Zeitalter der Hightech-Waffen - Der Wandel des Soldatentums

Drohnen lassen sich von der Ferne aus bedienen - per Joystick. Das führt zu einem Wandel des Soldatentumns und den Anforderungen daran. © Privat

14.06.2013

Zeitalter der Hightech-Waffen

Der Wandel des Soldatentums

Herfried Münkler

Die Drohnen haben die Unmittelbarkeit des Kampfes aufgelöst. Sie sind darin freilich bloß der Vorläufer einer Entwicklung, die in Gestalt von Kampfrobotern und ähnlichem Gerät schon bald auch in anderen Bereichen des Militärwesens Einzug halten wird.

Es gibt Spieler, denen man den Charakter eines Kämpfers attestiert. Im Fußball finden sich diese Typen: Sie mögen keine filigranen Techniker sein, und den Blick für den raumöffnenden Pass haben sie auch nicht. Aber wenn das Match eigentlich schon verloren ist und die Sensibleren in der Mannschaft resigniert haben, dann schlägt die Stunde der Kämpfertypen. Nicht selten gelingt es ihnen, durch unbändigen Siegeswillen das Blatt noch zu wenden. Aber solche Kämpfer-Spieler gibt es nur dort, wo Mannschaften oder auch Einzelne unmittelbar aufeinandertreffen, wo es darum geht, einen gegnerischen Willen zu brechen. Wer dagegen am Roulettetisch sitzt, wer Karten spielt oder mit dem Joystick simulierte Herausforderungen auf dem Bildschirm seines PC bearbeitet, hat mit Kämpfertum wenig zu tun, und wo er das selbst glaubt, fällt er aus der Rolle und blamiert sich.

Am Joystick geht es nicht darum, die Ärmel aufzukrempeln und auch einmal hart einzusteigen, sondern hier muss man die Nerven behalten und cool bleiben. Hier gewinnt, wer charakterlich das Gegenteil eines Kämpfers ist. Die jüngsten Entwicklungen der modernen Militärtechnologie scheinen den Spieler immer mehr vom Kämpfer zu entfernen. Zugegeben: Auch der klassische Kämpfer hatte immer etwas vom Spieler an sich. Für Achill und Seinesgleichen hatte der Kampf stets etwas Spielerisches, und neben der bloßen Kraft kam es stets auch auf Gewandtheit und Eleganz an. Je mehr Technik ins Spiel kam, desto mehr bekam der Kampf ein Element von spielerischer Eleganz.

Die Kämpfe der Jagdflieger in den beiden Weltkriegen sind ein Beispiel dafür. Aber es war dies doch immer ein Kampf Mann gegen Mann oder Besatzung gegen Besatzung. Die Chancen zu töten und getötet zu werden waren im Prinzip gleich verteilt. Das war schon nicht mehr so, wenn ein Kampfflieger Jagd auf einzelne Soldaten machte, die sich auf freiem Feld befanden. Von Fairness konnte bei einer solchen „Hasenjagd“ nicht die Rede sein. Und dementsprechend war man auch nicht bereit, den Piloten, der so agierte, respektvoll als einen Kämpfer zu bezeichnen. Eher schon verfluchte man ihn als einen Schlächter, und wenn er denen, die er gejagt hatte, in die Hände fiel, konnte er kaum damit rechnen, nach den Regeln des Kriegsrechts behandelt zu werden.

Verlust des Heroischen

Diesem Risiko setzt sich der Steuerer eine Kampfdrohne nicht aus. Das Fluggerät, das er bedient, ist Hunderte, wenn nicht Tausende von Kilometern vom Steuerungszentrum entfernt, so dass die von ihm Angegriffenen nicht die mindeste Chance haben, den Urheber des Angriffs zu bekämpfen. Sie sind ihm wehrlos ausgeliefert. Mögen sie sonst noch so sehr zum Kampf entschlossen sein, gegenüber den von der Kampfdrohne abgefeuerten Raketen sind sie bloße Opfer. Der Angriff auf sie erfolgt aus heiterem Himmel, und wir können uns vorstellen, dass der Feuerleitoffizier, der den Angriff von seinem klimatisierten Steuerungsraum aus befohlen hat, danach zu seiner Cola greift und sich entspannt. Anschließend wird er zu Protokoll geben, was er nach seinen Beobachtungen erreicht hat. Die Drohnen haben die Unmittelbarkeit des Kampfes aufgelöst. Sie sind darin freilich bloß der Vorläufer einer Entwicklung, die in Gestalt von Kampfrobotern und ähnlichem Gerät schon bald auch in anderen Bereichen des Militärwesens Einzug halten wird. Beim Minenräumgerät lässt sich das zur Zeit schon beobachten, ohne dass dies eine vergleichbare Erregung hervorrufen würde wie im Fall der Drohnen. Vermutlich hat das damit zu tun, dass die Mine als eine heimtückische Waffe angesehen wird, denn auch in ihrem Fall stellt sich der, der sie verlegt, nicht dem unmittelbaren Kampf, sondern hat, wenn sie explodiert, das Einsatzgebiet längst verlassen. Dass gegen derlei heimtückische Waffen Roboter eingesetzt werden, die mit Joysticks gelenkt werden, macht uns keine Probleme.

