von Hiroshima und Nagasaki ist der Drohnenkrieg von einer Präzision, die ein Menschenfreund insoweit loben könnte; und die US-Soldaten in Afghanistan sind für ihn dankbar in ihrer Hilflosigkeit. Doch die Tötung durch Drohnen verletzt das Kriegsrecht und das Völkerrecht, und für das Ansehen der USA in den betroffenen Ländern (nach Afghanistan auch Jemen und Somalia) ist der Drohnenkrieg verheerend – mit der mutmaßlichen Folge, dass er den Taliban und den Al-Quaida-Kämpfern mehr Anhänger zutreibt als Terroristen tötet.

Und Millionen Menschen in solchen Regionen leben unter einer Wolke der Angst, die unrettbar über ihnen hängt. Viele trauen sich nicht aus dem Haus oder verbieten ihren Kindern, in die Schule zu gehen. Die Deutschen wurden vor den britischen Flächenbombardements doch immerhin gewarnt, und wenn der Fliegeralarm vorüber war, konnte jeder sich auf die Straße wa­- gen.

Das Völkerrecht? Pakistan ist nicht einmal ein kriegführender Staat. Doch die einheimischen Militärs haben insgeheim nichts dagegen, dass sie unbequeme Stammesführer auf diese Weise loswerden können. Das Kriegsrecht? Es verbietet die Tötung von Menschen, die nicht als «Kombattanten» identifizierbar sind (Seite 47). John Brennan, Präsident Obamas Anti-Terror-Organisator, wandte 2012 dagegen ein: Gerade die gezielte Tötung Einzelner optimiere die Verhältnismäßigkeit der Kampfmittel, wie das Kriegsrecht sie fordere: Kosten gering, eigene Verluste keine, feindliche Verluste dramatisch viel kleiner als durch Bomben und Granaten. Auch der Vorwurf der Heimtücke, weil das Opfer nichts ahnt und der Tötende sich nicht dem geringsten Risiko aussetzt, sei, so heißt es in Washington, kurios – wäre es denn moralisch hochwertiger, wenn beide stürben?

Auch ist es ja nicht so, dass die «Piloten», die jenseits des Ozeans die Raketen zünden, nicht zu leiden hätten. In ihrem Container fällen sie, gestützt auf eine Dienstanweisung von 275 Seiten, eine Entscheidung, die sie auch unterlassen könnten, und Sekunden später sehen sie, was sie angerichtet haben: Der LKW fliegt in die Luft, das Haus stürzt ein, der Taliban (wenn’s denn einer war) ist weg und manchmal nicht nur er. Und dann fahren sie nach Hause zum Abendessen mit Frau und Kind. Das ertragen viele nicht: Sie lassen sich versetzen, und manche leiden an der Soldatenkrankheit des 21.?Jahrhunderts: der posttraumatischen Belastungsstörung. Auch deshalb bildet die US Air Force inzwischen mehr «Piloten» als Piloten aus. Und der Verteidigungsminister hat ihnen 2013 eine Ehrenmedaille für «Verdienste im Krieg» (distinguished warfare) gestiftet – zum Missfallen vieler Soldaten alten Stils, die noch ihre Haut zu Markte tragen mussten.

Die deutsche Regierung erwog 2013, in den USA Kampfdrohnen zu kaufen – «eine ethisch neutrale Waffe», versicherte Verteidigungsminister de Maizière, unbedingt erforderlich als Schutz bei plötzlichen Änderungen der militärischen Lage. Hinrichtungen jedoch, wie Präsident Obama sie angeordnet hat, kämen für die Bundeswehr nicht in Frage. SPD, Grüne, Linke und beide christlichen Konfessionen meldeten Bedenken an: Drohnen senkten die Hemmschwelle gegen den Einsatz militärischer Gewalt. Von den deutschen Soldaten in Afghanistan hieß es, sie verstünden solche Ängste nicht. Dass aber der Einsatz von tödlichen Drohnen in Afrika aus dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt in Ramstein bei Kaiserslautern gesteuert wird, hat 2013 in der deutschen Öffentlichkeit zu Protesten geführt. Drohnen aus Europa – vielleicht demnächst Drohnen über Europa? Eine schreckliche Vorstellung. Wer steuert sie? Telepiloten in China? Vielleicht die Mafia eines Tages? Und dazu die Prognose: Dass immerhin noch ein denkender Mensch sie lenkt, könnte bald von gestern sein.

Schon jetzt trifft der «Pilot» seine Entscheidung «algorithmisch vorgefiltert», und da das Gehirn mit seiner vergleichsweise geringen Rechenkapazität einfach zu langsam ist, wird über kurz oder lang die Software an Bord allein entscheiden. Genau dies streben amerikanische Militärs und Rüstungsfabrikanten an: die Drohne, die die Landschaft unter sich inspiziert, Bewegungen, Menschen, Objekte als verdächtig einstuft, Radarsignale als «unfriendly» erkennt, sogar den möglichen Kollateralschaden kalkuliert und ihn als vertretbar bewertet – und schließlich ihren Auftraggebern jenseits des Ozeans mitteilt, was sie zerstört, wen sie getötet hat.

«Willkommen in der Zukunft des Krieges!», schrieb dazu die «New York Times».1 Damit entfällt jede Tötungshemmung, wie der Mensch sie doch oft entwickelt hat!, sagen die Gegner in humanitären Organisationen. Ja, sagen die Befürworter in Washington: Aber Drohnen töten nicht in Panik, nicht aus Rache, sie plündern nicht, sie foltern nicht.

Auch an Kampfrobotern zu Lande arbeitet die Rüstungsindustrie der USA und Israels inzwischen: lethal autonomous robots, kleinen Kettenfahrzeugen mit Hightech-Sensoren, die den Feind aufspüren und schießen, bis sich nichts mehr bewegt. Das wäre dann der Schlusspunkt unter eine Entwicklung, die mit der Artillerie begann und in der Atombombe kulminierte: Den Feind, den Menschen sieht man nicht, und sich zu wehren hat er keine Chance.

Wolf Schneider, "Der Soldat - Ein Nachruf. Eine Weltgeschichte von Helden, Opfern und Bestien" Copyright © 2014 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.