Das Entschärfen von Minen aus der Distanz stellt im Gegenteil die Symmetrie zum Verlegen der Minen wieder her. Das ist bei der Kampfdrohne nicht der Fall. Sie ist das Symbol einer Asymmetrierung des Kampfes, durch die reiche und technologisch fortgeschrittene Gesellschaften das Leben ihrer Kämpfer schonen. Sie schieben ihre technologische Überlegenheit zwischen sich und den Gegner. In der Regel ist dies ein Gegner, aus dessen Reihen die Selbstmordattentäter kommen, die sich in möglichst großen Menschenansammlungen in die Luft sprengen. Der Suizidbomber und der „Pilot“ einer Kampfdrohne stehen für die ambivalente Entwicklung des jüngeren Kampfgeschehens: auf der einen Seite ein gesteigerter Heroismus; und auf der anderen Seite ein Techniker der Kriegführung. Die eine Seite setzt auf die Intensivierung des Opfers, die andere auf dessen Vermeidung. Was damit verloren geht, ist die wechselseitige Anerkennung der Kämpfer, die sich bis zu Respekt und Wertschätzung steigern konnte. Der Vorstellung einer Ritterlichkeit des Kampfes ist der Suizidbombe ebenso fern wie dem „Piloten“ der Kampfdrohne.

Veränderte Grundlagen

Aber es ist bloß eine nostalgische Erinnerung an den Geist und Gestus des Heroischen, die uns als Angehörige postheroischer Gesellschaften der Ritterlichkeit vergangener Tage nachtrauern lässt. Tatsächlich nämlich können wir uns von Mentalität und Demographie her die zahllosen Opfer ritterlichen Kämpfens gar nicht mehr leisten. Die postheroische Gesellschaft, die nicht an Opfer und Ehre, sondern an Wohlstand und einem möglichst langen Leben orientiert ist, hat die ritterlichen Kämpfer der Filmindustrie überantwortet, die sie uns als kompensatorischen Abglanz vergangener Zeiten vorführt: Wir sitzen vor der Leinwand oder dem Bildschirm und lassen uns vorführen, was wir für Ritterlichkeit und einen fairen Kampf halten – und zwar in der Gewissheit, dass wir uns selbst einem solchen nicht zu stellen haben.

Zumindest darin gleichen wir dem „Piloten“ der Kampfdrohne, der ebenfalls das Glück hat, in das Geschehen, das er auf seinem Monitor beobachtet und dessen Auslöser er ist, nicht mit seinem Körper verwickelt zu sein. Als Angehörige einer postheroischen Gesellschaft sind wir darauf bedacht, Bedrohungen an der Peripherie zu bekämpfen und dabei selber möglichst wenig zu riskieren. Wir haben darum keinen Grund, uns moralisch über den Soldaten zu erheben, der mit einer Spielkonsole das Gefechtsfeld „bewirtschaftet“, aber nicht eigentlich kämpft. Hat jemand Grund, das Ethos des Kämpfers aufzurufen und dem „Piloten“ der Kampfdrohne als feigen Spieler zu denunzieren, so sind dies die archaischen Krieger, die in unwegsamem Gelände operieren, ärgste Strapazen auf sich nehmen und dann von einer Drohne aufgespürt und angegriffen werden.

Verpolizeilichung des Krieges

Aber haben sie wirklich Grund zu solcher Selbstüberhebung? Alle einschlägigen Untersuchungen sprechen dafür, dass die Anzahl bei Luftangriffen getöteter Zivilisten signifikant zurückgegangen ist, seitdem die US-Amerikaner in Afghanistan und Pakistan nicht mehr mit Jagdbombern und Kampfhubschraubern, sondern mit Drohnen angreifen. Das hat einen doppelten Grund: so ritterlich-heroisch, wie sie sich präsentieren, sind die archaischen Kämpfer nämlich nicht, sondern sie benutzen immer wieder Zivilisten als Deckung, um Angriffe aus der Luft unmöglich zu machen oder die dabei getöteten Zivilisten als Anklage einzusetzen. Im Unterschied zu den Piloten der Bomber und Hubschrauber, die infolge ihrer physischen Präsenz am Ort des Geschehens innerhalb von Sekunden entscheiden müssen, ob und was sie angreifen, haben die „Piloten“ der Drohnen Zeit: Sie können beobachten, Vermutungen überprüfen, erwägen und verschieben, und wir können uns vorstellen, wie der Feuerleit- und der Völkerrechtsoffizier miteinander diskutieren, ob es sich bei dem anvisierten Ziel um eine Gruppe von Kämpfern oder doch eine Hochzeitsgesellschaft handelt.

Es ist nicht zuletzt die physische Distanz zum Geschehen, die ihr Verantwortlichkeitsempfinden erhöht. Und tatsächlich können wir von ihnen erwarten, dass sie ihre Entscheidungen mit größerer Sorgfalt treffen als ein unmittelbar in die Dynamik eines Kampfgeschehens Verwickelter. Seit Jahren ist von einer „Verpolizeilichung“ des Krieges die Rede: an die Stelle des Zweikampfs der Gleichen ist die Durchsetzung des Rechts gegen Rechtsbrecher getreten. Die Späh- und Kampfdrohnen sind der waffentechnische Ausdruck dieser Verpolizeilichung des Krieges. Die Kämpfer des Heroenzeitalters spielen darin nur noch eine Nebenrolle.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2013

Herfried Münkler
Professor Dr. Herfried Münkler ist Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Werken gehören u.a. „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ (2005) sowie „Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung“ (2010). Zuletzt erschien „Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“ (2013, alle Rowohlt).

www.sowi.hu-berlin.de

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